Vor dem Berliner Schauspielhaus

Sie fand ein Café neben dem Schauspielhaus und setzte sich an einen Tisch auf der Terrasse mit Blick auf den hübschen Platz. Um das Schiller-Standbild in seiner Mitte hatte sich eine kleine Menschenmenge angesammelt. Mitten drin, auf einigen erhöhten Stufen Verse rezitierend, stand ein großer bärtiger Mann. Er war seltsam gekleidet in eine zottige Tunika und fransige Hosen, wie eine wilde Gestalt aus einem romantischen Stück. Aber mit seinem Hirtenstab und seinen zerfurchten Gesichtszügen hatte er die Aura eines biblischen Propheten.

"Es scheint, daß Gräser wieder da ist", sagte der Mann am Nachbartisch zu seinem Begleiter.

"Ich dachte, sie hätten ihn wegen Kriegsdienstverweigerung eingebuchtet."

"Offenbar haben sie ihn wieder rausgelassen. Oder vielleicht war er die ganze Zeit oben auf seinem Berg."

"Seinem Berg der Wahrheit", gluckste der andere Mann.

"Vielleicht hat er wirklich was gefunden. Alles ist besser als dieser Dreck hier. Und sie leben vom eigenen Anbau."

"In der Schweiz wächst kein Kaffee."

"Das nennen Sie Kaffee?" spuckte der Mann.

"Kein Theater, kein Cabaret. Das reine einfache Leben."

"Rein? Mit all den Künstlern und Tänzern und vegetarischen Spinnern da oben?"

Der andere Mann grinste. "Ich denke, es gibt verschiedene Arten von Reinheit. Wissen Sie, der Gräser ist in Ordnung. Unser eigenster wilder Mann. Besser als all die Narren, die wir heutzutage haben. Letzte Woche war so ein verrückter Messias hier auf dem Platz, der uns den Weltuntergang prophezeite, falls wir nicht alles aufgäben und uns täglich mit Birkenreisern geißelten. Als ob wir einen Weltuntergang nicht eben gehabt hätten."

"Es muß Geld zu machen sein in diesem Weltrettungsgeschäft. Jeder fängt damit an."

"Wollen wir hingehen und Gräser zuhören? Ich mag einiges von dem, was er seine Gedichte nennt, ganz gern."

Die beiden Männer standen auf.

Anna, die interessiert die Ohren gespitzt hatte, verschlang hastig ihr Sandwich und folgte ihnen.

Der Mann, den sie Gräser nannten, trug mit leiser aber volltönender Stimme etwas vor über Berge und klare Himmel und große aufrechte Bäume. Aber sein Dasein war es, was Anna gefangen nahm. Er war vollkommen mit sich einig in seiner seltsamen Tracht, als ob er überall zuhause wäre. Und er war schön. Es war da eine Kraft und ein Friede in seinem Gesicht, wie sie ihr noch nie begegnet waren.

Aus: Lisa Appignanesi, Dreams of Innocence. London 1994.


Schiller-Denkmal vor dem Berliner Schauspielhaus

Anmerkung: Original in Englisch, Übersetzung von Hermann Müller

Lisa Appignanesi, geb. 1946 in Lodz, vielfach preisgekrönte englische Schriftstellerin polnisch-jüdischer Abstammung, Filmautorin, Romanautorin, Verfasserin von Biografien/Filmporträts von Sigmund Freud, Salman Rushdie, Robert Musil, Proust usw., Direktorin des Institute of Contemporary Arts in London und Präsidentin des englischen P.E.N. – Frage: Wie kommt eine Polin dieser Generation dazu, eine derart detailgenaue Schilderung von Gusto Gräser zu schreiben? Sie kann ihn ja nicht selbst erlebt haben. Literarische Vorlagen sind nicht bekannt. Und doch muss es eine solche gegeben haben. Frau Appignanesi bestätigte das auf Nachfrage, konnte sich aber an den Titel nicht mehr erinnern.

Der biographische Hintergrund für ihre Erzählung ist folgender:

Gräser war Ende Februar 1920 aus Baden ausgewiesen worden. Nach Bayern konnte er nicht zurück, da er von dort ebenfalls ausgewiesen worden war, ebenso aus der Schweiz. Also machte er sich auf den Weg nach Norden. In Weimar übernachtete er in einer Jugendherberge, die von einem ...jährigen Wandervogel namens Haary Schulze-Wilde geleitet wurde. Wilde erzählt in seiner Biographie von Theodor Plievier, Gusto habe damals bei ihm „den Schneeball geworfen“. Einen Schneeball, der sich noch im selben Jahr zu einer Tanzlawine auswuchs, die Zehntausende mit sich riss.

