Gusto im Himmel
 

Rotwildpark bei Stuttgart-Vaihingen

 
Duld gedulde - pochts in meinem Grunde –

Du, Du, Du!
Banger Narr, was misst Du Deine Stunde, immerzu?
Lass die Toten, lass die Krämer messen – aber Du wag lebend
zu vergessen Zeit und Schuld.
Duld gedulde sonder Zahl und Zagen, Du, Du, Du!
Mit des Herzens allvergessnem Wagen wog in Ruh –
kannst zum Wunderganzen nur gesunden,
hast Du tief zur Traglust heimgefunden –
Du, Du, Du.

Duld, gedulde, wie im Lande droben jener Baum,
seine Äste ragen frohgehoben in den Raum –
hei, wie lässt er sie so unverdrossen
in das Blauen, in das Grauen sprossen,
sonder Grauen.
Hohes Dulden füllet seine Dolden bis ans Herz,
kehret werdefröhlich sie der golden Sonnen wärts –
und den Stürmen rauschet er Willkommen,
weil so Bäumen auch die Stürme frommen,
auch – der – Schmerz.
Riss der Blitz ihm krachend eine Wunde in sein Haupt,
tiefer wurtselt er im dunklen Grunde, dem er glaubt,
seine Lust kann er ihm nit verderben,
ein Geduldger, lacht er noch im Sterben,
grünumlaubt.
Zu des Baumes werdetiefem Schweigen horche still,
seinen Urwuchs lasse überzeugen dein Gefühl –
übe Du mit deines Urtheils Fühlen
zu gehorchen jenem wilden Willen,
tief und still.
Nur soviel Du tief dem Grund verbunden, seiner Huld,
schlägt Dir nimmer wehe Todeswunden Ungeduld –
kannst Du nur dem Baum dadrin vertrauen,
muss aus Dir bald stürmegrühsend schauen
die Geduld!
*


Gusto im Himmel

Aus dem Brief von Gusto Gräser an seine Töchter Trudel, Heidi und Lotte und an Trudels Freund Henri vom 17. Dezember 1931

Himmel - 17 Jul [Dez.] - 31

Jawohl, mitten aus dem Himmel, lieber Henri - Trudel, Heidi und Lottchen, schreib ich Euch. Hat lang genug gedauert, bis ich einikam. ….

Nun gingen Monate herum - ich schlief beim andern Ernst. Vom Werkstatt-boden kam ich auf den Stubenboden, dann auf ne enge Polsterbank, ich machte sie mir breiter mit paar Stühlen und war ein Monat wohl beim Biedermann. -

Lief kreuz und quer durchs Land - gab Anfrage in die Zeitung - nichts - nahm zwei Wohnungsvermittler in Anspruch - nichts passend Rechtes wollt sich finden. Dann luden mich die grohsen Kinder "Möbelmosers" ein, den ich auch von früher kenne. -

Da war ein Bett und eine Kammer frei, doch er war nit so recht dabei, und auch nicht Eintracht zwischen Kind und Vater - ein Monat etwa.

Dann ging ich wieder zu dem Tischlermeister [Ernst Körner], er hatte mich so aufgefordert, als ich ging. - Gab mir nun Schlüssel, so war's gut. Nun warf ich mich der Mutter Sprache in die Arme - sie tröstet, kräftigt, heilt und wärmet Jeden, der sie liebt. Die Stadtbücherei sah mich nun wieder oft - was ich da wieder schöpfte, wird wohl auch Andern Schöpferlust erwecken. Wann? Wenn sie schwindelsatt nach Treu verlangen. …

Na - so dass Ihr die Leiter in meinen Himmel ein wenig nachtasten könnt.

Dann kam nach vielen grauen wieder ein Sonnentag. Ich geh so langsam auf dem Schlossplatz in Stuttgart, da seh ich an einer Ecke einen Mann im Bart mit einem Kinde stehn. Er guckt mich offen an, und weil mich das grad anspricht, sprech ich ihn auch an gradewohl. -

Er ist vergnügt, ich nehm die Hand des Kindes. Es schlägt warm ein, und wir gehn nun ins Wühlen der Schlossstrasse rein. Ich frag unter anderm bald: Was treiben Sie? - Er, wenig komisch, "arbeiten". - Ich lass es, wir sprechen anderes - aber dann drängt meine Frage: Glauben Sie denn, ich frug bloss so obenhin nach Ihrer Tätigkeit, wenn nichts anderes, so färbt doch was wir jahrein, jahraus - tagein, tagaus treiben notwendig selbst ins Innerste ab. - Ich war auf der Spur "Kunstgewerbe". - Da sagt er: Bin halt ein Goldschmied. - Ich bücke mich sofort, heb einen genau vor meinen Füssen liegenden Goldring auf - und frag: Haben Sie den geschmiedet?

Was sagt Ihr dazu? - Das Gold vom Mund mit dem Gold als Fund zugleich in einem Athem. Wann - wo war das schon einmal? -

Wir gehn weiter. Er ist ja auch ganz paff, und nun sprech ich von dem Ring, dem in der Sonne hold blinkenden Wink, den ich hier vom Leben empfangen. …

Nun weiter - die Himmelsleiter:

Angeregt durch das seltsame Ringspiel guckte ich sozusagen durch dies Gold-ringlein in die Welt und sah Manches, was ich sonst kaum beachtet hätte - und die goldene Schwabenseele lächelte mir wirklich freundlicher.

Am Abend des zweiten Tages, ein Sonntag war's, mit Hunger nach Mensch in ein Speisehaus. - Am Nachbartisch sitzt ein junger Mann, und weil's mich auch grad beschäftigt, frag ich ihn, ob der Verfasser von "Sturm aus Schwaben" wohl ein Schwab sei. - Er weiss es nicht, aber setzt sich an meinen Tisch - - -

"Keine Wohnung? Ich weiss eine Stube, für Sie wie geschaffen, am Wald beim Wildpark - - "

Und der "Schilling" hat mich her in den Himmel geführt.

Dacht nit, dass die Geschicht so länglich wird - na, nu sind wir endlich ange-langt. Meine Wirtsleute sind ehrlich taktvolle, herzliche Volksmenschen, haben ein Büble. Er ist als Packer in einer grohsen Buchbinderei tätig. Und wenn er heimkommt und mit seinem Buben plaudert, der dauernd an ihm in die Höhe krackseln will, freu ich mich immer wieder an seinem nicht zu verstimmenden, urgeduldigen goldigen Vaterthon. - - -

Die Stube hier war leer, da musst ich manches zimmern, Tisch, Bettgeläg und ein paar Topf- und Bücherborde. - Nun bin ich so in einger Ordnung drin, und nun kann's angehn, hah, das himmlische Schaffen.


Warum schreibt Gräser „im Himmel“? Ist es nur wieder ein Fimmel? – Aber nein – diesen „Himmel“ gibt es wirklich. In Vaihingen bei Stuttgart.

Dort gibt es eine Straße dieses Namens, und Gräser wohnte dort 1932 in Nr. 36, wie aus seinem Schreiben an Prof. Friedrich Panzer vom 20. 7. 1932 hervorgeht. Das Adressbuch gibt Auskunft, dass der gastfreundliche Packer Rommel hieß. (Dank an den Finder, den Ernst Graeser-Forscher Albrecht Vaihinger!)