Oskar Maria Graf:  
Ein barockes Malerporträt. Gedenkblatt für Georg Schrimpf  
(1886-1938)  
Mit meinem Freund Georg, dem Maler, war das so: Er lachte bei jedem Witz, der  
erzählt wurde, gewaltsam, aber stets etwas -- verlegen. Am anderen Tag fiel ihm  
dieser Witz wieder ein, und er begann ihn umständlich zu erklären. Zum Beispiel  
erzählte ich in seiner Gegenwart einmal den altbekannten jüdischen Witz von der  
Hausierersfrau, deren Mann auf seinen Handelsgängen oft durch einsame Wälder  
oder dunkle Nächte zu gehen hat, wobei angenommen werden konnte, daß er  
einmal überfallen und beraubt würde.  
»Moischi«, sagt seine Frau, »ich hab´ Angst, du kannst werden überfallen !  
Schaff´ dir an eine Pistaul´ !« -- »Wenn ich schon hab´ die Pistaul´«, sagt Moischi  
lakonisch, »wer wird schießen ?«  
Tags darauf traf ich Georg in der Ludwigstraße. Er war sehr aufgeräumt und fing  
gleich an: »Hahahaha, du, das ist ja gut -- dein Witz gestern . . . !« Er lachte jetzt  
geradeheraus und meinte: »Hahaha, der Hausierer ! . . . Das ist nämlich so, der  
kann gar nicht schießen ! . . . Hahaha, das ist ja gut ! Der hat doch ganz recht, zu  
was braucht er dann einen Revolver ? Hahaha !« Jetzt schüttelte er sich vor  
Lachen.  
Merkwürdigerweise war Georg ziemlich belesen. das imponierte mir besonders,  
als wir uns kurz nach meiner Flucht von zu Hause, in den idyllischen Münchner  
Jahren von 1911 bis 1913, näher kennenlernten. Er war nur um wenige Jahre älter  
als ich und damals noch Konditor, hatte eine unsagbar schwere Jugend und  
Lehrzeit hinter sich, aber er kannte viele griechische Philosophen, liebte  
insbesondere die Stoiker, wußte in der Geschichte einigermaßen Bescheid, hatte  
Darwin, Haeckel, Boelsche gelesen, mochte Nietzsche gern und zitierte bei jeder  
Gelegenheit Stellen aus Rilkes »Stundenbuch«, seit langem aber galt ihm Max  
Stirners »Der Einzige und sein Eigentum« als wahres Evangelium. Daraus bezog  
er all seine eigentümliche, unbeirrbare Logik.  
»Das ist nämlich so !« Mit dieser stereotypen Redewendung begann er jede  
Argumentation und, was überaus kennzeichnend für ihn war, er krümmte dabei  
seinen Zeigefinger halb hoch. Er streckte ihn nie gerade in die Höhe wie etwa ein  
dozierender Besserwisser. Der Finger blieb die ganze Zeit halb gekrümmt,  
gleichsam zögernd.  
»Das ist nämlich so«, erklärte er mir, »beim Stirner gibt´s überhaupt keine fixen  
Ideen mehr . . . Staat, Religion, Pflicht, Vaterland und so, das ist alles bloß  
Schwindel ! Alles ein Sparren, verstehst du ? Lies das einmal.«  
Ich las Stirner, doch ich verstand ihn etwas anders. Seither nannte sich Georg  
einen »individualistischen Anarchisten« und schloß sich einem entsprechenden  
Kreis um Erich Mühsam an, bei dem er mich auch einführte. Und von da ab  
beschäftigte er sich nur noch mit Politik und las stets sie Zeitungen aller  
Richtungen. Er machte auch vor den ausländischen nicht halt, verlangte im  
Kaffeehaus immer etwas provokativ laut den »Temps«, die »Times« und den  
»Avanti«. Er verstand zwar weder französich, noch englisch, noch italienisch, aber  
unergründlicherweise konstruierte er aus Worten wie »People« oder »Travajos«  
oder »Police«, aus »Generali« oder »Strike« politische Geschehnisse in den  
betreffenden Ländern, die gar nicht vorgekommen waren.  
Georg war ein tief gutmütiger, äußerst friedfertiger, schmächtiger Mensch mit der  
natürlichen Feigheit, die wir alle haben. Vor entscheidenden Entschlüssen oder gar  
feindlichen Auseinandersetzungen beispielsweise mußte er sich immer erst den  
dazugehörigen Mut antrinken. Dagegen diskutierte er überaus gern, ausdauernd  
und mitunter sogar heftig, obgleich er alles andere als schlagfertig war. Kam es  
dabei vor, daß irgend jemand etwa sagte: »Schließlich gibt ja doch bei allem der  
Geist den Ausschlag !«, dann wurde er sofort mißtrauisch.  
»Sie kommen da immer mit Ihrem Geist !« unterbrach er den Mann. »Geist, was  
ist das überhaupt ? . . . Eine fixe Idee, ein Sparren ! . . . Überhaupt --« und er faßte  
dabei -- nicht etwa gewalttätig, nein, nein, nur so -- seinen Diskussionsgegner am  
Arm oder an der Brust, indem er abermals auf seinen Stirner verfiel, »-- sagte dir  
einer, du wärest ganz Geist, so würdest du an deinen Leib fassen und würdest  
sagen, ich habe wohl Geist, aber ich bin ein leibhaftiger Mensch ! . . . Na, na ?  
Also !« Dagegen -- nein, dagegen war nichts mehr zu sagen.  
Georg war immer für das ganz Konkrete. Soweit ging das bei ihm, daß er etwas  
Gelesenes oder Gehörtes, das ihm einleuchtete, auch manchmal durchführte. Dann  
dachte er auch nicht an die möglichen Folgen.  
Die meisten Anhänger Mühsams waren »Syndikalisten«, Arbeiter, die sich --  
Kommunisten gab es damals noch nicht -- von der Sozialdemokratie abgewendet  
hatten, weil sie ihnen zu kompromißlerisch, zu reformistisch und vor allem zu  
staatstreu war. Sie negierten den Staat rundweg. Sie lehnten Parteien und  
Parlamentsbeteiligung ab und vertraten als einziges Kampfmittel die »direkte  
Aktion«, den Generalstreik.  
»Direkte Aktion, Kameraden, gilt aber auch für jeden einzelnen von uns«, warf  
einmal ein Syndikalist in die Diskussion: "Wenn´s sein muß. heißt´s ganz allein  
den Mann dabei stellen !«  
Georg arbeitete damals als Konditor und Hilfskoch in der unterirdischen Küche  
des bekannten »Café Helbling« am Münchner Hofgarten, in welchem später Hitler  
Stammgast wurde. Unnötig zu sagen, daß er während der Arbeit seine Kollegen  
für den Syndikalismus gewinnen wollte und den Besitzer, den er kaum einmal zu  
sehen bekam, als einen ganz gemeinen, blutsaugerischen Ausbeuter betrachtete.  
Die Kollegen spöttelten nur über ihn und nahmen sein Gerede nicht weiter ernst.  
An dem Tag nach der erwähnten Diskussion trank er schon in aller Frühe einige  
starke Schnäpse und ging also zur Tat über. Das geschah so:  
Er stand bereits am mächtigen Herd, hatte die Ringe heruntergenommen, die  
Bratpfanne auf die Flamme gestellt, und das Fett darin brutzelte schon, als ihm der  
Chefkoch einen Korb voll Eier zur Verarbeitung brachte und die Aufträge gab. Es  
war auffallend, Georg hörte gar nicht zu. »Soso ! So-so, soso !« stieß er nur immer  
wieder und von Ton zu Ton lauter heraus. »Ja, Mensch, du hörst doch gar nicht zu  
? Was hast du denn ? bist du denn besoffen ?« fuhr ihn der erstaunte Chefkoch an,  
aber da war es schon zu spät. »Was bin ich ?!« brüllte Georg jäh auf, und warf die  
spritzende Bratpfanne an die Wand. »Schluß jetzt ! Direkte Aktion ! Direkte  
Aktion !« Der fassungslos starrende Chefkoch konnte ihn nicht mehr hindern --  
schon griff er in die Eier und schmiß sie in das flammende Herdfeuer, schmiß und  
schrie und schrie immer gewaltiger: »Direkte Aktion ! Direkte Aktion !« Pfeifend  
platzten die Eier. Der Chefkoch fiel ihm in den Arm, das ganze Personal war  
zusammengelaufen und fiel über den Tobenden her. Ein ungeheurer Lärm enstand.  
Herr Helbling kam entsetzt über die Stiege heruntergestürzt und ergriff sofort  
wieder die Flucht, denn die Kollegen hatten Georg durchs offene große Fenster  
auf die Straße geworfen. Staunend und erschrocken glotzten die Vorbeigehenden.  
»Direkte Aktion !« brüllte Georg sich aufrichtend und ging weiter. Ganz  
ramponiert kam er bei mir an.  
»So«, sagte er aufgeräumt. »Jetzt haben wir aufgeräumt. Jetzt hab´ ich den  
Arschlöchern einmal gezeigt, was direkte Aktion ist. Vielleicht lernen sie endlich  
was !« Und dann erzählte er lachend: »Hahaha, den Helbling, Mensch, den sollst  
du gesehn haben ! Gesaust ist er wie ein Wiesel, wie ein Wiesel, hahaha !«  
Obgleich kaum anzunehmen war, daß Herr Helbling den revolutionären Akt  
begriffen hatte, meinte Georg doch: »Dem hab´ ich einen Denkzettel gegeben !  
Den merkt er sich !« Anzeige wegen mutwilliger Sachbeschädigung erfolgte nicht,  
Herr Helbling behielt lediglich den Lohn Georgs, das heißt, er holte in sowieso  
nicht mehr. »So sind diese Ausbeuter«, meinte er nur, »die Eier sind natürlich viel  
weniger wert.«  
Nun aber war er schon im revolutionären Schwung. Er sann auf Rache. Diese  
Rache bekam allerdings nicht Herr Helbling, sondern ein Bäcker am  
Pündtnerplatz, bei dem Georg kurz darauf als sogenannter »Stundenkonditor«  
eintrat, zu spüren.  
Mühsam hatte für seine Anhänger die Losung ausgegeben »Einander helfen, wo  
man kann ! Solidarität üben !« Georg bestellte uns nun jeden Mittag um ein Uhr  
vor das Kellerfenster seiner unterirdischen Backstube und warf Brotwecken  
herauf. Schnell verschwanden wir damit. Leider aber ging das nur etliche Tage.  
Verblüffte Leute, die es sahen, kamen in den Bäckerladen und erzählten. Der  
empörte Bäckermeister rannte in den Keller und schrie: »Ja, Sie unverschämter  
Kerl, Sie ! Sie stehlen mir ja das ganze Brot !« »Ja -- warum ?« stotterte der  
überraschte Georg heraus und setzte ganz kaltblütig dazu: »Und Sie ? Was sind  
dann Sie ? Ein ganz gemeiner Ausbeuter !«  
»Was ?! Was, Sie frecher Gauner, Sie ! Sofort machen Sie, daß Sie weiterkommen  
! Auf der Stelle, oder ich hol´ die Polizei !« belferte der wutschlotternde  
Bäckermeister, und ohne ein Wort ging Georg auf und davon.  
Um jene Zeit ging es mir sehr schlecht. Georg redete auf mich ein, und wir fuhren  
mit dem letzten, schnell zusammengeborgten Geld in die Südschweiz. Ich nämlich  
sollte mich damals in der »Stammrolle« eintragen, also für die nächstjährige  
Ausmusterung zum Militärdienst anmelden. Das kam für Anarchisten überhaupt  
nicht in Frage.  
»Wir leben ja in einer Kaserne !« erklärte mir Georg während der Fahrt. »Das ist  
nämlich so, schon bei der Geburt wird Buch über dich geführt, du kommst diesem  
Miststaat nicht aus . . . In der Schweiz ist das ganz anders . . . Da wirst du schauen  
! Das ist ein freies Land. Da gibt´s das alles nicht . . . Da gibt´s überhaupt gar  
keine Polizei !« Ich schaute auch wirklich. Als wir im Tessin, dem damaligen  
Zufluchtsparadies aller Anarchisten, Militärdienstverweigerer, Naturapostel und  
so weiter, ankamen, wurden wir sofort polizeilich festgenommen. Man stellte  
unsere Personalien fest. Es war recht umständlich, weil die Beamten nur  
italienisch verstanden und wir nur in der Art Taubstummer antworten konnten,  
doch schließlich mußten wir einen Franken Fremdensteuer zahlen und konnten  
wieder gehen.  
Wohin jetzt ? Georg kannte in Ascona den vegetarischen Staatsleugner Gusto  
[gemeint ist: Karl!] Gräser. Der hatte einen ansehnlichen Besitz mit großer Obst-  
und Gemüsezucht, und sein Fruchtkäse, den er neben den anderen Produkten auf  
dem Markt in Locarno verkaufte, war sehr berühmt. Bei Gräser kamen die  
Anarchisten und Militärflüchtlinge aller Länder leicht unter. Sie bekamen viel  
Arbeit im Garten, und an die Kost mußten sie sich erst nach und nach gewöhnen.  
