Der Grünspecht
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Stadtgeschichte: Münchens neue Lust am Leben
5. Januar 2020, 19:23 Uhr
Von Wolfgang Görl
Anfang der Fünfzigerjahre ist der Krieg zwar noch überall in der Stadt sichtbar, aber die Menschen vergnügen sich wieder - in Bierlokalen, Kaffeehäusern, Weinlokalen und Tanzbars. Ein neuer Bildband zeigt, wie es damals zuging.Foto: Frührfer
"Auf dem Weg zur Weltstadt" heißt der Untertitel des Buchs "München in den 50er und 60er Jahren", das soeben im Wartberg Verlag erschienen ist. Darin zu sehen sind vorwiegend Fotos des 2003 gestorbenen Journalisten und Fotografen Georg Fruhstorfer, dessen Archiv heute in der Bildsammlung der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt ist. …
Das vielleicht anrührendste Bild zeigt den alten Gustav "Gusto" Gräser, wie er in verschlissenen Reformklamotten rauschebärtig und ein wenig skeptisch in die Kamera blickt. Gusto Gräser, geboren 1879 in Kronstadt, Siebenbürgen, war - salopp gesagt - ein Fossil aus der Zeit der Schwabinger Boheme. Er hatte sich zunächst als Maler und Bildhauer versucht und wanderte im Jahr 1900 mit Kutte und Jesuslatschen nach Ascona, wo er auf dem "Monte Verità" zusammen mit anderen zivilisationskritischen Geistern eine dem einfachen und freizügigen Leben verpflichtete Landkommune gründete.
Wenige Jahre später tauchte er erstmals in München auf, wo er als "Kohlrabiapostel" mehr belächelt als respektiert wurde. Gräser starb im Herbst 1958. Einige Jahre zuvor hatte er über sich geschrieben: "Über ein halbes Jahrhundert trage ich meinen Grünspecht im Kopf und schaue hinein in den rot, braun, schwarzen Wahnsinn und erlebe 50 Jahre lang, wie das, was man die Menschen heißt, immer toller, verrückter und immer schwärzer und schwärzer wird, wie sie immer schneller zu ihren ,Suppenschüsseln' rasen, sich die Brocken vom Munde zu reißen - wie sich der Krampf ihrer Verrücktheit immer höher steigert, so dass ihnen ein paar Weltkriege schon nicht mehr genügen, ihre Verrücktheit auszutoben, - während mein Grünspecht immer noch fidel über Wahnsinnswüsten in seine Wälder fliegt und damit mir selbst und meiner kilometerfressenden Umwelt den Beweis liefert, dass mein Vogel der gesündere ist.