Erich Mühsam über Karl Gräser
Selbstarbeit und Selbstversorgung
Ich komme jetzt zu den Sezessionisten des "Monteverita", zu den Mitbegründern der ursprünglichen vegetarischen Gemeinschaft, die aus der Umwandlung in ein Sanatorium die Konsequenz zogen, und ich beginne mit der interessantesten, tiefsten und bedeutendsten Persönlichkeit unter allen Colonisten, Carl Gräser.
Dieser Mann, der einmal Offizier gewesen ist, lebt jetzt mit seiner Frau Jenny Gräser auf einem ziemlich umfangreichen Grundstück, das die Beiden durch ihrer eignen Hände Arbeit bewohnbar gemacht haben. Es ist ihr Stolz, möglichst alles, was sie zum Leben nötig haben, selbst herzustellen. Sie begnügen sich daher mit den primitivsten Bedarfsmitteln und lehnen es fast prinzipiell ab, den gemeinhin üblichen Tauschverkehr mit der Aussenwelt durch Geldmünzen zu bewirken.
Gräser ist der erste Mensch, der mir begegnet ist, der mit starrer Konsequenz das was er theoretisch als richtig erkannt hat, in die Praxis umsetzt. Es gibt köstliche Anekdoten, wie sich das seltsame Paar prinzipiengetreu mit den ärgerlichen Einrichtungen ihrer Umwelt abfand.
Frau Gräser, die über eine sehr schöne Stimme verfügt, musste einmal einen Zahnarzt aufsuchen: sie bezahlte den ihr geleisteten Dienst mit dem Vortrag einiger Lieder. Soll etwas, was die beiden nicht allein herstellen können, erhandelt werden, so gehen sie mit selbstgezüchtetem Obst nach Locarno und Bellinzona und werden mit dem Kaufmann über den Tausch stets einig.
Was aber irgend selbst geschaffen werden kann, das erhandeln sie nicht von andern. Ich traf Gräser einmal an, als er damit beschäftigt war, sich aus einem Stück rohen Holzes einen Esslöffel zu schnitzen, ein andermal verfertigte er gerade ein Paar Sandalen.
Diese Arbeiten begleitet er mit allgemeinen Betrachtungen und Sentenzen über die Schönheit der Natur, über seine persönliche Beziehung zum Weltganzen und über seine selbstgefundenen Erkenntnisse. (Ascona 29f.)
Habakuk und die antiautoritäre Erziehung
Der kleine Habakuk, den Namen haben Gräsers ihrem Pflegesöhnchen beigelegt, der ein ausnahmsweise intelligentes und schönes Kind ist, geniesst die freieste Erziehung, die man sich vorstellen kann, das heisst gar keine Erziehung. Ihm wird nichts befohlen und nichts verboten, er darf schlafen und essen, soviel und wann er will und herumtollen, wo und wielange es ihm nur Spass macht. Was aber das schönste ist: seine Pflegeeltern nehmen ihn völlig ernst. Man dressiert ihn nicht, wie es deutsche Bourgeoisfamilien mit ihren Kindern tun, zu artigen Kunststücken und konventionellen verlogenen Redensarten, die er herleiern müsste, wenn Besuche kommen, sondern er sitzt mitten zwischen den Erwachsenen, und wenn er eine Bemerkung zu machen oder eine Frage an jemand zu richten hat, so wird ihm mit demselben Ernst, mit derselben Achtung zugehört und geantwortet wie jedem Grossen.
Wie widerwärtig ist es doch, Kinder, denen etwas geschenkt wird, zum Danke sagen zu zwingen, ehe sie fähig sind, ein Gefühl der Dankbarkeit zu empfinden. Mir verekelt es jede Gabe an ein kleines Kind, wenn es mir mit solchen angelernten Lügen antwortet. Wenn es sich wirklich über mein Geschenk feut, so weiss es sein Gefühl schon zu äussern und zwar herzlicher und ehrlicher als so ein Berlin-W-Fratz, der da, wo ihm die Lüge aus dem Herzen kommt, wo er aus seiner reinen Kinderphantasie heraus allerliebste Lügen erfindet, wie für ein Todverbrechen geprügelt wird.
Die Erziehung des kleinen Habakuk zu beobachten, wirkt dieser innerlich verlogenen Verbildung des Kindergemütes gegenüber, wie sie die besten Eltern im besten Glauben betreiben, einfach erlösend." (Ascona 34f.)
Siedlungsgenossenschaft und Zufluchtsort
Schon jetzt ist er (Karl Gräser) von allen in Ascona ansässigen Deutschen bei weitem die originalste und am ernstesten zu beurteilende Persönlichkeit. (Ascona 36)
Ich glaubte einmal, Ascona sei der geeignete Ort, um hier eine kommunistische Siedlungsgenossenschaft in grossem Massstabe zu versuchen. Aber so wünschenswert das Experiment auch wäre, einmal mit einer genügenden Anzahl Menschen in primitiver Gemeinwirtschaft, unter Ausschluss aller kapitalistischen Hilfsmittel, ein Zusammenleben auf eigene Faust zu bewirken, wie es Karl Gräser für sich allein ja beinahe schon erreicht hat … so ist doch Ascona nicht der rechte Fleck dazu. … Zumal Gräser mit seinen persönlichen Eigentumsbegriffen, nach dessen Ueberzeugung alles was seiner Arbeit entstammt, sein ureigenster und einziger Besitz ist, würde sich niemals in eine Arbeitsgenossenschaft eingesellen können und wollen. Auf ihn sind die Faust-Verse anzuwenden:
„Nur der erwirbt sich Freiheit und das Leben, der täglich es erobern muss.“
(Ascona 54f.)
Daher - mögen alle deutschen Betschwestern in keuschem Entsetzen die Augen verdrehen, - wünsche ich in tiefster Seele, Ascona möchte einmal ein Zufluchtsort werden für entlassene oder entwichene Strafgefangene, für verfolgte Heimatlose, für alle diejenigen, die als Opfer der bestehenden Zustände gehetzt, gemartert, steuerlos treiben, und die doch die Sehnsucht noch nicht eingebüsst haben, unter Menschen, die sie als Menschen achten, menschenwürdig zu leben. ….
Vielleicht wird Mutter Erde hier auch denen einmal Raum gewähren, denen sich gegen Knechtschaft und Vergewaltigung in echtem Grimme der Mensch aufbäumte. Mich wird’s hier nicht immer halten können. Mein Blut jagt mich weiter durch die Welt. … Aber wenn ich nach Jahren wieder einmal nach Ascona komme und finde es bewohnt von Menschen, die durch Zuchthäuser geschleift, zerschunden von den Schikanen der Besitzenden und ihren Executionsorganen, dem Staat, der Polizei und der Justiz, endlich doch hier eine Heimat und eine Ahnung von Glück erlangt haben, dann will ich mich von ganzem Herzen freuen.
(Ascona 58f.)
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Locarno 1905