Geld verachtete Gräser tief, das heißt, wenn er etwas davon hergeben sollte. Lohn  
von ihm zu verlangen, beleidigte ihn. Er hieß das »schnöden Rückfall in den  
Mammonsumpf«. Am dritten Tag bat ich ihn um einige Rappen für Porto, da ich  
meiner Schwester in Deutschland um Geld schreiben wollte. Er wurde weiß vor  
Verachtung und Wut, lief aber dann jäh davon, als ich mit der Schaufel auf ihn los  
wollte. Der Staatsleugner drohte plötzlich mit der Polizei und verwies uns von  
seinem Besitz. Georg und ich nisteten uns in einer verlassenen Heuhütte in  
Minusio oberhalb Locarno ein und verkehrten mit den dortigen Anarchisten.  
Die arbeiteten meistens als Handwerker und Taglöhner in Locarno und hatten den  
Plan, als »Kommune« nach Brasilien auszuwandern. Dafür wollten sie uns  
gewinnen. Seit dem Vorfall bei Gräser aber hatte Georg gegen den reinen  
Anarchismus viel einzuwenden. Auch er fing wieder als Konditor in Locarno zu  
arbeiten an und brachte abends stets den nötigen Mundvorrat mit. Schon lange  
zeichnete er gerne. Ich fand, daß er Talent habe und beredete ihn, Kunstmaler zu  
werden. Er zeichnete eifriger und hatte Glück -- sein ältester Bruder, der eine  
kleine Erbschaft für ihn verwaltete und diese nie herausgeben wollte, starb  
plötzlich.  
Brasilien ? Nein, das war für uns »Flucht in die Wildnis, Ausweichen vor dem  
sozialen Kampf«. Und außerdem -- Georg gab natürlich sofort seine Arbeit auf  
und wir vagabundierten -- außerdem klopfte jeden und jeden Morgen Schlag sechs  
Uhr ein ganz absonderlicher Mann namens Leo Hock an unsere Tür, daß wir aus  
dem besten Schlaf schreckten.  
»Herr Schorsch ! Herr Schorsch ! Herr Schorsch !« rief er unentwegt und stets  
gleicherweise und, nachdem wir antworteten, schloß er ebenso mißtönend: »Sie  
müssen mehr Brot essen !« Georg, der damals sehr blaß und mager aussah, hatte es  
ihm angetan. Brot war für Leo Hock das Allheilmittel. Es kostete fast nichts, es  
machte voll, rötete die Wangen und brachte die Seele ins Gleichgewicht, Brot, nur  
Brot ! Nichts -- weder gutes Zureden noch Grobheit -- schreckte Leo Hock ab. Er  
war entnervend. Außerdem hatten wir schon allerhand Schulden beim Dorfkrämer,  
und außerdem winkte in München für Georg die Erbschaft.  
»Brotfresser auch noch ! Das auch noch !« knurrte ich unausgeschlafen und  
verärgert.  
»Wir müssen weg«, sagte Georg und hob wieder seinen krummen Zeigefinger.  
»Das ist nämlich so, der Stirner hat ganz recht -- mir geht nichts über mich !«  
Unauffällig machten wir uns aus dem Staub und landeten wieder in München. Die  
Auszahlung der Erbschaft veränderte Georg geradezu belustigend: Er mietete ein  
großes Atelier, möblierte es, kaufte sich eine Menge eleganter Anzüge, Schuhe,  
Hemden und Krawatten, legte sich Malutensilien zu, ging vormittags in eine  
Malschule und bestellte am Nachmittag Modelle zu sich. Im Nu verbreitete sich in  
Schwabing die Kunde von dem neuen, »vermöglichen und sehr splendiden  
Kunstmaler« und die Modelle kamen scharenweise. Dieser Segen machte Georg  
verwirrt und hilflos -- denn er verliebte sich in jedes dieser Mädchen, er wußte vor  
lauter Liebschaften nicht mehr aus und ein. Und er meinte es stets ernsthaft. Er  
trug jedem Mädchen sofort die Heirat an. Noch mehr. »Du mußt dir denken, ich  
hab´ auch Geld«, sagte er vertrauensvoll und zeigte sein Bankbuch. Und um seine  
Absicht zu bekräftigen, kleidete er die Mädchen auch ein, er führte sie aus, und es  
wohnten oft ihrer drei und vier bei ihm, die sich die Partie streitig machten. Sie  
fuhren sich in die Haare, sie rauften, und es gab wilden Lärm. Der Hausverwalter  
kam und schlug Krach wegen der »Weiberwirtschaft«, aber im Nu wandten sich  
die Mädchen gegen ihn. "Das geht Ihnen überhaupt gar nichts an!« schrie die erste  
in bestem Münchnerisch: »Ich bin dem Herrn seine Braut, daß Sie´ s wissen !«  
»Ist gar nicht wahr !« fiel die zweite noch lauter ein. »Der heiratet mich!«  
»Lüg´ doch nicht so gemein!« fuhr die dritte dazwischen. »Dich wird er heiraten,  
du Schlampen! . . . Gell, Georg, das ist gar nicht wahr! Sag´ s ihr doch.« Georg  
dagegen schrie den Hausverwalter an: »Das sind meine Modelle, verstanden!« Da  
aber wurde das Keifen erst recht giftig. Der Hausverwalter ergriff einfach die  
Flucht. Er kündigte dem "Herrn Kunstmaler« das Atelier. Georg bezog ein  
anderes, immer wieder ein anderes. Oft verlor ich ihn ganz aus den Augen. Ich sah  
ihn nur selten. Er war immer vollauf beschäftigt. Jeden Tag in der Frühe, kurz  
nach Mittag und knapp vor dem Bankschluß hob er Geld ab. es floß und zerfloß  
nur so. Er bekam Angst und hob immer kleinere Beträge ab, aber um so öfter.  
»Jetzt haben S´ noch ganze vierzehn Mark! Wie oft wollen Sie da noch  
kommen!?« fuhr ihn der Bankbeamte eines Tages an. »Das geht Sie gar nichts an!  
Das ist mein Geld!« begehrte Georg auf, aber schon eine Stunde später holte er  
diesen kläglichen Rest. Sein jetziges Atelier war klein, verwahrlost und ganz  
ärmlich möbliert. Er hatte bereits seine besten Anzüge versetzt. Er liebte noch  
immer all die Modellmädchen -- aber die hatten sich mehr und mehr verflüchtigt,  
weg waren sie. Keine hatte ihn geheiratet. Das machte ihn traurig.  
»Aus ! Scheiße !« sagte er zu mir. Er versetzte alles, was er noch hatte, und floh  
mit den letzten paar Mark nach Berlin. Es ging ihm schrecklich schlecht, er  
hungerte erbärmlich, arbeitete in einer Schokoladenfabrik, dann wieder als  
Stundenkonditor, und alle Versuche, in seiner Malerei weiterzukommen,  
scheiterten kläglich. Doch er war nicht umzubringen, und das wahrscheinlich  
deswegen, weil er, den Stirner zum fanatischen Feind aller fixen Ideen gemacht  
hatte, stets und immer voll solcher fixer Ideen steckte. In Berlin hatte er wieder  
Anschluß bei anarchistischen Kreisen gefunden, sogar einige Bekannte aus dem  
Münchner Mühsam-Zirkel tauchten dort auf, indessen das Gros dieser  
buntgemischten Gesellschaft bestand nicht mehr, wie in München, aus Arbeitern,  
sondern aus verstiegenen Intellektuellen, expressionistischen Künstlern und  
Literaten, Psychoanalytikern und verkrachten Studenten, die sich mit der eben erst  
bekannt werdenden Lehre Freuds befaßten und unter dem Einfluß des flachen  
englischen Kulturphilosophen Edward Carpenter die »Befreiung der Frau« und die  
freie Liebe propagierten.  
Unerwartet tauchte Georg eines Morgens bei mir in München auf. Er sah wie ein  
entsprungener Sträfling aus, hatte ganz kurzgeschorene Haare, war noch  
eingefallener und blasser, seine spitze Nase war noch spitzer, und der zerwetzte,  
schmutzblaue Anzug hing vielfältig und sackend um seine ausgedörrte Gestalt. Er  
roch stark nach Schnaps, und seine Augen flackerten ein bißchen. »Mensch, du ? .  
. . was ist denn los ?« fragte ich etwas erstaunt.  
»Hast du´ s denn nicht gelesen ? Die Betty ist doch verhaftet ! Morgen ist die  
Verhandlung gegen sie wegen Prostitution ?« erzählte er fast vorwurfsvoll. Die  
Betty ? Ich mußte mich erst erinnern -- o ja, das war ja auch eins von den  
Modellmädchen gewesen, die bei ihm gewohnt hatten.  
»Ja, und . . . ?« fragte ich.  
»Und . . . ?« stieß er beinahe verärgert heraus. »Die muß doch befreit werden! «  
»Befreit ? . . . Tja, ich versteh nicht recht ! Wie denn ?« fragte ich noch erstaunter.  
»Ich geh morgen zur Verhandlung« sagte er kurzerhand, weiter war nichts aus ihm  
herauszubringen. Über sein Leben in Berlin verlor er kein Wort. Wir gingen weg,  
tranken den ganzen Tag und die halbe Nacht.  
»Sag mal, liebst du denn die Betty ?« fragte ich einmal.  
»Liebe ? . . . Das ist typisch individuell !« stieß er heraus. »Genau wie Schicksal !  
. . . Richtig bürgerlich, typisch individuell !« Aha, dachte ich, er hat also wieder  
einen neuen »Sparren«, das mit den fixen Ideen heißt jetzt »typisch individuell«.  
Er war merkwürdig zerfahren, unruhig und gespannt und schien in einem fort an  
die morgige Verhandlung zu denken. Auf meine Frage nach seinem Plan aber  
antwortete er gar nicht. Er trank und trank, und es sah aus, als wolle er seine  
unerträgliche Spannung niedertrinken. Dabei wurde er immer gereizter.  
»Du bist eben ein Idiot, ein Bürger !« fuhr er mich an, als ich wieder zu fragen  
versuchte. »Das ist doch ganz einfach, verstehst du denn nicht ? . . . Das ist  
nämlich so, jeder von uns muß den Frauen Vertrauen beibringen . . . « Wie  
eingelernt, didaktisch, aber fast befehlshaberisch herausgestoßen klang es. Die  
Nacht verging. Noch ziemlich alkoholisiert und unausgeschlafen gingen wir zum  
Justizpalast, fanden das Verhandlungszimmer und setzten uns zwischen die  
Zuschauer. Betty wurde aus der Haft vorgeführt und hatte uns nicht bemerkt. Sie  
sah ziemlich verwahrlost aus und schien ganz gleichgültig zu sein. Ein schäbiger  
Sittenpolizist stand da. Nach der Verlesung des Falles fing das übliche Verhör an.  
Betty leugnete nicht einmal.  
»So, und da haben Sie gar nichts dran gefunden ?« sagte der sittenstrenge Richter  
einmal hämisch. »Statt zu arbeiten haben Sie in den Kaffeehäusern herumgesessen  
und Männerbekanntschaften gemacht, und nachts haben Sie auch Männer auf der  
Straße angeredet . . . Es ist erwiesen, daß Sie Geld dafür genommen haben . . .  
Haben Sie dagegen was vorzubringen ?«  
»Nein!« antwortete Betty etwas bockig. »Ich hab' doch schon alles gesagt !«  
»Abgesehen von der moralischen Verwerflichkeit Ihrer gewerbsmäßig betriebenen  
Unzucht haben Sie sich doch sagen müssen --« fing der Richter wieder blechern  
an und -- brach ab, jäh ab.  
»Einen Moment !« schrie es scharf auf. »Einen Moment !«  
»Was ist denn das ?« knurrte der gestörte Richter ärgerlich und begriff zunächst  
gar nicht, aber schon stand Georg mit vorgerecktem Kopf ganz nahe vor dem  
Richtertisch und bellte geradezu: »Mein Name ist Georg S . . . ! Ich verbitte mir  
das ! Das Fräulein ist meine Braut ! Ich heirate sie !« Augenblicklang starrte alles.  
»Ich verbitt' mir das ! Ich heirate sie !« überschrie sich Georg abermals und reckte  
seinen Kopf noch mehr vor. Wie angeekelt streckte der Richter die flache Hand  
gegen sein Gesicht und sagte messerscharf: »Gehn Sie weg, Sie stinken nach  
Schnaps !«  
»Ich stinke nicht !« plärrte Georg. »Ich verbitt' mir das ! Das Fräulein ist -«  
»Besoffen sind Sie ! Nach Schnaps stinken Sie !« wiederholte der Richter  
energischer. »Was haben Sie überhaupt hier zu schaffen ! Machen Sie, daß Sie  
wegkommen !«  
Mehr war nicht nötig. Der Saalschutzmann hatte Georg bereits gepackt, zerrte ihn  
zur Tür und stieß ihn derb hinaus. Fremd und benommen glotzte Betty, das  
Publikum stand. »So eine Frechheit ! Weiter !« sagte der Richter, und ich rannte  
zur Tür hinaus.  
»Mensch, geh bloß weiter . . . Der kann dich ja glatt festnehmen lassen !« sagte ich  
zu Georg, und der hatte sonderbarerweise nichts dagegen. Er lächelte sogar dünn.  
»Du bist doch ein Bürger ! « sagte er zu mir auf der Straße.  
