Monte Verità bei Ascona
Der Berg des guten Lebens
Auf dem Monte Verità träumten die Menschen vor mehr als hundert Jahren von einer idealen Welt. Volker Weidermann ist ihrem Traum hinterhergereist.
Von Volker Weidermann
DIE ZEIT Nr. 21/2026 8. Mai 2026, 16:43 Uhr aktualisiert am 14. Mai 2026, 16:29 Uhr
Sie waren überfordert von der Zivilisation, den Zwängen des Alltags, niedergedrückt von Streit, den Kriegen, den schlechten Nachrichten überall. Konnte man sich nicht einfach frei machen von alldem? Was band sie denn an die Verstrickungen der modernen Welt? Konnten sie nicht alles anders machen, die engen Kleider abstreifen, einen Ort suchen, an dem es schön ist und der noch nicht besetzt ist von Geld und Streit und Schuld und Menschen?
Sie suchten Sonne, Frieden, Palmen und einen unbesiedelten Ort für wenig Geld. Sie fanden einen Hügel bei Ascona im Tessin am Lago Maggiore. Sie nannten ihn Monte Verità.
Wer heute hier ankommt und das alles zum ersten Mal sieht, im Frühling zum Beispiel, der will den Traumtänzern von damals augenblicklich hinterherträumen. Ein leer gefegter blauer Himmel. Eine Landschaft aus Glück. Wenn man vom Busbahnhof durch die engen Gassen in Richtung See geht und sich der Horizont dann zwischen den alten Häusern öffnet, der hohe Himmel, die Sonne, die gestutzten Platanen am Ufer, die Palmen, die weißen Berge am Horizont, dann weiß man einfach, dass unserem Leben, der Welt, der ganzen Natur eine tiefe Harmonie zugrunde liegt. Dass es einen Frieden gibt, der jenseits von allem liegt. Wenn man nur loslässt, von seinem Ich absieht, lebt, schaut, wartet und freundlich ist und nichts weiter will, als hier zu sein, dann kann alles gut werden. Es liegt hier etwas nicht ganz Erklärliches in der Luft. Ist das der Geist von damals? Ja, gewiss sind es auch die Geschichten, die wir kennen und die hier geschrieben worden sind, von dem Autor Hermann Hesse, der Schriftstellerin Franziska zu Reventlow, den Anarchisten Oskar Maria Graf und Erich Mühsam und all den anderen. Aber das Wesentliche der Glücksmöglichkeiten, die hier jederzeit verwirklicht werden können, ist in der Schönheit der Landschaft begründet.
Sie sind dann einfach losgelaufen, 1900 war das, von München aus, Ida Hofmann, Henri Oedenkoven, Karl und Gusto Gräser und Lotte Hattemer. Sie hatten sich vorher immer mal wieder getroffen, geredet, hatten gemeinsam geträumt von einem besseren Leben, einem Leben ohne Schuld, in einer Gemeinschaft, und dann hatten sie eben irgendwann genug geredet und gingen Richtung Süden. Sandalen an den Füßen, baumwollene Kleider am Leib und Haare, die sie wachsen ließen. Bis sie an diesem idealen Ort ankamen. Ein Städtchen mit bunten Häusern am Ufer eines großen, dunklen Sees. Und gleich oberhalb der kleinen Stadt dann dieser kahle Hügel, wenige Hundert Meter hoch, früher hatte man hier Wein angebaut, aber Rebläuse hatten die Reben vernichtet. Nun lag er wüst und leer, unbeachtet von den Bewohnern der Stadt. Für das Sandalen-Trüppchen aus dem Norden war er: das Paradies.
Sie haben ihn Berg der Wahrheit genannt. Der Name sollte nicht etwa bedeuten, dass sie die Wahrheit schon gefunden hätten, im Gegenteil: Sie hofften, dass sie hier, gestärkt durch die Schönheit und Unschuld des Ortes, die guten Kräfte, die die Natur und jeder Mensch in sich tragen, freilegen könnten mit der Zeit. Ein bisschen guter Wille, Sicht auf den See, Licht, Luft, Offenheit und Freundlichkeit – das musste doch reichen.
