1879 - 1958
Wanderer, Bildner, Weiser
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Gusto Gräsers
140 Jahre Gusto

Der Mann im Eselwagen

  Zum 140. Geburtstag des „Angelus transsilvanicus“ am 16. Februar 2019

Das Auto verkaufen und einen Eselskarren anschaffen, durch die Lande ziehen“, schreibt er am 4. Februar 1930 an seinen Schwiegersohn. So geschieht es. Der Dichter zieht mit seinem jungen Freund im Eselwagen durch die Lande, die Menschen ansprechend und seine Schriften verteilend. „Stell dich nicht hoch, o Volk, sonst muss dich Neid zernichten, halt klein, halt tief“, heisst es darin. Und: „Diktator oder Dichter – wer ist der Weltenrichter? Vom großen Maul zum großen Ohr!“ Die Fahrt endet 1933 im KZ.

Diktator oder Dichter? Er sah sich als den Dichter, als das große Ohr, als den Fürkämpfer und heimlichen Volkskönig. Mal nannte er sich Gusto Gras, mal Springinsfeld, mal Weltwiedehopf. Dann auch mal Kraun, öfter aber schlicht: Arthur Siebenbürger. Bescheiden wie das Gras, lustig wie der Wiedehopf, königlich wie der Kraun (aus Kronstadt), in dem „Krone“ und „Clown“ sich vereinigen.

Vor 140 Jahren, am 16. Februar 1879, wurde Gusto Gräser in Kronstadt geboren. Den Menschen war er meist ein Rätsel. Spinner oder Prophet? Träumer, Phantast oder tiefer Denker? Was wird bleiben von dem Mann im Eselkarren? Seine Texte sind noch kaum gedruckt, geschweige denn erschlossen – und doch ist er heute schon weltbekannt. Weniger durch seine Dichtungen als durch sein Bild, durch symbolhafte Bilder, die sich niedergeschlagen haben in Romanen, Gedichten, Theaterstücken und Liedern moderner Autoren. Der Einsiedler in einer Höhle der Alpen, der Tänzer auf den Felsen, der Baumverehrer im Wald, der einsame Weise in seiner Dachkammer. Die mexikanische Schriftstellerin Marcela Sánchez Mota baut dem Eremiten Gusto in ihrem Roman einen Altar, vor dem sie niederkniet. Die französische Erzählerin Marie-Laure de Cazotte feiert ihn als Tänzer und Druiden, der die Sprüche von Laotse rezitiert. Ein anderer Autor sieht ihn als Gusto-Gargantua und Gusto-Diogenes, ein dritter als den Gegenspieler von Hitler. Der britische Liedermacher Steve Hackett besingt ihn als erleuchteten Eremiten: „The mantle of attainment weighs heavy on his shoulders ...“. Alles nur Projektionen, Wunschbilder, Fantasien? Keineswegs. So haben ihn schon Zeitgenossen wie Gerhart Hauptmann und Hermann Hesse gesehen.

Eine solche Szene hatte es bis dahin in der europäischen Geistesgeschichte nicht gegeben: ein noch nicht dreißigjähriger Einsiedler in einer Höhle des Tessin, der mit einem schon berühmten Schriftsteller zusammen die heiligen Schriften der Inder liest. Eine Urszene, ein archetypisches Bild. Indien kennt es als Satsang: „ein Zusammensein von zwei Menschen, die durch gemeinsames Hören, Reden, Nachdenken und Versenkung nach der höchsten Einsicht streben“. Beide befinden sich buchstäblich im Schoß der Mutter Erde, aus dem im Mythos die Helden, die Befreier, die Götter hervorgehen. Hesse hat die Szene im Sommer 1917 gemalt, nach einem Besuch auf dem Monte Verità: In finsterer Nacht tanzen zwei Gestalten in einer Felsgrotte um einen flammenden Feueraltar. Ein Bild ihrer damaligen Situation: Als aktive oder potenzielle Kriegsdienstverweigerer wie als umbauhungrige Kulturkritiker standen sie außerhalb der bestehenden Gesellschaft. Gusto Gräser war kurz zuvor wie durch ein Wunder seiner Erschießung im Kronstädter Gefängnis entgangen.

