Kalendersprüche von Gusto Gräser



1



Hast Du schon in stille Wasser geschaut,

wenn auf gründunkler Flut so golden die Sonne ruht

und drunten das Wasserkraut wanket?

Oh diese wunderatmende Welt,

von der Ringforelle spielend durchschnellt,

die Heere von silbernen Schwimmern

durchschimmern.

Schau hinein und erkenne,

was Seele heißt und

Tiefe!

*

2

Hüt,

o hüt das Geheimnis,

so wird das Geheimnis

Dich hüten.

Aber willst Du es sehen,

muss es Dein Leben

zerwüten:

DU!

*

3

In das grundlos tiefe Blauen

walle kühn!

Aus dem Grauen, Du - dem "Grauen",

musst zur Sonnen Du getrauen,

willst - Du blühn!

Zweckezwerge, Wichtigwichte

hocken in dem Krämerkram -

Du tu auf dem heilgen Lichte,

dass sich auf Dein Leben richte:

Wundersam.

*

4

Innres schwellt, wird Außenwelt,

Draußen fällt ins Drinnen -

ineinander quillt und wellt,

ringend lebt die Wonnewelt!

Lass, lass sprießen, springen!

*
5


Komm, lass fügen Meins wie Deins

ins wundergute Ganze.

Eins muss verwehn, jah, Eins ist Keins -

raunt Mensch und Tier und Pflanze.

*

6

Lass, oh lass uns seelig werden!

Wirf Dich in das Weltenspiel,

spiele, spiele sonder Ziel

Seeligkeit

auf unsre Erden:

Seele, die begeistern kann - - -

sei - ein - Mann!

*

7

Lass vom Tun Dich nicht vernarren,

übe Harren, horchend Harren;

und gehorchst Du dem dadrinnen,

kann lebendges Tun beginnen

und die sonnge Tat geschieht

wie ein Lied.

*

8

Leben ist ein Wanderwohnen,

eine Wonnewanderschaft -

wo das eine ist zerronnen,

ist auch 's andre ohne Saft.

*

9

Leben - ist keine Reise,

wer weiß wie weit -

ist eine Art und Weise

Wandelgewohn im Kreise

des ewiglichen Heut,

voll Tiefanwesenheit.

*

10

Lebt doch nur Eins, ein Lebensleib

überall in uns und Keins

liebleibet außer seines Bunds!

*

11

Mehr Bedürfnis - mehr Zerwürfnis!

Bruder, trefflich ist Dein Wort!

Ja, je mehr den Kram wir mehren,

muss uns Gram und Sorge zehren,

Streit um Sache uns versehren,

immerfort.

Einfachheit, oh Einfachheit -

Dir blüht Freundschaftwonne,

Dir Gesundheitsonne -

Lebensheiterkeit.

*

12

Mehr Schuld nur schafft Beschuldigung,

mehr teilhaft, ichhaft Kränken!

O Freund, Vertrauen, Huldigung -

Mir, Dir, statt Argwohn denken!

Jah, nur "bösgut" Geduldigung

hilft uns heilheimwärts lenken!

*

13

Miteinanderstreben –

Miteinandergehn -

Miteinanderleben -

Brüder, das ist schön!

In die Welt nur schauet:

Andres seht ihr keins,

als dass alles Viele

werden will - AllEins.

*

14

Oh du wunderheller Raum -

heilge Berge, heilger Baum!

Durch die silberklaren Wellen schnellen

quecke Ringforellen, drüber schimmern die Libellen

und durchs Blauen, klingend klar,

zieht der Aar.

Bergland, deine Roheit, oh wie wohl die tut,

wunderliche Froheit schauert mir durchs Blut -

Gottheitodem haucht mich an, raunt um rauhe Föhren

und - ich fühl in mir den Mann

höher sich empören.

*

15

Ohne Dein Entgegenkommen

kann mein Kommen Dir nit frommen.

Sinnst, sehnst, träumst Du auch

um des Freundes Wunderhauch?

Horchst Du, spähst Du auch ins Land:

Kommt wohl Einer geistgesandt?

Naht ein Wandersmann - herfür!

Öffne selbst des Hauses Tüt!

Oder aber halt Dich stolz -

und verholz!

*

16

O Menschenkind, genug ein Mensch zu werden -

schiel nit nach andern, häßlich macht Geschiel!

Laß fallen all die Größenwahnbeschwerden -

hier ist dein Weg - o Lust - zugleich dein Ziel!

Erfühl, erfüll, mehr gibts auf keinem Sterne -

Bist Du ganz hier, ist hier ganz alle Ferne.

*

17

O Mensch, gieb dem Geheimnis Raum,

hör auf nach "Grund" zu wühlen -

und Grund erfaßt Dein Lebensbaum,

bäumt froh empor zum Sternenraum

in wonniglichem Fühlen.

Horch auf das Lied aus dunklem Laub,

scheuchs nit mit frechem Sehen!

Horch - und Dein Leben heitert - glaub!