Ich ging nicht darauf ein und fragte: »Ja, willst du denn die Betty wirklich heiraten  
?«  
»Nein, gar nicht !« antwortete er, fast erstaunt darüber. »Gar nicht ! . . . Sie ist  
doch ein freier Mensch . . . Das war bloß abstrakt, verstehst du, bloß abstrakt !«  
»Abstrakt ? . . . Wie meinst du denn das ?« fragte ich noch verwunderter.  
»Na ja, abstrakt eben, gar nicht greifbar !« versuchte er mir zu erklären. »Protest  
gegen die Unterdrückung der Frau ! . . . Abstrakt, nicht greifbar !«  
»Ja, um Gottes willen!« fragte ich ganz verzweifelt. »Wer soll denn nicht greifbar  
sein ?!«  
»Na ich ! Ich natürlich !« meinte er ungeduldig. »Du bist auch dümmer, als die  
Polizei erlaubt !«  
»Du ? . . . Du . . . ?!« Ich blieb stehen und starrte ihn vollkommen verständnislos  
an. Er schüttelte den Kopf, lächelte verächtlich und fing endlich in seiner  
unnachahmlichen Art zu erklären an. Er war noch immer der alte, unbeirrbare  
Anhänger der »direkten Aktion«, aber etwas hatte er von den Berliner  
Intellektuellen doch gelernt. Blinde Draufgängerei war sinnlos dabei, man mußte  
systematisch vorgehen, eben »nicht greifbar«. Er hatte seinen Plan einem  
halbwegs juristisch bewanderten Berliner Gesinnungsfreund erzählt, und dieser --  
wahrscheinlich, weil er's gar nicht glauben konnte, aber sicher ganz amüsant fand  
-- hatte zu ihm gesagt: »Na, als Manifestation ist das ganz ordentlich, aber am  
besten ist's, du säufst dir vorher einen an ! . . . Besoffenheit ist auf alle Fälle  
strafmildernd.«  
Und deswegen war er von Berlin bis nach München gefahren ! Ich wollte das eben  
sagen, doch Georg war ganz woanders. Seine Listigkeit freute ihn.  
»Das ist nämlich so !« fing er befriedigt an. »Dern Staat, überhaupt dieser ganzen  
Ausbeutersippschaft, der muß man ganz hinterlistig beikommen . . . Genau so  
gemein wie sie . . . « Er war felsenfest davon überzeugt, daß es ihm diesmal  
vollkommen gelungen sei. Überaus fröhlich rieb er sich die Hände, indem er in  
einem fort herauslachte: »Hahaha, der Richter ! Der hat aber Augen gemacht ! Auf  
einmal ist sein ganzer Nimbus weggewesen ! Das ist ihm sicher noch nie passiert,  
hahahaha !« Er lachte krachend. »Ja, und die Betty ? Was ist's mit der . . . ?« fragte  
ich. Das verstand er gar nicht.  
»Die ? . . . Was soll denn sein mit ihr ?« raunzte er mich leicht ärgerlich an. »Sie  
hat doch ihren freien Willen ! Vertrauen zum Mann hat sie jetzt wieder, zum Mann  
an sich, verstehst du ? Damit ist's genug ?« Ganz dunkel kam es mir vor, als habe  
er den Begriff »abstrakt« also doch erfaßt.  
Seine tief skurrile Naivität war zu jeder Zeit entwaffnend. Er glaubte stets  
unverrückbar an das, was er im Augenblick tat oder sagte, allerdings auf seine  
Weise. Ich bin überzeugt, heute noch überzeugt davon, daß, wenn die Betty jetzt  
aus dem Justizpalast gekommen und auf ihn zugegangen wäre, wenn sie in ihrem  
vulgären Münchnerisch gesagt hätte: »Schorschl, geh weiter, mir heiraten jetzt?«  
er hätte es blindlings getan. Weiß Gott nämlich, wer ihm das in den Kopf gesetzt  
hatte, es war schon so: Er hing sein Leben lang mit einer nicht zu enträtselnden,  
wirklich abstrakten, gewissermaßen solidarischen Verehrung an der Frau an sich,  
am Begriff »Frau« sozusagen, und er sprach dann, wenn er dies irgendwie  
begreiflich machen wollte, von »Kameraderie«, nannte die Frau »Kameradin«, es  
fiel ihm dabei Rilkes Verwendung »und irgendeiner Mutterschaft gemäß« ein,  
aber - aber grotesk beinahe - es machte ihm dabei seine kon-dsch primanerhafte,  
seltsamerweiße stets unversteckt zur Schau gestellte Sinnlichkeit beständig einen  
Strich durch die Rechnung. Er heiratete zweimal. Die erste Frau, Maria, ebenfalls  
eine Malerin, vergaß er nie. Sie verstarb sehr jung im ersten Kindbett und er litt  
ungeheuer darunter, doch auch die zweite Ehe war alles in allem recht glücklich  
bis an sein Lebensende. Indessen, zu jeder Zeit, wenn vor ihm auf der Straße ein  
nettes, eben erblühtes, fünfzehn- oder sechzehnjähriges Mädchen auftauchte,  
bekam er Herzklopfen. Er vergaß alles und ging oft stundenlang hinter dem  
Mädchen her, verfolgte all seine Gesten, saugte mit geradezu fanggierigen Augen  
die ganze lokkende Figürlichkeit dieses Wesens in sich hinein und wagte doch nie,  
dem Mädchen näherzukommen, es anzusprechen. Wenn - Gott behüte! - das  
Mädchen sich gar noch umdrehte, ihm keck entgegenlachte oder  
unmißverständlich winkte, setzte buchstäblich sein Herzschlag aus, ein jäher  
Taumel überkam ihn - aber er wurde nicht mutiger. Er zögerte, und wenn sie  
wieder weitertrippelte, ging er erneut hinter ihr her, bis sie schließlich in einem  
Hausgang verschwand. Ganz verstohlen schrieb er sich sogar manchmal die  
Hausnummer auf. »Du«, sagte er dann sonderbar lächelnd, »also jetzt grad hab' ich  
ein Mädchen gesehn ! Ich bin ihr nachgegangen - also diese Brüsterln, der nette  
Popo, also so was Knuspriges !« In dem einzigen, sehr bewegten Ehejahr mit  
Maria geschah das noch selten, in seiner zweiten Ehe aber wurde diese Marotte  
allbekannt. Er verschwieg sie auch seiner Frau nicht, er sagte sie jedem Freund,  
und er konnte sich dabei nicht genug tun, die anziehende Körperlichkeit des  
Mädchens zu schildern. »Aber, hm, hmhm, dumm, hm, dumm - auf einmal in der  
Leopoldstraß' ist sie ins Haus gegangen ! Schad', schad' !« Er stand nachts oft  
lange Zeit ganz beklommen hinter dem Vorhang verborgen an seinem offenen,  
dunklen Fenster, ein Theaterglas vor den Augen und suchte die  
gegenüberliegenden, erhellten Fenster ab, bis er so ein Mädchen entdeckte.  
Insgeheim stieg er sogar manchmal zum Speicher hinauf, deckte etliche  
Ziegelsteine auf und tat dasselbe. Wir alle lachten darüber, und seine Frau war  
großzügig genug, ebenso zu lachen. Er selber sogar versuchte diese Leidenschaft  
zu belächeln, doch sie verminderte sich deswegen nicht. Ganz bedrängt, mit leichtem  
Humor, aber nach unserer Kenntnis sicher ernst gemeint, stieß er einmal heraus:  
»Herrgott, es gibt doch so viel Mädchen auf der Welt! So viel ! . . . Warum  
kommen sie denn nicht zu mir ?!« Und ein anderes Mal setzte er dazu: »Sie  
brauchen doch bloß was sagen -- ich komm'auch zu ihnen !«  
Männliche Unverstecktheit, erotische Geheimnislosigkeit wirkt instinktiv  
abstoßend auf Frauen. Kein Wunder, daß Georg bei seinen Verliebtheiten fast nie  
Glück hatte. Maria war auf ihn durch eine erste Ausstellung seiner frühen Bilder  
in dem expressionistischen Kunstsalon »Der Sturm« in Berlin aufmerksam  
geworden. Sie machten einen großen Eindruck auf sie, und offenbar spürte sie  
etwas innerlich Verwandtes in Georg. Sie war eine Bauratstochter aus Gotha, hatte  
wahrscheinlich die bürgerlich-zopfige Enge daheim nicht mehr ertragen und  
besuchte damals eine Berliner Malschule. Sie war groß und trotz ihrer  
zweiundzwanzig Jahre schon ein bißchen frauenhaft füllig, hatte ein klares gutes  
Gesicht und schöne, dunkle, sprechende Augen. Sie war hochbegabt, überraschend  
einsichtsvoll und voll zärtlicher Hingabe. Schon bei der ersten Begegnung  
verliebte sie sich in Georg, und der war überglücklich. Dem ging es zu jener Zeit  
sehr schlecht, aber ohne viel Umstände beschlossen sie, zu heiraten. Rasch wurden  
alle Formalitäten besorgt, Maria fuhr nach Hause, besprach sich mit ihren Eltern  
und schilderte Georg als wunderbaren Menschen und einzigartigen Künstler. Alle  
Vorbereitungen zur Hochzeit im Elternhaus in Gotha wurden gemacht. Maria  
schrieb Georg nach Berlin und bat ihn, gleich einen sehr förmlichen Brief an die  
Eltern zu schreiben und pünktlich zum angesetzten Hochzeitstag zu kommen. Das  
alles brachte Georg in ziemliche Verwirrung. Das Schlimmste war nicht etwa, daß  
er sich mit schwerer Not das Fahrgeld zusammenborgen mußte. Das gelang  
schließlich auch. Das Ärgste war -- er mußte zur Hochzeit standesgemäüß  
angezogen sein, also einen Smoking auftreiben, und woher sollte er den nehmen  
ohne Geld. Woher die neuen Schuhe, ein paar weiße Hemden? Ganz und gar ratlos  
und zerfahren aber machte ihn der gewünschte Brief an den Herrn Baurat in  
Gotha, seinen künftigen Schwiegervater. Es war für ihn seit jeher ausgemacht, daß  
man in solch feinen, bürgerlichen Kreisen einen ganz anderen Gebrauch von der  
Sprache mache, als sonst im Volk. Grammatik und Orthographie beherrschte er  
nie ganz korrekt. Darum bestaunte er beispielsweise nichts so, als dunkle, schwer  
verständliche, vielverschlungene Schachtelsätze, und Wendungen wie etwa »es  
kann Ihnen ja unbenommen bleiben« versetzten ihn stets in respektvolle  
Verblüffung. Es läßt sich also denken, wie der erwähnte Brief ausfiel. Mir sind nur  
noch etliche Sätze daraus unvergeßlich geblieben, wie dieser: »Wie Ihnen,  
hochgeschätzter Herr Baurat, Ihre Tochter Maria bereits informiert hat, hat sich  
zwischen dieser und mir eine Beziehung ergeben, welche nicht mehr rückgängig  
gemacht werden kann. «  
Georg betonte öfter, daß er sich in »absehbarer Zeit nach Gotha begeben werde«  
und dort »länger verweilen dürfte«, und unterzeichnet war der Brief mit »Ihr Ihnen  
wohlgeneigter Georg S . . . «.  
»Du kannst dir denken«, erzählte mir Maria später öfter, »wie das auf meinen  
Vater gewirkt hat . . . Der Mann ist doch ganz ungebildet, hat er ganz ängstlich zu  
mir gesagt, und den Kopf hat er geschüttelt . . . Hmhm, Ihr wohlgeneigter, schreibt  
er ?! . . . Maria, der Mann ist doch, bei Gott, sehr taktlos !« Maria redete und  
redete, sie glättete alles, sie gewann. Vorsichtshalber holte sie Georg in der Nacht  
vor der Hochzeitsfeier allein vom Zug ab. Abgehetzt und etwas erschöpft war sie.  
»Ja, um Gottes willen, du Armer, was hast du denn? Bist du denn etwa jetzt auch  
noch krank geworden !« rief sie entsetzt, als Georg aus dem Waggon stieg. Sein  
Bauch im engen Smoking war eingezogen, wie ein Gichtkranker hielt er den Kopf  
steif nach unten und konnte sich nicht gerade aufrichten, um sie zu küssen.  
»Nein-nein, nichts, nichts ! Nur schnell ins Hotel !« keuchte Georg, indem er den  
steifen Kopf etwas nach oben drehte, um sie anzusehen. Im Hotel stellte sich  
heraus, daß er von einem viel kleineren, schmaleren Freund in Berlin einen  
Smoking ausgeliehen hatte. Die allzukurze Weste war einfach vorne inwendig an  
die Hose genäht. Er reckte und streckte sich, die Fäden rissen und das weiße Hemd  
quoll heraus.  
»Ah, Gott sei Dank !« schnaufte er auf. »Aber morgen mußt du's wieder  
zusammennähen . . . «  
»Ja, hm, das geht doch nicht . . . So kannst du doch nicht --« stotterte Maria und  
fand keinen Rat mehr. Er auch nicht. Endlich schlich sie heim und brachte eine  
alte, halbwegs dazu passende Weste ihres Vaters. Es war mitten im Ersten  
Weltkrieg, man schrieb 1917. Neben der brautmäßig weiß gekleideten Maria,  
zwischen ordengeschmückten feldgrauen Offizieren und feierlichen Herren in  
tadellosen schwarzen Anzügen und weiß gestärkten Hemdbrüsten stand  
vielzerfaltet und zerzogen, ärmlich und grotesk, Georg und hörte das monotone  
Geleier des protestantischen Pastors an. Er roch penetrant nach Mottenpulver und  
die Schuhe drückten ihn schrecklich. Der Pastor legte die Hand Marias in die  
seine. Georg schaute seine etwas verlegen-schämig dreinblickende junge Frau mit  
seinen kleinen Augen lächelnd an und sagte, obgleich der Geistliche noch redete:  
»Jetzt ist's also soweit . . . ? Ja ?« Maria nickte nur. Die Umstehenden schauten  
pikiert auf dieses fremde Element, das da in ihre Kreise geraten war und  
schüttelten unvermerkt die Köpfe.  