Der Mann im Eselwagen, immer wieder verhaftet, eingekerkert, ausgewiesen, von Land zu Land getrieben, er überlebte. Er erfreute sich seit den Vierzigerjahren sogar eines Mantels, den Hitlers Schergen ihm geschenkt hatten. So wie er könne man im Dritten Reich nicht herumlaufen, meinten sie und schleppten ihn großzügigerweise in ein Warenhaus, wo ihm ein Havelock aufgedrängt wurde. Gräser, als „Asozialer“ gebrandmarkt und mit Schreibverbot belegt, flüchtete sich aus Berlin nach München. Dem Mantel der Staatspolizei schnitt er die Ärmel ab, stutzte die Länge und setzte im Rücken ein Rübezahlschwänzchen an. So umfunktioniert trug er das Staatsgeschenk bis an sein Lebensende.

Ein Rübezahl wollte er gerne sein, ein Berggeist, ein Botschafter der Natur. Gerne auch ein Kobold, Narr, „Bandit des Weltbummelbunds“. Zu Kronstadt auf der Burg, da fing sein Leiden an. In den Kasematten der Cetatea, als Militärdienstverweigerer verurteilt, erschien ihm an der Kerkerwand ein Bild: eine endlose Schar von lachenden Erdensöhnen, die Menschen der Zukunft. „Hei, wie das lacht und kracht!“ Einer seiner jungen Freunde machte aus dieser Vision ein Büchlein, die 'Worte an eine Schar'. Er proklamierte die Hoffnung, dass sich aus der Mitte der Jugend heraus „die heilige Schar bilden wird, die mit der Leidenschaft der Liebe um die Geburt des neuen Menschenbildes ringt; die Schar, die uns erlöst“. Die heilige Schar! Ein anderer junger Freund, der Drechsler Friedrich Muck-Lamberty, unternahm es, diesen Bund im Wandervogelfeld zusammenzutrommeln. Ab Pfingsten 1920 zog die „Neue Schar“ singend, tanzend und spielend durch Thüringen. „Ganz Thüringen tanzt … Tausende auf einem Platz!“, schrieb der Verleger Eugen Diederichs. Gräsers Gedichte flatterten dem Zug voran, er sang und sprach an den Lagerfeuern der Schar. Von einem „Kreuzzug der Fröhlichkeit“ war die Rede oder von einem „Kinderkreuzzug“. Hermann Hesse hat diese Fahrt als „Morgenlandfahrt“ in die Legende erhoben: als den ewigen Zug der Menschheit zu den Quellen des Lichts.

Der Tänzer auf den Felsen. Um 1905 geht es als Sensation durch die Weltpresse: Ein Mitglied des österreichischen Kaiserhauses, Erzherzog Leopold von Toskana, Großneffe von Kaiser Franz Josef, hat sich den „Naturmenschen“ von Ascona angeschlossen, den Gräserbrüdern. Er nimmt teil an deren nächtlichen Nackttänzen im Wald von Arcegno! Doch Wölfling, wie der Ex-Erzherzog sich nun nannte, ist sehr enttäuscht: „Diese Menschen, Männer und Frauen, hatten allen Gedanken an Sex verloren“. Sie stampften auf die Erde, sprangen in die Höhe und stießen spitze Schreie aus. Ekstatisch tanzten sie die Befreiung von allem Zwang, von jeder Konvention. „Sie waren ja so religiös“, erzählt ein Zeuge. Diese frühe Form einer Urschreitherapie brachte Gräser 1908 in Schwabing auf die Bühne. Durch seinen Landsmann Rudolf von Laban und die befreundete Mary Wigman wurde sein expressionistischer Ausdruckstanz in die Welt getragen.

