Z e i t t a f e l  
z u K i n d h e i t u n d J u g e n d v o n G u s t o G r ä s e r  
Willst du im Leben glücklich sein,  
So opfere deine Lust der Pflicht  
Und klage nicht und zage nicht  
Und greif mit frischem Mute drein.  
. . .  
Und halte an der Wahrheit fest,  
Zunächst sei du dir selber klar,  
Und dann sei wahr - unwandelbar,  
Ob's dich die Welt entgelten läßt.  
*
Im Herzen tief innen ist Alles daheim,  
Der Freude Saaten, der Schmerzen Keim.  
Drum frisch sei das Herz und lebendig der Sinn,  
dann brauset, ihr Stürme, daher und dahin!  
Wir aber sind allzeit zu singen bereit,  
Noch ist die blühende, goldene Zeit,  
Noch gibt es Tage der Rosen!  
1. Die Familie  
Nachdem sie zwei Gedichte als Vorspruch vorangesetzt hat, beginnt Charlotte  
Gräser ihr Tagebuch mit einem Bericht über Zahnarztbesuche. "Und es ergab  
sich für mich, daß nicht sehr erfreuliche Resultat daß bei mir neuerdings 4  
Zähne zum plombieren seien." Mit solchen Alltäglichkeiten ist ihr Tagebuch  
hauptsächlich angefüllt.  
Erst zwölf Jahre später, nachdem sie inzwischen verwitwet und ihr Sohn  
Gustav ein "Diefenbacher" geworden ist, kommt sie auf den Gedanken, eine  
Summe ihres Lebens zu ziehen: in einem Rückblick auf die Geburten und  
Hochzeiten ihrer Familie. Sie beginnt mit den Lebensdaten ihres "guten  
theuren Mannes", der in ihren Betrachtungen immer an erster Stelle steht.  
1886, 19. 6. Mutter Gräser, genannt "Grossika", beginnt ihr Tagebuch.  
"Ich beginne Samstag, den 19ten Juni 1886, einige Anmerkungen zu machen. Seit  
meinem Hochzeitstag, das war der 18. Januar 1871, hat sich so maches  
Bemerkenswerte ereignet, was mir jedesmal, wenn ich zurückdenke, Bedauern  
hervorruft, es nicht aufnotiert zu haben, umsomehr, weil mich mein Gedächtnis schon  
sehr oft im Stiche ließ."  
Tgb 2  
1839, 13. 6. Vater Karl Gräser geboren. Sohn des Carl Samuel Gräser, ev. Pfarrer, 1817-1858, und  
der Josepha Ludovica Wagner, 1819-1892.  
"Mein guter theurer Mann ist im Jahre 1839, den 13. Juni, geboren und den 16ten Mai  
1894 nachmittags 5 Uhr gestorben."  
Tgb 42 R  
Gusto erlebte noch seine Großmutter (sie starb, als er 13 war), aber nicht seinen  
Großvater.  
2
1853, 13. 7. Mutter Charlotte Gräser, geb. Pelzer geboren. Tochter des Arztes Dr. med. Josef  
Pelzer. Sie war 14 Jahre jünger als ihr späterer Mann.  
"Ich bin den 13. Juli 1853 geboren."  
Tgb 27 R  
1871, 18. 1. Hochzeit der Eltern. Er ist 31, sie 17 Jahre alt.  
1872, 31. 5. Tochter C a r o l i n e ( C h a r l o t t e , L o t t c h e n ) geboren. Sie starb 1891  
mit 19 Jahren.  
1873, 19. 10. Tochter J o s e p h i n e geboren. Sie starb 1943 mit 70 Jahren.  
1875, 13. 8. C a r l S a m u e l J o s e f geboren. Er starb 1919 mit 44 Jahren.  
Tgb 27 R  
1875, 6. 12. Übersiedlung von Mediasch nach Kronstadt. "Den 6ten Dezember 1875 sind wir von  
Mediasch nach Kronstadt übersiedelt.  
Die ersten drei Kinder wurden noch in Mediasch geboren. Von dort stammte die  
Familie.  
1879, 16. 2. G u s t a v A r t h u r als viertes Kind und zweiter Sohn, 3 1/2 Jahre nach dem  
ersten Sohn Carl geboren. Er starb 1958 mit 79 Jahren.  
Tgb 27 R  
"Den 16ten Februar 1879 ist Gustel geboren."  
1884, 8. 5.  
E r n s t H e i n r i c h als fünftes Kind und dritter Sohn, 5 Jahre nach Gusto,  
geboren. Er starb 1944 mit 60 Jahren.  
2. Schulzeit  
Etwas mehr als ein Jahr besucht Gustel die Grundschule in Kronstadt, dann  
kommt eine "große Wendung des Lebens": die Familie zieht in den Norden  
von Siebenbürgen, in das abgelegene kleine Städtchen Tekendorf, wo der  
Vater die Bezirksrichterstelle erhalten hat. Tekendorf ist ein Nest von noch  
nicht einmal 2000 Einwohnern, mehr Dorf als Stadt, aber  
Verwaltungszentrum seiner ländlichen Umgebung. Es scheint für den Juristen  
Karl Gräser die erste selbständige Stellung gewesen zu sein, als oberster  
Beamter seines Bezirks. Aber während die Jahre in Kronstadt von Grossika  
im Rückblick als "glücklich" bezeichnet werden, beginnt in Tekendorf mit  
dem beruflichen Aufstieg auch schon der Abstieg ihres Mannes. Er ist, ein  
gutmütiger und weicher Mensch, den Anforderungen seines Amtes nicht  
gewachsen, muß Niederlagen einstecken und beginnt zu kränkeln.  
Die gedrückte Stimmung des Vaters wirkt auch auf die Familie zurück. Hinzu  
kommt, daß die Gräsers auf dem platten Lande von kulturellen Angeboten  
abgeschnitten sind. Gustos älterer Bruder Karl kommt auf das Gymnasium in  
Bistritz, doch für eine Ausbildung der Töchter über Stricken und Nähen  
hinaus reicht das Geld nicht.  
1885,  
Gustel mit 6 1/2 Jahren in die Schule eingetreten.  
Herbst  
1886, 1. 7.  
Prüfung nach Abschluß der 1. Klasse mit anschließender "Klassifikation".  
"Den 10ten Juli hatte Gustel Prüfung , I.Klasse."  
