Briefe von und an Gusto Gräser

Mutter und Geschwister, Diefenbach und Umfeld


An seine Mutter

Wien 16/8 98

An meine Mutter!

Wie freudig erhob mich dein Brief! - Endlich!! Mit dir, Mutter, sei‘s bewußt, bringst du unschätzbare Kraft. So wie Mutter Sonne durch ihrer Strahlen Licht und Wärme der Erde Leben erweckt, es nährt, so in der Mutterliebe Nähe wächst dem Kind der Werth des Lebens, seine Kraft erstarkt.

Dich vorzubereiten, was du hier findest, was uns beherrscht, die wir hierher gehören, will ich dir diese Worte sagen:

In des Weltalls ewgem reinem Werdegange

spiegeln sich die wahren göttlichen Gedanken!

Blicke hin, wo sich die Elemente paaren,

nimmer wirst du in der Rechterkenntnis wanken.

Du wirst wohl mit der Staatsbahn kommen; ich werde dort sein, mich Eurer zu versichern. Schreibt, wann.

Kalt das Papier, Berechnung unser Schreiben -

zu was noch weiter solche Thorheit treiben?

Wenn bald von Mund zu Mund die Worte fließen,

vereint im Seelenbund sich küssen.

Euer Gustav.

*

Diefenbach an Helios und Stella in Dorfen

18.8. 1898

... Gustavs Mutter kommt morgen mit ihrem jüngsten (12jährigen) Sohn - zunächst nur zu einem Besuche. Ich werde bald klar wissen, [ob sie für] die nach den Schilderungen Gustavs ihr zugedachte Stellung einer von allen geachteten Vorsteherin der jetzt so gewaltig vergrößerten Haushaltung und des geselligen Verkehres in der Er[holungs?] zeit, dem ich durch mein Ruhebedürfnis nur sehr wenig beiwohnen kann, genügend geeigenschaftet ist oder nicht; ersterer Fall wäre von unabsehbarem großen Nutzen und Segen, letzterer [böte?] jede Gefahr, da sie dann bald wieder abreisen würde. …

Euer Vater.

*

An K. W. Diefenbach

Wien 18/8 98

Wartend steh ich, wo mich hingeführet

meines Geistes stets wachsende Stärke,

ihn zu nähren, tracht ich aufzunehmen

andrer guter Geister Wort und Werke.

Keines, auch nicht des geringsten Geistes,

wenn aus wahrem Quell die Worte fliessen,

schmäh ich, ihre Seele anzunehmen.

Denn mit Wahrheit lässt sich gut begiessen!

Doch wo Stolz und Selbsterhebung sprechen,

wo ins Kleid des Rechts gehüllt der Hochmut spricht,

dort erfüllt mein Geist, was ihm Natur geboten:

Er empfängt, jedoch behält es nicht.

*

Befrei dich, jämmerlich Gebilde!

Was stehst du? Wart und zage nicht!

Will nicht erforschen, was das Herz bedrückt!

Denn Jammer nur erwecket solches Treiben.

*

Bau neben Böses das Edle und Gute,

bau dir selbst dein Paradies!

Fordre nicht Gleiches von deinem Kreise.

Denn das Gleiche nur wird, wenn der Erwachte,

tuhend und lassend, [es in] Andern auch erweckt,

als ob von selbst es erwacht.

Gustav Gräser

Nachdem ich dieses Blatt geschrieben, die Gründe für mein Thun und Lassen, wie es wohl besser wäre.

*

An K. W. Diefenbach

Wien 23/8/98

Ich bitte Euch [um] Antwort auf folgende Frage:

Sollen hier Kommandoworte erthönen?

Seit meine Mutter da ist, stärker denn je empfinde ich nun die Roheit und Niedrigkeit unserer inneren Verhältnisse, die Roheit der Seele des Hauses. Denn nur sie ist es, welche meiner Mutter ein schwerwiegendes Hindernis ist, sich hier sofort anzuschliessen, sie, welche ihr die Ausführung der Idee schwer erscheinen lässt und sie auch davon abhält, auf [meinen] Bruder Ernst zu wirken, dass er hierbleibe. Den Geist, die Idee und ihre edle Wahrheit erfasste meine Mutter sogleich nach dem ersten Blick in die Verhältnisse, und es berührte mich unangenehm, als ich bemerkte, dass mein Meister, wohl im Glauben, ein Weib wie die meisten der Gesellschaft vor sich zu haben, so, als ob er auf Widerstand und Widerspruch stiesse, [mit ihr] sprach.

Ich glaube, im Recht zu sagen: Einem feinfühlenden, edel denkenden Menschen wird es schwer, ist ihm, wenn er sich nicht verleugnet, unmöglich, für Menschen, welche er nicht selbst für eine edle Entwicklung, zumindest für eine solche, dass er sie Geschwister nennen kann, fähig hält, für sie, wenn auch nicht speziell, etwas zu thun und im Schein zu leben, als ob er sie liebte, als ob der Verkehr, mit guten schönen Worten, ein echter sei.

Keinem in Geist und Seele edlen reinen Menschen (soweit ich denken kann) ist ein energisches Handeln ohne Glauben möglich. Ich kann nur so einen Menschen für fähig halten, meines Bruderseins würdig zu werden, wenn er nach dem ersten Blick in das Innere unserer Idee mit einem Jauchzer sich sagen muss: Nur das ist schön, das nur kann das einzig Wahre sein. Also nur einen Menschen, welcher die Sehnsucht nach Wahrheit, sie selbst in sich getragen hat.

