„Glanz aus Innen“
Rilkes Armutsideal
Er fühlte sich als Pilger,
wollte sich fallen lassen, das Schwere tragen,
im Leiden unter den Untersten stehen (N160).
Er pries die Armut als einen großen Glanz aus
Innen (AW 100) . Er verachtete die großen
Städte, hasste die Maschinerie, wandte sich ab
vom Rasen der Moderne. Zweimal besucht er den
zum urchristlichen Anarchopazifisten
gewandelten Leo Tolstoi, wandert mit ihm über
die Vergissmeinnichtwiesen von Jasnaja
Poljana. Hat die Kunst noch ein Recht im
richtigen Leben? Tolstoi hinterlässt in ihm
den bei weitem stärksten Eindruck, den je ein
Mensch auf mich gemacht hat (Z.n.Luck 130).
Er schließt sich
einer Kolonie von Künstlern an, die,
großstadtflüchtig, auf dem Land sich
angesiedelt haben: Worpswede. Ernährt sich
vorzugsweise vegetarisch, begnügt sich oft mit
Milch, Gemüse und Obst. Seinen Überzeugungen
ist es angemessen, die Flitterwochen mit
seiner Frau in einer Naturheilanstalt zu
verbringen, nach Jahren wiederum dort zu
kuren. Morgens barfuß durch taunasse Wiesen
laufen... Die Könige der Welt, die kranken
Kronen der Gewalt lässt er hinter sich, vor
sich sieht er, in einer zunächst noch
rückwärts gewandten Utopie, ein Volk von
Hirten und von Ackerbauern (AW I,75f.). Er
besucht die Reformerkolonie Hellerau bei
Dresden, denkt zeitweise daran, selbst eine
Reformschule zu gründen. Von einer beinahe
rabiaten Antichristlichkeit getrieben (N152),
will er die an den Himmel verschwendete Liebe
zurückholen, singt er sein Erde, du liebe, ich
will, rühmt die einfachen Dinge, preist das
Geschlecht. Ein Enterbter, dem das Alte nicht
mehr und noch nicht das Neue gehört, zieht er
rastlos von Ort zu Ort, ein Unbehauster, immer
auf die Gastfreiheit von Freunden angewiesen.
Er lebt allein seinem Werk, seiner Dichtung.
Mit ihr will er das Neue schaffen, eine
Religion der Lebensbejahung, den erträumten
Tempel der Zukunft (AW I,266).
Rilke, so könnte
man sagen, ist zu Anfang des Jahrhunderts der
Dichter der Aussteiger, der Lebensreform, der
frühen Alternativkultur. Einer aus Ascona? –
Nein, aber einer aus Dorfen. Dort hatte zehn
Jahre vor der Gründung des Monte Verità, der
Maler und Naturapostel Karl Wilhelm Diefenbach
sein Lager aufgeschlagen. Zwei Jahre lebte er
dort, dann zog er nach Wien. Das Haus in
Dorfen behielt er bei und besetzte es mit
seinen Anhängern oder „Jüngern“. Diesen
begegnete Rilke 1897, als er selbst zeitweise
in Dorfen wohnte. Möglicherweise ist er sogar
dorthin gezogen, um diese Jünger Diefenbachs
zu beobachten. Er nennt sie „Wald- und
Rhythmenmenschen“. Von ihrem Meister wird er
schon in München gehört haben, wo es sogar ein
Restaurant „Zum Diefenbach“ gab, wo dieser mit
seinem Auftreten und mit seinem Ausstellungen
großes Aufsehen erregt hatte,.
Direse Jünger,
die wir für das Jahr 1897 namhaft machen
können, waren nicht nur radikale
Lebensreformer, sie gingen in ihren
Vorstellungen über ihren Meister noch hinaus.
„Hinauf nach Golgatha!“ lautete die Losung von
Wilhelm Walther; der andere, Anton Losert,
schrieb ein ganzes Büchlein über Jesus im
Sinne der Bergpredigt. Geld sei ein Lockmittel
des Teufels, unbedingt zu verwerfen. Leben wie
die Lilien auf dem Felde. In Walther und
Losert begegneten Rilke also nicht nur Wald-
und Tanzfreunde sondern auch Prediger von
Einfachheit und Armut.