Tgb 2 R  
3
Tgb 3  
1886, 21. 7. "Heute sind die Mädchen mit Rosa und Gustel auf die Burg gewandert. In diesen  
Tagen führte Lottchen mit großer Liebe die Wirtschaft."  
"Den Gustav Adolf Verein feierte dieses Jahr Kronstadt, bei welcher Gelegenheit wir  
Freunde und Verwandte sehen sollten."  
Tgb 3 R  
Tgb 4  
Der elfjährige Karl kommt ins Gymnasium nach Kronstadt und erhält Kost und Logis  
bei dem Kaufmann Fabritius:  
"Mittwoch, denselben Tag als Lehrer abreiste, wollte der glückliche Zufall, daß der  
kleine Karl von Kaufmann Fabritius akzeptiert wurde, was mein Karl dem Schwager  
Lehrer auch sogleich telegraphisch mitteilte."  
Tgb 27 R  
Tgb 7  
1886,  
Dezember  
Wegzug von Kronstadt.  
"Den 6ten Dezember 1875 sind wir von Mediasch nach Kronstadt übergesiedelt und  
waren daselbst bis Dezember 1886 g l ü c k l i c h . - Wir stehen vor einer großen  
Wendung des Lebens..."  
1887-1894  
In Tekendorf.  
Tgb 27 R  
Tgb 7 R  
Im Jahre 1887, als Gustel 8jährig ist, "Übersiedelung nach Teke".  
"Das Leben in Tekendorf gestaltete sich im Anfang sehr gut. Meine Mädchen fanden  
hinreichend Unterhaltung, und was sie an Wissenschaften hier entbehren mußten (denn  
hier war alles Lernen abgeschnitten) mußten sie im Kochen, Wirtschaften und  
Haushaltungführen lernen. Doch mein guter Mann, dem seine große Freundlichkeit -  
jedem Menschen das Beste wollend und entgegenbringend und so auch das Gleiche  
fordernd - [nur geschadet hat], hat hier gleich in Anfang fehlgeschlagen und so hat er  
sowohl in als außer dem Amt sehr viele Unannehmlichkeiten durchgemacht, von denen  
bei seinem guten heiteren Temperament nur sehr wenig auf seine Familie wirkte."  
1888  
1889  
Karl kommt 13jährig aufs Gymnasium in Bistritz.  
"Karlchen kam im Jahre 88 auf das Gymnasium nach Bistritz, wo er im Boerischen  
Hause so gut aufgehoben war, daß er die Eltern nicht vermißte. Lottchen war auch von  
Zeit zu Zeit in Bistritz ... Josefinchen war mit Lottchen zusammen nur auf einigen ... in  
Bistritz zusammen, weil wir 3 Kinder auf einmal aus unserem Gehalt das Kostgeld  
nicht erschwingen konnten."  
Tgb 7  
Tgb 7 R  
"Das Jahr 1889 und 1890 brachte uns viele große Sorgen und oft auch schlaflose  
Nächte; doch darüber will ich den Schleier der Vergessenheit ziehen."  
1890, 28. 6. Schwester Lotte heiratet 18jährig den Forstbeamten Gustav Kofranek-Kováts. Sie  
wohnen in einem großen Haus in Tekendorf, das der Schwiegervater ihnen kaufte.  
"Im Jahre 1890, den 28ten Juni, war die Hochzeit unseres Lottchens. ... Mein guter  
Mann litt lange danach an asthmatischen Zuständen, sodaß er das Rauchen ganz  
aufgegeben hat. Es war ihm sehr beengend, in der Nacht besonders [dem Herzen?]  
gefährlich. Es war eine traurige Zeit für mich."  
Tgb 6  
4
3. Auf dem Gymnasium in Hermannstadt  
Der elfjährige Gustel kommt aufs Gymnasium im weit entfernten  
Hermannstadt und verliert damit den Schutz und die Wärme des Elternhauses.  
Als Hausgast und Kostgänger bei Lehrerfamilien ist er von nun an bei Tag  
und Nacht der Aufsicht von "Autoritätspersonen" ausgeliefert. Die folgenden  
vier Jahre sind eine Zeit familiärer Katastrophen. Die Schwester Charlotte  
stirbt neunzehnjährig im Kindbett einen qualvollen Tod. Drei Jahre später  
stirbt, erst fünfundfünzigjährig, der immer mehr an Asthma leidende Vater.  
Gustel leidet in der Schule unter der Fuchtel seiner Lehrer, versagt vollständig  
in Mathematik und muß am Ende das Gymnasium verlassen. Die verwitwete  
Mutter zieht nach Mediasch. Sie sucht eine Lehrstelle für ihren in der Schule  
gescheiterten Gustel.  
1890, 30. 8. Gustel kommt 11jährig aufs Gymnasium nach Hermannstadt.  
Tgb 6  
"Den 30ten August fuhr ich mit Gustel nach Hermannstadt, fand gleich eine passende  
Unterkunft bei Lehrer Zinz für ihn."  
1890, 15. 9. Karl tritt 15jährig in die Kadettenanstalt von Hermannstadt ein.  
"Den 13ten oder 14ten September ist unser Karlchen von zuhause fort, um den 15ten  
(seinen Lebensberuf) in der Kadettenschule in Hermannstadt anzutreten."  
Tgb 6  
Tgb 8  
1891, 9. 4.  
Enkeltochter Charlotte geboren.  
"Nach kaum einem Jahr der Hochzeit, den 9ten April 1891, Nachmittag zwischen 4  
und 5 Uhr, bekam unser liebes Lottchen das Kindchen."  
5
Tod der Schwester  
Tgb 8  
1891,  
9. 4.  
Nach kaum einem Jahr der Hochzeit, den 9ten April 1891, Nachmittag zwischen 4 und 5  
Uhr, bekam unser liebes Lottchen das Kindchen.  
Die Entbindung war viel schwerer, als ich diesen Akt von mir aus kannte, denn zu den Tgb 8 R  
Druckwehen hatte sie fast keine Kraft mehr. Ich verzweifelte, schickte nach dem Arzt. Er  
kam nicht einmal [bis] ins Krankenzimmer, so war mein geduldiges, in der Anwartschaft ein  
Kindchen zu haben Alles ertragendes wertes Kind schon von einem kleinen mittelgroßen  
mageren Mädchen entbunden. Gott ist uns beigestanden, sodaß auch alles Übrige nach  
unserem Wissen einen normalen Verlauf genommen hat.  
