Afrikan Aleksandrovich Špir (1837 – 1890)

Vom Eigenen und Fremden
 
Freiheit ist Unabhängigkeit von fremden Einflüssen. Sich frei bestimmen heisst ja einfach und klar: Sich nicht durch fremde Faktoren bestimmen lassen, sondern sich selbst, d. h. aus seinem (wahrhaft) eignen Wesen heraus bestimmen, alles Fremde in sich bekämpfen und unterdrücken. (Vorschlag 55)

Die Freiheit selbst und der richtige Begriff der Freiheit beruhen ganz auf dem Bewusstsein dessen, was zu unserem wahren Wesen gehört, und dessen, was zu unserem wahren Wesen nicht gehört. Denn die Freiheit besteht eben in der Bekämpfung alles Fremden in uns.

Dieses Bewusstsein der fremden Elemente oder Bestimmungen unsrer empirischen Natur hat man aber nie bis zu der gehörigen Tiefe verfolgt und daher auch nie den richtigen Begriff der Freiheit völlig erfasst. Diejenigen Züge unserer Individualität, welche augenscheinlich durch fremde Einflüsse, z. B. durch schlechtes Beispiel, eine verkehrte Erziehung, unvernünftige Gewohnheiten, u.s.w. in unsere Natur eingeführt sind, - erkennt man wohl als etwas Fremdartiges, uns ursprünglich Fremdes. Aber einzusehen, dass die Grundbestimmungen unserer Individualität selbst, die Bestimmungen, welche uns erst zu individuellen, persönlichen Wesen machen, unserer wahren Natur fremd sind, - davon ist man weit entfernt.

Und doch ist dies eine unzweifelhafte Thatsache. Der Grund alles Guten, sowie alles Bösen hienieden besteht darin, dass Dasjenige, was an sich, ursprünglich, seinem wahren (d. i. wahrhaft eignen) Wesen nach eins ist, in der Erscheinung als eine Vielheit gesonderter Wesen auftritt. Das Gute liegt in der möglichen Vereinigung dieser unrechtmässig Getrennten, das Böse in deren Zwist und Kampf. Denn das Gute ist Uebereinstimmung mit sich selbst, und das Böse oder das Uebel - das Gegentheil davon. (Vorschlag 41)

Handelt der Mensch in Gemässheit mit seiner empirischen Natur, so ist er also unfrei, durch fremde Einflüsse beherrscht. Handelt er dagegen seiner wahren Natur gemäss, so ist er frei, mit sich selbst übereinstimmend. (Vorschlag 40)

Es kann also nur eine einzige Begründung des moralischen Gesetzes geben, nämlich den Beweis, dass der Egoismus auf Bestimmungen beruht, welche der wahren Natur des Menschen fremd sind. (Vorschlag 5)

Nicht Alles aber, was von aussen kommt, ist uns deshalb ganz fremd und feindlich; es gibt Motive, welche unsrer eignen Natur wohl entsprechen, und sich gegen diese letzteren zu stemmen, wäre nicht Freiheit, sondern Thorheit. (Vorschlag 43)

Auch die gegebene, sinnliche Natur des Menschen enthält manchmal Züge und entwickelt unmittelbar, auf spontane Weise Bestrebungen, welche seinem wahren Wesen durchaus nicht widersprechen, sondern demselben vielmehr ganz conform sind. So sind Mitleid, Grossmuth, Aufopferungsfähigkeit und edle Begeisterung oft in der sinnlichen empirischen Natur des Menschen ursprünglich anzutreffen. (Vorschlag 50)

Die Frage ist hier also nicht die: ob abstract oder sinnlich? sondern die: ob eigen oder fremd? (Vorschlag 49)

Sich frei bestimmen heisst: Sich nicht durch fremde Factoren bestimmen lassen, sondern sich selbst, d. h. aus dem eignen Wesen heraus, bestimmen. Die Uebereinstimmung mit sich selbst ist nun aber das Gut und die Vollkommenheit. (Vorschlag 3)

Das moralische Gesetz ... ist ein Gesetz der wahren (d. h. der wahrhaft eignen) Natur des Menschen. (Vorschlag 6)

Gusto Gräser (1879 - 1958)

Mann geht dran,
im Eigensten aufzuräumen - so wird aufgeräumt
verdrossene Welt, uns erwacht, aus grundgeeignetem Walten,
warm erfühlend, heiter führender Geist,
Wohlfahrt gestaltend ...
*
Wir - wallen - heim -
zum Lebenswurzelgrund, wo Alles heimet,
urheimlich pfleget, pflechtet, pflichtet und
Ureignes reimet,
in wandelwonnig immerlicher Wend ...
*
Bist satt dein Tristsein du, bist matt genug gewesen,
räum auf - räum aus, was tief dein Eigen nicht,
ohn Umstandstanz, ohn alles Federlesen,
und - Heil - geschicht ...
*
Besitz ist der Toten Ruhm -
was lebt, lebt aus Eigentum.
*
Nur wo wir aus Eigentum werben, ringen, schwitzen,
findt der Deibel und sein Muhm nichts auf uns zu sitzen.
*
Ja - eigen lebt der rechte Mann,
der sich und uns was taugen kann.
*
Aus Eigenheit blüht Einigkeit!
*
Hilf mir, hilf uns heimgeigen, zum tiefgeeignet
Eigen,
das Herr Verstand uns verwarf ...
*
Jawohl - wir brauchen das, was wohl mit Eitelkeit verwechselbar
bei allzu flüchtgem Blicke:
Die grundbeherzt, grundechte Eigenheit, die tiefentschiedne,
voll Bescheidenheit,
die nicht nur "Icke" denkt und immer wieder "Icke" -
weil sie aus Wir, dem Eigentlichen, keimt,
dem Ganzen ...
*
Wohlauf, Gesell, im Eigentlichen freih, fromm ringeruhn
wie's Kücken in dem Ei, in - Unsrem - Selbst,
dem innig Einfaltgrohsen, fern Ichmichlein,
dem Selbstlos-Heimatlosen.
*
Wir sind der Fremdheit Beuten -
dies da hilft uns heimläuten.
*
Wir träumen, trachten, dichten, wir pflegen,
pflechten, pflichten uns aus beherztem
Mein
vonselbst ins Ganze ein!
*
Hilf mir, hilf uns heimgeigen, zum tiefgeeignet
Eigen,
das Herr Verstand uns verwarf ...
*
Du, nur nit ins Ferne schweifen!
Nur aus Herzens Zuck und Takt
kräftig diesen Tag ergreifen!
Dies geeignet Eigne reifen!
Das ist's,
was auch Andre packt.
*
Dort schüchterner Andersinn, der Keinem recht gefällt.
Hier - uns all erquickend - bescheidener Eigensinn.
*
... eigentliche Lebewelt, vom Urordnungsgeist durchhellt.
Ja - wo echter Thon erklingt, da gelingt, da entschwingt,
tiefgeeignet eigen, unser
Wirweltreigen.