Ein Besuch in der Ruh-inne

Im März 1905, also im selben Zeitraum wie Mühsam, kam der Naturforscher und Philosoph Dr. Eberhard Dennert (1861-1942) zu mehreren Besuchen auf den Monte Verità. Er berichtet darüber einige Jahre später in einer Zeitschrift:

Das Besitztum des Herrn G. lag vor uns. Am Eingang steht ein altes Mauerwerk, das mit Holzbrettern weit überdacht ist. [Die von Gusto Gräser so genannte "Ruh-inne", heute "Casa Bambu"]. Etwas weiter abwärts befindet sich eine zweite Hütte. [Vermutlich die Vorgängerin des 1906 ausgebauten und heute noch erhaltenen Haupthauses "Casa Francesco".] ... Unten erschien der Herr der Ansiedlung. Zum Glück war er bekleidet. Auf dem Rücken trug er einen kleinen Jungen [den adoptierten Habakuk, von dem auch Mühsam erzählt]. Sein Aussehen erinnerte etwa an Robinson, wenn er auch kein Fell trug, sondern eine schäbige gestrickte Wolljacke. ... Der Mann trug Sandalen, die er selbst gemacht hatte: einige Lederstücke waren grob zusammengenäht, so daß ihn meine Frau mitleidig fragte, ob ihn die dicken Nähte nicht drückten. Langes, lockiges Haar fiel auf die Schultern herab, das volle und gesundrotwangige Gesicht war von einem kurzen braunen Bart umrahmt. ... (126) Wir sahen uns noch ... den Schlafraum an. Er bestand in dem oberen Teil der Steinhausruine, der ein großes Dach und zwei Seitenmauern hatte, nach vorn jedoch ganz offen war. Gewiß recht luftig und frisch! Hier lagen 3 Strohmatratzen auf dem Boden. Bettstellen waren nicht vorhanden, die Decken hingen an Seilen zum Lüften. Jede Bequemlichkeit fehlte. (135)

"Wir gingen zur Hütte hinab", schreibt Dennert, "aus ihr trat Frau G. heraus, sie sah wie eine Arbeiterfrau aus, das Haar hing ihr in Strähnen um den Kopf, sie trug eine blaue Arbeiterschürze." Er bemerkt, als wohlsituierter Bürgersmann, mit Schaudern "ihre rauhen schwieligen Hände, die einst wohlgepflegt und zart, die Kennzeichen höheren Standes gewesen waren" (126) "Auf seine jetzige Frau hat er [Karl Gräser] eine derartig faszinierenden suggestiven Einfluß ausgeübt, daß sie ihm in die Einöde folgte und nun mit ihm als sein Weib, ohne Trauung, ohne Standesamt lebt. Wir sahen ein früheres Bild von ihr: ein anziehendes junges Mädchen in elegantester Toilette. Sie hatte in den ersten Gesellschaftskreisen gelebt und dieselben durch ihre herrliche Stimme begeistert - und jetzt? (125f.)

Aus Eberhard Dennert: Die Anachoreten von Askona. In: Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, hg. von Adolf Bartels und V. H. Frommel, XXX. Jg., Halle a. S. 1909, S. 109-139.
 


Herr N. N. (Wilhelm Brepohl) führt Dennert zu Herrn F. (Carlo Vester):

Man muß dem Mann lassen, dass er interessant ist, sein ganzes Gepräge zwingt dazu. In seiner Art zu sprechen liegt eine unbezwingliche philosophische Ruhe, die sich offenbar durch nichts aus der Fassung bringen lässt, ja man kann nicht anders sagen, als dass eine gewisse Abklärung der Einsamkeit über dieser Persönlichkeit liegt, obwohl sie nicht gerade sympathisch wirkt. … (127)

Er glaubt an dem Busen der Natur zu liegen und sie mit scharfem Auge zu beobachten, um daraus dann die Prinzipien abzuleiten, nach denen er selbst leben muß, um seines Daseins Zweck und Ziel zu erreichen. … (128)

Im Grunde hat er sicher keinen Gottesglauben; denn in seinen Reden spielte andauernd die gute Mutter „Natur“ eine Rolle. Sie muß ja immer als Surrogat herhalten, wenn Gott abgesetzt ist. …