Vegetarismus war eigentlich die einzige bindende gemeinsame Grundlage für die Bewohner. Dazu kam ein ungezwungenes Verhältnis zum eigenen Körper. Sie waren meist nur mit Sandalen bekleidet. Und sie liebten die Sonne, bauten sich Licht-Luft-Hütten und waren frei. Erst waren sie nur wenige. Aber der Ruf des Berges hallte bald laut unter den Glückssuchern Europas, den Künstlern vor allem, Schriftstellern, Tänzerinnen und Tänzern, Reformern des Lebens, Revolutionären der Sonne, Naturfreundinnen und -freunden. Und viele folgten ihm. Es war der Traum des beginnenden Jahrhunderts.
Diejenigen, die diesem schönen Traum der Unschuld von damals an der Uferpromenade von Ascona heute nachträumen, unterscheiden sich von den Yogis von einst zunächst mal durch einen stolz zur Schau gestellten Reichtum. Auf den Bistrostühlen am Seeufer sitzt sehr altes, selbstzufriedenes Geld mit rotem Kopf und goldenen Ringen und trinkt einen Aperitif nach dem anderen. Sie haben alle Träume gekauft. Und warten nun, dass sich endlich auch das Glück einstellt, für das sie bezahlt haben. Es könnte sein, dass sie für immer warten müssen.
Damals sollte Geld keine Rolle spielen. Man brauchte keins, man wollte keins, man hatte keins. Man war sich einig: Geld vergiftet die Welt. Da die Gründer dort oben jedoch auch eine Naturheilanstalt gründen wollten, war ein bisschen Geld nötig, und sie beschlossen, dass einfach jeder so viel geben sollte, wie er konnte. Und da nur der Industriellensohn und Kaufmann Henri Oedenkoven aus Antwerpen über ein kleines Vermögen verfügte, zahlte eben nur er. Ida Hofmann war Pianistin und Schriftstellerin und lebte mit Henri in freier Ehe. Eigentlich wollten nur die beiden dieses Sanatorium wirklich gründen. Den anderen genügte es, dem Gras beim Wachsen zuzusehen.
Karl Gräser war ehemaliger Soldat und hasste Zwang jeder Art. Jedem Satz, den er sagte, fügte er ein »ohne Zwang« hinzu. Er war zwanghaft zwanglos, ließ sich vor allem unter keinen Umständen zu irgendwelchen Gemeinschaftsarbeiten zwingen und zimmerte sich bald mit Ida Hofmanns Schwester Jenny ein kleines privates Licht-Hüttchen. Eigentlich hieß das nur, dass den Holzhäuschen das Dach fehlte oder die Vorderfront. Es galt stets, so viel Sonne und Himmel wie möglich zu sehen.
Karls Bruder Gusto war noch viel freier. Er brauchte gar keine Hütte, er brauchte gar nichts. Ida wurde rot vor Zorn, wenn sie ihn nur aus der Ferne sah. Sie hielt das, was er Bedürfnislosigkeit nannte, schlichtweg für Faulheit, und kaum hatten sich die fünf als Gründungsgruppe zusammengefunden, warf sie ihn, mit Henris Zustimmung, schon raus. Und so war schon die Urzelle dieser erträumten idealen Gesellschaft entzweit, bevor sie sich richtig zusammengefunden hatte.