„Denn Armut ist
ein großer Glanz aus Innen“. Es stellt sich
die Frage, ob das Armutsideal Rilkes, das sich
in jener Zeit, zumal dann im ‚Stundenbuch‘, so
deutlich ausspricht, nicht nur oder sogar
weniger von Tolstoi beeinflusst ist als von
diesen Armutspredigern in Dorfen.
Die waren es
übrigens, welche, auf den Himmelhof bei Wien
gezogen, zusammen mit Gräser einen Aufstand
gegen den Meister entfachten, der zum
Zusammenbruch der Gemeinschaft führte.
Zugleich aber zum Aufbruch und Ausbruch Gusto
Gräsers, der jenes apostolische Ideal, von
Jesus gefordert, nun tatsächlich praktizierte:
durch die Lande zu ziehen ohne Schuhe, Geld
und zweiten Mantel, anzuklopfen an den Türen
der Menschen und ihnen eine Botschaft zu
verkünden. Er freilich verkündete eine
gewandelte: die den Wald und den Tanz in den
Mittelpunkt stellte und die Suche nach dem
eigenen Selbst. Zugleich aber immer von der
Armut sprach und von der heiligen „Urmutter
Not“.
Der
sentimentalische Armutsgesang Rilkes und das
viel härtere Notlied Gusto Gräsers dürften
also aus der selben Wurzel entsprungen sein:
aus dem Armutsideal der Waldmenschen von
Dorfen. Was für Rilke ein vorübergehendes
poetisches Wunschbild war, verwirklichte
Gräser in seinem Leben.
|
Rilke und Gräser - ein fiktives
Dichtergespräch
O
wo ist der, der aus Besitz und Zeit
zu seiner
großen Armut so erstarkte,
daß er
die Kleider abtat auf dem Markte
und bar
einherging vor des Bischofs Kleid?
Gräser soll nackt gewesen sein oder fast
nackt, als er sich aufmachte auf seinen Weg in
Armut und Wanderschaft. Rilke hat dergleichen
gelesen, in Rußland gesehen, sich eingefühlt
und nachempfunden.
Manchmal
steht einer auf beim Abendbrot
und geht
hinaus und geht und geht und geht ...
Gräser ging
fort.
So
möcht ich zu dir gehn: von fremden Schwellen
Almosen
sammelnd, die mich ungern nähren ...
Gräser trat
über fremde Schwellen, auch über die des
Rainer Maria Rilke. Sehr wahrscheinlich im
Frühjahr 1919, während der Revolutionszeit in
München, als beide nicht weit voneinander in
Schwabing wohnten. Gräser hat ein Flugblatt
geschrieben, aus dem er mehrmals zitiert. Ohne
Umschweife auf Rilke zugehend:
Not ruft zur Reinigung -
Herzhafter, du bist berufen! - ? -
Volk brennt im Fieber, hirnkrank,
verhetzt - von der Gescheidtheit zu Pöbel
zerfetzt,
Du, nur du kannst die Plagen aus dem
Volkleibe schlagen!
Rilke
erschreckt, verstört abwehrend:
Ich
bin nur einer von den Ganzgeringen,
der in
das Leben aus der Zelle sieht
und der,
den Menschen ferner als den Dingen,
nicht
wagt zu wägen, was geschieht.
Gräser:
Kein Volk kann blühn ohne
TRäumer, Tiefordner,
RrrEiniger, Bäumer! - Wo sind unsre
Kühnsten, wo?
Wo ist er, dein sonnigster Dichter?
Dein urtheilhellster Aufrichter?
Dein Walther, dein wackerster, wo?
Not schreit nach Ihm!
Wer ists, wer ists, der uns ins
Heilge weist,
ins Ringen reisst, ins blühende
Gelingen?
Muss ich es sein?
Wärst Du es doch, der stillbegeistert
brennt,
das heitere, das Lösewort erkennt,
Weltnotwendwort ...
