Das Waldgespräch

Heinrich Wirth spricht zu Hans Calwer in der Erzählung ‚Freunde‘ von 1907
Gusto Gräser spricht zu Hermann Hesse in der Felsgrotte
von Arcegno im Frühjahr 1907

Sein Freund machte es ihm nicht leicht. Er glaubte an seinen Ernst immer noch nur halb und hatte sich vorgenommen, ihn eine rauhe Schule durchmachen zu lassen. Ohne je aus seiner heiteren Ruhe zu fallen und ohne je zu befehlen, zwang er ihn, in allem nach seiner eigenen Weise zu leben. Er las mit ihm in den Upanishads der Veden, trieb mit ihm Sanskrit, lehrte ihn eine Sense in die Hände nehmen und Gras schneiden. War Hans ermüdet oder ärgerlich, so zuckte er die Achseln und ließ ihn in Ruhe. Fing Hans räsonierend über dies Leben zu reden an, so lächelte er und schwieg, auch wenn Hans wütend und beleidigend wurde.

„Es tut mir leid“, sagte er einmal, daß es dir so schwer fällt. Aber ehe du die Not des Lebens am eigenen Leib erfahren hast und begreifen lernst, was Unabhängigkeit von Lust und Reizen des äußeren Lebens bedeutet, kannst du nicht vorwärts kommen. Du gehst denselben Weg, den Buddha ging und den jeder gegangen ist, dem es mit der Erkenntnis ernst war. Die Askese selber ist wertlos und hat noch keinen Heiligen gemacht, aber als Vorstufe ist sie notwendig. Die alten Inder, deren Weisheit wir verehren und zu deren Büchern und Lehren jetzt Europa zurückkehren möchte, die haben vierzig und mehr Tage fasten können. Erst wenn die leiblichen Bedürfnisse ganz überwunden und nebensächlich geworden sind, kann ein ernstliches geistiges Leben anfangen. Du sollst kein indischer Büßer werden, aber du sollst den Gleichmut lernen, ohne den keine reine Betrachtung möglich ist.“

Aus Hermann Hesse: Freunde. Erzählung. suhrkamp taschenbuch 1284. Frankfurt am Main 1965, Seite 108f.

Kommentar:
Hesse verkleidet in seiner Erzählung seinen Freund und Lehrer als Sanskritstudenten. Deshalb die Erwähnung von Buddha und der Upanishaden. In Wirklichkeit dürften die beiden Freunde das ‚Tao Te King‘ von Laotse gelesen haben. Am 27. November 1907 erwähnt Hesse in einer Buchbesprechung in den ‚Propyläen‘ erstmals „eine schöne Übersetzung der Sprüche des Laotse“. Es handelt sich um die erste Erwähnung des chinesischen Philosophen durch Hermann Hesse.