Gabriele Reuter (1859–1941). „Und plötzlich wusste ich, wozu ich auf der Welt war: zu künden, was Mädchen und Frauen schweigend litten.“
Gabriele Reuter – biografische Skizze und literarischer Werdegang

Von Ägypten nach Deutschland

Am 8. Februar 1859 kam Gabriele Elise Karoline Alexandrine Reuter zur Welt. Sie war das erste Kind der Magdeburgerin Johanna, geb. Behmer (1830–1903), und Carl Reuters (1822–1872). Gabriele, damals Ella genannt, wuchs als älteste Schwester von vier Brüdern auf – ihre einzige Schwester war früh verstorben. Die Familie war wohlhabend: Carl Reuter verdiente gut als Sekretär des preußischen Konsulats in Ägypten sowie als Textil-Großunternehmer. Von Alexandria zog die Familie erst nach Kairo und anschließend nach Europa ins anhaltische Dessau.

Nur ein Jahr nach dem Tod des Vaters 1872 verloren die Reuters das gesamte Vermögen und tauschten ihr Haus gegen eine kleine Wohnung in Neuhaldensleben. Mit gerade einmal 13 Jahren pflegte Reuter ihre Mutter und erzog ihre Brüder. Kurzzeitig besuchte sie die Höhere Töchterschule am Institut von Henriette Schrader-Breymann (1827–1899) in Neu-Watzum.

1875 veränderte sich einiges für Gabriele Reuter. Die 16-jährige reiste für einen längeren Aufenthalt zu ihrer Tante nach Weimar, wo sie ihre ersten Publikationserfahrungen machte. Die geistesgeschichtlich sagenumwobene Stadt sollte schließlich zum Ausgangspunkt ihrer literarischen Laufbahn werden: In Weimar publizierte sie erstmals kleinere Texte, die sie noch 1875/76 in der Lokalpresse veröffentlichte. Mit exotisierend-literarisierten Anekdoten zu Ägypten finanzierte sie ihren zeitnahen Umzug nach Weimar – inklusive ihrer Mutter.

Als moderne Schriftstellerin der „Frauenliteratur“ in den 1890er Jahren

Reuter bereiste schon bald die Hotspots der deutschsprachigen Moderne: Es galt um 1900, die Literatur den zeitgenössischen Lebensauffassungen anzupassen. Während die Wiener Moderne die Darstellung des Psychologischen und damit das „Innere des Menschen“ fokussierte, zielten in Berlin und München die Naturalist*innen auf die Vollendung der Literatur in der möglichst exakten Wiedergabe ihrer Umgebung. Reuter zog 1890, mittlerweile gut vernetzt, mitsamt ihrer Mutter in die Münchner Boheme.

Die literarische Moderne offerierte vielerlei neuartige Perspektiven. Auch Gabriele Reuter setzte mit ihrer Literatur neue Maßstäbe. Sie (sowie bis dato ungekannt viele weitere gleichgesinnte Autorinnen) – revolutionierte Frauenliteratur“ als leidvoll-destruktiv. In Reuters Bestseller Aus guter Familie (1895) zerbricht die intelligente Agathe an den starren Frauenrollenvorgaben und wird mit unter 30 Jahren als „alte Jungfer“ in eine neurasthenische Heilanstalt eingewiesen; Neurasthenie entspricht der heutigen Diagnose eines chronischen Erschöpfungszustands. Der Roman Aus guter Familie war der erste große Verkaufserfolg des S. Fischer Verlags und hatte bis ins Jahr 1931 ganze 28 Neuauflagen:

Frauen* waren als Autorinnen kaum bis nicht respektiert. Tonangebende Männer* unter den Münchner Naturalist*innen engagierten sich z.B. gegen einen „blaustrumpfartige[n] Dilettantismus“. „Blaustrumpf“ zielte in herabwürdigender Weise auf gelehrte, geistig arbeitende Frauen*. Der Begriff geht auf die englischen Literatursalons The Blue Stockings zurück, die von Schriftstellerinnen wie Elisabeth Montagu (1718–1800) Mitte des 18. Jahrhunderts betrieben worden waren. Um 1900 sollte mit dieser Bezeichnung gebildeten Frauen* ihre Weiblichkeit (im Sinne der bürgerlich-„mütterlichen“ Care-Kompetenz) abgesprochen werden.