Rilke:
Wer,
wenn ich schriee, hörte mich denn in der Engel
Ordnungen?
Wohin
sind die Tage Tobiae,
da der
Strahlendsten einer stand an der einfachen
Haustür,
zur Reise
ein wenig verkleidet und schon nicht mehr
furchtbar;
(Jüngling
dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).
Träte der
Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den
Sternen
eines
Schrittes nur nieder und herwärts: hochauf-
schlagend
erschlüg uns das eigene Herz. -
Wer seid
Ihr?
Gräser:
Der Dunkle, mit den Sternen
Spielende, allhier,
bin ich, der ich das düster
Schielende,
nach tausend Zwecken Zielende,
verlier,
verlier die Angst, die Alles zwängt
und kränkt,
den freihsten Raum zur Kerkermauer
engt -
ich bin der Spieler, jah, im ewgen
Hier! -
Den, der mich grüssen kann, den
grüsst auch mir!
Rilke:
Da
steh ich, wo die Bettler stehn,
die
schlecht und hager sind:
aus ihrem
Auf- und Niederwehn
begreif
ich dich, du Wind.
Du kommst
und gehst. Die Türen fallen
viel
sanfter zu, fast ohne Wehn.
Du bist
der Leiseste von Allen,
die durch
die leisen Häuser gehn.
Sei du
die Zuflucht vor dem Zorne,
der das
Unsagbare verstieß.
Es wurde
Nacht im Paradies:
sei du
der Hüter mit dem Horne!
Gräser:
O Menschenvolk, dein Notmund
schreit:
Flamm auf, flamm auf, du
Geisterstreit - ins Dunkel
lass funkeln Dochheiterkeit, im
Tiefsten
uns zu durchschauern! - - -
Bist Du der Wackre, der den Brüdern
den Sturm bringt in die graue Not,
den Sturm des Herzens, freuderot -
bist - Du - der - Held?
Dumpfdunkel brütet überm Volke
des Klugtrugs trübsalschwarze Wolke -
- -
Komm - hell - die - Welt!
Rilke:
Warum,
wenn es angeht, also die Frist des Daseins
hinzubringen,
als Lorbeer, ein wenig dunkler als alles
andere
Grün ... - : warum dann
Menschliches
müssen - und, Schicksal vermeidend,
sich
sehnen nach Schicksal?
Dennoch
es heult bei Nacht wie die Sirenen der
Schiffe
in mir
das Fragende, heult nach dem Weg, dem Weg.
Gräser:
In die Wetter musst Du gehn, Ruh
in Dir zu finden,
dass in Dir sie nicht erstehn -
Freundchen, komme!
hör ich's wehn, komm mit uns, den
Winden!
Rilke:
Erränge
man's wie einst als Hingeknieter,
ich lebte
längst aus Gottes Geist,
doch jetzt befiehlt ein schreitender Gebieter,
der uns
im Gehn gehorchen heißt.
Da bleib
ich weit hinter den andern,
denn ich
kann nicht gehn als auf meinen Knien.
Aber wie
einst den kniend Schreitenden
ist jetzt
den Gehenden die Zeit verziehn.
Du bist
der Mündige, der Meister,
und
keiner hat dich lernen sehn,
ein
Unbekannter, Hergereister,
von dem
bald flüsternder, bald dreister
die Reden
und Gerüchte gehn.
Gerüchte
gehn, die dich vermuten,
und
Zweifel gehn, die dich verwischen.
Die
Trägen und die Träumerischen
mißtrauen
ihren eignen Gluten
und
wollen, daß die Berge bluten,
denn eher
glauben sie dich nicht.
Du aber
senkst dein Angesicht.
Gräser:
Was ich bin, das weiss ich nicht
-
sicherlich kein Wichtigwicht.
Dass ich bin, muss ich es wagen,
treu mein Menschsein durchzuschlagen.
Dass ich bin, muss ich mein Leben
dem Lebendigen ergeben.
Was wir sind? - Frag voll
Beschwerden.
Dass wir sind - - frischauf zu
werden!