Unbedingt lähmend muss es auf den edlen Menschen wirken, wenn er im Scheine leben soll. Wohl viele edle Menschen werden, wenn die Seele unserer Familie nicht bald auch edel wird, sich abhalten lassen, [sich] ihr anzuschliessen. Die Lostrennung von der Gesellschaft wegen ihrer Unruhe, Uneinigkeit und Falschheit hat keinen Zweck, wenn eben dasselbe im Kleinen in der sogenannten losgetrennten Familie der Fall ist. Es drängt sich mir, weil ich an unser zukünftiges Schiff dachte, ein Gleichnis auf:

Ein kühner Schiffer baute ein festes Schiff, einem festen und klar bestimmten Ziel entgegenzusteuern. Es retteten viele sich, die des Meeres unruhig und vernichtendes Wesen fast verschlang an das feste und sichere Schiff. Das Wesen dessen, welchem sie entronnen, brachten sie mit, so ward Unruhe die Seele des Schiffes. Es zog einst [ein] gewaltiger Sturm heran; da kam das Wesen zutage. Jeder "Gerettete" glich je einem Glied der Ankerkette, das Schiff geriet zwischen schneidende Riffe, der Anker fiel, die Kette sass, die nur scheinbar bisher fest erschien. In dem Kerne frass der Rost, und äusserlich glänzte die Kette. Es war die Seele, das Innere, was zerstörte. Das Schiff versank.

Damit jeder, der hier ist und hierher kommt, zum Bewusstsein dessen gebracht wird, dass hier nur kindlich reine Seele ihren Platz findet, will ich 10 Sprüche, welche im Hause vertheilt angebracht werden sollen, auf Tafeln schreiben; zur Aneiferung und Ordnung kann es viel beitragen. Mein Wort, ohne Euer Wort, ist nicht, solang ich da bin.

*

An K. W. Diefenbach

Wien 24/8 98

Sollen hier Kommandoworte erthönen? D. h., sind Menschen, welche nicht den eigenen Willen haben, was hier Bedingung ist zu erfüllen, möglich? Wirkt nicht das durch solche Kommandoworte fortwährend zum Bewusst-sein gebrachte Zwangsleben hier lähmend auf solchen, welcher weiss, dass nur die That, welche dem eigenen Willen, wenn auch unter der Leitung eines Achthabenden, entspringt, von Werth ist?

Das ist's ja, was so drückend wirkt, das fortwährende Erinnertwerden an solche Verhältnisse durch solche dringend zwingende Worte. Durch Milde und unausgesetztes Vorhalten von Fehlern, aber auf die echt liebevollste Weise nur, kann der eigene Wille in dem Nächsten angeregt werden, kann stetes Zusammenwirken herbeigeführt werden.

Mir gegenüber ist ein Kommandowort, überhaupt jeder Zwang, ver-schwendet; denn es beweist mir, dass der Betreffende nicht genug Vertrauen in mich setzt und hält mich ab, mit eifrigem Willen zu erfüllen. So entstehen Fehler in der Arbeit und machen sie unbrauchbar. Wie bei mir, so bei jedem andern. Es muss immer wieder der Ehrgeiz angestachelt werden, damit jeder sich Mühe geben soll selbst zu suchen, was zu thun vorliegt, acht zu geben, dass es gut wird. So [aber] kommen dann, wenn etwas unterlassen wird, Entschuldigungen wie "Es ist mir ja nichts gesagt worden" usw.

In Verhältnissen, wie sie heute hier sind, liegt der ganze Druck auf Einem oder Zweien, während, wenn der Ehrgeiz angeregt würde, um ein Zehnfaches mehr und besser geschähe. So aber hält sich jeder nur dazu verpflichtet, nur das zu thun, was ihm gesagt wird, und geht an Dingen vorüber, welche zur rechten Zeit mit einem Handgriff, und welche später dann nur mit Verlust von viel Zeit und Kraft verrichtet werden können.

Also nicht befehlen, sondern selbst dazu kommen lassen, durch Beispiel und wörtliche liebevolle Anregung. Das allein kann die richtige Erziehungsmethode sein! Nur dann, wenn ich sehe, dass solches von dem Oberhaupte empfohlen und vertreten wird, ist es mir möglich, selbst als leuchtendes Beispiel zu handeln, ganz hier zu sein.

Gustav, der sich treue, d.h.,

der dünkelhafte, anmassende, kindisch unerfahrene und doch alles besser wisssenwollende. Dies ist das Zeugnis, welches mir mein Führer stellt, mein Führer bis hierher und nur dann geistig auch fernerhin, wenn er das, was ich durch ihn und die ihn umgebenden Verhältnisse erkannt habe, auch als richtig anerkennt.

Er hat erkannt, dass in der heutigen Gesellschaft nichts der Menschheit in Zukunft zum Nutzen Gereichendes aufgebaut werden kann. Ich aber erkenne weiter, dass nur in innerstem seelischen Zusammenhang der sich zu einem menschheitlich hohen Zwecke vereinigenden Familie es möglich ist, ein solches Ziel, wie es hier vom Meister erstrebt wird, zu erreichen. Und dass aus Elementen, wie sie hier sind, nicht thatkräftige opferfreudige Männer, sondern willenlose schwache Werkzeuge, die keinen Schritt ohne Antreibung thun, auf die Weise wie es bisher der Fall war erzogen werden. Und dass das, was kaum entstanden, durch solche danebenliegende und doch durch Bande, die lieber nicht wären, angebundene Elemente, unmutig selbstsüchtig schmarotzend, zerstört wird.