Es war 1917, und was hatte Georg inzwischen alles mitgemacht! Als alter  
Antimilitarist war er sich gleichgeblieben. Bei Ausbruch des Krieges war er noch  
in München gewesen, und am ersten Mobilmachungstag, als jene Intellektuellen,  
die uns den Antimilitarismus so eifrig gelehrt hatten, sich massenhaft als  
Kriegsfreiwillige meldeten, war er einfach als Rheumatiker ins Krankenhaus  
gegangen. Man hatte seine Einberufung aufgeschoben. Aus dem Krankenhaus  
entlassen, war er nach Berlin geflohen, hatte sich bis jetzt nicht mehr gemeldet  
und versteckt gehalten, und da - da kam nun diese Heirat dazwischen. Von Gotha  
wieder nach Berlin zurückgekommen, richteten sich Maria und er eine hübsche  
Wohnung ein, denn schon zeigten sich die ersten Anzeichen von Marias  
Schwangerschaft. Und jetzt erreichte ihn eine erneute Einberufung. Was tun ?  
Ein Hochstapler verkaufte Georg für teures Geld kleine, schwarze Pillen und  
sagte: »Wenn Sie die nehmen, garantiert, Sie können kein Bein mehr rühren! Jeder  
Krieg ist für Sie pasee !« Maria beschwor Georg, sich doch nicht krank zu  
machen. Vergeblich. Vorsichtig fing er an, erst eine Pille zu nehmen, horchte  
gleichsam in sich hinein und wartete. Es geschah nichts. Er nahm zwei Pillen,  
dann drei und schließlich zum Entsetzen Marias alle Pillen auf einmal. Es stellten  
sich keine Schmerzen ein. Verbissen legte sich Georg - es war ein eiskalter Winter  
- ins siedeheiße Bad und riß, nachdem er aus der Wanne stieg, alle Türen weit auf.  
Er bekam keinen Rheumatismus.  
»Hm, dumm, saudumm ! Was jetzt ?« brummte er unnachgiebig, und schon im  
nächsten Augenblick rief er entschlossen: »Wir fliehn einfach nach Holland !«  
»Das geht doch nicht ! Die Grenzen sind doch gesperrt !« widersprach ihm Maria  
flehend und überlegte alle anderen Möglichkeiten, aber Georg rief schon Freunde  
an, die eine Wohnung suchten, verkaufte ihnen alles, was Maria und er sich mit  
viel Liebe, Geschmack und Freude zusammengeholt hatten, und packte zwei  
Rucksäcke. Am andern Tag fuhr er mit der verängstigten, schwangeren Maria an  
die Grenze, und die war natürlich gesperrt. Hoher, elektrisch gespannter  
Stacheldrahtzaun war gespannt, Wachtposten standen da, die beiden machten sich  
verdächtig. Sie fuhren nach einer anderen Grenzstelle. Da war es dasselbe. Nachts  
schlichen sie an die Ems und Georg musterte den hohen Stacheldraht. Ach zieh'  
einfach die Handschuh' an, bieg' ihn auseinander, spring' ins Wasser und  
schwimm' ans andere Ufer«, sagte er zu Maria flüsternd.  
»Ja, und ich ?« meinte sie in der Dunkelheit.  
»Ja, so . . . Hm, du bist ja auch noch da !« antwortete er, und sie gingen wieder ins  
Städtchen Lathen zurück. Am andern Tag reisten sie nach München. Hier ging  
Georg mit einem dikken Spazierstock bewaffnet humpelnd zur  
Einberufungsbehörde.  
»Was haben Sie ?« fragte der Arzt.  
»Rheumatismus ... chronisch«, antwortete Georg. Einige Gichtknollen an seinen  
Füßen bekräftigten seine Behauptung.  
»Dauernd dienstuntauglich !« sagte der Arzt zum Feldwebel am Pult.  
»Aber Herr Doktor ! . . . Da, sehn Sie doch einmal die Papiere an !« wagte der  
Feldwebel zu widersprechen. »Bitte, da !« Sicher stand allerhand wenig  
Vertrauenerweckendes für Georg in diesen Papieren. Trotzdem sagte der Arzt in  
echtem Bayrisch: »Ah, was die Preiß'n da schreiben ! . . . Uns geht das nichts an !  
Der Mann ist doch durch und durch krank. «  
Ich wartete auf Georg vor dem Bezirkskommando. Er überquerte humpelnd die  
Straße, schwer auf seinen Stock gestützt.  
»Was ist's ?« fragte ich gespannt. Er lugte geschwind rundherum. Wir gingen um  
die Ecke, und da auf einmal rannte Georg quicklebendig an den nächstbesten  
Laternenpfahl und schlug seinen Stock in tausend Stücke.  
»Dauernd dienstuntauglich ! Der Scheißkrieg ist aus für mich . . . Die Maria wird  
froh sein !« sagte er. Nach etwa zwei Monaten aber -- Ludendorff brauchte für  
seine neue Offensive wieder »Menschenmaterial« -- wurde Georg erneut  
gemustert. Sein Humpeln und der Stock halfen ihm nichts mehr. Er wurde als  
»garnisondiensttauglich« ins Bezirkskommando eingezogen, mußte als Kellner die  
Offiziere bedienen und konnte nachts zu Hause schlafen. Maria war schon  
unförmig dick geworden, mußte sich schonen, und Georg und ich richteten eine  
kleine Atelierwohnung in der Amalienstraße ein. Er soff unmäßig, er schnupfte  
Kokain, und eines Morgens beim Gabelfrühstück ließ er die ganze Schüssel mit  
den gekochten, saftigen Weißwürsten über den Herrn Oberst fallen. Dessen  
ordengeschmückte, goldstrotzende Uniform ging dabei flöten.  
»Tja, ja !« sprang der Oberst wütend auf. »Was haben Sie denn, Sie Hornochs !  
Das ist denn doch die Höhe ! Sind Sie denn krank ?« Schwankend und bleich  
stand Georg da und meldete: »Zu Befehl, Herr Oberst, ich hab' schon lange immer  
so ein Zittern !«  
»Melden Sie sich beim Arzt ! Marsch, abtreten !« kommandierte der Oberst.  
Georg hatte sich's genau überlegt und errechnet: Der Arzt war auf Urlaub, ein  
Zahnarzt vertrat ihn, denn was konnte bei einem Bezirkskommando schon viel an  
Erkrankungen vorkommen! Der Zahnarzt untersuchte den Patienten oberflächlich  
und verlegte sich hauptsächlich aufs Fragen, denn die ganze Angelegenheit war  
ihm ziemlich zuwider. Er war froh, daß ihm Georg so bereitwillig die geeigneten  
Antworten gab. Er schrieb ein eindringliches Gutachten -und am andern Tag  
wurde Georg dauernd dienstuntauglich erklärt und entlassen. Nun war der Krieg  
für ihn wirklich zu Ende, er war frei. Das erzählt sich so leicht. Wenn aber einmal  
die Geschichte der Kriegsdienstverweigerer geschrieben würde, was wäre sie für  
eine heroische Passion! Georg hatte sich für sein ganzes Leben gesundheitlich  
ruiniert, und er war nur einer von tausenden! Sein angegriffenes Herz heilte nie  
mehr ganz aus, seine Arterien verkalkten frühzeitig, sein Rheumatismus  
verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr, auf einem Ohr hörte er kaum noch, und er  
litt oft wochenlang an peinigendem Kopfweh, so sehr, daß er an manchen Tagen  
insgeheim vier und sechs Aspirin zu sich nahm. Es war verwunderlich, daß er bei  
all dem seinen Humor behielt.  
Und da starb nun plötzlich Maria, an der er unsagbar hing, am Kindbett und  
gebar einen Buben, der am Leben blieb. Noch im allerletzten Augenblick faßte sie  
Georg an der Hand, schaute ihn ohnmächtig an und hauchte nur: »Schade, schade!  
... So jung!« Ihre Leiche ließen die Eltern nach Gotha überführen und das Kind  
nahmen sie zu sich. Georg war wieder allein. Dieser Tod aber ging ihm sehr  
nahe. Lange Zeit war er verstört und tief unglücklich. Erschöpft, wie ausgesogen,  
mußte er sich eines Tages hinlegen. Sein Rheumatismus meldete sich wieder, eine  
Grippe kam dazu und seine Nerven versagten. Er hatte einen Arzt aufgetrieben,  
den nur er finden konnte. Dieser Mann unterhielt sich mit ihm bei jedem Besuch  
sehr lange, und das war vielleicht gut. Es beruhigte ihn. Es brachte ihn wieder  
einigermaßen ins Gleichgewicht. Und außerdem verschrieb ihm der Arzt ein  
pulverisiertes, weißes Medikament, das »Phagozyth« hieß.  
»Fieber ? . . . Schmerzen ? Das hat gar nichts zu bedeuten«, sagte der Arzt, als der  
sich windende Georg sich darüber beklagte. Er erklärte ihm, jeder Mensch würde  
nur deswegen krank und so schwer wieder gesund werden, weil alle eine »Phobie«  
vor dem Kranksein hätten. Das »Phagozyth« wirke nervenstärkend, versetze die  
Zellen, aus welchen der menschliche Körper bestehe, wieder in die richtige  
Funktion, und vor allem wirke es »antiphobös«. Das interessierte Georg  
ausnehmend. Der Arzt gab Anweisung, wie das Medikament zu nehmen sei. Am  
andern Tag, als ich Georg besuchen wollte - Maria lag doch erst vier Wochen  
unter der Erde - hörte ich schon auf dem Stiegenhaus seinen lauten, fröhlichen  
Gesang. Sonderbar berührt davon, halb erschreckt und doch wieder froh auch,  
rannte ich treppaufwärts, klopfte und sagte, als er die Tür aufmachte: »Du bist also  
wieder gesund, was ?«  
»Gesund ? . . . Noch lang nicht ! Das ist bloß meine Kur! « erwiderte er und ließ  
mich ein. Er war vollkommen nackt, hielt sich mit aller Überwindung aufrecht, in  
der einen Hand hatte er ein Glas Wasser mit dem darin verrührten »Phagozyth«,  
und sofort schritt er wieder ernst und marschmäßig hin und her, her und hin. Dabei  
sang er aus voller Kehle: »Die Vöglein im Walde, die sangen's so wunder-  
wunderschön!« Rasch nahm er einen Schluck Phagozythwasser und sang wieder  
weiter.  
»Ja, bist du denn vollkommen wahnsinnig geworden ! . . . Du fieberst doch ! Was  
ist denn das für eine blödsinnige Kur ?« fuhr ich ihn an.  
»Warum ?« sagte er unverblüfft. »Fieber ? Das ist ganz unwichtig !« Er gab mir  
nur die Gebrauchsanweisung, die dem »Phagozyth« beigelegen hatte, zu lesen,  
nahm wieder einen Schluck des weißlichen Wassers, atmete tief und fing von  
neuem kräftig zu singen an.  
»Bei jedem Einnehmen laut singen ! Ein Volkslied ! Und immer lauter, verstehst  
du !« sagte er nebenher. »Das geht durch den ganzen Körper, sag' ich dir ! Und die  
Zellen, mein Lieber, die spür' ich direkt, wie sie aufwachen !« Er schlotterte vor  
Frieren und mußte sich wieder hinlegen, doch er war äußerst zufrieden. Ich las die  
Gebrauchsanweisung, wirklich stand da: »Unter immer lauterem Absingen eines  
Volksliedes.« Georg ließ sich nicht davon abbringen, und tatsächlich - er wurde  
wieder gesund. Immerhin fühlte er sich noch etwas erholungsbedürftig und ging  
mit uns ins Gebirge. Er wohnte etliche Häuser weit von uns entfernt in einem  
Zimmer bei einem Bauern, und er machte sich das Frühstück stets selbst. Einmal  
kamen wir sehr früh zu ihm, weil wir einen Ausflug verabredet hatten, und  
überraschten ihn dabei.  
»Ja, um Gottes willen, was ißt du denn da ? . . . Pfui Teufel! Was frißt du denn  
bloß in dich hinein ?« fragte meine Frau entsetzt. Georg hatte eine umfängliche  
Schüssel Haferkakao vor sich, warf in einem fort große Stücke Schweizerkäse und  
Butter hinein und löffelte das Ganze aus.  
»Das ist nämlich so, meine Zellen sind noch ganz klein . . . Wenn ich ihnen recht  
viel Fett hineinpresse, dann werden sie ganz groß, verstehst du ?« erklärte er uns.  
»Da platzen sie fast vor Fett, da tropfen sie direkt davon ! . . . Das ist jetzt wichtig  
für mich! Das hat mein Doktor gesagt.« Es wurde ihm zwar manchmal schlecht  
dabei, doch er war nicht davon abzubringen.  
