Spendenaufrufe von Hermann Hesse für Gusto Gräsers Familie, 1917 in Schweizer Zeitungen
Gusto Gräser
B. Z. Vor einiger Zeit wurde in Bern der in Deutschland in weiten Kreisen bekannte Maler und Dichter G u s t o
G r ä s e r, der „Naturmensch", gerade als er sich auf Anraten von Bekannten zur Polizei begeben wollte, um sich zu legitimieren, verhaftet und sofort nach seinem gegenwärtigen Wohnort A s c o n a im Tessin zurückbefördert. Das gleiche Schicksal hatte ihn eine Woche vorher schon in Zürich ereilt und, wie wir hören, ist dort bei der Regierung Protest eingelegt worden. Gusto Gräser bezweckte, seinen Aufenthalt in Zürich sowie denjenigen in Bern mit Vorträgen über soziale Fragen zu beschließen, und nun ist ihm durch das Eingreifen der Polizei die Möglichkeit, für seine achtköpfige Familie das Brot für den Winter zu schaffen, geraubt worden.
Es haben sich seinerzeit in Deutschland warme Stimmen für unsern eigenartigen Fremdling erhoben; so widmete vor einigen Jahren Johannes Schlaf dem „Edelindividualisten“ Gusto Gräser ein sehr interessantes Feuilleton, und Richard Dehmel wendet sich tadelnd gegen die deutsche Polizei mit den Worten: „Ich hoffe, daß im geistigen Deutschland sich recht viele Stimmen für ihn erheben; vielleicht kommt die Polizei dann endlich dahinter, daß sie durch solch zimperliche Verbote mehr öffentliches Aergernis erregt, als wenn sie einen erquicklichen, ehrlichen und friedlichen Menschen, wie Gusto Gräser es ist, ruhig seines Weges wandern läßt“.
Dieser nun, der so treu und selbstbewußt an seiner Eigenart durch alle Hindernisse, die ihm durch die Gesetze unserer Zivilisation geworden sind, festhält, findet immer wieder Menschen, die für ihn eintreten, und so hat sich jetzt auch Hermann Hesse (Melchenbühlweg 26) in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, allfällige kleine Geldspenden, die der nun materiell bedrängten Familie den Winter erträglicher machen würden, durch die Post entgegenzunehmen.
Es sei noch erwähnt, daß Gusto Gräser, dessen Künstlerschaft nicht in Frage gestellt werden kann, gegenwärtig an einem „Jahrleiter“ (Kalender) arbeitet, der nach dem Krieg herauskommen soll und für den er, um leichter einen Verleger zu finden, schon jetzt Unterschriften fürs Abonnement entgegennimmt.
Mit folgenden schönen Worten schloß Gusto Gräser einst in Stuttgart eine seiner „Waldpredigten“:
„Jetzt scheint die Sonne eben, jetzt weht der Tauwind, auf,
Jetzt tritt hinein ins Leben, jetzt setze deins darauf.
Komm, geh‘ mit mir, vollkommen entschlossen in den Tag,
Froh harrend, was da kommen und was da werden mag.
Komm mit, ein Freier, Frommer, frischweg die Welt gefreit,
Sie harret voller Sommer: Komm, j e t z t ist hohe Zeit.“
„Der Bund` vom 19. Januar 1917
Gusto Gräser
Man schreibt uns: Im Abendblatt des „Bund“ wirbt B. Z. für Gaben, die Hermann Hesse für den Naturmenschen Gusto Gräser in Ascona entgegennimmt.
Neulich führten mich Geschäfte in sein Haus, ich hätte den Schuldenbüttel machen sollen. Aber als ich dem Mann mit dem Charakterkopf gegenüber saß, die Rede hin und her ging und mir seine Notlage klar wurde, da stieg meine Achtung von Minute zu Minute. Nicht ein Wort der Klage kam über seine Lippen, auch keine Anklage über die Behandlung in Zürich und Bern. Als er mir Proben aus seinem „Jahrleiter" zeigte, da packte mich besonders eine Skizze tief: ein markiger Greis mit einer schweren Last auf der Schulter, aufrecht und stark, im Blick Ergebenheit und Milde ...