Dieses meine unbeugsame Erkenntnis, und leid thut's mir um mein Leben, es in solch unerquicklichen Verhältnissen zuzubringen ohne Glauben daran, auf solche Weise das grosse Ziel erreichen zu können. Und wenn es erreicht würde, könnte ich seiner, wenn es auf unedlem Wege geschähe, nicht froh und glücklich sein. Es ist aber ganz ausgeschlossen, dass mit unedlen Menschen edles Hohes erreicht wird, unmöglich, dass ohne innere seelische Kraft etwas derartiges überhaupt vorwärts gebracht wird.

Diese meine, wenn auch dünkelhafte, ehrliche Überzeugung.

Lieber Meister!

Für den ich mein ganzes Leben mit Freuden gegeben hätte, wenn mir der Glaube an die Erreichung des meinen Meister im Geiste erlösenden Zieles nicht benommen worden wäre durch die zerfahrene, unruhig zerstörende, fortzehrende Seele der sogenannten Familie, welche sich um meinen Meister geschart hat. Und mein Meister, in der hastenden nervösen Eile, ja noch bei Lebzeiten das ersehnte Ziel zu erreichen, sich nicht Zeit lässt, die Verhältnisse von Grund auf zu ändern.

Mein lieber Meister, könnt Ihr selbst daran glauben, mit solchen Mitteln wie bis jetzt die Verhältnisse so zu ordnen, dass Ihr zufrieden sein könnt?

Guter, edelwollender Meister, Eure Seele braucht Ruh, Erquickung, bevor Ihr an die Vollendung Eures Lebenszweckes, an die Ausführung Eurer Menschheitsidee geht.

Was soll ich thun? Es treibt mich fort von hier, fort, wo die Stürme dieses Lebens jagen, wo gottverlassen sich der Erdensohn in Blindheit bauet seine Plagen. Euch bin ich dankbar stets, doch nicht für Eure Qualen, nicht, das zu fördern, was sie nur vermehrt. Was ich für Euch, mein Meister tuhen möchte, ist mehr als Ihr von mir begehrt.

Lebt wohl!

Euer Gustav,

d.h., der es gerne wäre!

*

An Helios und Stella Diefenbach in Dorfen

Wien 24/8 98

An Helios!

Ruhe, erhabenes Glück,

kehr uns, kehr uns zurück!

Gib uns, Schöpferin großer Gedanken,

göttliche Kraft, nimmer zu wanken,

führe den Gleichen uns zu!

Nur in dem Gleichen gedeiht

Eintracht und Fröhlichkeit.

Kraft der Natur, die das All gebaut,

weck in der Brust göttlichen Laut!

Jauchz dann, mein Bruder, mit mir!

An den, der mir ein Gleicher, ein Freund sein kann. Sei‘s bewußt, Helios, daß ich diesen Brief in dem, was man Unglück, d.h. Unruhe, Jammer nennt, schreibe, ich es aber Heilungskrankheit nenne, welche mein Geist, um zum Glück, zur Ruhe zu gelangen, durchkämpfen muß, und welche Krankheit, gerade so wie eine körperliche, ja nicht durch Beschwichtigung von außen unterdrückt werden darf, sondern im eigenen Innern durchgekämpft werden muß, um zum Sieg, zur Heilung zu gelangen. Ja, gerade im Gegentheil: Spürst du, daß dich etwas drückt, erfaß es mit Kraft, wenn du keinen Freund hast, ihn dir zu überwinden, dich über es zu winden.

Ja, mit solchen Krankheiten hab ich, der ich mich doch wahrhaftig mit Leib und Seele hier angeschlossen habe, heute noch schwer zu kämpfen; aber Gott sei‘s gedankt, daß es endlich zu diesen Krankheiten, endlich zu der Möglichkeit zu gesunden kommt.

Obwohl ich, wie du siehst, die Erkenntnis habe, daß dieses alles nur Krankheiten sind, welche mir Sorgen und Ärger bereiten, so muß ich doch, wenn ich geistige Krankheit, Lügen usw. in mir erkenne, ehrlich mit mir sein und mithilfe dieser Erkenntnis sie so lang nicht von mir weisen (durch Verachtung), bis ich zu einer Lösung und damit Aufhebung der Krankheit gekommen bin. Die Erkenntnis des Guten, Schönen und Wahren allein kann schon glücklich machen, denn mit der Erkenntnis überwindet man alles mit spielender Leichtigkeit. Deshalb, wenn ihr glücklich werden wollt, strebt nach der Erkenntnis der Naturgesetze, und ihr seid es schon.

Es drängt mich, jedem es zu sagen,

aufjauchzen möcht ich und nicht klagen.

Und wenn mich etwas kränkt und drückt,

so bin ich eben noch verrückt!

Auf der einen Seite der große Geist, der deinen Vater bis her gebracht; auf der andern Seite diese jämmerlichen Charaktere! Oft ist es für mich entmutigend gewesen, aber auch das war nur Krankheit. Der edle Mensch erkennt und handelt, wo‘s gibt, mit der Geißel.

Der Mensch erhebe das Rechte, das Gute,

er fördre die Kunst und des Wissens Kraft,

er schwinge das Böse zu tilgen die Rute,

er leb einem Gott gleich, der waltet und schafft!

