(Poststempel Schaffhausen vom 4. 1. 1919)
(Zürich 30-12-18) Unterwegs nach Basel 3-1-19
Abs. G. Gräser
Zürich – Obere Zäune 8
Basel Hauptpostlager
An
Hermann Hesse
in Bern
Melkenbühlweg 26
Lieber Hermann Hesse,
mit diesem Brief geht eine Abschrift, Abtippung des nun notwendig, ja notwendig von mir hervorgesprochenen Sprüche Laotzes an Sie ab. Aus ersten und letzten Spuren, die ich von Ihnen antraf, (Rückkehr), merk ich, dass Sie auch gutes Gehör für diese TAO-tonung haben werden - - -
Lieber, muss nicht allerlei (alles) beiseit gelassen werden, um der mütterlichen, der versöhnenden TAO-weisheit Eingang zu gewähren? Gibt es heute ein nötigeres Schaffen als das RAUM-schaffen? – Der BAUM des Lebens keimt und kommt ja doch nur von Selber. – Er gründet ein und grünet auf, wenn die Eisblöcke der Verstandes- und Gegenstandswirtschaft Ihm nicht mehr beklemmend im Wege stehn. – Drum Tauwind ins Winterland! TAO-wind in die hirnfrostig verfrohrene Welt!
Wär mir lieb, wenn ich die Sprüche mit aus- oder einsetzenden Randbemerkungen wiederbekäme. –
Sie sollen nicht unter meinem Namen hinaus, denn ich will alles tun oder alles lassen, was der unbefangenen Aufnahme im Weg stehen könnte. – Auch scheint, nein ist, der Geschäftsweg nicht der geeignete zu Ihrer Mitteilung. Den Jünglingen gäb ich sie gern in die Hände, sie, die Beherzten sollten sie den Hungrigen und Durstigen bringen – sollten sich selbst mit ihnen nähren und wehren, sollten sie als Stab und Brod ergreifen. – Muss sich doch nun alles darauf sammeln, Freundschaft zu nähren, und Geschäft auszuhungern. Nicht?
Sie, Lieber sind der dritte, dem ich die Sprüche schick. – Die ersten bekam meine Mutter, die zweiten Alfred Daniel aus Balingen, Württemberg.
Daniel ist mir ein lieber Kamerad – hat den Dr. Advokat an den Nagel gehängt, um ohne diese Schutzvorrichtung den innigen Menschen besser festigen, reinigen zu können. Augenblicklich ist er für kurz in München.
Ich bin nun hier – kam, weil mir Ascona ohne Kameraden betrübend wurde, und um mit Hilfe der Bücher hier, die Sprüche soweit fertig zu schreiben. Nun bereit ich mich, um dem Ruf nach Deutschland gut, also baukräftig gesammelt, folgen zu können.
Wertvoll wäre es mir sehr, wenn, bevor ich anderes ergreife, mich anderes ergreift, dies Spruchbuch im Weg wär.
Wie passt Ihnen wohl diese Aufgabe? Können Sie’s wohl als auch Ihre begreifen? - - -
Auf Wiedersehn! Gusto Gräser *
(Original im Deutschen Literatur Archiv Marbach)
Kommentar:
Gräser hat den Brief am 30. 12. 1918 in Zürich verfasst. Zur Jahreswende musste er die Schweiz verlassen. In Schaffhausen hat er am 3. Januar 1919 den Brief samt der Abschrift des TAO-Manuskripts eingeworfen. Anschließend hat er sich auf den Weg nach Basel gemacht, wo er Freunde hatte. Er gibt „Basel Hauptpostlager“ als Adresse an, weil er hofft, bald eine Antwort von Hesse zu bekommen. Ob es eine solche Antwort gegeben hat, ist unklar.
Hesse dürfte seine Sendung am fünften oder sechsten Januar erhalten haben. Danach schrieb er gegen Ende des Monats „unter hohem Druck“ in einem Sturm, der „sich völlig explosiv vollzog“, angeblich in zwei Tagen und Nächten, ‚Zarathustras Wiederkehr‘ nieder, Diese Flugschrift, anonym herausgegeben, war seine Antwort auf Gräsers Tao-Sendung. Er war offenbar der Meinung, das darin Gesagte besser und verständlicher formulieren zu können.
Wir kennen die ursprüngliche Fassung der Tao-Dichtung nicht. Aus den wenigen Bruchstücken, die sich erhalten haben, lässt sich entnehmen, dass die damalige Fassung noch erheblich schwerfälliger und holpriger war als die überlieferte Endfasung. An ihr hat Gräser bis zu seinem Lebensende gearbeitet.