Als wir wieder nach München zurückkamen, hatte sich bereits herumgesprochen,  
daß der »Herr Kunstmaler Sch . . . wieder alleinstehend sei«, und was geschah ?  
Alle Modellmädchen, die einst während der Zeit seiner Erbschaft bei ihm gehaust  
hatten, tauchten wieder bei ihm auf. Er empfing jedes mit einem freundlich-  
lüsternen, leicht verlegenen Lächeln, und da er damals sehr auf den Haferkakao  
schwor und ständig einen großen Topf voll auf dem Herd stehen hatte, sagte er  
sogleich aufgeräumt: »Ah, das ist aber schön, daß du kommst ! . . . Herrgott, nett  
bist du ! Knusperig ! Magst einen Kakao ?«  
Als Expressionist malte er schon längst nicht mehr nach dem Modell. Um den  
Kakao drehte es sich natürlich bei solchen Besuchen auch nie, wiewohl die  
höflichen Mädchen ihn nicht ablehnten. Beim Hinuntergehen über die schmale  
Stiege verlor die »Lolo«, die besonders oft kam, einmal ein Höschen. Hastig und  
etwas geniert zog sie es hoch, aber Georg hatte es gesehen.  
»Ah, da schau, das ist von meiner verstorbenen Frau !« sagte er, ohne im  
geringsten darüber aufgebracht zu sein. »Hast du dir die mitgenommen ?«  
»Ich ? Mitgenommen ? . . . Du bist ja gut ! Woher denn ?! « leugnete Lolo frech  
und erzählte schmollend, sie habe sich das Höschen erst heute vormittag im  
Kaufhaus Oberpollinger gekauft.  
»So ? . . . Komisch !« lenkte Georg sofort wieder ein. »Warum magst du mich  
eigentlich nicht heiraten ? Magst gar nicht ? . . . Geh weiter, du hast sogar den  
gleichen Geschmack wie meine Frau gehabt hat. « Er sagte es ein wenig hilflos,  
tölpisch und traurig. Merkwürdig, warum heiratete ihn eigentlich wirklich kein  
solches Mädchen ? Er war doch Wachs in ihren Händen ! Aber auch Lolo kam  
bald nicht mehr. Georg zog einmal die Schubladen auf, in denen sich die  
Habschaften seiner toten, vielgeliebten Frau befunden hatten - sie waren leer bis  
auf den Grund.  
»Hm, das ist eigentlich ganz gut! jetzt ist alles weg!« sagte er am andern Tag zu  
mir. »Jetzt hab' ich wenigstens keine Erinnerung mehr !« Es klang melancholisch.  
Klein, sehr abgemagert und etwas hölzern stand er da. Sein eingefallenes,  
mitgenommenes Gesicht war ungewiß traurig, die Nase sah wieder so spitz aus  
wie in seinen schlechtesten Zeiten.  
»Weg, alles weg ! Ganz gut so ! Zum Teufel damit!« wiederholte er grollend  
energischer. Er biß die Zähne fest aufeinander und bekam einen entschlossenen  
Ausdruck. Der alte rebellische Elan schien wieder in ihm erwacht, und wie immer  
fiel ihm dabei ein Zitat ein. jetzt, nachdem ihm alle Sachen seiner verstorbenen  
Frau gestohlen worden waren, nachdem er trotz seines Begehrens keine  
Gegenliebe bei all den Mädchen gefunden hatte, schnaubte er und sagte  
kopfschüttelnd: »Eigentlich bin ich ja ein Idiot ! Eigentlich ein ganz sentimentaler  
Spießbürger ! . . . Der Stirner sagt doch alles ganz genau ! . . .  
»Was soll nicht alles meine Sache sein ? Vor allem die gute Sache, die Sache der  
Familie, die Sache der Religion, die Sache, des Staates, des Vaterlandes, der  
Menschheit - nur meine Sache soll nie meine Sache sein ! « Und mit dieser  
Feststellung war er offensichtlich zufrieden. Er wurde wieder der alte, malte  
wieder, lief wieder beklommenen Herzens den Sechzehnjährigen nach und las  
wieder täglich die Zeitungen aller politischen Richtungen.  
»Hrnhm ! Hrnhm !« raunzte er zwischenhinein. »Sie dementieren jetzt auf einmal  
wieder so viel ! Das ist verdächtig ! . . . Wenn sowieso nichts gewesen ist, zu was  
brauchen sie's denn dann dementieren ! Das ist verdächtig ! Das ist finster !«  
Wie heute sehe ich ihn noch. Riesige, verlatschte Pantoffeln an den Füßen,  
ungewaschen, mit zerzausten Haaren hockt er in einem viel zu großen,  
dickverschmierten Malermantel halbangezogen auf dem eingesessenen Diwan.  
Pudelwohl ist ihm im warmgeheizten Atelier. Er lächelt dünn, kneift seine Augen  
zusammen und reibt sich in einem fort fischgeschwind die Handflächen.  
»A-aaah!« atmet er behaglich. »Eigentlich haben wir's wunderschön! Wir leben  
wie die Millionäre ! . . . Hahaha, und die andern machen Krieg und vielleicht sogar  
eine Revolution!« Dann machte er sich über die große Schüssel des dicken,  
dampfenden Haferkakaos, brockte bedächtig Brot hinein und ließ es aufweichen,  
bis der Löffel in dem Gemansch stecken blieb. Endlich fing er mit wahrer Lust zu  
schlappern und zu schlürfen an. Nur Heines unsterbliches »Moses Lümpchen«, der  
am Sabbat Fisch ißt und mit keinem Rotschild tauschen möchte, glich ihm dabei.  
Ganz gewiß, es war viel unaufgespürte Melancholie, viel unbewußte Resignation  
in ihm. Trotz seiner Absonderlichkeit und gelegentlichen revolutionären  
Aufsässigkeit leitete ihn doch stets die aus tausend kleinen, bitteren Erfahrungen  
erwachsene Alltagsphilosophie des kleinen Mannes, daß man das Leben eben  
nehmen müsse, wie es nun einmal ist. Das machte ihn so unverwüstlich. Und  
machen wir uns nur ja nichts vor: Es ist gar nicht wahr, daß die großen  
Revolutionäre, die genialen Staatsmänner, die Religionsstifter und findigen  
Gesetzgeber das Leben halten oder es nach schweren Rückschlägen wieder in den  
normalen Gang bringen, es sind immer und immer nur die Millionen dieser  
kleinen Leute, die so ein Wunder vollbringen. Sie wissen instinktiv, daß sie von  
jedem Regime betrogen werden und ertragen geduldig alle Schikanen einer  
wildgewordenen Bürokratie. Dieses Ertragen richtet sich freilich ganz nach dem  
jeweiligen Temperament, und Georgs Temperament war gar nicht so  
unkompliziert. Es brach meist unverhofft aus ihm und machte die abruptesten  
Sprünge, und da er - wenn ich so sagen darf - über eine höchst merkwürdige  
Gehirnsubstanz verfügte, kamen oft Meinungen aus ihm, die sich ungemein brutal  
und zynisch anhörten, deren unfreiwilligen Sarkasmus und Witz er aber gar nie  
begriff. Im Gegenteil, er malte so etwas dann behäbig aus, und es wurde harmlos  
oder drollig. Damals zum Beispiel, als ich gerade meine ersten sehr wortreichen,  
überladenen Gedichte schrieb, staunte er darüber. Er fand es ganz in der Ordnung,  
daß die Kritik sie rühmte, aber umsonst war es ihm nicht stets um das Konkrete zu  
tun.  
»Du«, sagte er einmal zu mir, als wäre ihm der beste Gedanke eingefallen. »Mit  
deinen Gedichten verdienst du doch nichts! Gedichtbücher kauft doch kein  
Mensch! ... Du hast das so ausgezeichnet los, recht verdrechselte Sätze zu machen  
! Versuch's doch einmal mit Kunstkritiken ! Die sind doch auch alle so kompliziert  
abgefaßt, daß sie kaum wer versteht . . . Probier's einmal ! du wirst sehen, da hast  
du Glück und verdienst was.« Ich mußte lachen, folgte ihm und -- die betreffenden  
Kritiken fanden, obgleich ich farbenblind bin, überall großen Anklang. Ich schrieb  
sogar je ein Büchlein über Georgs und Marias Bilder, es gab beträchtliche  
Honorare, und von jetzt ab galt ich auf einmal als maßgebender Kunstkritiker.  
Mich ergötzte das, doch Georg fand das durchaus selbstverständlich. Immer schon  
hatte er während jener Jahre den Ausbruch einer Revolution prophezeit, und nun  
stürzte er sich in sie, etwa wie ein kühner Taucher, der unbedingt vor allen  
anderen Konkurrenten auf den Grund kommen möchte. Mit erstaunlicher  
Schnelligkeit wußte er alle radikalen Schlagworte und Lenin-Zitate. Er  
verschlang alle Broschüren, stellte immer wieder neue politische Prognosen, und  
jeder »Bürger« kam ihm verdächtig vor. Jeden und jeden Tag wanderte ich mit  
ihm durch die bewegten Straßen der Stadt, in die vielen lauten Versammlungen. Er  
sollte eigentlich gemalt haben. Es ging ihm schon ganz gut, er hatte mit der  
»Galerie Goltz« einen Vertrag, der ihm ein monatliches Fixum garantierte, und er  
sollte in einigen Wochen Bilder für eine Ausstellung liefern. Er malte nicht mehr,  
er rührte keinen Zeichenstift mehr an. Immer aber, wenn er in die Nähe der  
»Galerie Goltz« kam, drückte er den Hut oder die Mütze etwas tiefer ins Gesicht,  
duckte sich förmlich und schlich schnell vorüber. Er glaubte ernsthaft, sein  
Kunsthändler stünde den ganzen Tag hinter einem Fenster oder in der offenen  
Türe und hielte nach ihm Ausschau. Wenn er dann diese vermeintliche  
Gefahrenzone glücklich passiert zu haben schien, rieb er sich diebisch erfreut die  
Hände und lachte krachend: »Hahahaha, der wartet jetzt und wartet! ... Da kann er  
lang warten ! Der wird jetzt eine furchtbare Wut auf mich haben, aber das freut  
mich, hahahaha ... « Und dann fing er an, sich über alle Kunst und Künstler lustig  
zu machen, die jetzt überhaupt keinen Zweck mehr hätten. Beim Januarstreik 1918  
waren wir beide wegen Verbreitung illegaler Literatur verhaftet und vierzehn Tage  
in Polizeigewahrsam gehalten worden, jetzt, als die siegreiche provisorische  
Revolutionsregierung Eisner, den wir alle von den geheimen Versammlungen her  
kannten, ausgerufen war, kam Georg zu mir und wollte den Polizeikommissar, der  
uns damals stets verhört hatte, aufsuchen.  
»Verstehst du, wir gehn hin . . . Wir klopfen gar nicht an die Tür«, erhitzte er seine  
Phantasie dabei. »Wir gehn einfach ganz grob in sein Zimmer . . . Paß auf, der  
wird ja nicht schlecht erschrecken . . . So und dann sagen wir, ah, guten Tag, Herr  
Fuchs, gehn S' amal weg, wir möchten uns hinsetzen! . . . So, dann hocken wir uns  
recht breit hin und sagen, wenn er recht verdattert ist, marsch, holen Sie uns eine  
Maß Bier, aber sofort, marsch ! Und wenn er kommt, sagen wir, das ist ja viel zu  
schlecht eingeschenkt, da haben Sie ja schon was rausgesoffen, Sie -- Sie --  
Dreckschlawiner, Sie windiger ! Ja, hahahaha, das sagen wir, und dann muß er  
noch mal ums Bier laufen . . . Grad schwitzen muß er dabei, der Spitzel, der  
ekelhafte . . . Geh weiter, gleich gehn wir hin . . . Hahaha, das gibt eine Gaudi !«  
Und auf dem ganzen Weg fielen ihm immer phantastischere, unsagbar komische  
Dinge ein, unter anderem wollte er den Fuchs, der einen roten Spitzbart hatte, ein  
ganz klein wenig daran zupfen. »Gar nicht grob, bloß so . . . Und dann sagen wir  
ganz gemein zu ihm, lassen Sie sich ihren blöden Bart wegnehmen, Sie  
lächerlicher Kerl, Sie . . . In der Revolution ist so ein Bart verboten . . . Da paß auf,  
wie klein der wird, wie der lauft . . . «  
Wir trafen aber auf der Polizei keinen einzigen Beamten mehr, nur Eisnerleute.  
Das freute Georg zwar, aber er bedauerte sehr, daß er um seinen Spaß gekommen  
war.  
Um auch etwas ernsthaft Revolutionäres zu tun, beteiligte er sich sehr eifrig an  
dem damals ins Leben gerufenen »Rat geistiger Arbeiter«, der im Landtag seine  
Sitzung abhielt. Da wurden, um die Künstler zu unterstützen und zu gewinnen,  
fortwährend Sozialisierungsmaßnahmen irgendwelcher Akademien und Räume  
diskutiert. Man kam aber nie zu einem Resultat, weil meistens alle durch- und  
gegeneinander redeten. Einmal führte ein junger energischer Mensch mit blonden  
Haaren den Vorsitz und sagte sehr bestimmt: »So kommen wir überhaupt nicht  
weiter . . . Ich schlage vor, daß bis morgen jeder einen schriftlich fixierten  
Vorschlag bringt.«  
Georg ging heim und zermarterte sich die ganze Nacht das Hirn. Seit jeher war er  
außerstande, etwas schriftlich zu formulieren. In der Frühe endlich fiel ihm etwas  
ein.  