Es ist doch sonderbar, daß man einem so harmlosen und ehrlichen, dabei so bedeutenden Menschen, der auf seine Art und Weise durch Vorträge Brot für die Seinen schaffen will, polizeilich ausweist, während andere, die das Licht zu scheuen hätten, ruhig ihrer Wege gehen können.
Durch die Kriegswirren ist der Mann von seinen Hilfsquellen abgeschnitten. Mögen viele Gaben an Herrn Hermann Hesse gelangen, für die Familie, die des Mitleids wert ist. P. P.
Im Gusto Gräser-Archiv der Münchner Stadtbibliothek. Undatiert, unbekannte Quelle
Gusto Gräsers Schicksal. Wie wir kürzlich im „Bund“ (19. Januar 1917) lasen, hat man dem „Naturmenschen“, Dichter und Maler Gusto Gräser zuerst den Aufenthalt in Zürich und dann in Bern verwiesen und ihn nach seinem gegenwärtigen Wohnort Ascona zurückbefördert. Hermann Hesse in Bern (Melchenbühlweg 26) ist bereit, Geldspenden für die bedrängte, achtköpfige Familie des seltsamen Idealisten durch die Post entgegenzunehmen.
Neue Zürcher Zeitung, Nummer 236, 8. Februar 1917 Ausgabe 07 — Seite 2
Ein ldealist
Hz. Zuweilen kommen in meine Redaktionsstube recht seltsame Gäste; z. B. jener alte Taglöhner und Vagabund, der daneben „dichtet“, der mit „seinen Geistern“, mit früheren Dichtern und Philosophen lebt, und sich halblaut mit ihnen unterhält; oder jener Wanderbursche, der Flachmaler ist, aber in aller Literatur Bescheid weiß und originellste moderne Schriftstellerei treibt. Neulich aber klopfte ein Mann an meine Türe, von dem ich etwas mehr erzählen möchte. Ein Mann aus fernster Zukunft vielleicht oder aus fernster Vergangenheit — so wenigstens kam er mir vor. Hochgewachsen, schlank und schwank wie eine stolze Tanne, mit lang herabwallenden Haaren und ebensolchem braun-schwarzem Barte. Ohne Hut. Ueber die Schultern hat er einen gelbbraunen (wir würden heute sagen: einen tangofarbenen) sacktuchartigen Ueberwurf gelegt, vielfach geflickt; darunter frei die nackten, nervigen Arme. An den Beinen enganliegende, grauwollene gestrickte Hosen, an den Füßen einfache Sandalen. Ein lustiges Wanderbündel hängt ihm von der Schulter herab. Wie er fragend eintritt, mit rhythmisch schwungvollem Gang, schaut er mir ein paar Atemzuge lang suchend und offen in die Augen, gibt mir dann die kräftige, nervige Hand und stellt sich vor: „Gusto Gräser, Dichter und Maler“. Ich habe schon von ihm gehört und lade ihn zum Sitzen ein. „Ich möchte, daß Sie mich kennen lernen“, spricht er mit tiefer, wohllautender Baßstimme. Mit einer Stimme, in der etwas Vertrauenweckendes tönt. »Die Polizei will ja nichts von mir wissen; in Zürich und in Bern hat man mich ausgewiesen . . . Aber ich kam wieder. Ich kann nicht glauben, daß man so kleinlich sein kann und einen Menschen verhaften, der doch gar nichts anderes fordert als das Recht, Mensch sein und sein eigenes Leben leben zu dürfen . . . Und deshalb habe ich nicht nachgegeben . . . und darf nicht nachgeben. Tausend Schufte laufen herum; man zieht den Hut vor ihnen und ... — Sie wissen ja . . lächelt er. „Aber einen ehrlichen harmlosen Menschen weist man einfach aus . . „Sind Sie Deutscher?“, zweifle ich, da er die deutsche Sprache ziemlich holprig spricht. „Ich bin Siebenbürger Sachse. Seit dem Kriege lebe ich in Ascona. Habe übrigens mit der Kolonie nichts zu tun. Ein Bruder, der im Felde als Offizier gefallen ist, hinterließ mir dort ein Stück Land, das nun meine Familie — ich habe sieben Kinder — ernähren soll . . . Es langt aber nicht . . . Und deshalb muß ich jetzt, statt auf dem Lande zu arbeiten, in die Städte wandern und sehen, wie ich etwas Geld heimbringe. Ich verteile meine Gedichte auf Flugblättern, nehme allerdings etwas Geld dafür, und suche mir nun einen Verleger“.
