Das heilende Geheimnis
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Dresden 1925
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Potsdam 1930
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Ich nicht - Du nicht – Wir leben, o Freund -
wir Alle nur wirken die Wirklichkeit!
Wer wahrhaft Strom, der wird strömen
und also sein Strombett auch finden,
tief und tiefer fallen und wallen wird er,
nicht hoch, höher sich stelln.
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Gräser hat das ‚Tao Te King‘ von Laotse möglicherweise schon kurz nach 1900 durch die Übersetzung des locarneser Theosophen Franz Hartmann kennen gelernt, zu dem die Siedler vom Monte Verità pilgerten. Er bekam dann die Übersetzung von Alexander Ular in die Hand, die 1903 erschien. Auf dieser Vorlage beruht im Wesentlichen seine eigene Nachdichtung, aus ihr hat er manche Wendungen wörtlich übernommen.
Wann er mit dieser Arbeit begonnen hat, ist unklar. Doch die Tatsache, dass Hesse 1907, nach seinem Zusammen-sein mit Gräser, das Buch von Ular erstmals erwähnt, macht wahrscheinlich, dass er durch Gräser auf diese poetische Übertragung hingewiesen wurde. Hesse hatte aber damals noch keinen Zugang zum Geist des Laotse. Er erwähnt Ulars Buch nur kurz und beiläufig und wendet sich dann der chinesischen Lyrik zu, die ihn viel mehr ansprach. Gräser besuchte vermutlich 1912 in Berlin den Juristen Josef Kohler, der eine Nachdichtung des 'Tao Te King' in Knittelversen geschaffen hatte. Damals scheint er auch seinen Freund Gustav Wyneken und den freideutschen Studenten Ernst Joël zu Laotse geführt zu haben. Gräser war in Berlin allgemein bekannt, eine öffentliche Figur. Er könnte auch Alfred Döblin den Anstoß zu seinem Wang-lun-Roman gegeben haben. Eine ganze Reihe von Parallelen sprechen dafür.
Wang-lun beruft sich zunächst auf die Lehre vom Wu Wei, vom Nichthandeln, die
auf Laotse zurückgeht. Die Anhänger der Sekte verehren als Tempel das Weltall,
ihre Götter sind die Berge und Flüsse. Sie sind Vegetarier und nennen sich
Brüder und Schwestern.
(www.xlibris.de)
Diese Beschreibung trifft ohne Abstrich auf Gusto Gräser zu: Er lehrt das Nicht-Machen, verehrt das Weltall, den Berg und den Strom, ist Pflanzenesser und hat in seinen frühen Wanderjahren seine Mitmenschen als Brüder und Schwestern angesprochen.
Einem denkenden und mitfühlenden Beobachter wie Alfred Döblin musste sich angesichts des Siebenbürgers die Frage stellen: Wie kann ein Apostel der Gewaltlosigkeit (des wu-wie, Gräser nennt sie „Stillgewalt“) in der realen Welt bestehen? Wie wird er sich unter ihren Zwängen entwickeln? Wird er seine Gesinnung durchhalten und bewähren können? Dies sind die motivierenden Grundfragen von Döblins Roman.
1910 erschien die Übersetzung des Tübinger Professors Julius Grill. Erst 1911/12 wird ihm Richard Wilhelms Übertragung vor Augen gekommen sein. Sie hatte keinen erkennbaren Einfluss auf seine Fassung des Textes. Seine eigene freie Nachdichtung hat er erstmals 1913 in Stuttgart öffentlich vorgetragen. Nach einer Überarbeitung in Zürich im Spätherbst 1918 hat er sie im Januar 1919 an Hermann Hesse geschickt mit der Bitte, diese Schrift anonym zu verbreiten. Hesse schien die Vorlage offenbar nicht druckreif. Er wagte eine Umsetzung von wesentlichen Gedanken in seiner Flugschrift 'Zarathustras Wiederkehr' und warb von da an als begeisterter Botschafter für die Weisheit des Laotse.
Versuche einer Veröffentlichung von Gräsers Schrift durch die Neue Schar scheiterten durch die Verhaftung des Dichters und seine Ausweisung aus Deutschland im Herbst 1921. Eine Drucklegung kam erst 1979, rund 20 Jahre nach seinem Tod, zustande. An der ihr zugrunde liegenden Fassung, die sich nur in einer einzigen Abschrift erhalten hatte, soll er bis zum Ende seines Lebens gearbeitet haben.