Tgb 9  
Ich pflegte mein liebes Kind so gut ich konnte. Wir freuten uns alle über dieses glückliche  
Ereignis, und wie selig war mein junges Mütterchen, als ich ihr das Kindchen zum erstenmal  
an die Brust legte! Doch dieses Glück dauerte nur zwei Tage und eine Nacht. In der Früh des  
dritten Tages bekam unser Lottchen Schüttelfrost, doch nicht in hohem Grade, aber darnach  
die fürchterlichsten Schmerzen im Unterleib, die ein Mensch ertragen kann, sodaß sie dabei  
immer den Körper verdrehte und einigemal auch gepfiffen hat. Der Arzt W. hatte, trotzdem  
daß wir ihn zur Geburt gerufen hatten, uns nicht mehr besucht, und so schickten wir  
neuerdings, gleich nachdem die schrecklichen Schmerzen aufgetreten waren, nach ihm. Er  
kam, erkundigte sich aber nach gar nichts, sagen durfte man ihm auch nicht viel, so viel sagte  
ich ihm aber doch, daß mein Lottchen vor der Entbindung mehrere Tage Diarröh und in den  
Gliedern durch Erkühlung etwas Rheumatismus hatte, was sich auch durch heftiges  
Ohrstechen am zweiten Abend, also am Abend vor dem Schüttelfrost, bemerkbar machte.  
Doch er gab mir auf das alles zur Antwort: "Auf das reflektiere ich gar nicht." Er sah die  
Kranke kaum an, ging ins andere Zimmer, fing an zu verschreiben und sagte mir, ich solle  
ein großes Leintuch und dicke Handtücher hervornehmen, damit wir auf den wehen Leib mit  
gestandenem Wasser Umschläge machen. Als er fertig war mit dem Verschreiben, kam er  
heraus, sah nach dem Abfluß, der schön rot war und auch nicht übel roch, und meinte, wir  
sollen mit den Umschlägen warten bis den nächsten Tag.  
Wir machten der Guten also nichts anderes, als nach Verordnung Morphiumstropfen gegen  
die großen Schmerzen. Doch die Schmerzen gaben nicht nach und wir schickten Vormittag  
noch einmal nach ihm. Er kam und sagte: "Also wenn 10 Tropfen nicht helfen, so geben Sie  
15 stündlich", sodaß bis beiläufig 3 - 4 Uhr Nachmittag die Arme in ihren leeren kranken  
geschwächten Magen beiläufig 65 Tropfen genommen hatte.  
Am Nachmittag kam er wieder, verschrieb etwas zum Eingeben, worin aber auch Morphium  
war, und machte auch noch eine Injektion. Die Schmerzen dauerten fort die ganze Nacht  
trotz den kalten Umschlägen, die wir doch schon Sonntagnachmittag anfingen. In der Nacht  
von Sonntag auf Montag ließen die fürchterlichen Schmerzen nach. Ihr Leib, der bis dahin  
noch weich und nicht geschwollen war, fing an hart zu werden, der Abfluß wurde schmutzig  
rot, manchmal fantasierte sie und der Arzt verordnete nun Cognak, gegen den die Arme sich  
sträubte, erst Kaffeelöffelchen- dann Eßlöffelweise, und weil sie alles ausbrach fortwährend  
Eisstückchen zum Schlucken. Nachdem in dem geschwächten Magen nichts mehr bleiben  
wollte, bekam sie auch schwarzen und weißen Kaffee, aber es war alles schlecht, der arme  
Körper und Magen war vergiftet und konnte nichts mehr bei sich behalten. Sie atmete jetzt  
nur rasch und immer rascher, küßte mir im Vorbeistreifen die Hand, sprach fast gar nichts,  
sah mich immer nur fragend an mit ihren großen schönen Augen, und ich konnte noch soviel  
Ruhe bewahren, ihr zu sagen: "Bleib nur ruhig, mein gutes liebes Kind, es wird dir schon  
besser."  
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Sie sah uns mit ihren schönen verklärten Augen immer an, und als sie ihr Gusti fragte:  
"Kennst du mich?", so sagte sie noch: "Du bist mein lieber Gusti."  
Als der Arzt am Abend 9 Uhr nach zweimaligem verzweifeltem Rufen, denn er hatte  
gerade Namenstag, kam, streckte sie ihm ihre liebe schon kühle kleine Hand unter der  
Decke hervor und sagte: "Ich danke." Aber für was, wußte sie nicht???  
Als ich nun in voller Verzweiflung den Doktor fragte: "Ist für mein Kind wirklich keine  
Rettung mehr?", so sagte er: "Nein."  
O Gott, ist dies möglich? Und ich ging zu ihr und nahm Abschied von meiner Lotti, die mir  
19 Jahre hindurch nur Freude gemacht hat.  
Ich lebe und kann noch leben. In diesem großen, unendlich großen Kummer, in  
Verzweiflung und [mit] gerungenen Händen frage ich immer und immer wieder: "Gott,  
warum ist das und warum mußte das geschehen?" Doch die Antwort kann und muß ich mir  
viel in der Religion und im Vertrauen auf Gott den Allmächtigen, Gerechten suchen, sonst,  
sonst wäre ich haltlos.  
Aber was schreibe ich hier? Ist es nicht mein guter Karl und meine vier guten Kinder vor  
allem, die mich ans Leben ketten? Jetzt habe ich auch noch mehr Pflichten durch das  
Kleinod meiner guten Lotti, welche das Ebenbild ihres lieben Mütterchens werden soll und  
wir dann, wenn Gott so will, im Alter in ihr unser Lottchen wiedersehen.  
Nach 3 Monaten ohne unser liebes wertes Kind!  
Wir leben alle und Gott hat uns in dieser Zeit Kraft gegeben, diesen unendlichen Kummer  
zu tragen. In den ersten sechs bis acht Wochen konnte ich auch nachts kaum Ruhe finden  
und regelmäßig um Mitternacht wachte ich auf und spürte ein leises Wehen wie ein leiser  
Luftzug um meine Stirne und so tief in der Nacht stellte ich mir mein Lottchen als  
schützenden Engel vor, der über ihrem Kindchen, welches nachts immer neben meinem  
Bette ruht, Wache hält. Sehr oft, wenn ich an Lottchen und was geschehen ist denke,  
bekomme ich Zittern in [den] Händen, daß ich keinen Buchstaben schreiben könnte, so  
auch Zittern in den Füßen.  