Bei dem "Durchpilgern" der Städte war Gusto also auch nach Weimar gekommen und hatte in unserem Wandervogelnest Quartier bezogen. Daß er von Stadt zu Stadt zog und sich füttern ließ, so wie Adam im Paradies von Früchten lebte, ohne zu arbeiten, bis er zu dem Baume der Erkenntnis kam und Eva mit dem Apfel das Idyll zerstörte, nahm ich Gusto nicht übel, im Gegenteil, mir imponierte das mächtig. Auch sein Äußeres machte auf mich einen starken Eindruck. ... Die ganze Nacht erzählte er unserer Wandervogelhorde aus seinem Leben, besonders vom Monte Verità. ... Nach den ersten Berichten von Gusto Gräser wollte auch ich den "Berg der Wahrheit" sehen … (Wilde: Plievier 113f.)

Harry Wilde machte sich auf den Weg, kam aber nicht sehr weit. Schon in Kronach in Nordbayern blieb er hängen. Dort fand gerade ein Treffen von Wandervögeln statt. Bei dieser Tagung traf er einen jungen Mann namens Friedrich Lamberty, den alle nur „Muck“ nannten, und der ebenfalls von Gräser befeuert worden war. Dieser Muck hatte die Absicht, mit Kameraden seinen eigenen Monte Verità zu gründen, einen wandernden und tanzenden. Alle sollten ihr Geld in die vor ihm liegende Zeltplane werfen, dann wolle man losziehen. Harry Wilde war einverstanden, warf sein Geld in die Plane. Und so taten zwei Dutzend andere junge Männer und Frauen. So kam es zum „Zug der Neuen Schar“, der noch Furore machen sollte.

Ende Februar oder Anfang März muss Gräser nach Berlin gekommen sein. Er stieß dort auf einen Studenten, einen siebenbürgischen Landsmann, den später als Schriftsteller und Publizist bekannt gewordenen Heinrich Zillich aus Kronstadt. Der erzählte nach Gräsers Tod:

Als ich 1920 in Berlin studierte, begegegnete ich dem zwanzig Jahre älteren zum erstenmal. Wer uns zusammengebracht hat, weiß ich nicht mehr. Er war mir sofort gut gesinnt. Manchmal saßen wir am Nollendorfplatz in einem vegetarischen Restaurant, ich, weil mir das Geld knapp geworden war, er aus Überzeugung. Stets staunte ich, daß er zwar Fleisch verabscheute, doch Bier mit hörbarer Wonne trank. Merkwürdig mutete es ferner an, ihn in der Untergrundbahn zu erblicken. Hochwüchsig stand er da mit schöngewelltem braunem Bart und langem Haupthaar, eine in den rauschenden Zug nicht passende Erscheinung. Die Damen hefteten auf ihn, der sehr männlich aussah, freundliche, sogar unverhohlen brünstige Augen, wenn ihn seine Frau und seine Kinder, ebenso wüstenhaft gewandet, nicht begleiteten. Genauer gesagt: sie begleiteten ihn nie; sie liefen hinter ihm her, die kleinen Töchter mit Kränzchen im Haar.

Wie in der Urzeit der Mann durchs Dickicht brach, die Brut hinter ihm nachtrottete, so schritt er über den Kurfürstendamm, hinter ihm Weib und Sprößlinge.

Ob Zillich sich richtig erinnert? Dass Elisabeth Streng, Gräsers ehemalige Lebensgefährtin, sich 1920 in Berlin aufgehalten hätte, wird sonst nirgends berichtet. Nach ihrer Trennung von Gusto zog sie mit ihren sechs Töchtern durch die deutschen Lande. Die Mädchen wie die Mutter in fließenden Gewändern, mit Stirnreif und offenen Haaren, um den Hals eine Schnur mit Walnüssen. So flogen sie, wie die Tochter von Martin Buber berichtet, „gleich wilden Schwänen“ in die Nester der Wandervögel oder in Klöster ein, noch immer die Botschaft von Vater Gusto verbreitend. Die „heilige Nuss“ war ihr Zeichen. Einmal, weil diese nahrhafte Frucht ohne Viehzucht und Ackerbau gewonnen werden kann, also ohne zerstörerische Eingriffe in die Natur. Zum andern, wel sie nach Form und Inhalt dem „Weltei“ gleichkommt. Wie dieses „in nuce“ den künftgen Vogel in sich enthält, so die Walnuss den künftigen Baum. Dass die sieben Wanderschwäne in Berlin wieder kurzfristig mit Vater Gusto zusammenkamen, ist nicht auszuschließen. Sie bewegten sich ja im selben lebensreformerisch-jugendbewegten Milieu.