Jetzt ist meine Mutter, meine echte Mutter, da. Sie erkennt alles was wir erstreben als das Beste an, aber ihr Alter, ihre Ruhebedürftigkeit hindern sie daran, sich hier anzuschließen, sich an den Kämpfen, welche noch vor uns stehen, zu betheiligen. Gewiß, zumal bei der Lage der jetzigen inneren und äußeren Verhältnisse kann ich es ihr nicht verdenken, daß sie es nicht thut; nein, im Gegentheil: Erst wenn hier so viel Ordnung und Ruhe geschaffen ist, daß sie sich hier glücklich fühlen kann, werd ich sie dazu bringen sich anzuschließen. Wohl hat sie meine Kraft durch ihre Gegenwart, wie ich ihr schrieb, wie Mutter Sonne, die ihr Kind durch ihren Strahl belebt, erwärmt. Doch es wäre mir ein Schreckliches, meine Mutter unter dem Druck der Verhältnisse leiden zu sehen. Also erst geschaffen, was fehlt, dann...

Die Stella wird dir vom Gustav als von einem düstern, ernsten, fast nie lachenden Gesicht erzählt und erzählen gekonnt haben. Nun, mich hat viel gedrückt, denn ich war sehr verrückt, aber ich kann jauchzen. Glaub mir, Helios, der Zukunft, dem Glück, der Sonne jauchz ich immer entgegen, wenn ich daran denke. Ich bemerke, wie ich immer froh und froher werde, trotzdem ich momentan noch krank bin.

Deine letzten Briefe, Helios, habe ich gelesen und freu mich ungemein, daß du zu solchen Erkenntnissen kommst. Es ist die Hoffnung in mir aufgegangen, daß ich in dir finden werde, was ich suche und was jeder edle, nach Erkenntnis Gottes strebende Mensch von Natur aus getrieben sucht, Helios, einen Freund. Sehnend sucht das Eine sich das Andere, was im Bunde dann ein Ganzes giebt. Was sich paart und Gotteskraft erringet, seinen Nächsten Glück und Freude bringet.

Nur der Gleichheit Stärke ist‘s, die zeugt, erhält

ihre großen Werke, zeiget unsre Welt!

Mit solchem: Schluß! Jetzt froher Mut!

Morgen soll ein Freudentag werden; wir haben den Plan, mit Kind und Kegel und dem Krankenwägel in die Jubiläums-Ausstellung zu fahren und wollen‘s den Leuten mal gehörig zeigen, was und wessen der Diefenbach werth ist. Von vorn und hinten, von rechts und links wollen wir unsern Meister bedienen. Haben einen schmucken Krankenwagen und merken‘s zumal am hungrigen Magen; wie erklärst du dir das?

Liebe Stella, auch dir - verwundre dich nicht, hier haben wir mit dem Sie gebrochen, und das wirkt auch bis nach Dorfen - auch dir gilt, was dich angehen kann. Ich freu mich ---- hier unterbricht mich die Nachricht, daß die Elisabeth [Guttzeit]] ein Kind, was für eins weiß ich noch nicht, geboren hat. Ich breche in den Ruf: Heil!! aus und stürze mich zu erkundigen hinauf auf den Boden. Ein Bub! Ein Bub!

Das meldet Euch Gustav.

*

Magda von Spaun an Stella Diefenbach in Dorfen

25. 8. 1898

La mère de Gustave est une dame très respectueuse qui vénère beaucoup ton père et approuve aussi la résolution d'un jeune homme idéal comme son fils de s'attacher au maître, mais elle-même, puisqu'elle ne s'est pas trouvée malheureuse au moment [auprès de sa] fille mariée, de ses petits-fils et d'autres parents, qu'elle est bien portante, elle ne veut/peut pas briser avec tout ce qui lui était chère, ce qui ne lui prévaut pas notre idé[al?]. Après-demain elle partira avec son fils Erneste.

Die Mutter von Gustav ist eine sehr achtunggebietende Dame, die Deinen Vater sehr verehrt. Sie billigt auch den Entschluß eines jungen, idealgesinnten Mannes, wie ihr Sohn es ist, sich dem Meister anzuschließen, aber da sie selbst sich bei ihrer verheirateten Tochter, ihren Enkeln und anderen Verwandten nicht unglücklich fühlt, da sie sich wohl befindet, will und kann sie nicht brechen mit allem, was ihr teuer ist und was unser Ideal ihr nicht aufwiegen kann. Übermorgen wird sie mit ihrem Sohn Ernst wieder abreisen.

*

An seinen Bruder Karl

Wien 30/8 98 Himmelhof

Lieber Bruder!

Die Mutter war hier, und mit ihrem Hiersein ist mir klar geworden, bewußt geworden, welches die einzige Möglichkeit ist, daß ich hierbleiben kann - hiersein kann. Bisher waren hier Verhältnisse, welche es einem fein-fühlenden Menschen unmöglich machten, sich hier wohl zu fühlen, solche Verhältnisse mit Kraft zu fördern, solche Personen Bruder und Schwester zu nennen im Schein; nein, nein, es widerstrebt mir, alles in mir sträubt sich dagegen, im Scheine zu leben.

Du wirst fragen, wie ich dazu komme, dir solches zu sagen. Mich drängt es, mich auszusprechen, und nachdem du in den nächsten Tagen kommen wirst, [um] selbst kennen zu lernen, welcher Geist mich hierher zog, mich weckte, mich beherrschte, will ich diesen Drang benützen, zugleich dich auf das vorzubereiten, was du hier finden wirst.