»Nymphenburger Schloß«, schrieb er auf einen winzigen Zettel, mehr nicht.  
Dieses Schloß war ehemals königlicher bayerischer Besitz, es sollte nach Georgs  
Meinung den Malern für Atelierzwecke zur Verfügung gestellt werden, aber  
aufschreiben konnte er diese Gedanken nicht, er schrieb, wie gesagt, nur schlicht  
hin: »Nymphenburger Schloß.« Dieser harmlose Zettel wurde ihm später, als die  
gegenrevolutionäre »weiße Garde« die Münchner Räterepublik niederschlug, zum  
Verhängnis. Als er von wildgewordenen Bürgerwehrlern und Polizisten als Roter  
verhaftet wurde, fand man diesen Zettel. Georg hatte schon fast darauf vergessen,  
von was diese Notiz handelte, aber der Polizeikommissar, der ihn verhörte, ließ  
nicht locker.  
»Sie wollten also das Nymphenburger Schloß für sich, was ? . . . Jaja, so sind diese  
Herrn Roten . . . Professor spielen und gleich das nächstbeste königliche Schloß  
her, was?« höhnte er und hob triumphierend den winzigen Zettel.  
Ich hab' überhaupt nichts wollen !« bestritt Georg, aber die Polizei konstruierte  
aus diesem Titel die schrecklichsten Dinge; einmal, daß es in die Luft gesprengt  
werden sollte, einmal, daß es ausgeplündert und schließlich daß es den Malern für  
Heime zur Verfügung gestellt werden sollte. Wochen und Wochen blieb Georg in  
einer sehr gefährlichen, äußerst üblen Haft und es drohte ihm obendrein noch als  
vermeintlichem Mitglied der Sozialisierungskommission für kulturelle  
Angelegenheiten eine Verurteilung zu mehreren Jahren Gefängnis oder Festung.  
Doch er blieb ungebeugt, im Gegenteil, von Verhör zu Verhör wurde er kecker.  
»Also das Nymphenburger Schloß ! Das hat Ihnen in die Augen gestochen, Was  
?« stichelte der Kommissar wieder einmal und maß ihn scharf. »Sie brauchen sich  
gar nicht so dumm stellen! Solche Brüder kennen wir . . . Da steht schwarz auf  
weiß - Nymphenburger Schloß !«  
»Nymphenburger Schloß ?« erwiderte Georg ungeschreckt. »Das sagt doch gar  
nichts! Ich hätt' ja genau so hinschreiben können: »Starnberger See« oder »Stiller  
Ozean« ! . . . Und wenn Sie schon immer behaupten, ich hätt' gern Professor  
werden wollen -- bei einer Revolution gibt's doch überhaupt keine Titel mehr! Da  
verstehn Sie eben nichts von der Revolution !«  
»Aber Sie! Sie ganz bestimmt, ja ?« fuhr ihn der Kommissar giftig an. »Ich hab'  
mich eben informiert drüber«, antwortete Georg frech und war sicher erstaunt über  
seine Schlagfertigkeit. »Soso, informiert heißt man das, soso ! . . . Sie geben also  
zu --« fing der Kommissar erneut an und bezichtigte Georg wiederholt der  
Verschwörung gegen die Staatsgewalt, der gewaltsamen Amtsanmaßung und der  
übelsten Bereicherungsabsichten unter dem Schutz der Revolutionsregierung.  
»Regierung gibt's doch bei einer Revolution gar nicht, bloß Volksbeauftragte !«  
erklärte Georg.  
»Erlauben Sie sich keine solchen Frechheiten, Sie ! Volksbeauftragter, jaja, wir  
wissen schon, das haben Sie werden wollen !« keifte der Kommissar. »Gar nicht !  
. . . Ich bin ja Kunstmaler ! Das ist doch ein Privatberuf !« meinte Georg scheinbar  
blöde. Es war nichts mit ihm anzufangen. Kein Verhör führte zu irgendeinem  
belastenden Ergebnis für ihn. Er wurde schließlich ohne Prozessierung entlassen  
und stand noch eine Zeitlang unter Polizeiaufsicht. Das machte ihn ziemlich  
mißtrauisch und nervös.  
»Kunstmaler« ? Wenngleich er nämlich über diese Bezeichnung stets lachen  
mußte und sich darüber lustig machte, entsprach sie im Grunde genommen doch  
seinem Wesen. Er war, wenn man es genau überlegte, noch einer von der köstlich  
skurrilen, tief provinziellen, idyllischen Art Spitzwegs. Gefühlsmäßig wurzelte er  
ganz im Gegensatz zu seiner Aufsässigkeit gegen alles sogenannte »Bürgerliche«  
im betulichsten Biedermeiertum. Möbel aus dieser Zeit schätzte er über alles und  
sammelte sie auch. Heute bin ich fast geneigt, zu glauben, daß er ganz unfreiwillig  
als Expressionist begann, daß er gar nicht verstand, was er damals malte und sich  
insgeheim immer wunderte, wie Kunstkenner und Händler das so ernst nehmen  
konnten. Wenn er in späteren Zeiten manchmal so ein Bild aus seinen Anfängen  
zu Gesicht bekam, sagte er eigentümlich verlegen: »Mensch, da bin ich aber noch  
kühn gewesen, ganz radikal !« Bezeichnenderweise war er sehr empfindlich, wenn  
man ihn auch nur ganz harmlos scherzweise einen Nichtskönner nannte. Das traf  
ihn, und es traf ihn mit Recht. Bei seinem anfänglich unvollständigen Können aber  
blieb es nicht, er lernte unausgesetzt und komischerweise wie verschämt,  
verstohlen. Unzweifelhaft besaß er einen bildnerisch sicheren Instinkt. Seine naive  
Sinnlichkeit und der aus dem Konditorberuf übernommene ornamentale Formsinn  
bewirkten, daß er gerade damals einige erstaunlich schöne Holzschnitte  
fertigbrachte, aber das blieb lange nur Glücksache bei ihm. Erst nach und nach,  
ganz unauffällig, fing er an, korrekter zu zeichnen und zu malen. Unsicher jedoch  
blieb er zeitlebens. Ich erinnere mich noch deutlich, als ich sein erstes  
Landschaftsbild entdeckte. Er achtete es nicht im geringsten, versteckte es in  
irgendeiner Ecke, und erst als ich ihn ermunterte, wagte er, nach der Natur zu  
malen. Er fand endgültig zur Landschaft, zu ihrer unerschöpflichen, einfachen  
Lieblichkeit. Es kam in seine Bilder nie eine monumentale Weite wie etwa bei  
Caspar David Friedrich. Zuweilen geriet er in eine gefährliche Verflachung. Schon  
deswegen, weil er die Motive, welche die Käuferschaft besonders anzogen, zu oft  
wiederholte. Ich konnte ihm das nicht verschweigen. Er versuchte sich dann  
störrisch zu verteidigen.  
»Du siehst doch, die Karlsruher Kunsthalle hat das Bild am ersten Tag angekauft  
!« führte er ins Treffen.  
»Das macht das Bild nicht besser«, widersprach ich unbarmherzig. »Der Erfolg ist  
für ein Kunstwerk noch nie maßgebend gewesen.«  
Das ärgerte ihn. Er schwieg wie ein ausgeschimpfter Schulbub und -- ich leugne es  
nicht -- das rührte mich. Es tat mir weh, daß ich ihn verstimmt hatte.  
»Ja no, nachher mal' ich halt jetzt einmal ein ganz anderes Bild ! « sagte er  
komisch verbockt und verdrossen, als habe ihm jemand eine Fleißaufgabe gestellt.  
Er fuhr irgendwohin aufs Land und skizzierte tagelang. Er wanderte einsam  
herum, immer zu Fuß und hartnäckig suchend. Man kann freilich nicht in einen  
Menschen hineinschauen, man kann über seine Gefühle nur mutmaßen, aber so,  
wie Georg mir in Erinnerung ist, glaube ich fast, diese stillen Wanderungen sind  
seine glücklichsten Stunden, seine ausgefülltesten Tage gewesen. Früher einmal,  
als junger Handwerksbursch, hatte er -- ohne Geld und schrecklich hungernd --  
öfter so wandern müssen, einmal war er an einem Winteranfang, nachdem er seine  
Stellung als Konditor verloren hatte, von Westfalen nach München gelaufen und  
hatte dabei - wer denkt nicht an Hebbel oder an Hamsuns »Hunger« ? -- seinen  
Koffer immer vor sich hergeworfen, bis auch der zerbarst und alle Habseligkeiten  
auf der verschneiten Straße lagen.  
»Und Filzläuse hab' ich gehabt . . . Zuletzt sind auch meine Schuhsohlen zum  
Teufel gegangen, mein Lieber«, erzählte er oft davon. Gar nicht prahlerisch, gar  
nicht verbittert, im Gegenteil, fast lustig ausmalend schilderte er diese grausigen  
Wanderschaften, indem er die Wirkungen der Filzlausplage überdeutlich  
hervorhob, und fortfuhr: »Im Obdachlosenasyl in Augsburg hat sich dann ein ganz  
aufdringlicher Homosexueller an mich gehängt und hat mich nicht mehr  
ausgelassen . . . Der hat noch ein bißl Geld gehabt und mir sein zweites Paar  
Schuhe geschenkt . . . Wie ein Hunderl ist er immer neben mir hergelaufen, ganz  
ekelhaft ! Nicht zum Losbringen war er . . . Wir sind dann in eine Wirtschaft, und  
da bin ich in den Abort und durchs Fenster hinaus, aber dumm, saudumm, von der  
Küche aus haben sie das gesehen und mich verhaften lassen . . . Der Gendarm hat  
mich gleich mitgenommen, und das war mir eigentlich ganz recht auch wieder . . .  
So hab' ich den Homosexuellen losgekriegt und in der Haft Filzläuse fangen  
können . . . Am zweiten Tag hat's sogar eine Dusche gegeben, und dann haben sie  
mich wieder laufen lassen. «  
Er lachte dünn dabei und verzog seinen breiten Mund, indem er mit deutlicher  
Lust am Sich-selbst-Verspotten schloß:  
»Und so, mein guter Nohl, sprach Meister Gutewohl,  
wird oft ein Mißgeschick zum allergrößten Glück !«  
Er kannte viele solche Handwerkersprüche und Lesebuchverse und mochte  
besonders Morgensterns groteske Gedichte oder Wilhelm Buschs lustige Reime  
gerne. Er zitierte sie oft, wenn er aus seiner jetzigen Behaglichkeit in die Jahre  
seiner Bedrängnisse zurückdachte, und es kam dann vor, daß er einhielt und  
plötzlich, wie eben jetzt erst begreifend, kindlich ernsthaft sagte: »Eigentlich ist da  
eine ganze Philosophie drinnen ! « Dabei blieb es aber nicht. Er wollte erklären,  
und es kam dann stets eine ganz seltsame Erzählung heraus, etwa so: »Das ist  
nämlich so, du mußt dir denken, der Meister Gutewohl ist ein ganz scheinheiliger  
Kerl, ein ganz muckerischer, geriebener Ausbeuter! Sein Geselle, der Nohl ist ihm  
zu teuer, und da kündigt er ihm . . . Das ist natürlich peinlich, verstehst du ? Und  
da sagt also der ekelhafte Schuft, der Gutewohl, so ein frommes Sprüchlein !  
Verstehst Du ? Typisch ! Typisch protestantisch deutsch!« Er hielt ein wenig inne,  
dachte nach und schüttelte nachdenklich den Kopf: »Hm, das ist eigentlich sehr  
gut ausgedrückt in dem Vers !«  
Solche Erkenntnisse überraschten ihn sichtlich. Er konnte noch staunen, und ist's  
denn nicht so: Nur der Staunende liebt ! Ganz jäh entdeckt er im Kleinsten, im  
Lächerlichsten oft die Weite, das undefinierbar Große !  
Sonderbar beglückt dachte Georg wieder etwas nach und brummte zufrieden vor  
sich hin: »Hmhm, wie raffiniert in dem Spruch die Tendenz versteckt ist, hmhm !«  
vielleicht wollte er etwas ganz anderes sagen, aber »Tendenz« - das war ihm eben  
irgendwie geläufig, das war etwas Konkretes für ihn ! --  
Ich zweifle nicht daran, daß er auf seinen einsamen Spaziergängen, wenn er  
hartnäckig nach einem Motiv suchte, solche Sprüche und Verse vor sich hinsagte.  
Da eben war er ganz eingesponnen in seine ureigene Welt, ins behagliche Idyll.  