Rilke:
Du
wirst nur mit der Tat erfaßt,
mit
Händen nur erhellt;
ein jeder
Sinn ist nur ein Gast
und sehnt
sich aus der Welt.
Ersonnen
ist ein jeder Sinn,
man fühlt
den feinen Saum darin
und daß
ihn einer spann:
Du aber
kommst und gibst dich hin
und
fällst den Flüchtling an.
Gräser:
Reden hör ich oft Euch Gutes,
habt mich selber oft betört,
aber wer von Euch - wer tut es,
was er tief im Innern hört?
Rilke:
Nur
eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch
Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen
deines oder meines Munds -
und sie
bricht ein.
Gräser:
Nun drängt die Not uns,
sinnsangreich zu sagen,
was Er, was Es in Ihm zum Heil
erkennt,
denn Er ist Herz, und Herz muss eben
schlagen,
vorschlagen ringruhheitre
Weltnotwend ...
Rilke:
Ich
lese es heraus aus deinem Wort,
aus der
Geschichte der Gebärden,
mit
welchen deine Hände um das Werden
sich
ründeten, begrenzend, warm und weise.
Du sagtest leben laut und sterben leise
und wiederholtest immer
wieder: Sein.
Gräser:
... Durch durch die
Lohn-Religion führt Er uns in sein Urgewohn,
wo Er mit uns im Wandel weilt, uns
vom Wahne des Habens heilt.
Durch durch die Lohn-Revolution führt
Er uns aus des Elends Fron,
hebet uns aus Schlaraffennneid in
dornrosige Wirklichkeit - ...
wo wir zusammen so grohs-gering alle
wohnen im einigen Ring -
seelig ringend in immerjung
allverjüngender
REinigung.
Rilke:
Du
bist so groß, daß ich schon nicht mehr bin,
wenn ich
mich nur in deine Nähe stelle.
Du bist
so dunkel; meine kleine Helle
an deinem
Saum hat keinen Sinn.
Gräser:
Was ich bin, frag nur nit lang.
Eins bin wohl ich: bin in Gang!
Komm geniessbar wie begehrlich -
friss mich, Freund, so lieb ich Dich!
Rilke:
Du
bist der leise Heimatlose,
der
nichtmehr einging in die Welt:
zu groß
und schwer zu jeglichem Bedarfe.
Du heulst
im Sturm. Du bist wie eine Harfe,
an
welcher jeder Spielende zerschellt.
Gräser:
Ihr Helden von der Feder,
potz Blitz!
So schwingt Euch mal vom Leder!
Säh ich Euch mal im Sturme
mit federleichtem Mut,
statt ein Papiergewurme -
ein Aar -
ich wär Euch gut.
So aber - mags nit leiden -
wir scheiden!
Rilke, mit
einer letzten Bitte ihn aufhaltend:
Du,
der du weißt, und dessen weites Wissen
aus Armut
ist und Armutsüberfluß:
Mach, daß
die Armen nicht mehr fortgeschmissen
und
eingetreten werden in Verdruß.
Gräser:
Arm zu sein, den Nöten
preisgegeben -
rasch umpocht vom Pulsschlag der
Gefahr,
traun, das nenn ich Freude, nenn ich
Leben -
ach Ihr Krämer, die am Gelde kleben,
ach Ihr Grämer, die im Sichern
siechen,
ach Ihr Bettler, die nach "Reichtum"
kriechen!
Selig
Du, der Du vor Durst
und vor Hunger manchmal knurrst!
Selig
brennt Dich heiss Begehren,
denn Du kannst Dein Brot noch ehren!
Selig
Du zum dritten Mal,
denn Dir wird die Erd nit schal!
Rilke:
Denn Armut ist ein großer Glanz aus
Innen.
Den schon in
der Tür Stehenden noch einmal aufhaltend:
Wer
aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese
ein wenig
Flüchtigern
noch als wir selbst, die dringend von früh
an
wringt ein wem, wem zu Liebe
niemals
zufriedener Wille?