Zieh nit ans Licht, zieh nit in Staub

heilheimliches Geschehen!

*
18

O wonnig Wenig - Herzensseligkeit!

Bleib bleibt mir fern mit Eurem Schlösserprunk!

In meiner Hütten hab ich voll genung - -

Ein jedes Ding dem Herzen angereiht,

ein jeder Winkel still dem Glück bereit.

*

19

Ums Ewig hangen, langen? - Das blühet

heut und hie!

Gestern, das ist vergangen -

und morgen - das ist nie!

*

20

Was tun, Gesell? - Mehr daun, mehr daun!

Geistleib ernähren, Mensch erbaun -

Tun - hat - gar - keine - Eile!

Doch das Gesell, was wir grad tun,

ein wenig so aus Herzensruhn,

ein wenig so mit Andacht tun,

taugt wohl zu unsrem Heile.

*

21

Willst Du nicht der Freude Dich entschließen? -

Nur aus Kampf kann uns die heilge sprießen.

Auf, schreit zu!

Nur erfreuet kann ich Dich genießen,

doch zufrieden mußt Du mich verdrießen -

Du!

*

22

Ins Guru der Turteltauben

fällt des Falken Jagdgeschrei.

Friede da - dort Raufen, Rauben - - -

jah, das ist zu meinem Glauben

grad die rechte Melodei.

Und dazu, bald laut, bald leise, Wald du,

deine ewge Weise.

Hah, ich mach die Augen zu:

Hiah, hiah - guguruh.

*

23

Wer nit fand den Weg vom Herz zum Hirn -

sag, was sucht der Mann am Uralfirn?

Wer nit fand den Weg vom Herz zur Hand -

sag, was sucht der Mann in Samarkand?

Der den Weg, den ersten, fand,

findt allüberall sein Wonneland.

*

24

Wer den Mut gefunden -

- Grundentschlossenheit -

mühet nie vergebens,

blühet in des Lebens

sonnger

Seeligkeit!

*25

Was Erfolg? -

das Leben heißt uns gehen

frisch hinein ins glühende Geschehen.

Unsern Tritten so aus Herzgenügen noch ein Trittlein

treu hinzuzufügen.

Reich zu leben, hier in den Bereichen,

Treu beglückt -

Glück erfüllen - hah - kein Glück erreichen.

*

26

Schlage Du nur tüchtig Wurzeln!

Laß die Andern, woll sie purzeln!

Gründe Du nur in dem Wahren,

dem Urbaren.

Keinen kannst zur Frucht Du zwingen,

aber Du kannst froh sie bringen;

Keinem bringen, Allen tragen -

das heißt Unheil weit verjagen - Du!

Geh nur Du Dich zu ergeben

ganz und gar -

und die Andern athmen Leben!

*

27

Reden hört man oft Euch Gutes,

habt mich selber oft betört -

aber wer von Euch, wer tut es,

was er tief im Innern hört?!

*

28

Laß die Alten raten - Jung, Du hast zu taten -

hier im Weltenwald!

Laß die Alten zügeln - Jung, Du hast zu flügeln!

Also auf und bald!

*

29

Aus Werkeltages Flüchtigkeit

in Sternraums ewgen Tag -

aus aller siechen Süchtigkeit

in seine tiefe Tüchtigkeit,

o Mensch, Wurz-Wipfel

schlag!

*

30

Alle sind wir tief verhaftet

in des Wachstums schönen Fluß,

draus uns warme Mühe kraftet

und herzhaftiger Genuß.

Umbau ziemt uns, nit Verharren,

freih gehorch ich dieser Not -

daß mir nit der Umsturz droht

wie den Habenarren.

*

31

Schau die Welt, wie reich, wie groß!

Gib dich ihr - oh gib dich los! -

Los von allem Herrenwollen,

los von allem Knechtesollen!

Tritt hinein, so klein, so bloß -

und auch du, auch Du bist groß!

*

32

Auf Mißtraun folget Missetat

wie auf das Gift das Sterben -

sag, o sage, Kamerad,

wohin führst Du Deinen Pfad,

Freunde zu erwerben?

Baust dem Argwohn Du den Sarg -

oder baust Du Dir das Arg

alles zu verderben?

*

33

Lieber noch ein blühend Schwärmen

und beherzte Narretein,

die das Herze uns erwärmen

wie die Blust im lustgen Main -

als voll Frost und voll Verstand

so ein Anstandsarrestant!

*

34

Bau nur hinein in den Wust dein Gebilde,

bau ihn heiter still hinein, deinen Stern -

alles Andre laß gehn, laß sein - bau!

Der Bleibende muß ein Blühen erwirken,

bau nur hinein!

*
35


Bist Du nit Manns genug, tief aufzuhören,

gelinget Dir kein herzbefreihend Tun.

Statt feig geschäftig Dich und Mich zu stören,

faß Mut zum Schaffen, fasse Mut zum Ruhn!

Denn nur aus innigtiefer Ruhigkeit

ruckt auf die Tat, die Dich und Mich befreiht!