Dass Frauen* intellektuell tätig sind, war für die damaligen Wortführer nicht mit der „männlichen Stärke der neuen Literaturbewegung“ zu vereinigen. Was, ironisch gedeutet, insbesondere auf Gabriele Reuter zutreffen sollte – schließlich übertraf sie viele ihrer Autorenkollegen in Bezug auf Bekanntheitsgrad und Reichweite. So war Agathe „[a]us guter Familie“ dem zeitgenössischen Lesepublikum wohl geläufiger als Theodor Fontanes Effi Briest.

1897 brachte die Autorin ihre Tochter Lili im Gebärhaus für ledige Mütter in Erbach an der Donau zur Welt – was sie gewohnt sozialkritisch literarisierte (Das Tränenhaus, 1908).

Gabriele Reuter erzog ihre Tochter allein. Sie selbst hat nie vom Vater ihres Kindes gesprochen, doch im Zuge der Nürnberger Rassegesetze wurde Benno Rüttenauer (1855–1940) als Lilis Vater registriert. Ab 1899 lebte Reuter mit Mutter und Tochter in Berlin.

Nach abermaligen Vermögensverlusten im Zuge der Inflationen in den 1920ern, verdiente sie nach wie vor schreibend ihr Geld; u.a. rezensierte Gabriele Reuter ab ca. 1929 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs für die New York Times. Bis ins hohe Alter blieb sie schriftstellerisch tätig – doch der Produktionsdruck ihrer Erwerbsarbeiten schenkte ihr keinen Raum mehr für kreatives literarisches Schaffen. Als sie mit zunehmendem Alter sukzessive erblindete, wurde sie von ihrer Tochter Lili im Alltag unterstützt. Am 16. November 1941 starb Gabriele Reuter.

Etwas Werdendes… Ein Kind – oder ein Werk – meinetwegen ein Wahn, jedenfalls etwas, das Erwartungen erregt und Freude verspricht, mit dem man der Zukunft etwas zu schenken hofft – das braucht der Mensch, und das braucht darum auch die Frau!

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Zwischen 1904 und 1908 lebte sie zeitweise auf dem Monte Verità von Ascona. Über diese Zeit schrieb sie einen Schlüsselroman Benedikta, der 1923 erschien. In ihm sind einige Protagonisten der Reformsiedlung unschwer zu erkennen: die Mitgründerin der Kolonie Lotte Hattemer, die als feurige Revolutionärin gezeichnet wird; ihr Liebhaber, der anarchistische Dichter und spätere Psychotherapeut Johannes Nohl; die Leiter der Naturheilanstalt: Ida Hofmann und Henri Oedenkoven; der Dichterprophet und Einsiedler Gusto Gräser, der im Wald lebt; der Arzt und Anarchist Raphael Friedeberg und schließlich sie selbst als „Benedikta“. Im Mittelpunkt steht der Revolutionär Friedeberg, für dessen umstürzlerische Ideen sich Benedikta zunächst begeistert, die sie aber entschieden ablehnt, nachdem aus ihnen der blutige Ernst der Revolution von 1918/19 geworden ist. Es handelt sich um den zweiten Schlüsselroman über den berühmten "Wahrheitsberg" von Ascona nach dem Demian-Roman von Hermann Hesse, der 1919 erschienen war. Im Unterschied zu diesem ist Reuters Erzählung realistischer in der Personen- und Milieuschilderung und ungleich entschiedener in der politischen Positionierung.