Unser liebes kleines Lottchen entwickelt sich prächtig, ist immer ruhig und gut wie zu  
Anfang. Der Namen "Großmutter" ohne mein Lottchen gibt mir noch immer einen Stich ins  
Herz. Wenn ich das Kindchen ansehe, so wird mir so bang, so unendlich wehe.  
Tgb 8ff.  
1891, 13. 4.  
1891, 1. 11.  
Nach qualvollem Leiden stirbt Schwester Charlotte im Kindbett.  
Tgb 14 b  
Gustel bekommt einen neuen Quartierherrn: den Maler und Kunsterzieher Carl Dörschlag.  
Dörschlag (1832-1917), ein bedeutender Porträtist und Landschaftsmaler, war zugleich sein  
Zeichenlehrer am Gymnasium in Hermannstadt. Er "verschafft namentlich der Malerei nach  
Jahren des Niedergangs wieder Geltung und gibt einer ganzen Generation den Anstoß zu  
künstlerischem Schaffen" (Siebenbürger-Lexikon), vermutlich auch seinem Schüler Gustav  
Gräser.  
"Gustel ist seit ersten November bei den Dörslagschen in Kost und Quartier."  
Tgb 14  
1891,  
24. 12.  
"Der Christabend war mir so schrecklich bitter, als ich mit der Kleinen vor dem Christbaum  
stand ohne meine theure süße Lotti - dann sieht man, was ein Mensch alles ertragen k a n n  
und m u ß . Karlchen war zuhause, Gustel war nicht, weil er wieder sein Augenübel hatte. "  
Tgb 15 R  
1892, Januar "Auch mein Karl litt gerade in dieser Zeit wieder an asthmatischen Zuständen mit einem  
argen Husten verbunden."  
Gustav Kofranek-Kovàts heiratet in zweiter Ehe seine Schwägerin Josefine Gräser.  
"Den 25ten hat Gusti um unser zweites gutes Mädchen Josefin bei uns gefreit und wir  
haben unsere Einwilligung gegeben."  
Tgb 16  
1892, 25. 4.  
7
Tgb 17  
1892, 18. 9.  
"Den 18ten September ist mein Karl mit Karlutz um 12 Uhr zu Mittag weggefahren, um in  
Wescharhely sich um die Bezirksrichterstelle in Mediasch zu bewerben."  
Tgb 17 R  
Tgb 18 R  
1893, Januar "Meinem guten Mann geht es in diesem Monat mit den asthmatischen Zuständen auch viel  
besser."  
1893,  
Schwester Josefine heiratet ihren Schwager Gustav Kofranek-Kováts.  
16. 10.  
"Den 16ten feierten wir die Hochzeit unseres Kindes Josefin. Es war alles gut, bis auf das,  
daß anstatt Verwandten, wie das ja sein soll, fast ausschließlich fremde Leute [da] waren.  
Nur mein Bruder mit seiner Frau und Gustel sind von Hermannstadt gekommen.  
Tgb 19  
Tgb 19  
1893, 18. 12. "Den 18ten ist Karlutz zu seinem letzten Urlaub als Kadettenzögling zuhause auf Urlaub  
gekommen."  
1893, 31. 12. "Den 31ten waren wir alle bis auf meinen guten Mann, der sich wegen dem Asthma in der  
strengen Kälte nicht hinauswagte, bei den Münstermanischen eingeladen.  
Auch dieses Jahr ist vorüber, und ich muß [Dir,] Allmächtiger, auf den ich vertraue, Dank  
sagen, daß Du uns bis hieher die Kraft gegeben hast zu leben. Erhalte meinen guten Mann  
und [die] Kinder."  
Tgb 19 R  
1894, 14. 1.  
"Den 14ten gegen Abend wurde es meinem Karl wieder sehr schlecht. Er konnte bis gegen  
10 Uhr nicht einschlafen, dann schlief er ein, aber das Athmen [ging noch] bis nach 12  
Uhr."  
1894, 16. 5.  
Tod des Vaters.  
Tgb 27 R  
Tgb 20  
"Mein guter theurer Mann ist im Jahre 1839 den 16ten Juni geboren und den 16ten Mai  
1894, Nachmittag 5 Uhr, gestorben." (Im Tagebuch zur Zeit des Geschehens nicht erwähnt.  
Damals notiert sie lediglich:)  
"Ich ging mit ihr (Josefine) in ihre Wohnung, um auch bei ihnen zu bleiben, denn mit den  
Pflichten in meinem theuren lieben Heim war es ja aus."  
1894, 26. 5.  
Geburt der Nichte Margit Kofranek-Kováts.  
"Den 26ten, Nachmittag 5 Uhr, ist Josefin glücklich entbunden. ... Die Tage darauf sind mir  
in Arbeit und Sorge vergangen. Ich schrieb an sehr viele Orte um Gustis Zukunft. Meine  
Wohnung gab ich auf und blieb mit Ernst bei meinen guten Kindern und Enkelchen bis den  
7ten August."  
Tgb 20  
Der 15jährige Gustel ist offenbar aus dem Gymnasium ausgeschieden und jetzt auf der  
Suche nach einer Lehrstelle.  
1894, 18. 8.  
"kam Karl aus der Kadettenschule glücklich als Kadett heraus."  
8
1894 - 1900  
Aug. 1894  
Die Mutter wohnt in Mediasch.  
Grossika übersiedelt von Tekendorf nach Mediasch.  
"Den 3ten August ließ ich auf 2 Saaz-Regener ... Wagen meine noch behaltenen Möbel  
nach Sz Regen auf den Bahnhof schaffen. Den 7ten nahm ich mit Gusti und Ernst  
Abschied. - Wie schwer es mir wurde, von meinen Lebenden und Toten Abschied zu  
nehmen, läßt sich nicht beschreiben, nur fühlen [dem], der Ähnliches von Gott auferlegt  
erhält.  
Tgb 21  
Den 8ten in der Früh kamen wir in Mediasch an. Ich wollte gleich in mein Quartier  
einziehen, doch das war unmöglich, denn es war nicht geweißt und nicht hergerichtet.  
Den 9ten um 10 Uhr fuhr ich nach Kronstadt, um mich selbst zu überzeugen, wohin ich  
Gusti in die Lehre geben soll. ...  
