TRACHT
Sag mal: Warum sind deine Siebensachen, so eigentümlich, so, so selbstgebacken?
Merkst du es nicht? – weil mich ein Müssen brennt, zu einem Leben, das den
Freund bekennt …
Bei all dem Abgehang von Schuster, Schneider und gar von Bockstihudi und so weiter,
verdorrt, verkümmert unser freundfroh, jung, urwohlgemuter, breiter Lebensschwung,
aus dem warmheiter echte Bildung blüht, voll Urgemüt!
Doch frugst du recht, ja, grade „Eigentum“ ist unsres Menschseins Kern und
Stern und Ruhm …
Ja – so wird jede Gab uns arges Gift, das uns im Grund verärgernd, kränkend trifft,
eh wir sie nicht geniessend einverdaun, genesend sie zu Eigentum erbaun,
zu einem innig urlebendgen „Mein“ in der Gemeinschaft Herzblut, blüherein
Mitblut zu sein!
M-Tracht 8
*
Ja, sagen die Herren: die Einfachheit - dagegen ist nichts zu haben.
Ja - aber - Sandalen und so ein Kleid - pah, Äusserlichkeit –
darüber sind wir erhaben! Wir pflegen das Innre, wir pflegen den Geist!
So tönen die Herrn, die das Bangen beisst, die täglich hupfen und hüpfen,
am Schlips den Mann aufzuknüpfen, die täglich, stündlich sich retten
die Freiheit mit den Mansketten.
*
Raus, heraus, du Schneiderneider,
Du verhängter Kleiderleider!
Raus, sonst frisst Dich noch der Neid,
der zubest im Kleid gedeiht -
Menschenkind, das Leben ruft:
Lappen weg, raus aus der Gruft!
Auf aus all den Schneidersorgen
in den thaufrisch reinen Morgen,
in den wildfroh freihen Wald –
aber bald!
Wirf dich in die grünen Länder,
in die Silberwasserbänder –
wirf dich in das Sonnengold,
ehe dich der Schneider holt!
Ach, dies leidige Bekleiden,
Stutzen, Putzen, Schniegeln, Schneiden,
und in all dem Schalgebild -
Schreiberseelen – ich – werd – wild!
Auf aus all den Kleiderleiden,
Herz will sich an Wildheit weiden!
Raus aus all der Schneiderpein –
sonnigfrisch lebendig sein!
(M-Tracht 13)
*
Sich nach eignem Brauch zu tragen
wie man's braucht, ja – das ist Tracht.
Doch den Mantel, Rock und Kragen drehn
nach anderer Behagen – Freundchen,
das ist: Niedertracht!
Wer sein' Schopf nach andern scheret,
merkt bald nimmer, wenn er kraucht,
merkt nit, wenn er sich verkehret,
wenn er seinen Freund beteeret:
heuchelnd meint der Tropf –
er haucht.
M-Tracht 6
*
Wie aber Heimat ohne Land unmöglich richtig gedeihen und blühen kann, so wächst
auch Tracht, die geeignet eigentliche, die schöne – am besten aus herbderbem Land,
aus urerster Hand …
Wächst, wie alles Lebendige wächst …
Die bloß Hergebrachte, gemacht Nachgemachte,
die aus Urväterhausrat bloß Ausgekramte –
alle Ehr als Museumsstück oder zur festlichen Schau -
doch tot bleibt sie,
hohl und schaal bleibt sie für die Gegenwart,
eh sie nicht durch den eigentümlichen,
den schöpfrisch frischen Einschlag, Beitrag,
ihres gegenwärtigen Trägers
herzlebendig erneuert wird.
Im Uralten gründend,
grünen urjung.
M-Tracht 40
(Ja Tracht und nimmer „Mode“, S. 2)
*
„Nur äusserlich“ – ein fein Versteck für manches Feiglingleinchen.
Ums liebe Existenzeneck grüsst man – Herr Gold – auch den Herrn Dreck,
fühlt man sich auch als Schweinchen.
Es ist doch gar ein hübscher Putz und Manches nutz, so einen Schmutz
zu decken mit nem Scheinchen.
„Pah – äusserlich“ – o feine List, durch die man „innerlicher“ ist
bei all den Vetterleinchen.
*
Und wird der Schwindel dir zu dumm, so hilf dir doch, ich bitte:
Machs wie das p. p. Publikum, das tauft die Lüge einfach um
und nennt sie – Schliff und Sitte.
*
Spieglein, Spieglein an der Wand, hast in Mich mich oft verbannt –
nun verbann ich dich.
Nur wer wirkend sich vergisst, schön und gut und tauglich ist –
drum zerbrich!
*
Spiegel, Spiegel allerwärts, vorn und hinten spiegle,
dass man nit nur Stirn und Sterz, nein, auch Hirne noch und Herz,
fein nach Stande schniegle.
Nur „anständig“ muss man sein – frischlebendig? – Nein, o nein!
Blut? - Das kannst verlieren, kannst ja Schminke schmieren.
„Der Bart – der wackert seinen Mann.“ –
Gesell, Gesell, da ist was dran. Der Herr Lumpazi tuet gut,
den Bart sich wegzukratzen – da passt er wieder zu der Brut
der ungebärdgen Fratzen. Im Männerbarte aber, nein,
kann man nit recht so lumpig sein.
*
Von denen, die sich ums Feinsein scheren –
zu denen, die sich ums Reinsein kehren.
*
Vom schafottfertigen Arrestantenkopp
zum Lockenhaupt frischfrommfröhlich.
*
Dort puppiger Schwindel – hier ruppige Treu.
*
Gusto Gräser