Du darfst dir nicht vorstellen, hier Menschen zu finden, welche die Wahrheit in sich tragen, zur Erkenntnis Gottes gekommen sind; nein, du findest hier das gerade Gegentheil: Leute, welche entweder einer Erkenntnis durch die Verkrüppelung ihres Geistes nicht fähig sind, [nicht fähig,] Gott zu begreifen, oder gar nicht das Vertrauen haben, bedingungslos dem zu folgen, zu dem sie gekommen sind. [Leute, die] in Ermanglung der Erkenntnis nicht die Kraft haben, ihr leibliches Leben soweit zu überwinden, daß sie ihm nur das geben, das allein geben, was man zur Erhaltung seiner Gesundheit braucht. Wenn nur solche hier wären, welche hierher gehören, und wenn‘s der zehnte Theil wäre, zehnmal soviel würde geleistet, zehnmal soviel gefördert werden. Der unruhige Geist, welcher hier herrscht, ist das große Übel, welches mich so sehr abstößt. Und was mich auf der andern Seite anzieht und festhält, ist die Erkenntnis der Natur durch meinen Meister, also der erkennende Geist meines Meisters.

Mir fehlt die erquickende Seele im Hause. Es ist mir eine unbedingte Noth-wendigkeit, wenn ich ganz auftreten will, gleichgeartete, wenn auch minder gebildete Seelen um mich zu haben. Der Mensch ist im Glücke seiner Nebenmenschen glücklich. Und es ist jedes edelstrebenden Menschen Pflicht, nach innerer seelischer Zufriedenheit zu streben. Und wenn er sieht, daß seine Umgebung nicht darnach angethan ist, ihn glücklich zu machen, in ihm die Liebe zu ihr und mit der Liebe die fröhlich hohe Kraft, die nur die Einheit geben kann, wecken zu können, muß er, wenn er im Bewußtsein seines ehrlich strebenden, unbefleckten Empfindens sich sagen kann, daß dieser und jener einer Liebe, einer Hingabe unwürdig ist oder in ... [unleserlich] wird, seine Umgebung, welche ihn hindert, ihm keinen Boden bietet, verlassen, sich entweder einem [andern] Ganzen anzuschließen oder sich seinen eigenen Boden zu gründen, auf welchem er lieber allein als im Zwiespalt, im Ekel vor andern seinem Ziele entgegengeht.

Ich hab große Lust zu kämpfen, aber einen frohen Kampf! Nicht im Kreise kleiner Seelen, nein, im Kreis der Geisterwelt.

Was wird hier angestrebt? - Hoch ist das Ziel und erhaben, die Menschheit hat kein höheres noch erfüllen sehn, und doch ist es so einfach, so mannigfach, es ist ein Leben nur, wie‘s M e n s c h e n ziemt, ein einfach, klar und reines Leben, gelöst von jeder Unnatur. Ein Geist- und Seelenmenschenleben und kein Sinnen-Tiermenschenleben zu führen, [das] ist es, zu welchem wir uns und zumal unsere Nachkommen bilden wollen.

Klar sind die Wege schon bestimmt; nun gilt es nur, sie männlich auch zu schreiten. Und [zu sehen?] daß auf diesen Wegen so viel Kreuz- und Querläufer diejenigen, welche bestrebt sind, eifrig und schnell vorwärts zu kommen, hindern, sie ihrer Kraft, der Lust und der Freude berauben. Mein Meister hat erkannt, daß innerhalb der Gesellschaft eine edle Menschenfamilie zu bilden oder gar aus der heutigen Gesellschaft eine edle zu reformieren ein Ding der Unmöglichkeit ist, daß angefaulter Boden nicht wieder gesund gemacht werden kann und daß eine von der Gesellschaft getrennt lebende Familie gebildet werden muß, wenn Idealerziehung angestrebt wird.

Was Hölle ist, muß Hölle bleiben, und die Qualen, welche sie dem wider die Natur lebenden, gegen die Gebote Gottes handelnden Menschen auferlegt, müssen sich steigern. So nur löst sich das Gute vom Bösen, so nur kann dem guten Wesen geholfen werden zu der Erkenntnis Gottes in der Natur zu kommen. Krankheit, Ärger, Sorge, Gefangenschaft und ähnliches sind nur Höllenqualen. Ein zur Erkenntnis Gottes gelangter Mensch kennt keine Qual; all das gehört in die Hölle. Komm und sieh und höre, wie man sich von der Hölle trennt, wie man ins Paradies eingeht, auf Erden.

Hier ist ein Boden für alle die, welche in der Erkenntnis der Wahrheit ihre Sehnsucht und ihre Thatkraft steigern und sich damit fähig machen, sich hier anschließen zu können. Wenn auch, wie ich angeführt habe, die Verhältnisse hier noch erbärmlich sind, so vertrau ich doch darauf, daß sie in nächster Zeit edlere, schönere werden, und daß sich dann jeder denkende Mensch nur hier glücklich fühlen kann.

Ein Mensch, der seinen Geist nicht bis zur Erkenntnis Gottes erheben kann, hat ein verlorenes Leben. Der Genuß des denkenden, mit und in der Natur lebenden Menschen auf Erden ist ein ungeahnt großer, ungeahnt von den vertrottelten Tiermenschen. Deshalb erhebe sich aus eigenem Interesse und dem Interesse seiner Kinder jeder, der noch soviel Jugendkraft in sich hat, auf diese das höchste Glück verheißende Stufe!

Erhaben über alle Qualen, vom Geist der Welt geleitet steht

der M e n s c h ,

er fühlt des Geistes Stärke, nun, daß er ihn begreift, versteht.

