Jul Glemser, Göppingen, an Prof. Auguste Forel, Yvorne (Schweiz):

28. IV. 1919


Sehr geehrter Herr Professor!

Am letzten Samstag, 26. IV., habe ich von Wangen-Stuttgart ein Telegramm an Sie gesandt: Die Kinder Gräser in Askona in höchster Geldnot. Bitte sofort 500 frs oder mehr hinschicken. Erklärung folgt. OR Glemser als Freund der Frl. Pross. –

Sie kennen Gusto Gräser, den Prediger edlen Menschentums, den unerschrockenen Zeugen der Wahrheit; vielleicht kennen Sie ihn besser als ich.

Vor dem Krieg hat er in Stuttgart gewirkt. Bei Ausbruch des Krieges ist seine Familie zu seinem Bruder Karl Gräser gezogen, der in Askona ein größeres Landgut hatte. Gusto Gräser blieb zunächst in Stuttgart, wurde dann aber im Oktober oder November als „lästiger Ausländer“ ausgewiesen – in erster Linie, weil er sich weigerte, Blut zu vergießen. Er ist Siebenbürger Sachse von Geburt. Sie schafften ihn nach Bregenz.

Seine Frau ist von Askona mit einem etwa vierjährigen Töchterchen zu ihm geeilt. Zu dritt wurden sie nach Wien und weiter nach Buda-Pest gebracht. Zunächst wurde er von Psychiatern verhört und beobachtet. „Wie denken Sie über den Staat?“ – Seine Antwort: „Sei wahr und echt.“ – Damit konnten sie natürlich nichts anfangen. Tauglich ist er schon – aber er schwört nicht zur Fahne. Sechs Wochen Gefängnis.

Dann geht’s in seine Heimat nach Kronstadt. In der Kaserne versuchen sie es zunächst mit einer sonst beim Militär undenkbaren Geduld – er zieht die Uniform nicht an. Es muß ein merkwürdiger Anblick gewesen sein: wie der Mann in seinem Täufergewand im Kasernenhof etwa lesend mit einem Buch zwischen den exerzierenden Rekruten auf und ab geht. Die Soldaten fragen ihn: Ja ist es denn nicht recht, in den Krieg zu ziehen? Klug sind seine Antworten: Tu was deine innere Stimme dich heißt! Sei nur ganz wahr. Viele werden unruhig. Da stellt ihn der General vor die Entscheidung: Entweder ziehst du jetzt die Uniform an oder du wirst morgen erschossen. „Tut was ihr müßt“, ist seine Antwort.

Er nimmt von Frau und Kind Abschied. „Ja, Gusto, du kannst ja nicht schwören; wir hatten ja immer damit gerechnet, daß wir auch das Leben lassen müssen für die Wahrheit – morgen früh komme ich mit dem Kind wieder, ich werde dabei sein, wenn sie dich erschießen. Aber“, fügt sie hinzu und er sagt dasselbe, „ich habe gar keine Bangigkeit, daß ein Unglück geschehen dürfte.“

Am andern Morgen ist die Treue schon um sechs Uhr an der etwa eine Stunde vor der Stadt gelegenen Kaserne – ihr Mann ist fort!... Sollten sie doch ein Unrecht begangen haben? Doch nein, sie fühlt ja nichts derartiges. Da kommt endlich ein bekannter Offizier und kann ihr sagen, daß ihr Mann in der Nacht fortgeschafft wurde – nach Klausenburg.

Dort brachten sie ihn wieder in eine Irrenanstalt, um ihn weiter zu beobachten. Frau Gräser reiste nach. Der Leiter der Anstalt tröstet sie in herzlicher Weise und beruhigt sie über die nächste Zukunft, so daß sie nach Ascona zurückreisen kann. Zu ihren Kindern, für die sie unter dem Herzen schon ein Schwesterlein trägt.

Sechs Monate ist der Mann in Klausenburg, noch zweimal wird er vor das Erschießen gestellt; er ist bereit. Endlich entlässt man ihn als „mit verkehrten Ideen behaftet“. (Mittlerweile haben noch recht viele solche verkehrte Ideen bekommen!)

Er eilt nach Ascona. In der Morgenfrühe tritt er ein, da reicht ihm seine Gattin ein achtes, vier Stunden altes Kindlein als Willkomm! … [Lücke ?]

Der Bruder Karl starb und hinterließ sein ganzes Gut von 100 ha der Familie Gusto Gräser, die es nun mit Freuden bebaut hätte. Doch war scheint’s bei der Übernahme eine Hypothek von 28 000 frs abzulösen. Das hat ein Schwindler, Henger oder Heng aus Deutschland, benutzt, um ihnen das Ganze abzugaunern, auch das Haus samt Einrichtung! Gräser wehrte sich nicht: Wenn es ein ‚Haber’ ist, laßt es ihn haben! Sie pachten ein anderes Häuschen mit etwas Land und bebauen es. Da kommt der Zusammenbruch in Deutschland. Nun duldete es ihn nimmer in der Schweiz, er muß zu den Deutschen und helfen retten, was an Menschentum zu retten ist. Seine Gattin begleitet ihn; sie kann ihre Kinder (das jüngste ist mittlerweile 2 Jahre alt) wohl allein lassen. Die 17jährige Dora ist ein gutes Hausmütterchen und Allander mit 20 Jahren ein guter Beschützer.