Das konnte ihm keine äußere Macht zerstören, keine Revolution, kein Wechsel in  
seinem Leben. Er ging durch den herbstlichen Wald, und das dürre Laub raschelte  
bei seinen Schritten. Ein einsames Eichhörnchen hüpfte von Baum zu Baum. Er  
hielt inne und betrachtete es selig geruhsam, er pfiff leise lokkend. Er sah in einem  
Dorf eine Katze in der Sonne, wie sie sich wohlig rekelte oder ihn gespannt  
anschaute, und da spürte er fast körperlich ein leichtes Glück. Er lächelte friedlich,  
und etwas im Ausdruck dieser Katze blieb in ihm. Er überschritt einen abgemähten  
Hang und blickte ins ferne Gebirge, das sich lichtblau im Himmel verflüchtigte. Er  
nahm seine Bleistiftskizze aus der Rocktasche und schrieb an den Rand der  
Kontur: »Lichtblau, verschwommen«, um später, wenn er im Atelier das Ölbild  
begann, einen Anhaltspunkt zu haben. Er verarbeitete das Aufgenommene auf  
seine eigentümliche Weise und blieb im Augenblick der Gestaltung der ruhige,  
bedachte Handwerker. Diese natürliche Bescheidenheit machte ihn so liebenswert,  
so unvergleichlich echt, so rührend als Mensch und Künstler.  
»Mensch und Künstler« ! Was für eine bequeme, fahrlässige Trennung einer so  
merkwürdig komplizierten Figur! Da polterte und rebellierte einer sein Leben lang  
gegen die Menschen, die gesellschaftlichen Einrichtungen, die Unzulänglichkeit  
unserer Gesetze, gegen die politischen Machenschaften und den Staat -und im  
Grunde war's doch nichts anderes als ein unbewußtes Sich-zur-Wehr-Setzen des  
Menschlichen in ihm! Nichts von all dem sollte je eindringen in sein klares  
Gefühl, in die einfache Reinheit seines inneren Bildes !  
In diesem beständigen Widerstreit hat Georg sein Bestes geschaffen: Unsagbar  
keusche Mädchengestalten und Landschaften von einer zwingenden Friedlichkeit.  
Mit der Zeit kam etwas Altmeisterliches in seine Baumgruppen. Gewiß war in der  
Fernsicht nicht das Bohrende einer Altdorferschen Landschaft, und schon gar  
nichts von der dämonischen Gewalt Dürers, eher schon etwas von seinem  
Landsmann Karl Haider, nur -- es war heiterer, ausgeglichener. Alles an und in  
diesen Bildern blieb intim und unaussprechlich innig.  
Solche Menschen brauchen die Ruhe stabiler Zeiten, aber die war ihm nur in den  
paar kurzen, guten Jahren der Weimarer Republik vergönnt. Sonderbarerweise  
schätzen Hitler und seine Trabanten Georgs Bilder. Was nicht verhinderte, daß sie  
seine früheren expressionistischen Bilder später in die Ausstellung der »entarteten  
Kunst« steckten. Von Anfang an als suspekter »Linker« und »Roter« bekannt,  
wurde er beim Machtantritt der Naziregierung mit einem gleichgesinnten Kollegen  
als Lehrer einer Münchner Gewerbeschule entlassen. Wahrscheinlich erging es  
ihm wie Hunderten seinesgleichen: Der jähe, unvorstellbare Schrecken, der  
nunmehr wirklich an allen Ecken und Enden zu spüren war, lähmte ihn zunächst.  
Die laute, barbarische Übersteigerung der brutalen Gewalt und das witternde  
Gefühl des völligen Ausgeliefertseins bedrückte ihn dermaßen, daß er kaum mehr  
malen konnte. Schließlich, als er mit seiner Frau ein paarmal den Garten umgraben  
mußte, weil man geheime Waffen bei ihm vermutete, zernagten ihn Mißtrauen und  
Furcht. Kein Wunder, daß er hinter jedem Freund einen verschwiegenen Feind  
sah, daß er unstet und verängstigt allen Bekannten auswich und jeden Verkehr  
mied. Aber er blieb in allem ein erbitterter, unbeirrbarer Feind der Nazis und ihrer  
Diktatur, und wenn -- was allerdings nur noch sehr selten vorkam -- einmal ein  
alter, vertrauter Freund verstohlen zu ihm fand, brach sein ganzer Haß aus ihm. Er  
polterte wie in alten Tagen, ungehemmt und an keine Vorsicht mehr denkend.  
Dennoch, obgleich er höchst gefährdet war, ging er nicht ins Exil. Möglicherweise  
hing er zu sehr mit der ihm tief vertrauten bayerischen Landschaft zusammen und  
konnte sich gar nicht vorstellen, daß es anderswo auch Anregungen und Motive  
für ihn gab. Vielleicht graute ihm auch vor der Fremde und Ungewißheit. Er lebte  
mit seiner zweiten Frau gut zusammen und hatte auch von ihr einen Sohn. Er  
hauste geordnet in einem kleinen Häuschen mit schönem Garten in einem  
Münchner Vorort. In dieser scheinbaren Geborgenheit kam ihm vielleicht oft und  
oft der Gedanke, daß das Schlimmste schließlich doch bald vorüberginge, daß man  
sich nur nicht bemerkbar machen dürfe. Und er war schon über die Vierzig hinaus  
und nicht allzu gesund.  
Es war nicht lang vor Anbruch der Hitlerherrschaft, da hatte er seinen vierzigsten  
Geburtstag gefeiert. (13.2.1929) Ich traf ihn an jenem Morgen, in seinem  
Malermantel, in den zerlatschten Pantoffeln, mit auf dem Rücken verschränkten  
Händen und einer dicken Zigarre im Mund. Er paffte aufgeräumt und behaglich.  
Um bei seinem Wort zu bleiben, wie ein »satter Bürger«.  
»So !« sagte er, als wir uns begrüßt hatten. »So, jetzt bin ich vierzig Jahre alt  
geworden, aber jetzt wird´ s mir zu dumm !" Es klang wie geschimpft, hitlerisch  
bellend, aber humoristisch. Dann lachte er stoßhaft. »Zu dumm ? . . . Was denn zu  
dumm ?« wollte ich belustigt wissen. »Es wird mir einfach zu dumm !«  
wiederholte er gleichermaßen lachend. Wahrscheinlich freute er sich darüber, daß  
er´ s so feldwebelmäßig herausgebracht hatte.  
Seitdem er da draußen vor der Stadt wohnte, sahen wir uns nicht mehr so oft,  
meist begegneten wir einander und unterhielten uns flüchtig. Jeder lebte Tag für  
Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute in einer beklemmenden Spannung.  
Jeder bangte nur noch dem unkontrollierten Losbruch entgegen. (30.1.1933) Als er  
da war, ging ich ins Exil. Ich wartete auf Georg, aber er kam nicht. Das  
enttäuschte mich, denn er war einer der wenigen Menschen, die mein Leben  
entscheidend mitgeformt hatten. Und der blieb nun dort, wo er nach meinem und  
seinem innersten Gefühl nicht mehr hingehörte !  
Ich dachte viel und schmerzlich darüber nach. Ich hörte manches über ihn und  
konnte nur noch mutmaßen. Einander zu schreiben, war zu gefährlich. Vielleicht  
verhielt sich´s so mit meinem Freund: Er mochte schon zu müd sein; jener  
Überdruß an allem, der sich mit dem beginnenden Alter in uns einnistet, hatte im  
möglicherweise die Kraft zum Entschluß geraubt. Alles war ihm irgendwie »zu  
dumm«. Er war daheimgeblieben, und alles, was nun um ihn vorging, war nicht  
mehr zu verhindern. Man mußte es in Kauf nehmen, denn -- Hand aufs Herz ! --  
wer von uns ist ein Held in solchen Zeiten beständiger Lebensgefahr ? Jedenfalls  
wird er sich geduckt haben wie alle Kleinen und Machtlosen vor der  
zermalmenden, unberechenbaren Macht der Diktatur. Er verschloß sich, versuchte  
nichts mehr zu sehen und zu hören, und nur die Angst blieb und steigerte sich fast  
bis zum Verfolgungswahn. Er erspähte einen SA- oder SS-Mann während des  
Heimwegs und kam bleich und atemlos zu Hause an. Gewärtig, schon in der  
nächsten Viertelstunde verhaftet zu werden, wartete er bang und konnte die halbe  
Nacht nicht schlafen. Der unruhige Kopf brummte, das Herz rumorte stundenlang.  
Die Spannung wurde manchmal unerträglich. Es kamen hin und wieder zufällige  
Bilderkäufer in Naziuniform. Georg sah sie durchs Gartentor kommen, rief hastig  
seine Frau und kroch, vollkommen kopflos geworden, in den Kleiderschrank. Sie  
sperrte zu, und da hockte er nun drinnen und ging auch nicht heraus, wenn er  
hörte, daß die Besucher ernstlich ein Bild kaufen wollten. Unmöglich das,  
kindisch, gefährlich !  
Ganz sicher sagte er sich mit angehaltenem Atem und einem Gefühl von Fadheit  
in seinem Versteck fortwährend: »Es ist doch zu blöd ! . . . Wenn sie mich jetzt  
wirklich suchen und finden mich, das ist doch noch schlimmer !«, aber er  
versteckte sich immer wieder gleicherweise. Und nachdem solche Besuche weg  
waren, ärgerte er sich und fluchte: »Herrgott, die hätten jetzt gekauft ! So was  
Saudummes, hmhm ! . . . Wenn man bloß wüßt´, ob sie die Uniform nur zum  
Schein tragen !« Dann wieder zerbrach er sich stundenlang den Kopf darüber, wie  
man Warnungssignale ohne jedes Auffallen anlegen könnte, wie man es  
bewerkstelligen sollte, um sichere und unsichere Besucher auseinanderzuhalten.  
Ach, wie gerne möchte ich ihn von diesen ausgefallenen Ideen erzählen hören,  
zum Beispiel, wenn er sagen würde: »Einen unterirdischen elektrischen Draht,  
verstehst du ? . . . Bis zum Gartentürl ! . . . Der Kerl macht auf, tritt drauf uns es  
wirft ihn gleich drei Meter weit weg, oder es macht ihn einfach ohnmächtig . . . Er  
kann nicht einmal schreien dabei . . . Und später gehe ich ganz scheinheilig hinaus  
und bring ihn zur Sanitätsstation . . . Dann dankt er mir vielleicht sogar noch . . .«  
Dann lachte er krachend und reibt sich die seine Hände . . . Einmal aber geriet er  
in noch größere Bedrängnis. Er bekam von Rudolf Heß, dem Stellvertreter des  
Führers ein Briefchen des Inhalts, sich am andern Tag nachmittags um vier Uhr in  
der Heßschen Prunkvilla im Isartal einzufinden. Im Nu ahnte er alles. Es war also  
soweit. da setzte auch die Angst aus. »Da kann man nichts machen«, sagte er zu  
seiner Frau. »Jetzt haben sie mich also doch geschnappt . . . Was will man tun . . .«  
Und ohne sich um ihr Klagen und Bekümmertsein zu kümmern, ging er sofort  
sachlich daran, ein Köfferchen mit den nötigsten Sachen, die man im  
Konzentrationslager braucht, zu packen. Dicke Socken, warme Unterwäsche,  
etliche Hemden, Pantoffeln, Handschuhe, alte feste Schuhe und etwas Waschzeug  
packte er ein. Er nahm sein angegelbtes, schadhaft gewordenes falsches Gebiß aus  
dem Mund und betrachtete es nachdenklich. Jetzt sah er greisenhaft eingefallen  
aus. »Den Zahnarzt mußt du antelefonieren«, sagte er leicht melancholisch und  
schaute seine bekümmerte Frau unbewegt an. »Ich brauch´ kein neues Gebiß mehr  
. . . Das alte können sie mir im KZ ruhig heraushauen.« Dann machte er sich auf  
den Weg, fuhr nach München und von dort mit der Straßenbahn bis zur  
Endhaltestelle »Isartalbahnhof". Von da aus ging er zu Fuß weiter. Nach ganz  
kurzer Zeit stieß er auf zwei mächtige SS-Leute, die ihm breitbeinig den Weg  
verstellten. »Losung ?« brüllten sie wie aus einem Mund. Georg sah sie  
verständnislos an, aber es wurde ihm sehr unbehaglich. »Losung, du Idiot ? Was  
hast du denn da im Koffer ! auf damit !« herrschten sie ihn noch grober an. »Wo  
willst du denn hin ?« Gehorsam stellte Georg sein Köfferchen hin, öffnete es und  
als sie es durchsuchten, sagte er: »Ich hab´ da ein Schreiben bekommen --« Sie  
rissen ihm den Brief aus der Hand, lasen ihn und schlugen den Koffer zu: »Hau ab  
!« Er ging weiter. Klarblau war der Himmel, dunkel die hohen Fichten. So also  
geht das an, dachte er: »Hmhm . . .« Aber schon standen wieder zwei drohende  
SS-Leute da. »Losung !« schrien sie wie die ersten. Wieder rissen sie alles aus  
dem Koffer, wieder zeigte er seinen Brief und konnte gehen. Ungefähr zehnmal  
ging das so. Die letzten SS-Wächter, die sein Köfferchen besonders gründlich  
durchschnüffelten, schlugen es ärgerlich zu und knurrten: »Der Kerl hat ja  
wirklich nichts drinnen als verschwitzte Socken ! . . . Was bist du denn überhaupt  
?«  
»Kunstmaler«, sagte Georg.  
»So siehst du auch aus ! . . . Mach daß du weiterkommst!« Er ging etwas schneller.  
Er hörte das Kratzen ihrer schwergenagelten Stiefelsohlen auf dem harten  
Betonpflaster, und es rieselte ihm kalt über den Rücken hinunter, aber noch einmal  
umschauen, nein, nein, das ging nicht. Sicher biß er nur die falschen Zähne  
aufeinander und schluckte trocken. Endlich erreichte er die pompöse Heß-Villa.  