Der Traum von Unschuld
Es war wie ganz zu Beginn, im ersten Paradies: Kaum isst einer irgendwas, haben sich alle in den Haaren. Essen war der Kristallisationspunkt der Konflikte von Anfang an. Darf man Salz verwenden? Welches? Darf man Birnen töten, indem man sie pflückt? Was ist mit Milch? Henris Mutter, voller Sorge um ihren mageren Sohn auf dem Berg, schenkte der Gruppe eine Kuh. Da war aber was los! Wie kann man nur ein Tier gefangen halten? Mit welchem Recht raubt man dem Tier seine Milch? Der Kuh war das wohl alles schnell zu viel, eines Nachts fraß sie den kompletten Seifenvorrat der Paradies-Bewohner auf (wer zur Hölle hatte auch bitte Seife auf den Berg gebracht? Wozu??) und starb daran.
Hermann Hesse, der im Jahr 1907 vor seinem neu gebauten Haus am Bodensee drei »Sonnenbrüder« traf, die zu Fuß auf dem Weg zum Monte Verità waren, sich ihnen spontan anschloss und seine Frau mit seinem kleinen Sohn allein zurückließ, hat später die Kämpfe um das richtige Essen hier oben in einer Erzählung über Herrn Knölge und die »Frugivoren« so beschrieben: »Sie wohnten unter freiem Himmel und aßen nichts, als was von Baum und Strauch zu brechen war. Sie verachteten alle anderen Vegetarier unmäßig, und einer von ihnen erklärte dem Doktor Knölge ins Gesicht, das Essen von Reis und Brot sei genau dieselbe Schweinerei wie der Fleischgenuss und zwischen einem sogenannten Vegetarier, der Milch zu sich nehme, und irgendeinem Säufer und Schnapsbruder könne er keinen Unterschied finden.«
Was ist geblieben von den Träumen und den Kämpfen und den Hütten von damals? Unweit der Uferpromenade mit den roten Köpfen und den frühen Drinks führt ein schmaler Weg den Hügel hinauf, an Steinmauern und alten Türen vorbei, auf einer Oleanderhecke steht eine kleine nackte Frau aus Stein und reckt die Arme zum Sonnengruß nach oben. Immer wieder schaut man sich um und sieht den blauen See, das kleiner werdende Ascona, die Berge. Oben auf dem Hügel sind einige Holzhütten stehen geblieben, oder sie wurden stabiler wieder aufgebaut. Es gibt einen Zen-Garten, ein Museum, ein Hotel und Tagungszentrum, einen malerisch umwachsenen Tennisplatz, eine große silberne Skulptur des wunderbaren deutsch-französischen Bildhauers und Dichters Hans Arp, einen Felsen mit Aussicht, den sie den Walküren-Felsen nannten, weil sie alle Wagners Opern so liebten. Eine Wiese haben sie Parsifal-Wiese genannt, weil sie den Parsifal als die erste vegetarische Oper der Musikgeschichte verehrten und in Schleierkleidern nachtanzten. Mary Wigman hat hier oben ihre ersten Ausdruckstänze aufgeführt. Es war auch ein Hügel des Ausprobierens, der anderen Künste, des anderen Dichtens, Labor des anderen Lebens.
Am leichtesten lässt sich dieses andere Leben auch heute noch finden, wenn man gar nichts denkt. Wenn man ohne Vorgeschichte und Gemüse- oder Nacktheitsideologie sich ein Fahrrad leiht und am Ufer des Sees in Richtung Locarno fährt, dann weiter nach Minusio, wo der sonderbare Edel-Guru Stefan George 1933 beerdigt wurde, wo der russische Ur-Anarchist Bakunin 1873 nach einem bärenhaften Revolutionsleben von einem Ruhestand in einer Villa unter Palmen träumte. Dann fährt man in sanfter Steigung zum Beispiel langsam das Maggia-Tal hinauf. An diesen uralten Granithäusern vorbei, in eine tiefe Stille hinein. Jederzeit kann man absteigen, in die Schönheit schauen, auf Mooswegen sitzen oder sich an einem der weißen Sandstrände ausruhen. Überall liegen Eidechsen in der Sonne. Irgendjemand hat aus einem uralten Baum eine komfortable Insektenvilla gebaut, die aussieht, als würden auch hier gleich die Millionärs-Insekten der Welt ihre Bistrostühle vor die Villa stellen und sich köstliche, betäubende Ameisencocktails bestellen. Es gibt keine Sorgen im Maggia-Tal, keinen Lärm. Es ist wie ein Verità-Tal.