8 Monate schon wirkten Vater und Mutter in Deutschland: o solche Männer und Frauen sollten wir in Deutschland mehr haben, die durch ihre ganze Erscheinung laut zeugen gegen Mammonismus und Materialismus und gegen jede Selbstsucht. Nicht nur durch Wort und Rede – wer hört denn in solchem Wirrwarr noch auf ein vernünftiges Wort? Seit 3 oder 4 Wochen ist der Mann in München, die Frau allein in Stuttgart. Sie geht in die Paläste und Hütten. Merkwürdigerweise: In der unruhigen Streikzeit wohnte sie in einem der reichsten Paläste auf der Reinsburg, ging tagsüber unter die aufgeregten Arbeiter auf dem Schloßplatz und konnte zu ihnen reden und sie beruhigen. Doch wirkliche Teilnahme findet die Frau bei den „Reichen“ kaum.

Nun im 7ten Monat reicht das Geld den Kindern nicht mehr. Äußere Ursachen dafür zu finden, wäre ja nicht allzuschwer, aber der tiefere Grund ist eben die Herzenshärtigkeit der Menschen, die kalt diese zwei Menschen die schwere Last schleppen lassen, die sie doch selbst tragen sollten. Am Gründonnerstag erfuhr ich zum erstenmal von der Geldnot. Weil eine Frau Oberregierungsrat eine Sammlung unter ihren Bekannten machen wollte, tat ich zunächst nichts, doch bis Mittwoch war eigentlich noch nichts da. Es ist ja das auch nicht so sehr zu verwundern: wie kann die „Dame“ bitten, wenn sie selbst sich nicht bis zum äußersten anstrengt und es ihr in ihren seidenen Sesseln so behaglich vorkommt. Die Kinder sollten Rechnungen von 400 frs bezahlen und hatten keinen Rappen. Am liebsten wäre ich selbst helfend eingesprungen, aber ich selbst verfüge über 1000 Mk Kriegsanleihe ( + 8000 Mk Kriegsanleihe der Kinder) und habe auf der Sparkasse und Girokasse 1200 Mk – das bis 1. VIII. vorausbezahlte Gehalt inbegriffen! –

So machte ich mich ganz energisch auf die Suche nach Geld und konnte nach den 2 Tagen, die mir zur Verfügung standen, der Frau Gräser 200 Mk einhändigen. Eine Gönnerin ließ den Kindern nachträglich, wie ich heut erfahre, 100 frs aus eigenem schweizer Guthaben überweisen. Das war ja eine Hauptschwierigkeit nun: das deutsche Geld ist so entwertet in der Schweiz, dass es überhaupt fraglich ist, ob es richtig ist, „Geld“, das nicht viel gilt, für die Schweiz zu sammeln! Ich sagte darum verschiedenen der reichen Damen: legt doch von euren Perlen der Frau in die Hand, daß sie in der Schweiz dann den vollen Wert einlösen kann! – Doch so weit sind die Närrinnen noch nicht. Ich will die Antworten vergessen – sie sollen mir nicht weiter im Wege stehen und meinen Glauben an das Gute im Menschen mindern.

Doch die Kinder müssen Geld bekommen. Die Mutter will doch auch wieder und zwar bald nach Ascona. Wenn die Schulden nicht bezahlt werden, dann schieben sie die Kinder einfach über die Grenze, und die Mutter darf gar nicht mehr in die Schweiz. Da blieb wohl nichts anderes übrig, als Hilfe aus der Schweiz selbst herbeizurufen. 3 Adressen standen mir in Stuttgart zur Verfügung. Zunächst zwei christliche Erholungsheime. Aber Sie wissen: Gusto Gräser trägt keinen Stempel irgendeiner Gemeinschaft – leicht versagen sich solchen „Einheriern“ die im Heerhaufen Marschierenden, trotz Lukas X,25. –

Herr Professor! Sie sind mir von verschiedenen Seiten als edler Menschenfreund geschildert worden! So telegrafierte ich an Sie! Ich weiß nicht, ob Sie selbst in der Lage sind, eine solche Summe herschenken zu können – und doch habe ich das Empfinden, daß ich mich an den richtigen Mann gewandt habe …

Und nun, verehrter Herr Professor, genug für heute. Fräulein Proß bitte ich herzlichst zu grüßen. Sie hat Ihnen ja schon von meinen Plänen, eine Schulsiedlung zu begründen, erzählt … Das Ganze ist mittlerweile in ein neues Fahrwasser gekommen: ich kenne nun das „Lichtland“, meine Füße haben es betreten – es ist wohl der schönste Fleck im schönen Schwabenland: das Gestüt Weil-Scharnhausen bei Eßlingen am Neckar. Noch gehört es dem König – aber ich steh schon in ganz regem Gefecht mit ihm und seinem Oberstallmeister. Hoffentlich kann ich bald Entscheidendes darüber sagen – auch Ihnen, den ich im Geist als Bundesgenossen betrachte.

Ergebenst grüßt Sie

Ihr ….