Gräser:
Gleich wie durch Adern strömt
das frohrote Leben walln unsre Wandrer auf der
Pfade Gewirk
als unser Blut, unser fleissiges
Blut.
Sprengen herbei, wo Mensch in
Gefahren ringet, springen ihm bei,
zur Blüh zu wenden die Müh.
Bringen und tragen der Freundschaft
köstliche Früchte - Boten der Freude,
rennen sie durch das Land.
Wandern in Wonnen und Wohnen im
Wandern,
rühren das Eine in allem Andern,
wirken das Werk - das heilige Werk,
nimmer erklärt, immer bewährt -
wirken das Herzwerk,
die
REINIGUNG
*
Rilke,
nachdem Gräser ihn schon verlassen hat:
Alles
wird wieder groß sein und gewaltig.
Die Lande
einfach und die Wasser faltig ...
Und keine
Kirchen, welche Gott umklammern
wie einen
Flüchtling und ihn dann bejammern
wie ein
gefangenes und wundes Tier, -
die
Häuser gastlich allen Einlaßklopfern
und ein
Gefühl von unbegrenzten Opfern
in allem
Handeln und in dir und mir.
* * *
|
|
Dichtung
und Natur
Dichtung als
Sprache der Empfindung, das war immer auch:
Sprache der Natur. Die für die deutsche
Literaturgeschichte wohl folgenreichste
Theorie der (in einem weiteren Sinne)
‚modernen’ Literatur, Schillers Poetik des
sentimentalischen, bestimmte die Dichtung als
Statthalterin der Utopie nicht-entzweiter
Menschlichkeit, und daher die Dichter als
„Bewahrer der Natur“. Und schon deshalb
spricht sentimentalische Dichtung im Namen der
Natur, weil sie im Namen von Empfindung und
„Sinnlichkeit“ (aisthesis) spricht.
Solchermaßen ‚ästhetisch’ aufgefasst, ist die
Natur zugleich Synonym für Totalität, für
Einheit von Subjekt und Objekt, ist sie, von
Schiller bis Ritter, „ganze Natur“.
Der Naturbegriff besitzt daher
in der deutschen Literaturgeschichte einen
guten Klang; als poetisches Ideal, ja als
utopisches Zentrum des Poetischen schlechthin
ist er aus der Dichtung um 1800 nicht
wegzudenken. Um 1800! Blickt man hingegen
durch die Brille der neueren
literaturhistorischen Forschung auf 1900, so
hat sich dies ins Gegenteil verkehrt. Der
Grund liegt wiederum im Paradigma von der
‚Literatur im technischen Zeitalter’; wo die
Dichtung auf die Allianz mit der
wissenschaftlichen Rationalität verpflichtet
ist, wird der poetische Naturbegriff obsolet.
Mit sentimentalischen Idealen weiß ein solches
Literaturverständnis nichts mehr anzufangen,
sie verfallen dem Verdikt des
„gegengeschichtlichen“ (was nichts anderes
ist, als ein vornehmes Wort für „reaktionär“).
Eine doppelte Optik bestimmt so
die germanistische Sicht auf die Geschichte
des Naturbegriffs und des poetischen
Naturideals. Was um 1800 als Wert in den Blick
genommen wird, firmiert um 1900 als Unwert;
mit der Folge, dass für den literarischen
Naturbegriff und damit für das
sentimentalische Totalitätsideal nurmehr die
Ideologiegeschichte zuständig ist. Dichtung im
technischen Zeitalter habe von Natur (der
poetisch aufgefassten) nicht mehr zu reden,
lautet die verstiegene Maxime einer
germanistischen Konvention … Hier hat sich die
Literaturwissenschaft ihres Gegenstands
glücklich entledigt und zugleich ihre
Überflüssigkeit schlagend dargetan.
Wolfgang Riedel: „Homo
Natura“. Literarische Anthropologie um 1900.
Berlin New York 1996, S. XI f.