Und jauchzend schallt der Thon der Freude!

Sie ist des Menschen Dankgebet.

Dein Bruder Gustav.

Diese mehr an mich als an den Bruder gerichteten Worte muß ich auf meine wiederholt gegebenen Belehrungen hin als dünkelhaft aus Aufrechterhaltung eines gänzlich unreifen, aus eigenen Fehlern und Schwächen entspringenden Urtheils erklären.

Diefenbach.

*

Gusto Gräser an Stella Diefenbach in Dorfen

Wien 31/8 98.

Liebe Stella!

Ich weiss nicht wie ich anfangen soll, nun, ich werd‘ dir einen Traum erzählen, dann wird‘s schon in Fluss kommen.

Gestern Nacht - - Ein mächtiger Riese mit langem Bart u. Haupthaar reicht mir zum hohen Fenster die Hand geradeaus u. lacht (das ist das grosse Ereignis, welches in nächster Zeit unsere Familie bewegen wird) er kommt herein, auf welche Weise weiss ich nicht, u. streckt sich der ganzen Länge nach im Zimmer aus. Ich werd‘ abgerufen; in einem mir unbekannten Zimmer trete ich ein, finde dort schon eine ganze Reihe wartender Menschen, zumeist sympathische Gesichter. Es tritt der Meister ein u. mit ihm ein Menschenpaar, Mann u. Weib, d.h. umgekehrt, denn der Mann war anscheinend ein Pantoffelheld, er stand hinter ihr, sie war gross u. stattlich, blatternarbig, stumpfnasig, geworfene Lippen, sehr markante Züge.

Sie sprach mit dem Meister in sehr ungeniert freier Weise, fuchtelte mit den Händen in der Luft herum u. nannte, was mich nachdenklich stimmte, den Meister du; der Mann stand hinter ihr, wie gesagt, ein Pantoffelheld non plus ultra.

Ich erzähl beim Frühstückstisch den Traum, da thönt es: „Die Jolantha, die Jolantha!“. Ist‘s möglich? frag ich nun, dass das ein Wahrtraum ist?

Dass die Wunde bald aufbrechen muss, welche bis jetzt reifte, ist anzunehmen. Es regt sich etwas, es kommt, muss kommen, wenn wir nur standhalten; nichts ist standhaften Menschen unerreichbar, was irdisch ist!

Mir kommt es immer, wenn ich hinaustrete ins Freie vor, als hätte ich heuer viel versäumt, nun ist das auch wahr. Ich bin nicht in einsam stillen Tälern gewandelt, hab‘ nicht wie sonst mich mit der Natur aussprechen können, nicht erneuern können meine Empfindungen zur Natur. Ihr könnt, konntet das, Ihr seid glückliche Menschenkinder!

Wie ich voriges Jahr, als mir der Wald solche Worte weckte:

Wie es thönt an allen Enden

In des Waldes weitem Raum!

Von des Felsens schroffen Wänden

Rieselt es, man hört es kaum.

Vöglein singen, Wasser rauschen

Und im Baume pfeift der Wind.

Gottvoll träumend thu ich lauschen,

Bin ein glücklich Menschenkind!

Dass wir glücklich werden, ist mein Streben,

Nur das Glück der Nächsten kann auch Dir es geben.

Dein Gustav.

Eben stürzt die Hilaris aus der Waschküche herein: Wem schreibst du? der Stella? Sie erschrickt, u. fällt mir wiederholt um den Hals: Bitte grüss sie, wünsch ihr auch von mir Glück. Ich versprech‘s. Der Dank war, dass ich fast erwürgt wurde!

Kommentar von Diefenbachs Enkel Fridolin von Spaun:

Die erwähnte „Jolanda“ war auch eine Jüngerin am „Himmelhof“. Von ihr fand ich nun noch einen Brief an Diefenbach aus späterer Zeit, nach Capri gerichtet. ... Die erwähnte Hilaris war damals „sozusagen“ Diefenbachs Frau, die nach ihrem Hinauswurf verleumderisch intrigierte. [Jolantha = Hilaris]

*

An K. W. Diefenbach

4. Sept.1898

Ihr wollt wissen, wen ich für nicht hierher gehörig halte, welches die Verhältnisse sind, die mir mein Hiersein verleiden.

Jeden hätte ich gerne weg von hier, auf welchen ein echt liebevolles, freundliches Wort weniger wirkt als ein barsches kommandierendes. Jeden, mit welchem Ihr, ohne Ekel zu empfinden, nicht echt liebevoll sprechen könnt. Jeden, welcher egoistisch nur sich zulieb [alles] thut und was ihm nicht angenehm, [nicht thut], was aber andern eine Freude sein könnte. Vor allen Dingen also jeden, bei welchem freundliche Worte nicht genügen, den vertrauensvolle Worte nicht zum Eifrigsten anspornen. Jeden Schein verbannen, nicht etwas wie: lautlos eine Stunde fast bei Tische sitzen und dann [sagen]: „Also jetzt singen kommen“ usw.

Wohl ist Fröhlichkeit vor allem zu erstreben, aber [die kann] bei Menschen, soll bei Menschen nur durch herzliche Theilnahme für jeden seiner Umgebung erweckt werden. Vor allen Dingen [sollen] nur solche [bleiben], welche geistig auf solcher Stufe stehen und so viel Erkenntnis haben, dass mit ihnen ein solcher Verkehr möglich ist. Und nur Kinder, nicht aber verstockte Erwachsene sollen unter diesem Geistes­grad aufgenommen werden, erzogen werden. (Gestrichen: Einen Hermann auf eine edle Stufe zu bringen halte ich, wenn nicht für ganz, so doch für so unfähig, dass es ein halbes Leben der Plage und Ärgernisse erforderte. Ebenso Matthias und Franz.)

