Diogenes in München

Von Ernst Penzoldt
(Gekürzte Zusammenfassung)

Das Wort des griechischen Weisen: Der Mensch ist an sich schon ein hinreichender Grund zur Traurigkeit – lässt es sich nicht mühelos umkehren?

Das hübsche muntere Mädchen mit dem Goldfischgesicht schien jedenfalls zu finden, dass der Mensch ein hinreichender Grund zur Belustigung sei. Es ließ seine Augen in der Runde umherspazieren, und man sah es ihnen an, dass es sich dabei ganz köstlich unterhielt. Noch gelang es der Kleinen, sich zu beherrschen, aber obwohl sie sich auf die Lippen biss, schließlich platzte sie doch heraus.

Der Fahrgast Diogenes war der Anlass ihrer kindlichen Heiterkeit. Ich nenne ihn so, weil ich mir denken könnte, sein geistiger Ahne, der Weise in der Tonne, habe von ungefähr so ausgesehen, lang und hager, haarig und bärtig wie dieser ernste, würdige Greis, der mit Kneippsandalen beschuht, mit einem grauen Wamse bekleidet, barhäuptig, ungeschoren, die Straßenbahn bestieg, als wäre sie ein Ozeandampfer. Er hatte etwas Hinterwäldlerisches, seine mit geflochtenen roten Riemen gebundene Ledermappe wirkte indianisch. Der Volksmund pflegt solche Erscheinungen, die einem naturgemäßen Lebenswandel huldigen, gemeinhin Kohlrabi-Apostel zu nennen. Mir erschien er wunderlich, aber nicht komisch. Nach dem Spruch: omnia mea mecum porto trug er offenbar all das Seinige mit sich, in der vorerwähnten Mappe, einem Einkaufsnetz, einem umgehangenen Beutel, ja selbst in dem Bausch seines gegürteten Wamses. Ich fand, dass er sich auf dem Weg zurück zur Natur doch recht abzuschleppen hatte. Außerdem trug er, doch ein Opfer der Zivilisation, eine Brille, ja er hatte noch eine zweite in Reserve bei sich, eine Nahbrille zum Lesen vermutlich. Ein professoraler Waldmensch also, sichtbar eine unmilitärische Erscheinung, meinetwegen ein sonderbarer Heiliger, aber durch seine Würde nicht lächerlich.


In: Causerien. Frankfurt a. M. 1962, S. 213-215