*

36

Da kuck mir mal das Mücklein an,

wie das sich wischewaschen kann!

Schau her doch du, das reibt amend

sich vor Vergnügen so die Händ -

eihei, das ist vergnügt gewiß,

denn sieh, es reibt sich auch die Füß.

- - - -

O du verflixtes Mückelein,

hilf mir wie du

begnügt zu sein

! ! !

*
36

Dem ewgen Heut bin ich bereit -

heut ruft die Welt.

Das Heut ist warm, das Morgen kalt,

vom "morgen" wird das Herze alt -

heut glüht der Held.

So will ich offen, tief und breit,

entschlossen der All-Wirklichkeit

heut baun mein Feld.

*

37

Der Igel ist ein stachlig Tier,

der Maulwurf sanft wie Seiden -

und beide können nichts dafür.

Jetzt bitte, wer entscheidet hier,

wer besser von den beiden?

Ein jedes Tier - und Jedermann

ist grad so gut, als wie er kann.




38

Der Dumme hat 's Glück - und vergißt es.

Der Kluge, der kennt's - und vermißt es.

Und der Weise, das ist wohl der Mann,

der 's pflegt, daß es blühen kann.

Doch einzig, von Inner hervor - ist's -

liebeblühend - der Thor.

*

39

Die Lieb wird Leib, die Lieb baut Bild!

Und - wo's nit bildet, leibet,

wo Es Gestalt nicht treibet

ist Lieb nit im Gefild!

*
40

"Dies Alles ist mir untertan!"

Du traurig trüber Herrenwahn - -

du Einsamkeit auf Erden!

"Dem Allem bin ich zugetan!" -

Das ist der Weg, das ist die Bahn

ein froher Mensch zu werden.

*

41

Die Schläu schwebt immer in Gefahr

aus ihrer Roll zu fallen - - -

Doch - Treue - lebt

in unsrer Welt urwohlgemuth,

wie - die - auch - fällt -

die fällt ins

Wohlgefallen

! ! !

*

42

Die Tore auf! Wir brauchen die Gefahren!

Kanns nicht der Feind, tritt auch der Freund nicht ein.

Hinaus, hinein! Laßt wogen wagen fahren,

daß Feind und Freunde sich uns offenbaren.

Die Tore auf! Nicht nur dem Sonnenschein.

Auf, Herzen, auf! Obs noch so stürmt und droht:

Im Sturmgebrause wird die Freude rot.

43

Du glühend Glück, versunken in dem Eben,

voll tiefentschieden, warmbescheidner Kraft

sich allgemach in stillem Wachsen heben,

als Armer, Kleiner, reich urgroß zu leben - - -

wie grüßt dann heiter uns aus Fels und Flur,

aus Tier- und Menschheit auch:

Allheilnatur!

*

44

Ein Spiel ist dann erst ein schönes Spiel,

ists ein gewagtes, ihr Jungen!

Drum zögert und zaudert und zagt nit zuviel

und fragt nicht nach Ausgang, nach Zweck und nach Ziel

und frisch ins Wage gesprungen.

Hinein ins Gewoge des Lebens gewagt,

daß uns Schönheit blühe,

uns Freude tagt!

*

45

Ende, was? - End ist Verblendung!

Auf zu wandeln, eh Du blind!

Schiele nicht nach der Vollendung,

find in inniger Verwendung

ewges Leben,

Menschenkind!

*

46

Freigebig und freinehmig

ist die lebendge Welt -

steh auch nit stolz und geizig:

Nimm, gib - gib, nimm,

wie's fällt.

*
47

Freundesmut ist Manneswonn,

ist mein "Plätzchen an der Sonn",

was könnt mehr mich weiden?

Leutelustigkeiten??

- - -

Weil ichs nit verscherzen will,

halt ich gern den Schmerzen still,

die den Freund bereiten.

*

48

Freund, uns all verflechtet eine Pflicht

in die Lebewelt voll Dornenrosen:

"Du, laß tun, wie's deinem Grund entspricht -

lüge nicht!"

*

49

Hast Du Heimweh, hör, nit nach Dir selber?

Menschenkind, wohin, wohin hinaus?

- - -

Uns glücket keine Sonne,

hegen wir nit des Urselbstseins Wonne,

Allsein ahnend, athmend ein und aus.

Mags um uns dann grünen oder greinen,

mit dem Wunderschlüssel Selbst im Reinen

schließen Licht wir auf aus graustem Graus.

Wir vergessen Suchen, Wünschen, Hoffen,

ist uns doch so wärmeheimlich offen,

selbstvertraut

das ganze Weltenhaus.

*
50

Hei, wer wagt hat schon gewonnen,

denn schon rinnt das Blut ihm heiß -

heller quillt sein Lebensbronnen,

heilger strahlt ihm unsre Sonnen

und Gesundheit

ist sein Preis.

*

51

Hör auf! - Kannst es nit krallen

mit gierigem Begehr -

kannst in dein Heil mit allen

Lebendigen nur wallen -

falln

wie die Well zum Meer!

*