Den 10ten ging ich zu Widmann und verabredete mit ihm, daß ich Gusti, wenn er die  
Nachprüfung gegeben hat, nach Kronstadt zu ihm schicken werde."  
4. Lehrzeit  
Gustel findet eine Lehrstelle in Kronstadt, hält es dort jedoch keine 14 Tage mit dem  
Meister aus. Die Mutter besorgt ihm eine zweite Lehrstelle bei einem Kunstschlosser  
in Budapest. Damit kommt Gustel zum ersten Mal in eine Großstadt. Ob er seine  
Lehre dort tatsächlich abgeschlossen hat, bleibt fraglich. Nach seiner eigenen  
Darstellung hat er sich auch hier den Weisungen seines Meisters nicht auf Dauer  
unterworfen, hat sich auf seine Bude zurückgezogen und zu schnitzen begonnen.  
Nachdem er mit einer Schnitzarbeit einen ersten Preis der Weltausstellung von 1896  
gewonnen hat, steht ihm der Weg zu einer künstlerischen Weiterbildung offen.  
Tgb 22  
1894, 3. 9.  
Gustel beginnt seine Lehre in Kronstadt.  
"Den 1sten gab Gustel seine Nachprüfung in Arithmetik in Hermannstadt. Den 3ten fuhr Gusti  
nach Kronstadt zu Widmann. Den 16ten war Karl mit den 2 Haltruhrschen Mädchen in Sinaia.  
Den 20ten nahm ich von meinem Kinde Karl Abschied auf ein Jahr. Er fuhr erst nach  
Tekendorf zu meinen Lieben, dann nach Bistritz und Décs und von dort nach Pest, um für  
Gusti einen Posten zu verschaffen."  
Demnach hatte Gustel die Lehre bei Widmann nach weniger als 14 Tagen schon  
"geschmissen".  
Tgb 22  
1894, 3. 10.  
Bruder Karl hat seinen Dienst bei einem Regiment in Przemysl angetreten.  
"Den 3ten Oktober bekam ich den ersten Brief aus Przemysl, Galizien, der uns gute Nachricht  
brachte."  
Tgb 22 R  
1894, 26. Okt. Zweite Lehrstelle in Budapest.  
"Freitag, den 26ten ist Gustel nach Pest gefahren." Er tritt dort eine Lehrstelle bei einem  
Kunstschlosser an.  
Tgb 22 R  
Tgb 23  
1894, 24. 12. "Den 24ten Karl von Przemysl mit Gusti von Pest zu den Christfeiertagen zuhause."  
1895, 23. 1.  
"zu meinen Theuren nach Tekendorf. ... O mein theures Lottchen. O mein guter süßer Mann,  
warum war es uns nicht vergönnt, solche Freuden z u s a m m e n zu genießen?"  
9
1896, August Gustel gewinnt mit seiner Schnitzarbeit einen ersten Preis der Weltausstellung in  
Budapest.  
Tgb 24  
"In den ersten Tagen des August habe ich die große Freude erlebt, daß mein Gusti für sein  
schönes Werk den 1sten Preis erworben hat."  
Tgb 24  
1896, 4. 8.  
"Den 4ten habe ich angefangen, meinem Karlutz wegen seinem Rheumatismus Salzbäder zu  
machen."  
Tgb 23 R  
Tgb 24 R  
1896, 14. 8.  
"Den 14ten August ist Josefin nach Pest zur Ausstellung gefahren. Nach 12 Tagen ...  
zurückgekehrt."  
1896, 12. 10. "Den 12ten trifft mein Gustel von Pest nach Absolvierung seiner 2 Lehrjahre bei mir zuhause  
ein."  
5. Kunststudium in Wien  
Gustel kann die Kunstgewerbeschule in Wien besuchen und lernt damit die glänzende  
Hauptstadt des Habsburgerreiches kennen. Er gibt sich jetzt als Stutzer mit Stöckchen  
und Handschuhen und nimmt mit vollen Zügen am kulturellen Leben der Großstadt  
teil. Im Grunde aber plagen ihn Hemmungen und Zweifel. Als der Lebensreformer  
Karl Wilhelm Diefenbach sich durch eine Gemäldeausstellung bemerkbar macht, läßt  
sich Gustel von den Ideen des ungewöhnlichen Mannes überzeugen und wird ab  
Ostern 1898 sein Schüler und Hausgenosse.  
Tgb 24 R  
1897,  
16. "Den 16ten Januar ist Gustel von Pest nach Wien in die Kunstgewerbeschule gereist. In der  
Januar  
Hoffnung, daß er ganz bestimmt ein Stipendium erhält, hat er diesen Schritt unternommen."  
1897, 29. 9.  
Grossika besucht ihren Sohn in Wien.  
"Meine erste größere Reise nach Wien. Montag, den 27ten traten wir drei Frauen unsere Reise  
nach Wien an. ... Mittwoch, den 29sten in der Früh glücklich angekommen, fuhren wir mit  
einem Konfortabel ins Hotel Höller, nahmen uns im ersten Stock ein Zimmer mit drei Betten.  
Von hier aus gingen wir in den Stadtpark. Die Frauen begleiteten mich bis zur  
Kunstgewerbeschule, wo ich meinen Gust zu treffen hoffte. Dies war aber nicht der Fall. Ein  
Mitschüler Gustis gab mir die Adresse, und ich wanderte weiter und immer weiter, bis ich das  
Haus Ungerergasse Nr.46 erreichte.  
Gustel saß am Fenster, vertieft in seine Hausarbeit, eine kunstvolle Kopie einer Vase  
vorstellend. Er sah mich. 'Mutter!' - 'Gustel, mein Gustel!' - und wir lagen uns in den Armen  
und waren glücklich.  
Tgb 25  
Nun war Gustel mein Begleiter, wir [drei Frauen] trafen nur zu Mittag wieder zusammen. Wir  
besahen uns den prächtigen Platz, das Maria-Theresia-Denkmalund die Museen von beiden  
Seiten desselben von außen. Nachmittag Besichtigung der Akademie für bildende Künste. Am  
Abend Volkstheater: 'Das grobe Hemd'.  
Tgb 25 R  
Den 30ten traf mein Karl in Wien auch in dem Hotel Hollner ein. Für mich war dies der  
Glanzpunkt des Tages. Ich freute mich sehr, ihn so p r ä c h t i g aussehend anzutreffen. ...  