Euch soll die Gegenwart eines jeden Euch Umgebenden eine Freude und kein Ekel sein. Aber das Wichtigste zum Schluss:

Ihr braucht Ruhe, denn mit derart drängenden nervösen Worten, mit derartigem Erschrecken, wenn etwas nicht recht geschieht, macht Ihr selbst den Betreffenden nur unmutig!

Ja ja, verzeiht die Lüge des Verschweigens; es hängt alles mit Euch zusammen. Wenn Ihr zur Ruhe gekommen wäret, ruhig fester und doch auch milde Eure Weisungen ertheiltet, mit Fröhlichkeit und Hingabe würden sie erfüllt.

Hier kann also nichts anderes helfen, als dass Ihr verkündet: Wer mir bis zur Ruhe, bis zur Erledigung der drückendsten Lasten hilft, der bleibe bis [da]hin. Dann ziehe ich mich mit meinen Kindern zurück, und wenn ich alles innen und aussen geordnet habe, dann rufe ich die, welche ich liebe! Anders kann‘s mit Fröhlichkeit und Liebe nicht erreicht werden, das grosse Ziel!

Urtheilt weise, wenn Ihr ruhig geworden, über Euren ergebenen

Gustav

Ich widerspreche jedem, der behauptet, das und das ist nicht möglich, und sage: Alles ist in weisem Geiste, im Geiste, den der Mensch von Gott, dem Meister, erhält, alles ist dem Menschen möglich, was nicht über seine Erdatmosphäre hinausgeht!

Der Mensch hat zu gebieten, zu ordnen, aber nicht, indem er fordert von andern, sondern indem er von sich fordert zu sein, wie Gott, wie Er will, dass man gegen Ihn sei.

Nur das Gute kann mich halten, und das Böse stösst mich ab, damit dem Bösen wird, was ihm gebührt.

*

An K. W. Diefenbach

[5. 9. 1898]

Die Ursache, warum ich weggehen muss (weil ich nicht gegen Gott handeln will), hier zu dokumentieren, schreibe ich diese Worte nieder.

Den, welchen ich als Meister anerkannt hatte, ist mir unmöglich gewor­den, auch heute anzuerkennen! Denn es war mir die ganze Zeit über, dass ich da bin, nicht möglich, mich ihm gegenüber auch nur einmal gründlich auszusprechen.

Wohl war ich ein Schwächling, dass ich mir nicht verschaffte, was ich als rechtmässig einem Meister, einem Vater gegenüber erkannte. Das Tage­buch allein kann die Stelle gesprochener Worte nicht vertreten, denn Blick und Thon sind die Äusserungen der Seele, und wo die fehlt, ist keine Gemeinschaft, keine [solche], wie [sie] der Schüler zum Meister [haben] soll, möglich.

Ich erinnere mich an Worte, welche ich vor Jahren schrieb. So naiv sie sind, freuen sie mich. „Worte ohne Seele ist Wasser ohne Meele.“ Die Thatsache [fehlender Offenheit] hatte zur Folge, dass ich schweigen musste, lügen musste; durch die Härte und Steifheit der Worte und durch die ermüdende Länge und Breite der Reden [des Meisters], welche ununterbrochen mich nicht zu Worte kommen liessen, wo es mich gedrängt hätte zu sprechen, [wurde ich] unwillig gemacht, überhaupt zu sprechen; wurde ich ver­schlossen in Geist und Seele, in Arbeit und Verkehr. Ich erkannte die Schwäche des Geistes, welcher mich mit solcher Kraft angezogen hatte, in der Wirkung, welche er verursachte auf einen rein, wenn auch wenig bewusst empfindenden Geist, der mir ward durch Gott, meinen ewigen Meister, den ich immer als letzten befrage. Der mir Offenheit gebietet, gebietet, dass ich nur dort, wo ich offen sein kann, sein darf. Ich gehöre dahin, wo die Wahrheit waltet. Setzt sich jemand Ihr entgegen, darf ich nicht mit ihm sein, ihm damit zu beweisen, dass ich die Lüge anerkenne als das Richtige.

Verschlossen ist mir worden der Weg, wo ich hätte Gutes thun können, indem ich bleibe. So muss ich gehen, um hier zu sein!

Ich stellte mir die Aufgabe, nachdem ich das Übel im Werke erkannt hatte, auszubessern in Rath und That. Es ekelt mich, das Gute zu erzwingen; wird es nicht frei gewählt, so kann es nie gelingen.

Im Druck, vom Oberhaupte der sogenannten Familie aus[gehend], nahm ich diesen Anlauf, Hausordnungen, Sprüche usw. zu schreiben, die [eigentlich] das Oberhaupt vertreten und bewachen sollte. Mit Worten [wollte ich] das Gefühl anregen für ideales Streben und in Formen, im Schmuck des Heimes, die Seele sehnsüchtig werden lassen, in dieses Heim auch passendes Leben zu bringen. Zunichte ist es, denn zerdrückt! So meinte ich‘s, wie ich[‘s] hier anführe:

Nur Gott vermag, was Menschen denken,

Durch Irrtum zu dem Rechten lenken!

