Hilferuf an Hesse

Askona Dienstag 18 – 12 – 16

Lieber Hermann Hesse –

Die blasse Tinte ist symbolisch. Der Farbstoff ist zu teuer für uns, denn – ich liege bettgebunden, staatsgeschunden da und kann mich nicht anders als mit der Feder rühren um das Nötige. Hab mir mit Holztragen vor Tagen den Rücken überhoben und muß nun krank und krumm daliegen und zusehen, wie der harte Mangel, der diesmal auch hier recht harte Wintergraus unser Haus, meine sieben, halt, acht Lieben immer drohender umkreucht und umwettert. –

Soll ich warten, bis die Meinen auch krank werden, wovon sich schon Spuren, Halsanschwellungen, Frosthände, zeigen? Muß Sie fragen: Können und wollen Sie mir, uns, mit etwas Geld beispringen? Ich glaube, Sie sprängen sich selber bei.

Wohlauf! Gusto Gräser – Askona.

Original im Hesse-Archiv der Landesbibliothek Bern


Kommentar:

Der Brief an Hesse wurde geschrieben, nachdem Gräsers Versuch, mit Reden in Zürich und Bern Brot für seine Familie zu schaffen, im November 1916 gescheitert war. In beiden Städten war er verhaftet und nach Ascona abgeschoben worden. Der Abdruck seines Gedichts „Menschen, Heimat braucht die Erde“ im Novemberheft der Zeitschrift ‚Neue Wege‘ von Leonhard Ragaz konnte acht Kinder und zwei Erwachsene sicher nicht lange ernähren, auch wenn der Herausgeber noch so großzügig war. Zwar hatte Hesse, in Kenntnis von Gräsers Notlage, schon am 12. Dezember im ‚Berner Intelligenzblatt‘ einen Spendenaufruf eingeleitet. Dessen Ertrag war aber in Ascona noch nicht angekommen. Deshalb musste Gräser, nachdem er sich auch noch verletzt hatte und nicht mehr für Heizmaterial sorgen konnte, den Freund noch einmal um schnelle Hilfe bitten.