1879 - 1958
Wanderer, Bildner, Weiser
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die Tür zur Welt
Gusto Gräsers
Der Dichter und Naturprophet Gustav Arthur Gräser war eine einzigartige Erscheinung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Führende Geister seiner Zeit sahen in ihm die Verkörperung des „neuen Menschen“, die Verwirklichung der Ideale von Nietzsche und Walt Whitman und zugleich einen neuen Franziskus. Sein Leben außerhalb der Regeln der Zivilisation war den Meisten unbegreiflich, erregte Anstoß und Hass. Für andere aber wurde er zum Vorbild; Dichter wie Hermann Hesse und Gerhart Hauptmann erhoben ihn in mythischen Rang.
 
Seine eigene Dichtung blieb zu seinen Lebzeiten weitgehend ungedruckt. In Sprüchen und Gedichten, die er auf Postkarten und Flugblättern verbreitete, rief er seine Mitwelt zur Umkehr auf. Heute verbindet sich sein Bild vor allem mit seiner Gründung, dem „Wahrheitsberg“ oder Monte Verità von Ascona, der zum Symbol einer naturfrommen und gewaltfreien Gegenkultur geworden ist.
 
Gräser wurde am 16. Februar 1879 zu Kronstadt in Siebenbürgen geboren, er starb am 27. Oktober 1958 in Freimann bei München. Im Herbst 1900 begründete er mit Freunden die Reformersiedlung auf dem Weinberg von Ascona. Jahrzehntelang warb er in „öffentlichen Gesprächen“ in deutschen Großstädten für einen kulturellen Neubeginn. Er hinterließ ein dichterisches Werk, das Ursymbole der Menschheit zu neuem Leben erweckt.

SANATORIUM EUROPA in ARTE
Fernsehfilm zu Monte Verità und Riva, Mittwoch, 28. Juni, 22:00

Regie: Julia Benkert


Wieder einmal befindet sich unsere Welt dramatisch im Umbruch. Die europäische Idee scheint so bedroht wie nie. Höchste Zeit zu fragen: Wie haben die großen Dichter und Denker auf die erste europäische Krise reagiert? Vor und während des Ersten Weltkriegs, als Europa unterging und wieder auferstand? Welche Parallelen gibt es zu heute? Der Dokumentarfilm besucht geschichtsträchtige Sanatorien in Italien und in der Schweiz, wo Intellektuelle wie Thomas Mann, Hermann Hesse und Ernst Bloch ihr Unbehagen an der Zeit kurierten.

Details
Thomas Mann und Hermann Hesse, zwei leidenschaftliche Europäer, spürten das Unbehagen an der Zeit damals, wie viele andere auch. Um ihre erschöpften Nerven zu kurieren, flüchteten sie ins Sanatorium. Und zwar an die oberitalienischen Seen, dorthin, wo gefühlt der Süden beginnt. Überall wurden luxuriöse Heilanstalten gebaut, meist blieb man für mehrere Wochen, gar Monate. Die dekadente Gesellschaft im Reformsanatorium von Dr. von Hartungen am Gardasee mit all den eingebildeten Kranken faszinierte Thomas Mann. Hier bekam er die Ur-Inspiration zum "Zauberberg", dem Abgesang schlechthin auf das sterbende Europa. Heute steht die Ruine des Sanatoriums in Riva leer.

Für die Filmemacherin Julia Benkert symbolischer und realer Ort zugleich, um das Unbehagen an der Zeit zu analysieren. Wirken die Symptome von damals doch erschreckend vertraut: das Ausgebranntsein, der Veganer-Boom, die Hinwendung zu asiatischen Weisheiten, das Zurück-zur-Natur, genauso wie der Ruf nach Führung. Die Parallelen zu heute lesen sich wie Warnzeichen vor dem nächsten großen Krieg.

Der Philosoph Andreas Weber und die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot ordnen die gesellschaftlichen Phänomene ideengeschichtlich ein und zeigen, dass viele Prozesse, die damals begonnen haben, noch lange nicht abgeschlossen sind - handelt "Sanatorium Europa" doch nicht nur vom Kranksein, sondern auch von Heilung.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die Idylle der magischen Seenlandschaft zerstört. Nur die Region um Ascona am Lago Maggiore blieb politisch neutral, weil sie zur Schweiz gehörte. Das einstige Refugium wurde zum Exil. Besonders das Sanatorium Villa Neugeboren zog die Intellektuellen an. Pikanterweise lag es auf dem Hügel direkt gegenüber des Monte Verità, dem legendären Wahrheitsberg. Fieberhaft suchten die Intellektuellen nach neuen Utopien für Europa. Ernst Bloch beendete hier sein berühmtes Werk "Geist der Utopie". Hermann Hesse schrieb den "Demian", darin der Spruch "Sei du selbst!", der zum Mantra eines ganzen Jahrhunderts werden sollte.


Fotocollage von Ulrich Holbein zu seinem Aufsatz: Monte Verità - ewiger Glutkern und Mythos, in der Zeitschrift connection Spirit, Lebenskunst - Weisheit - Heilung, Nr. 11-2009, mit 10 meist farbigen Abbildungen, Verlag Connection AG, Hauptstr. 5, D-84494 Niederaufkirchen, Tel: +49 (0)86 39-98 34-0, versand(at)connection.de , Näheres durch www.connection.de