Drum fraget, Euren Gott zu ehren,

Er wird durch Antwort Euch bekehren!

Das Leben sei ein Spiel der Wette,

Der Arbeit sei der höchste Lohn!

Schliesst klingend Eures Bundes Kette

Und froh erkämpft des Glückes Thron!

Gustav Gräser,

seit 15.April im Hause

K.W. Diefenbach,

hat am 5.September 1898

diesen Entschluss gefasst,

welcher ist:

Ich gehe, um hier zu sein“.

*

Charlotte Gräser an ihren Sohn Gustav

6. 9. 1898

Mein lieber Gust!

Nach einer langen anstrengenden Fahrt sind wir wohlbehalten in unserem Heim angelangt. Die Ereignisse und Einblicke, die ich in Herrn Diefenbach’s Hause erhielt, dazu seine hohen edlen Ziele haben auf mich für mein ganzes Leben unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Ich muß sehr viel und ausführlich erzählen und sage auch alles, was mir gefallen hat. Eines über was ich mich schämen würde zu sprechen, habe ich niemandem gesagt, nämlich das ist das Verhältnis zwischen den Männern und Frauen, die wilde Ehe und daß die Kinder, die dort geboren werden, nicht nach Christuslehre getauft werden. Fräulein Sachsenheim Gabriel, die jetzt nicht in Mediasch ist, sind die Verhältnisse, wie ich sie schilderte, brieflich mitgetheilt worden. Wie ich das Fräulein kenne, glaube ich, würde sie kommen, wenn eben dieser dunkle Punkt nicht wäre.

Charlotte Gräser in ihrem Tagebuch

9. 9. 1898

Den 8ten oder 9ten bekam ich in Tekendorf einen Brief vom Gusti, in dem er sein gänzliches Fortgehen vom Diefenbach und sein Kommen nach Tekendorf ankündigte. Ich war sehr überrascht, obzwar ich bei meinem Besuch in Wien es herausfühlte, dass Gusti mit den oft haarsträubenden demoralisierenden Verhältnissen nicht zufrieden war und sein konnte. Ich schickte ihm sogleich das Reisegeld und auch 5 fl., damit er sich Schuhe kaufen kann (denn Kleider hatte er noch) und bei seiner Schwester so, wie wir gewöhnt sind uns zu kleiden, erscheint.

Friedrich von Spaun an Hilaris

11. 9. 1898

Die Ereignisse der letzten Zeit und ihre gewaltigen Folgen zwingen mich, mit rücksichtsloser Strenge jedes den Meister nicht würdigende und verletzende Wesen aus dem Hause zu entfernen, wie heute die ganze Familie Walther sowie Gustav Gräser das Haus verlassen müssen.

Franz Mayer in seinem Tagebuch

11. 9. 1898

Heute wurde das, welches eines Abends mit Worten ausgesprochen, in Thaten umge-wandelt, und es mussten 3 Personen das Haus Diefenbach verlassen.

Magdalene Bachmann an Marie Knitschke

12.9. 1898

Der Meister entließ nun diejenigen, welche ihn mehr hindern als fördern, und zwar eine ganze Familie [die Walthers mit 5 Personen, nämlich: Wilhelm Walther und seine Geliebte Elisabeth Guttzeit, Ida Walther mit ihren Kindern Hans und Fritz], 7 Personen [im ganzen], einen Schriftsteller [Anton Losert] und einen jungen Bildhauer [Gusto Gräser].

Franz Mayer in seinem Tagebuch

12. 9. 1898

Ein hochgebildeter Metallbildhauer, Gustav Gräser hieß er, mußte heute von unserem Hause scheiden, weil er ein grobes Vergehen begangen hat. Mit nassen Augen und barfuß zog er schweren Herzens fort, seiner Heimat zu. Nichts durfte er mitnehmen, welches an den Meister erinnerte. Dieses, glaube ich, ist die größte Strafe, welche ein Jünger bekommen kann.

Anna Bayer in einem Brief

14. 9. 1898

Es erschien mir unglaublich, ich konnte nicht fassen, dass so ein erbärmlicher Charakter, wie ein schwankes Rohr im Winde, existieren könnte, nachdem, wie ich wähnte, durch sein Hiersein er den Seelenadel empfangen hätte. Ich war wüthend, dass ein Mensch die Stirne hatte, in so ziemlich ruhiger Zeit ruhig hier blieb, und als der Sturm kam, die fortwährenden Zeitungsangriffe wegen dem Arbeiter Baumgartner, wo alle, die hier waren, umso festere Säulen an dem Menschheitsbau des Meisters an seiner Seite hätten bleiben müssen; wenn da einer hergeht, anstatt, wie eine Eiche, je ärger der Sturm, sich desto fester demselben entgegenzustemmen, wenn da so ein "treu Ergebener" in dieser Zeit einfach die Flucht ergreift und weggeht, ist das nicht eine erbärmliche Feigheit?

Ich hatte kein anderes Gefühl, als eine unsägliche Traurigkeit und Empörung über die Undankbarkeit, die Lieblosigkeit und Enttäuschung, die dem übermenschlich geduldigen Meister aufs neue zugefügt wurde; ich sagte mir, was in meinen Kräften steht, will ich thun, um diesen Schritt wenigstens in dieser so schweren Zeit zu verhindern, und ich schrieb dem Gustav Gräser, ob er sein Vorhaben wohl überdacht, ob das sein Pflichtgefühl ist, sich jetzt vom Meister loszusagen, worauf seine Antwort: "Ich kenne meine Pflicht".

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