1897, 30. 9.  
10  
1897, 1. 10.  
Den 1sten besahen wir uns mit den beiden Söhnen erst die Schatzkammer und [das]  
prachtvolle Burgtor mit der großartigen Kuppel. ... Stefansdom. Abends im Burgtheater das  
Stück 'Coriolanus' und 'Julius ... '.  
Den 2ten Naturhistorisches Museum, darnach Kunsthistorisches und die Bildergalerie. Den Tgb 26  
mächtigsten und großartigsten Eindruck machte auf mich der innere Bau des Kunsthistorischen  
Museums. Stiegenhaus. Die vielen prachtvollen Säle mit den verschiedenen Marmorsäulen.  
Alles in allem war rein großartig und überbietet an Pracht um Vieles das Caféhaus New York  
in Pest. Am Abend dieses Tages sahen wir in der Oper 'Wiener Walzer', dann 'Puppenfee' mit  
Ballett, 'Zar und Zimmermann'.  
Den 3ten ein Sonntag in Wien. Nachmittags Vorstellung Volkstheater 'Des Meeres und der  
Liebe Wellen'. Gustel brachte seinen Photographenapparat ins Hotel Höller und machte eine  
Aufnahme von mir allein und eine von uns allen dreien. Dann machten wir Besuch bei  
Baswarts und Leoni. Abend bei Ronacher, Verschiedenes gesehen, doch der Abend befriedigte  
uns nicht. Das Beste waren die athletischen Künste, Seiltanz und Kinematografie - etwas  
Großartiges. Den 24ten September, Nachmittag, waren wir in Schönbrunn. Den 1sten Oktober  
im Prater, wo wir auf dem Riesenrad fuhren und 'Venedig in Wien' sahen.  
Montag den 4ten in der Früh traten wir unsere Heimreise an."  
Tgb 26 R  
Tgb 27  
1897, Okt.  
Unfall der Mutter. Arm ausgekugelt.  
1897, 31. 12. "Gott hat bis hierher geholfen und wid auch weiter helfen. Von allen Kindern habe ich gute  
Nachricht. ... Mit meinem Ernst und klein Böhm sitze ich hier und erwarte die Stunde, mit  
welcher wir das Neue Jahr antreten. Gott, in deine Hände befehle ich mich."  
6. Jüngerschaft bei Diefenbach  
Seit Ostern 1898 lebt Gustel in der Gemeinschaft von Diefenbach auf dem  
Himmelhof bei Wien. Er ist jedoch von den Verhältnissen im Hause seines Meisters  
enttäuscht, hofft allerdings die Dinge zum Besseren wenden zu können, wenn seine  
Mutter mit den Brüdern auf den Himmelhof käme. Auf sein wiederholtes Bitten und  
Drängen entschließt sich Grossika zu einem Besuch bei ihrem Sohn, fühlt sich jedoch  
alsbald ebenfalls abgestoßen. Nachdem sie den Himmelhof verlassen hat, sieht Gusto  
keine Möglichkeit des Bleibens mehr und verläßt seinen Meister.  
Grossika besucht ihren Sohn auf dem Himmelhof.  
"Den 18ten August 1898 fuhr ich mit Ernst nach Wien, um Gusti auf dem Himmelhof bei  
1898, 18. 8.  
Tgb 28  
Diefenbach zu besuchen. Wir fügten uns 9 Tage der dort herrschenden Lebensweise,  
durchdrungen von der Idee, daß Diefenbachds Anschauungen allein der rechte Weg sind, um  
gesunde, die höchsten Ideale anstrebende Menschen zu werden und hervorzubringen.  
Den 28ten abends um 1/2 8 Uhr schieden wir aus Diefenbachs Hause, um unsere Rückreise  
anzutreten. Den 30ten morgens um 1/2 4 Uhr langten wir glücklich und wohlbehalten in  
unserer Wohnung an."  
11  
Gusto kommt nach Siebenbürgen zurück.  
"Den 8ten oder 9ten [September] bekam ich in Tekendorf [wo sie zu Besuch bei ihrer Tochter  
war] einen Brief vom Gusti, in dem er mir sein gänzliches Fortgehen vom Diefenbach und sein  
Kommen nach Tekendorf ankündigte. Ich war sehr überrascht, obzwar ich schon bei meinem  
Besuch in Wien es herausfühlte, daß Gusti mit den oft haarsträubenden demoralisierenden  
Verhältnissen nicht zufrieden war und sein konnte.  
Tgb 29  
Tgb 30  
Tgb 31  
1898, 8. 9.  
Ich schickte ihm sogleich das Reisegeld und auch 5 fl., damit er sich Schuhe kaufen kann (denn  
Kleider hatte er noch), um bei seiner Schwester so, wir wir gewöhnt sind uns zu kleiden, zu  
erscheinen.  
Er kam an. Doch welcher Schreck, besonders für Josefine: Er kam ohne Kopfbedeckung in  
seinem von mir verfertigten Kostüm an.  
Gusti ist zu der Erkenntnis gekommen, daß nur die rein natürliche Lebensweise, also Pflanzen  
und Obst und alles aus der Natur genommene Ungefälschte allein für das menschliche  
Gedeihen notwendig und gut sei. Er verwirft jeden Zwang, Geldverdienen, um sich den Magen  
mit Fleisch [und} Getränken aller Art anzustopfen, so auch für Kleider. Putz ist Sünde. Gott ist  
überall, wo wir die Natur erblicken.  
Gusti hat bei Josefin bis auf Fleisch, was wir in der Zeit, daß ich bei ihr war, hauptsächlich aus  
Sparsamkeit nur einmal auf den Tisch brachten, alles gegessen; doch wenn er nur kann, bleibt  
er bei seiner kalten, ungekochten Lebensweise.  
Nach meinem Bitten und Reden hatte ich Gusti doch so weit gebracht, daß er den nächsten Tag  
mit Hut und Rock mit uns auf den Friedhof zu unsern theuren Gräbern kam. Auf dem Friedhof  
sagte er: 'Ich weiß es gewiß, daß der gute Vater und du, Mutter, denn Euch habe ich es zu  
danken, so geworden zu sein, mit meinen Anschauungen vom Leben einverstanden wäre. Ja,  
wäre ich nur ein paar Jahre, auch nur ein Jahr vor seinem Tode zu dieser Erkenntnis  
gekommen, so könnte der gute Vater heute noch leben.'  