Sie stehen nämlich auf dem Standpunkt, dass es unrecht sei, fremde Arbeit für sich in Anspruch zu nehmen. … Im ganzen scheinen sie allerdings an dem Prinzip der Selbsthilfe festzuhalten. … An Stelle eines verlorenen Knopfes an ihrer Taille saß ein – Dattelkern, der durch den Gebrauch schon ganz glatt und blank geworden war. Sie hatte in denselben zwei Löcher gebohrt und ihn dann als Knopf angenäht: ganz gewiß eine Findigkeit, die eines Robinson würdig ist. … (129)

Vor dem Hause lag ein hübsch behauener Stößer, mit dem sie offenbar Getreidekörner usw. zerschroten. An dem anderen Hause sah man eine große, nicht ganz fertige Tür … Statt des Geldes benutzen sie Waren zum Eintausch: wenn sie irgend etwas nötig haben, so steigen sie mit den Erzeugnissen ihres Landes zu Tal und suchen es für diese einzutauschen. … Nur mit der Natur leben, ihr ablauschen, wie sie es mache, das sei das Richtige, nur dann könne man gesunden. … (130)

Es sei ganz falsch, wenn der Mensch sich um die Zukunft sorge und für sie arbeite. Das tue die Natur auch nicht … (131)

Ich wies ihn darauf hin, dass er selbst nicht ganz der modernen Kultur entfliehen könne, denn durch sein Grundstück hindurch zog sich von Stange zu Stange ein Kabeldraht, der den für elektrisches Licht bestimmten Strom leitete, diese modernste Errungenschaft des modernen Kulturlebens. Ich hätte ihm noch eine ganz andere Tatsache entgegenhalten können, die ich erst nachher erfuhr: in einem Raum der Familie stand ein schöner Flügel, den die hochmusikalische Frau in die Einöde hinüber gerettet hatte. … (133)

Er sagt, die Menschheit habe zunächst in einer Zeit des Fleischessens gelebt. Diese Zeit neige sich nun ihrem Ende zu, und es beginne nun die zweite große Epoche, die Zeit des Pflanzengenusses, der einzig natürlichen Ernährung. … (134)

Er hat nämlich einmal seinem Schwager gegenüber geäußert: Er habe den 3000 (!) Menschen, die ihn wohl schon besucht hätten, stets irgend etwas mitgegeben. Stolz lieb ich mir den Spanier! … (135)

Ob das Kind den Großen es wohl einmal danken wird, dass sie ihm in dieser Weise das Leben vorenthalten haben? Frau G. hat eine Fehlgeburt durchgemacht und war in allergrößter Gefahr. Da haben ihre Verwandten einen Arzt hinaufgesandt, der zur rechten Zeit kam, sie zu retten. Und was tat da der Gatte, der selbst den Arzt nicht gerufen hatte? Er stand kopfschüttelnd daneben und sagte dann: ‚Was du da tust ist Unrecht. Es ist ganz natürlich und gesetzmäßig, wenn meine Frau jetzt untergehen muß. Wir haben gar nicht das Recht, hier einzugreifen. Wenn sie sterben soll, dann hilft das nichts, dann stirbt sie auch mit deiner Hilfe. Soll sie leben bleiben, so tut sie es auch ohne dich. Ich glaube nicht, dass ich dir ein anderes Mal diese unnatürlichen Eingriffe gestatten würde!’

Armer, verblendeter Tor! … (136)

Drei Jahre sind in das Land gegangen, seitdem ich die Anachoreten von Askona besuchte. Nun flog eine traurige Kunde zu mir hinüber. Zur „Lotte“ hat Nietzsche den Weg gefunden und hat den armen, schon beängstigend krankhaften Geist vollends verwirrt. Ihr Vater hatte die Unglückliche heimgeholt. Allein, als es mit ihr besser wurde, trieb es sie nach Askona zurück, und dort endete sie mit Morphium. Auch Frau G. weilte eine Zeitlang umnachtet in einer Heilanstalt. Einen anderen Anachoreten rettete Herr N. N. aus dem See, in den er sich gestürzt hatte, und wieder ein anderer fand in ihm den gesuchten Tod. Das ist der Schluß! Dahin führt dieses Naturleben.“ (139)

Soweit der Bericht von Dr. D. Eberhard Dennert (1861-1942), seines Zeichens Professor der Theologie und Verfasser antidarwinistischer Schriften. Für den Vertreter der Schöpfungstheologie war der naturfromme Karl Gräser selbst-verständlich ein arg verirrter Leugner der rechten Lehre. Karl hatte an die Stelle Gottes die Mutter Natur gesetzt. Unter diesem Vorzeichen kann man seine „Ruhinne“ als Tempel der neuen Göttin sehen und ihn als ihren Apostel.