Die Gemeinschaft von damals dort drüben auf dem Monte Verità war vor allem für ihre Nacktheit berühmt und für die Orgien, die angeblich hier gefeiert wurden. Menschen aus ganz Europa kamen, um sich hier auszuziehen. Die Bewohner von Ascona kamen scharenweise herauf, um sich über die Nackten aufzuregen und ihnen zuzuschauen. Bald errichteten die Kleiderlosen hier oben Sichtschutzwände, in die dann Gucklöcher gebohrt wurden, bald nahm man Eintritt für den Berg. Es half alles nichts. Der Ruhm wuchs. Und auch der Schrecken.
Die Siedlung der Unschuld wurde nach kurzer Zeit ein Beleg dafür, wie schnell Tugend in Terror umschlagen kann. Von Karl Gräser hieß es, er habe eine kränkelnde Frau über Nacht eingegraben, weil er an die Heilkraft der Erde glaubte. Nur ihr Gesicht ließ er frei. Am nächsten Morgen war sie tot. Der erotomanische Psychiater Otto Groß kam herauf, um von seiner Kokainsucht loszukommen und Sexorgien zu feiern. Er stellte der lebensmüden Lotte Hattemer einen tödlichen Giftcocktail zur Verfügung, auch seine nächste Geliebte Sophie Benz nahm sich das Leben, später wurde er in Berlin steckbrieflich gesucht, weil er dort zwei sterbewilligen Frauen zum Selbstmord verholfen haben soll.
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Heute am Morgen ist niemand hier. Nur Stille und das Licht. Es braucht eigentlich kein Museum an diesem Ort. Die Natur selbst ist das Museum. Sie erinnert am eindrücklichsten an die Träume von Unschuld von damals. Man kann einen paradiesischen Höhenweg weit oberhalb des Sees gehen, rote Bänke stehen in der Sonne. Nicht weit von hier hat später der Prediger, Übersetzer, Friedensfreund und Nichtstuer Gusto Gräser in einer Höhle gelebt, die ihm die Gemeinde Losone geschenkt hatte. Um ihn zu ehren? Ruhigzustellen? Hesse hat eine Zeit lang bei ihm in der Höhle gewohnt. Er hat Gräser in mehreren Erzählungen und auch in der Geschichte des Demian, die er nach dem Ersten Weltkrieg schrieb, verewigt.
Wenn man weitergeht und nach einer Weile Richtung See hinabsteigt, kommt man an einem Ort vorbei, der das Gegenteil von Gustos Höhle darstellt: eine große, weiße Villa direkt am See, mit großer Terrasse, einem atemberaubenden Blick. Hier hat der Schriftsteller Erich Maria Remarque zeitweilig gelebt. Er hat sich die Villa in Porto Ronco 1931 vom Honorar des von den Nazis gehassten Antikriegsromans Im Westen nichts Neues gekauft. Das Tor zum Garten steht offen. Man kann einfach reinspazieren in diesen ganz privaten Ort des guten Lebens und der Verità. Nur zwei Handwerker sitzen auf der Terrasse und frühstücken Dosenbier und Salami. Ob man sich ein bisschen umsehen könne? Aber ja, aber ja, rufen sie gastfreundlich aus. Ob sie wissen, dass die Villa einst Erich Maria Remarque gehört hat? Das verneinen sie herzlich. Dafür wissen sie, dass sie jetzt hier auf einer der schönsten Terrassen der Welt sitzen. Dass die Sonne scheint, dass das Bier herrlich schmeckt und ihnen keiner die Salami verbietet. Einen Berg kann man auf diesen Wahrheiten nicht aufbauen. Aber ganz sicher eine Art Glück.