Gusti ist so rein und wahr. Gott leite seine Wege!  
Den 17ten bin ich von Tekendorf [nach Mediasch] zurückgekehrt. ... Gusti ist noch bei Josefin  
geblieben, um die Stätten zu durchstreifen, wo er das reine Kinderglück genossen hat."  
7. Ein Bild seiner Ideale  
Gustel hat zwar seinen Meister, der ihn als Mensch nicht überzeugen konnte,  
verlassen, doch bleibt er dessen Ideen treu. Er entwirft und malt nun, nach  
Siebenbürgen zurückgekehrt, ein großes Ölgemälde, das seine neugewonnene  
Weltanschauung verbildlichen soll. Der gegenwärtigen Zivilisation mit ihrem Haß  
und Streit, ihren Kriegen und ihrer Naturzerstörung, wird das Idealbild einer  
wiedergewonnenen Freundschaft mit der Natur entgegengestellt. Aus der  
Wiedereingliederung in die Ordnung des Kosmos soll eine neue Kultur und Religion  
erblühen.  
Sein Bild wird gelobt und bewundert, doch der schöne Schein der Kunst genügt ihm  
nicht mehr. Aus dem Ideal soll lebendige Tat werden.  
12  
Tgb 31  
Tgb 32  
Gusto malt sein Ölbild 'Der Liebe Macht'.  
"In den letzten Tagen des September ist Gusti von Tekendorf nach Mediasch gekommen. Wie  
große Sorgen machte ich mir um ihn, besonders aus dem Grund, weil ich dachte, er wird ohne  
Beschäftigung sein. Dies konnte ich immer schwer vertragen, ein großes erwachsenes Kind  
ohne Arbeit zu wissen.  
1898, Ende  
Sept. bis Jan.  
1899  
Diesem war aber nicht so, denn sein Geist hatte, als er zu uns kam, schon fertige Ideen zu  
einem großen Ölgemälde. Die Vorbereitungen - Leinwand, Farben, Rahmen - dauerten nicht  
lange, und beiläufig zum halben Oktober begann er sein Werk. Den Entwurf samt den  
Grundtönen der Malerei hat er in dem ihm zugewiesenen hellen Kasernenzimmer vollbracht.  
Darnach, nach 3 bis 4 Wochen, wurde es ihm zuviel, das immer Hingehen und doch uns zu  
seinsam, und er brachte das Bild nachhause, um es hier zu vollenden. In 3 Monaten hat er  
dieses sein erstes selbständiges Bild fertig gemalt.  
Alle, die es angesehen haben, wunderten sich: So ein Bild in so kurzer Zeit!Denn er konnte nur  
3 bis 4 Stunden täglich bei den trüben Wintertagen arbeiten. Mitte Januar 1899 ist das Bild  
fertig gewesen."  
Gusto stellt sein Bild in Hermannstadt aus.  
Tgb 33  
"Den 9ten ist Gusti nach Hermannstadt gefahren, um sein Bild dort auszustellen. Gott leite  
seine Wege zum Wohl v i e l e r Menschen!  
1899, 9. 2.  
Er strebt zwar für die jetzt lebenden Menschenetwas zu hohe ideale Ziele an. Er ist aber eben  
so beanlagt, in und durch die göttliche Natur die Menschen, die sich aus dem Sumpf erheben  
können, durch seine Bilder und Anschauungen zu einem wahren, guten, liebevollen Leben zu  
führen. Wenn auch nur ein Samenkörnchen, was auf gut Land fällt, aufgeht von dem Guten,  
was er erstrebt in dieser großen Welt, so wird er glücklich und zufrieden sein.  
1899, 14. 2.  
1899, 23. 2.  
Den 14ten Februar hat Gust die Ausstellung mit seinem Bild in Hermannstadt eröffnet."  
Besprechungen seines Bildes in der Presse.  
Tgb 34  
"Die Notiz über Gusti lautet:  
D e r L i e b e M a c h t . Das Bild unseres Landsmannes Gustav Gräser 'Der Liebe Macht'  
ist nun in der evangelischen Knaben-Elementarschule zu sehen. Der Gedankenreichtum, den  
der junge Künstler in diese seine Schöpfung gelegt hat, wird gewiß nicht verfehlen, das  
Interesse weiterer Kreise zu erwecken.  
28. Februar. Die Notiz: Das Bild Gräsers, 'Der Liebe Macht', ist, wie wir schon mitgeteilt  
haben, seit einigen Tagen in der neuen Knaben-Elementarschule der allgemeinen Besichtigung  
zugänglich gemacht. Der junge Künstler, ein Autodidakt, hat auf eine einzige Leinwand ein  
Bild geworfen, das - unterstützt von der Erläuterung des Malers - eine bedeutende Fülle von  
Gedanken offenbart. Die gegenwärtige Welt mit ihren Schäden des sozialen Elends läßt den  
Wunsch nach Befreiung und Erlösung zu einem menschenwürdigen Dasein hinüberflüchten  
aus der brennenden Fabrikstadt zu einer Art idyllischen Lebens im engeren Anschluß an die  
Mutter Natur, die der Menschheit Labsal und Erquickung und die Gewähr bieten soll, daß sie  
unter ihrem Einfluß zu einem schöneren Leben gelangen.  
Tgb 35  
Die Entwicklung aber von der zusammenstürzenden Welt zur Rettung, zur segenspendenden  
Natur, erscheint allerdings auf einer kleinen Leinwand mehr skizzenhaft ausgedrückt, aber  
gewiß läßt sich schon aus dem stellenweise gelungenen Entwurf auf die Gedankentiefe und auf  
das Talent des jungen Malers en nicht unberechtigter Schluß ziehen. Es wäre nur zu wünschen,  
daß ihm von maßgebenderer Seite als die eines Laien ist, in seinem Vorwärtsstreben  
Förderung, auch durch Aufdeckung der Fehler, zuteil würde und zahlreicherer Besuch. Dem  
Vernehmen nach bleibt das Bild noch einige Tage ausgestellt."  
13  
1899, März  
Auszüge aus Gustos Tagebuch von 1898.  