275 Diese Bejahung (der
Geschlechtlichkeit) trägt indes auch bei Rilke
jenen charakteristischen Zug, der weniger an
Nietzsche gemahnt denn, wie bei Hauptmann und
den Friedrichshagenern, an Whitman: als eine
Bejahung des Willens nicht im Namen des Egoismus
oder der ‚Macht’, sondern der Liebe. Am
deutlichsten tritt dies an einer kleinen
Gedichtfolge zutage, die den., wo er sonst zur
Sprache kommt, zurückhaltenden oder metaphorisch
verhüllten Subtext der Rilkeschen Lyrik explizit
werden lässt (auch zu Lebzeiten unveröffentlicht
blieb), den ‚sieben Gedichten’ aus dem Jahr
1915. Lou Andreas-Salomé gab diesen Gedichten
(als sie noch nicht geschrieben, sondern nur
erst geplant waren) den Namen „phallische
Hymnen“, der allerdings nur halb zutrifft, denn
es sind ebenso sehr Hymnen auf den weiblichen
„Schooß“, als irdisches Paradies und
„Gegen-Himmel“ dieses lyrischen Ich. Um Hymnen,
also Preisgesänge, handelt es sich bei diesen
sieben kleinen Stücken indes in der Tat,, und
was sie preisen, ist der genitale Apparat,
sowohl als Medium der Vereinigung des
zwiegeschlechtlich zerlegten Menschen wie als
physiologisches Substrat und Organon der im
erotischen raptus erfahrenen
Ichentgrenzung oder Auflösung des principium
individuationis … Auch diese
Verschmelzungshymnen
276 sind als footnote to Plato zu lesen,
genauer zum ‚Symposium’, zum Mythos der
halbierten und daher nach Vereinigung strebenden
Kugelmenschen. Denn es geht um den Eros als vis
unitiva, um seine Vermittlungsleistung,
die Synthesis von Subjekt und Objekt.
277 1922 schrieb Rilke ein Prosastück,
einen fiktiven Brief, der im Manuskript auf den
8. November 19125 datiert ist, also just auf das
Jahr und den Monat, in dem, wenige Tage zuvor,
die ‚Sieben Gedichte’ entstanden waren: den 1933
aus dem Nachlaß veröffentlichten ‚Brief eines
jungen Arbeiters’. Der Briefschreiber wendet
sich an einen Dichter namens „V.“, was an den
belgische Symbolisten und Whitman-Verehrer Emile
Verhaeren denken lassen soll. Er aktualisiert
noch einmal die Kritik der christlichen
„Entwertung des Hiesigen“ im Namen des
„Jenseits“-„Wahnsinns“, wirbt für eine
„Versöhnung“ des Menschen mit der „Freundschaft
und Heiterkeit der Erde“, für die ‚Rühmung’ des
irdischen Lebens und seiner „Fülle“ als des
eigentlich Göttlichen (nicht ohne übrigens auf
Goethe anzuspielen), und – in der Konsequenz
dieser Heiligung des Daseins – für die
Rehabilitierung der „sinnlichen“ „Liebe“, ihre
Rettung aus christlicher „Entstellung und
Verdrängung“. Die christliche Religion habe den
Menschen seiner Naturalität entfremdet: „Warum
hat man uns das Geschlecht heimatlos gemacht,
statt das Fest unserer Zuständigkeit [wie in den
‚heidnischen’ Religionen] dort hin zu verlegen“.
Mit „Schuld und Sünde“, so der „junge Arbeiter“,
seien ihm „das Geheimnis“ des „Lebens“
verstellt, die ‚Schönheit’ des Geschlechtlichen
„trübe“ gemacht, die „Wurzeln alles Erlebens“
„vergiftet“ worden. Die von Rilke in diesem
Brief implizit erzählte Geschichte einer
ethisch-religiösen Umkehr (auf den Spuren
Nietzsches und Whitmans) ist im Grunde keine andere, als die wenige
Jahre zuvor in Hauptmanns ‚Ketzer von Soana’
erzählte. Und wie dort, so strebt auch hier das
religiöse Bedürfnis zum heidnisch-christlichen
Synkretismus, zur Versöhnung von Religion und
Eros: „warum gehören wir nicht zu Gott von dieser
Stelle aus“.
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