Ein anderer, schon älterer Anknüpfungspunkt in Berlin war mit dem Maler Fidus gegeben, dem ehemaligen Diefenbachschüler und damit „Kollegen“ von Gusto. Dessen Sohn Holger beichtet aus dieser Zeit:

Ich bog in Berlin vom Kurfürstendamm her in die Tauentzienstraße ein, als ich Gusto Gräser traf, natürlich mit einem kleinen Schwarm Neugieriger dahinter, denn er trug außer seiner ungroßstädtischen Kleidung noch ein Netz ungehängt, in dem er viele Mohrrüben hatte. Als er mich erblickte, begrüßte er mich sehr herzlich und schenkte mir eine schöne, große Mohrrübe, die ich sofort, in der Unterhaltung mit ihm, verspeiste, was natürlich den Zuschauerkreis um uns anwachsen ließ. ...

Gusto Gräser brachte einmal ein junges Wiener Künstlerpaar mit [ins Fidushaus], ob Geschwister-, Ehe- oder Liebespaar blieb offen, vermutlich aber das letztere. Erst bei sehr spätem Aufbruch gestand Gräser, daß diese "lieben jungen Freunde" kein Dach über dem Kopf hätten. Also blieben sie bei uns hängen ...

Einige Zeit nach dem einwöchigen Aufenthalt des Wiener Paares in unserem Hause traf ich die schöne Frau, die bei uns den Namen "Mimosa hysterica" trug, von Fidus aber in seinen Zeichnungen von ihr "Prapanzin" genannt wurde, abends im 'Romanischen Café' (nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) allein an einem der kleinen Marmortischchen sitzend. Auf meine Frage, wie es ihr gehe und was sie dort in dem Künstlercafé tue, wies sie auf eine große Mappe mit Bildern von Gusto Gräser, die sie dort zu verhökern hoffte.

Das Romanische Café war überhaupt der zentrale Ort, wo man Gusto Gräser antreffen konnte. Dort, unter den Künstlern und Bohemiens, fand er Gesprächspartner, dort, unter den Kaffeehausgästen, konnte er einige seiner Spruchkarten und Zeichnungen an den Mann oder an die Frau bringen. Ein ungarischer Schriftsteller und Vagabund, der selbst längere Zeit auf dem Monte Verità verbracht hatte und der eben dabei war, über diesen „Zauberberg“ einen Roman zu schreiben, Emil Szittya weiß zu berichten:

Nach dem Kriege ging es mit den Gräsers wieder aufwärts. Er schied von seiner Kameradin. Zog als Buße für das große Vergehen der Menschheit eine Mönchskutte an. Durchpilgerte alle Städte Deutschlands. Predigte, daß nur durch rhythmischen Tanz die Menschheit genesen könne. Zuletzt sah ich ihn in Berlin im Romanischen Café.

(Emil Szittya: Das Kuriositäten-Kabinett. Konstanz 1923, S. 95)

Das Wort vom „rhythmischen Tanz“ muss uns aufhorchen lassen. Szittya wusste sehr wohl Bescheid um die neue Tanzkultur, den sogenannten „Ausdruckstanz“, der sich in Ascona im Gefolge Gräsers entwickelt hatte. Nicht aus konventionellen Tanzformen sollte sich die Bewegung entwickeln, sondern aus dem Eigenrhythmus des Körpers. Sie sollte Ausdruck der Seelenbewegung sein.


Takt ist köstlicher Genuss
doch für unser Leben.
Drum mit männlichem Entschluss
meiner Wege Fuß vor Fuß
schreit ich sondern Beben,
schreit mit rücksichtslosem Tritt
treu mit meinem Fühlen mit,
dass wir leben, leben!

Gräser sah sich als Tänzer, als Vortänzer. Und er blieb dabei nicht unbeachtet. Hermann Hesse bewunderte den tänzerischen Gang seines Freundes und hat ihn immer wieder nachgezeichnet: „ein bestimmter und taktfester, aber leichter, ja beinah schwebender Schritt, zwischen würdig und kindlich, zwischen priesterlich und tänzerisch, ein eigenartiger, liebenswürdiger und vornehmer Schritt“ (GW VI, 519). Gräser hatte sich vorgenommen, „allen Wust, alle Wirrwarrwehn fromm in die Reih zu tanzen“, im „Blütentanz“, im „Hochzeitstanz von unsrem Herz und Hirn“.