Tgb 36  
bis 37 R  
"Einiges aus dem Tagebuch des Jahres 1898 von Gustel [gekürzt]:  
1 Ohne Glauben wird man nicht selig! Mein Glaube ist, daß ich mein Ziel erreichen werde.  
2 Das Leben ist nichts denn eine Reise, deren Ziel der Tod ist.  
3 Folge deinem Gewissen.  
4 Es ist keine Schande, wenn du morgen anders sprichst als heute, wenn es deiner  
Überzeugung nach besser ist.  
5 Freundschaft ist ein Band heilig wie die Ehe.  
6 Wandle deine eignen Wege.  
7 Sprich nur, wenn dich dein Inneres dazu auffordert.  
8 Der Reiz liegt im Verborgenen.  
9 Das Glück läßt sich nur im Kampf erlangen.  
10 Im Traum offenbart sich der wahre Mensch."  
8. Aufbruch zur Wanderschaft  
Grossika findet keine Worte für den entscheidenden Schritt im Leben ihres Gustel:  
seinen Ausbruch aus der bürgerlichen Gesellschaft, seinen Entschluß zu einem Leben  
in Heimat- und Besitzlosigkeit. Der Zeitpunkt dieses Bruches ist unklar. Nach  
Grossikas Tagebuch trifft sich ihr jüngster Sohn Ernst mit den beiden älteren Brüdern  
in der Naturheilanstalt des "Sonnendoktors" Arnold Rikli in Veldes/Steiermark. Von  
dort aus machen die Brüder eine Wanderung, die sie bis nach Venedig und Verona  
führt. Ernst und Karl kehren danach nach Hause zurück. Doch während Ernst sich  
dem Architektenberuf zuwendet und eine Lehrstelle antritt, zeigt sich zum Schrecken  
der Mutter, daß ihr Karl sich den Anschauungen von Gusto angeschlossen hat. Sie  
muß beide für das bürgerliche und familiäre Leben verloren geben.  
DieGebrüder Gräser in Veldes und Oberitalien.  
Ernst besucht seine Brüder in der Kuranstalt Rikli in Veldes/Steiermark. Gemeinsame  
Wanderung nach Oberitalien. Der ältere Bruder Karl schließt sich den Anschauungen von  
Gusto an.  
Tgb 37 R  
Tgb 38  
"Den 31sten hat Ernst seine große Reise nach Veldes zu seinen Brüdern angetreten. Sie waren  
in Triest, Venedig, Verona. Es ist ihnen gut gegangen. Ernst und Karl sind den 16ten August  
wieder in Tekendorf eingetroffen.  
1899, 31. 7.  
1899, 16. 8.  
Auf Ernst hat diese Reise einen tiefen, wies es scheint, auch bleibenden Eindruck gemacht.  
Karl hat durch den Aufenthalt in Veldes durch Naturheilkraft die Gesundheit gefunden und ist  
in seinen Anschauungen vom Leben der zweite Gust geworden."  
Tgb 38  
1899, 26. 8.  
1900, 28. 9.  
"Den 26sten in der Früh um 3 Uhr ist mein Ernst zum Baumeister Bruß nach Kronstadt  
gefahren."  
Grossika zieht nach Kronstadt.  
Tgb 38 R  
"Voriges Jahr, also 1900, den 28ten September, bin ich um Lottchens Ausbildung wieder in  
mein liebes Kronstadt übergesiedelt."  
14  
9. Monte Verità und Wanderschaft  
Grossika schweigt über den Auszug ihrer beiden Söhne Karl und Gustav, auch über  
deren Ansiedelung auf dem Monte Verità bei Ascona. Erst als Karl ihr von seiner  
Verbindung mit Jenny Hofmann berichtet (die sie oder er als Verheiratung darstellt)  
und zugleich Gusto in bester körperlicher und seelischer Verfassung in ihr Haus  
zurückkehrt, findet sie die Kraft, wenigstens kurz das Geschehene zu erwähnen. Das  
Leben ihrer Söhne scheint nun doch in Formen einzumünden, die ihr vertrauter sind.  
Noch kann sie sich nicht freuen, aber die ihr zugefügten Wunden beginnen sich zu  
schließen.  
Karl auf Monte Verità, Gusto auf Wanderschaft und zuhause.  
"Seit 2 Jahren arbeitet mein Karl daran, sich von den Banden des Militärlebens loszusagen.  
1901 im Frühjahr hat Karl mit einem Belgier [Henri Oedenkoven] zusammen und noch andren  
jungen Leuten einen Grund in der Schweiz am Lago Maggiore gekauft, um dort ein neues, Tgb 39  
freies Leben zu beginnen. Er ist gesund geworden und zufrieden; die Oberleutnantspange hat  
er abgelegt. Mittwoch den 10ten Juli erhielt ich die briefliche Nachricht von Karl, daß er sich  
mit Jenny Hoffman verheiratet hat.  
Tgb 38 R  
1901,  
Frühjahr  
1901, 10. 7.  
Diese Nachricht hat mich sehr überrascht und doch auch gefreut, daß er sich eine passende  
Lebensgefährtin gefunden hat. Ich fühle es, ich bin schon gefeit und kann dies ohne Nachteil  
ertragen, daß meine Kinder mir solche Überraschungen, die auch nach meinem Gefühl nur das  
Gute voraussetzen, [bereiten,] und später mich auch freuen werden kann.  
An dem selben Tag, Mittwoch den 10ten Juli 1901, empfing ich meinen Gust nach  
zweijähriger Trennung. Ein Leben der Gesundheit, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.  
In höchstem Grade auffallend ist seine äußere Erscheinung. Aber ob die Menschen, die ihn  
nicht kennen, auch spotten und verhöhnen - er geht gerne in den Kampf um das Wahre und  
1901, 10. 7.  
Gute. Denn er sagt: 'Nur im Kampf wird man stark'.  
Tgb 39 R  
Den 12ten Juli hat Ernst seine praktische Arbeit bei einem Bau auf der Postwiese begonnen.  
Den 17ten sind Gust und Ernst mit Hackmüller und noch anderen auf den Bucsesz gewandert.  
Den 4ten [September] ist mein Ernst zu seiner weiteren Ausbildung nach Wien abgereist.  
1901, 12. 7.  
1901, 17. 7.  
1901, 4. 9.  
1901, 11. 9.  
Den 11ten, Mittwoch, hat Gust sein Bild auch für weitere Kreise zur Ansicht im Schützenhaus  
[von Kronstadt] ausgestellt."