Hier holt er mit einem Schwung der Schulter sein selbstgeflochtenes Wanderbündel hervor, öffnet es und nimmt eine Handvoll Blätter heraus. „Ich - möchte einen Kalender — ich nenne es „Jahrleiter“ — schaffen; der soll ein rechtes Herzwerk werden. Sprüche, die ich dichte und Bilder, die ich zeichne oder male, sollen die einzelnen Tage begleiten und sollen den Sinn für Natur und Heim wecken. Der Sonne, dem Mond, der Erde, dem Heim, dem Manne, der Frau und dem Kinde sind die Wochentage gewidmet . . . Der Dienstag z. B. soll an die Erde, an die Arbeit und die Not erinnern; der Mittwoch an das Heim . . . Der Mann, der die schwere Müh und Not kennt, der ist glücklich . . . In Palästen mit Marmortreppen . . ., wo der Luxus ist, kann das Glück nicht sein. Mein oberstes Gebot ist: die Not! . . . Alles Starke und alles Freudige kommt allein durch die Not . . . Durch die Not werden wir frei . . . wahrhaft frei . . .“ Längst schon mochte er meine stumme Frage erfühlt haben, warum er sich denn so auffällig kleide. Denn fast als Antwort sagt er plötzlich: „Meine Kleidung? . . . Ja, ich muß mich so kleiden. Ich habe innerlich mit all dem Elend der Kultur-Flauheit und -Verlogenheit gebrochen. So muß ich‘s auch äußerlich tun. Ich will keine Halbheiten . . . Die Leute meinen natürlich, ich sei verrückt oder mache Reklamesachen ... Die kennen mich nicht . . .“ Er spricht nicht fließend. Aber aus feinen grünlichbraunen Augen strömt ein warmer Strom von Empfindungen und Gedanken. Und wenn er die edel geschwungene Stirne faltet, so weiß ich, daß er um den Ausdruck dessen ringt, was er empfindet. Denn er geht auch in seiner Sprache gewissermaßen auf die Natur zurück: oft schafft er sich die Worte neu und eigen. Als er mir jedoch aus seinem „Jahrleiter“ einige Sprüche vorliest, da scheint er erst so richtig in seiner Welt zu sein. Sein Auge schweift fast prophetenhaft über das Papier hinaus und blickt in helle Fernen. Seine tiefe Stimme aber singt den schönen Rhythmus der gedankenvollen und erlebniswahren Sprüche. „Mich treibt der Hunger . . . Der Hunger nach Erlösung aus der Hirnkastenbildung mit ihrer öden Verstandes- und Gegenstandskultur, der das Herz, die Seele fehlt . . . Und ... ich glaube, ich habe gefunden ... Ich will das Heimgefühl wecken . . . Meine Heimat ist dort, wo ich freundlich derb und mit Freunden leben kann. Wohler kann ich am braunen Brot braver Freundschaft mich laben, wohler ist mir bei Hungersnot und bei biederen Knaben, als bei den Herren, matt und kommod, die um Geld sind zu haben ...“ Also die Heimat sucht er. Heimat ist ihm Glück, oder wie er es in seiner herrlichen Flugschrift von der Heimat schrieb: Ueber alle Richtungen erhebt sich, für uns und unser Auge alle Einzelrichtungen überstrahlend und verbindend, die Auf-richtigkeit als die Sonne unseres Lebens und der aufrechte Handel und Wandel als die Erfüllung unseres Glückes, das uns „Heimat“ heißt.
Im „Bund“, 15. März 1917