Frau Heß, ganz herablassend leutselige Reichsdame, kam über die breiten  
Steintreppen herab und ihm entgegen.  
»Ach, Herr S . . . , das ist aber nett, daß Sie kommen !« sagte sie. »Mein Mann ist  
noch gar nicht da ! . . . Kommen Sie, wir trinken einstweilen Kaffee. «  
Nach Einlieferung ins Konzentrationslager sah das nun gerade nicht aus, aber wer  
konnte wissen. jedenfalls saß Georg beengt da, sein Köfferchen neben sich. Vom  
schönen Wetter und so redete die Frau Führerstellvertreter arglos und bot ihm  
Kuchen an. Mechanisch griff er danach, mechanisch aß er.  
»Wissen Sie, mein Mann hat eine kleine Überraschung für Sie«, sagte Frau Heß  
zwischenhinein und schaute auf Georgs Köfferchen. »Da haben Sie sich gewiß  
schon ihr Malzeug mitgenommen, was?« Direkte Fragen irritierten ihn stets.  
Plausible Antworten fielen ihm schwer, und jetzt natürlich noch mehr.  
»Nein-nein, hm . . . Nein. Ich geh' nämlich oft über Land«, stotterte er heraus, »da  
nehm' ich immer gleich ein bißl Nachtzeug mit . . . «  
»Nachtzeug ?« Frau Heß fand das reizend, lächelte und meinte neckisch: »Ja,  
eventuell können Sie auch gleich bei uns übernachten, aber« -- sie erhob sich --  
»da kommt ja mein Mann schon !« Im Hof surrte ein Auto. Auch Georg war  
aufgestanden. Straff kam der uniformierte, bestiefelte »Führerstellvertreter« durch  
die offene Flügeltüre und ging freundlich lächelnd auf den Gast zu: »Ah, Herr S . .  
. ! . . . Sehr schön, daß Sie gleich gekommen sind !« Auch er musterte das  
Köfferchen: »Ah, das ist wohl Ihr Malzeug, was ?« Wiederum stammelte Georg  
sein ungewisses »Nein-nein« heraus und kratzte sich verlegen an der Schläfe, aber  
der Hausherr redete schon wieder weiter.  
»Sagen Sie, Herr S. ich hab' da ein Bild von Ihnen in der Neuen Sezession  
gesehen, den »Staffelsee« . . . Das ist wunderschön ! Sagen Sie, könnten Sie mir  
das hier auf die Wand übertragen ?« Georg war völlig perplex. Ganz dumm glotzte  
er auf die Wand.  
»Tja, hin . . . Nein-nein, wissen Sie --« plapperte er. Herr und Frau Heß bekamen,  
etwas enttäuscht, pikierte Mienen.  
»Nicht ? . . . Das geht nicht ?« fragte Herr Heß.  
»Nein-nein ! . . . ah, hin . . . Wissen Sie, die Sache ist nämlich so !« verhedderte  
sich Georg, benetzte seinen Daumen mit Speichel und ging auf die Wand zu,  
tupfte den Daumen aufs Gemäuer und drehte sich Heß zu: »Das muß nämlich ein  
Fresko werden . . . Leicht ist das nicht, wissen Sie ! ... Jaja, ich hab' schon einmal  
ein Fresko gemacht für die Gewerbeausstellung ... «  
»Können sie das machen ? Wollen Sie das ?« fiel ihm Heß ins Wort und wurde  
wieder freundlicher. »Sie haben sicher schon Ihr Malzeug bei sich, was ? Das wäre  
ja nett von Ihnen . . . «  
»Nein-nein«, schüttelte Georg erneut den Kopf. »Wissen Sie, da hab' ich bloß  
Socken und ein paar Hemden drinnen . . . Wenn ich nämlich meine Motive suche -  
-«  
»Aha ! Ich versteh', ich versteh' !« begriff Herr Heß endlich. »Na, also gut, dann --  
« Sie verstanden einander schließlich, sie wurden einig. Der »Stellvertreter des  
Führers« brachte Georg sogar höchstpersönlich in seinem Privatwagen nach  
Hause. Mit großen, angstvollen Augen stand Georgs Frau am Fenster und starrte  
auf das anhaltende Auto vor der Gartentür. Was war das bloß ? Georg stieg aus,  
drückte dem Fahrer freundlich nickend die Hand, der Wagen hob sich  
schwungvoll weg, Georg riß die Gartentür auf und kam im Geschwindschritt aufs  
Haus zugelaufen. Sie machte die Tür weit auf.  
»Nichts ist's ! Kein KZ ! . . . Geld gibt's, Geld ! ein Fresko . . . « sprudelte er  
lachend heraus und erzählte sprunghaft. Er hatte sogar noch mehr Glück in jenen  
dunklen Zeiten, Glück oder Mißgeschick, wie man's nimmt. Durch irgendeine  
Fürsprache wurde er als Professor an die Hochschule für Kunst berufen. Er wußte  
zwar nicht recht, was er seinen Schülern lehren sollte, und er sprach einen so  
unverfälschten bayerischen Dialekt, daß ihn kein Mensch verstand, aber irgendwie  
fühlte. er sich fürs erste doch gesichert. Alsbald aber mußten diejenigen, die ihn  
berufen hatten, erkennen, daß sie einen argen Fehlgriff getan hatten. Alsbald  
meldete die Klassenspionage allerhöchsten Ortes, daß der neue Professor weder  
den nötigen »militärischen Zug« noch besondere Lehrbegabung habe, den  
offiziellen Hitlergruß kaum zu kennen scheine und vor den Schülern »ganz  
dusliges Zeug« daherrede. Indessen, die Bürokratie hatte gearbeitet, rückgängig  
konnte die Berufung ohne Bloßstellung verschiedener einflußreicher Fürsprecher  
nicht mehr recht gemacht werden. Man fand schließlich einen Ausweg. Georg  
wurde auf sogenannte Inspektionsreisen durch die norddeutschen Kunstakademien  
geschickt. Schon der Aufenthalt in Berlin hatte ihn unglücklich genug gemacht,  
das fortwährende Herumreisen brachte ihn ganz aus dem Konzept. Vor jeder  
solchen Inspektionstour trank er sich einen schweren Rausch an, hielt sich aber  
immer ganz gut. Nur wenn er vor irgendeinem Schülerbild stand, verriet ihn sein  
sonderbares Benehmen. Er machte linkische, modellierende Bewegungen in der  
Luft und sagte in einem fort: »Das versteht doch kein Mensch ? . . . Das ist  
nämlich so . . . Wissen Sie, die bayrischen Barockengerln, das ist Kunst . . . So  
was rundliches, Gesundes, Knusperiges, wissen Sie . . . !« Vielleicht kamen ihm  
dabei seine noch immer begehrten Sechzehnjährigen in den Sinn. Doch es wurde  
noch schlimmer.  
»Überhaupt, das ist ja alles so eckig . . . Rundlich, verstehn Sie ? Die  
Negerplastiken, verstehen Sie . . . Da ist was drinnen !« Die dabeistehenden  
Professoren lächelten steif und drängten zum Gehen. Georg aber war nun schon  
einmal im Reden.  
»Nein-nein, wissen Sie, meine Herren ! « sagte er zu seinen betretenen Kollegen.  
»Das ist nämlich so, ich bin ganz und gar fürs Gesunde . . . Für die Naturvölker,  
verstehen Sie . . . Gesundheit ! Gesundheit über alles, da gibt´s fein nichts !« Mit  
dieser letzten Redewendung hatte vor langen, langen Jahren der heldenhafte,  
inzwischen in einem Konzentrationslager viehisch erschlagene Erich Mühsam in  
einer Theaterkritik ein Stück von Ludwig Ganghofer persifliert. Georg gingen  
solche Dinge oft jahrzehntelang nicht aus dem Kopf. Sie gefielen ihm so, daß er  
sie als verborgenen Spott und als Bloßstellung der ihm verhaßten Nazikunst  
verwendete. Darüber freute er sich diebisch. Freilich kam ihm in seiner  
eigentümlichen Einfalt nie in den Sinn, daß diejenigen, die er treffen wollte, den  
Anwurf gar nicht begriffen. Möglicherweise aber hoffte er, daß irgendein  
Gleichgesinnter, der dabei stünde, diesen Wink verstehe. Im Unterbewußtsein war  
er noch immer der Stirnersche »Egoist«, der rebellische Mensch für sich. Doch  
diese seine innere Struktur war doppelgesichtig. Auf der anderen Seite leuchtete  
der ewig gehemmte und beengte, dumpfe Massenmensch mit all seinen seelischen  
Gebrechen und Vorzügen. Manchmal aber flossen diese beiden Elemente ganz in  
ihm zusammen und dann kam etwas heraus, brach etwas hervor aus seinem  
schmerzlich-empörten Gefühl, das diesen friedlichen Idylliker plötzlich fast zu  
einem Helden machte.  
Schließlich -- dauernd konnte man ihn nicht so herumschicken. was blieb übrig, er  
kam wieder in seine Klasse in der Hochschule für Kunst. Im geheimen hatte sich  
bei den Kunstschülern längst herumgesprochen, daß bei ihm noch »Linke« und  
mitunter sogar "arisch nicht ganz einwandfreie« studieren konnten. Sehr bald  
erfuhr das auch Georg, aber er tat nichts gegen diesen gefährlichen Ruf, er war  
sogar ein wenig zufrieden damit und ließ die Dinge laufen, wie sie eben liefen.  
»Wir sind noch immer die Alten !« schrieb er mir einmal auf eine Postkarte ins  
Exil. Keine Adresse, nichts weiter als diese Worte und seine Unterschrift. Ich  
erfuhr, daß es ihm materiell gut ginge. Seine schönen Bilder waren begehrt.  
Konkurrenzneidige Karrieristen aus seiner Münchner Zeit begannen, ihn höheren  
Orts als »Roten« zu denunzieren. Er wurde fristlos aus der Hochschule für Kunst  
entlassen. Einige wohlmeinende Würdenträger legten ihm nahe, ein  
"Gnadengesuch« einzureichen und prophezeiten, daß dies alles wieder ausgleichen  
würde, daß er seine Stelle wieder bekäme. Doch dieser Rat war ihm zu billig, er  
wollte ihn nicht und er folgte ihm nicht. Er wußte, was das für Folgen haben  
konnte, aber er blieb mannhaft. eine bösartige Stille setzte ein und drückte auf ihn.  
Man schrieb inzwischen 1937, und die Machthaber versuchten den  
Widerspenstigen mit Drohungen und neuen Versprechungen in die Nazipartei zu  
pressen. Sein Dasein wurde noch schwerer, seine künstlerische Existenz schien  
bedroht, aber auch diesmal hielt er stand -- nur sein Herz, von frühester Jugend auf  
von einer ihm feindlichen Welt malträtiert, versagte dabei. An einem Nachmittag  
hörte es plötzlich zu schlagen auf. Als ich´ s im Exil erfuhr, fiel mir der liebe alte  
Claudius ein: »Ach, sie haben einen guten Mann begraben, und mir war er mehr !«  
Indessen, wie zu Lebzeiten Georgs seit eh und je Groteskes und Ergreifendes  
ineinanderlief, so schien´ s auch bei seinem Tod gewesen zu sein. Es mochte dabei  
-- wie man mir berichtete -- vielleicht auch mitgewirkt haben, daß mein Freund  
einige Tage zuvor in Berlin einen Metzgerladen entdeckt hatte, der den echten  
bayrischen »Leberkäs« verkaufte. Warm aus der Pfanne und sofort verzehrt, bildet  
diese Nationalspeise das wahre Manna für einen Bayernmagen. Von diesem  
Leberkäs erstand Georg nun täglich ein ganzes Pfund, lief schnell nach Hause und  
-- obgleich er es durchaus nicht zu verheimlichen brauchte -- verschwand damit im  
Abort. Er setzte sich, wie ich es mir gerne vorstellen möchte, auf die Toilette,  
wickelte hastig den Leberkäs aus dem Papier, nahm, um nur ja ganz unbehindert  
schlingen zu können, sein falsches Gebiß aus dem Mund und würgte in blinder  
Gier die großen, dampfenden, köstlich duftenden, safttriefenden Brocken in sich  
hinein. Ein ganzes Pfund dieser kaum zerkauten Brocken drückt schließlich aufs  
Herz. Auch dem war das seine nicht mehr gewachsen.  
Aber dieser letzte literarische Schnörkel im barocken Bild des seligen Georg ist  
sicher nicht wahr. Vielleicht habt mein Freund, wenn ich ihn einmal im Jenseits  
treffe, seinen gekrümmten Finger halb hoch, sagt sein unverändertes: »Das war  
nämlich so . . .« und erzählt mir die wahren Ursachen seines plötzlichen  
Absterbens . . .  
Oskar Maria Graf: Ein barockes Malerporträt. In: O.M.G. Gesammelte Werke  
in Einzelausgaben: Jedermanns Geschichten. Hg. v. Hans Dollinger mit einem  
Nachwort von Gert Heidenreich. München (Süddeutscher Verlag) 1988.  
Oskar Maria Graf: Ein barockes Malerporträt. In: O.M.G. Gesammelte Werke in  
Einzelausgaben: Jedermanns Geschichten. Hg. v. Hans Dollinger mit einem  
Nachwort von Gert Heidenreich. München (Süddeutscher Verlag) 1988.  
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