Einer seiner Freunde, der Amerikaner Raymond Duncan, Bruder der Isadora, hat diesen Tanz in seinen Schulen in Paris und Nizza, in Athen und Delphi gelehrt und auch nach USA gebracht. Während aber Duncan im Kreis von Picasso, Matisse und Gertrude Stein in Paris sich frei entfalten konnte, wurde Gräser in Deutschland ein Opfer der staatlichen Gewalt. Immer wieder verhaftet, ausgewiesen und abgeschoben: aus Sachsen, aus Baden, aus Württemberg, aus Bayern, aus der Schweiz. Ein Weg durch Gefängnisse und Nachtasyle. Er galt ja als Ausländer, als „der staatsgefährliche Rumäne Gusto Gräser“. Dass er auf sein Deutschsein pochte, sich mit Bedacht „Arthur Siebenbürger“ nannte, half ihm wenig oder nichts. Auch nicht die Fürsprache prominenter Schriftsteller wie Hauptmann oder Dehmel. Nur das Wort Thomas Manns hatte Gewicht genug, ihm 1926 die Ausweisung aus dem ganzen Deutschen Reich zu ersparen. Auch die Gaststätten verweigerten ihm oft den den Zutritt. Nur noch im Café Klein-Bukarest, hinter der Münchner TH, fand er eine Zuflucht. Der Wirt dort war ein Landsmann, ein ehemaliger rumänischer Fliegeroffizier. Hier hatte er seinen Stammplatz, hier war er Ehrengast, der nur den halben Preis zu zahlen hatte und an seinem Geburtstag beschenkt wurde. Einmal wurde ich Zeuge, wie ein schwarzer amerikanischer Sergeant dem greisen Dichter einen Stoß Schreibpapier auf den Tisch klatschte und ein Bündel Schreibstifte dazu. Er wollte dem Mann, den er bewunderte, ein Geschenk machen. Sie konnten sich mit Worten nicht verständigen, sie schüttelten sich nur die Hände.

Als er unbemerkt gestorben war, sollte sein Lebenswerk auf den Müll geworfen werden. „Keine Wertsachen“, lautete der amtliche Befund. Ein Beamter der Staatsbliothek rettete einen Teil für die Stadtbibliothek München, der andere Teil landete auf einem Schrank des Siebenbürger-Hilfsvereins in der Stuttgarter Olgastraße. Eine Großnichte von Gräser hat ihn dort bewahrt und später dem Archiv in Freudenstein übergeben. Dort befindet sich heute die umfangreichste Sammlung von Gräseriana.

Er ist auch Dichter, dieser unser Ungenannter, vielleicht ist er mehr Prophet als Dichter. … Für ihn ist alles überwunden und so wie es zu gelten scheint, nicht gültig, sondern muss zu neuer Gültigkeit von ihm wiedergeboren werden“. So Hugo von Hofmannsthal über Gusto Gräser.

Kürzer und unpathetischer hat es Aurica Popescu, sein Landsmann und Wirt im Schwabinger Café Klein-Bukarest, auf den Punkt gebracht: „Sasul ţicnit – dar genial!“ - „Ein verrückter Sachse – aber genial!“



Der Dichter und Naturprophet Gustav Arthur Gräser war eine einzigartige Erscheinung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Führende Geister seiner Zeit sahen in ihm die Verkörperung des „neuen Menschen“, die Verwirklichung der Ideale von Nietzsche und Walt Whitman und zugleich einen neuen Franziskus. Sein Leben außerhalb der Regeln der Zivilisation war den Meisten unbegreiflich, erregte Anstoß und Hass. Für andere aber wurde er zum Vorbild; Dichter wie Hermann Hesse und Gerhart Hauptmann erhoben ihn in mythischen Rang.
 
Seine eigene Dichtung blieb zu seinen Lebzeiten weitgehend ungedruckt. In Sprüchen und Gedichten, die er auf Postkarten und Flugblättern verbreitete, rief er seine Mitwelt zur Umkehr auf. Heute verbindet sich sein Bild vor allem mit seiner Gründung, dem „Wahrheitsberg“ oder Monte Verità von Ascona, der zum Symbol einer naturfrommen und gewaltfreien Gegenkultur geworden ist.
 
Gräser wurde am 16. Februar 1879 zu Kronstadt in Siebenbürgen geboren, er starb am 27. Oktober 1958 in Freimann bei München. Im Herbst 1900 begründete er mit Freunden die Reformersiedlung auf dem Weinberg von Ascona. Jahrzehntelang warb er in „öffentlichen Gesprächen“ in deutschen Großstädten für einen kulturellen Neubeginn. Er hinterließ ein dichterisches Werk, das Ursymbole der Menschheit zu neuem Leben erweckt.
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