GUSTO GRÄSER, HERRMANN OBERT UND ...................
„LEHRE HINKT, LEBEN SPRINGT“, sagt Gräser. Der Mut, sich von dem Vorgegebenen zu befreien und eigene Wege zu gehen, hat Gräser zu Gräser gemacht. Viele müssen sich neben eine Persönlichkeit stellen, um auch etwas zu sein. „Das verstehen nur wir beide, Nietzsche und ich“, sagte mir ein Mitglied des Nietzsche Kreises aus München.
Ein Doktorand las einige Notizen von mir. „Welchen Unsinn hast du wieder geschrieben“, rief er entsetzt. „Diesen Text habe ich von Hegel abgeschrieben“, lächelte ich. „Das hättest du mir gleich sagen sollen. Diese Gedanken sind großartig.“ Man zitiert gerne Persönlichkeiten. Das ist so eine Art Vertrautheit mit ihnen. Sag mir, wer das gesagt hat und ich sag dir, ob es richtig ist.
Mein Doktorvater war entsetzt: „Dann müssen wir ja umdenken.“ Wenn ein großer Philosoph gesagt hat, dass das einzige Konstante die Bewegung ist, dann kann ein kleiner Philosoph sagen, dass das einzige Denken das Umdenken ist.
„Das Edle hat das Geringe zur Wurzel
Das Hohe hat das Niedrige zur Grundlage“ im Tao te king
Gräser hat das bewiesen. Er war oben und unten. Er war Landstreicher und Verrückter, er war Philosoph und Lyriker.
Ich zitiere eine Strophe aus einem philosophischen Gedicht von Gräser:
Unerbittlich treu dem Führer,
der im Geist mich überschwebt,
der mit seines Geistes Stärke
meine Seele neu belebt.
Phantasie oder Wissenschaft? Phantasie und Wissenschaft. Gibt es in meinem Geiste etwas, das mich übertrifft? Jawohl.
Hermann Obert ist der Meinung, dass wir bloß durch die Hilfe Gottes von einer Welt wissen, die unabhängig von uns ist.
Ich weiß, dass die meisten an so etwas nicht glauben. Aber die meisten zitieren bloß aus dem klassischen Idealismus, ohne seine großen Probleme und Zusammenhänge zu begreifen. Sie sehen den Wald vor lauter Bäume nicht.
Für den klassischen Idealismus ist der menschliche Verstand die Sonne, um die sich alles dreht. Dieser Verstand wird von nichts überschwebt. In Hegels Lehre wird er zum göttlichen Verstand.
Eine sorgfältige Untersuchung des Verstandes, die Tatsache voraussetzend, dass hier alles nach seinen Gesetzen funktioniert, hat die Vertreter des klassischen Idealismus zur Schlussfolgerung gebracht, dass der Gegenstand an sich entweder unerkennbar ist oder gar nicht existiert. Kant nennt den unerkennbaren Gegenstand Ding an sich und für Fichte, Schelling und Hegel existiert er gar nicht.
Nur der Uhrmacher, der die Uhr hergestellt hat, kann ihren inneren Mechanismus untersuchend, feststellen, ob sie richtig funktioniert. Wer hat den Verstand hergestellt? Wer hat das Bewusstsein hergestellt?
Unsere Erfahrung und unsere menschliche Vernunft sagen uns, dass eine von uns unabhängige Welt an sich erkennbar sein muss, ansonsten könnten wir in ihr nicht leben.
Es ist notwendig über noch einen Gedanken von Gräser zu reflektieren. Gräser spricht von dem Baum als Ursymbol allen Lebens, in dem sich das Weltgeheimnis ausspricht.
Ist es möglich im Baum ein Geheimnis zu entdecken? Wie baut der Mensch das Haus und wie baut die Natur den Baum?
Wenn wir ein Haus bauen, dann machen wir zuerst das Fundament, dann die Mauern und schließlich das Dach. Die Natur macht alles zugleich. Wie gelingt ihr das?
Goethe sagt: „Gedacht hat die Natur, aber nicht als ein Mensch.“ Er spricht von der Weltseele, Gräser vom Weltgeheimnis.
„Ein lebendig existierendes Ding kann durch nichts gemessen werden, was außer ihm ist“, sagt Goethe. Das Gleiche sagt Schelling über das Ich.
Wenn das, was erkennt (das Ich, der Verstand ) durch nichts gemessen werden kann, was außerhalb seiner ist, wie soll es erkannt und untersucht werden?
Es bleibt uns verborgen, so wie Gott uns verborgen bleibt.
Meister Eckart sagt: „Drum ist der Seele kein Ding so unbekannt wie sie sich selber.“ Meiner ersten philosophischen Arbeit, die ich als Student schrieb, geht folgender Leitsatz voraus: „Nichts ist unerkennbar außer der Erkenntnis selbst.“ Man sagte mir damals: „Wenn du wenigstens das nicht geschrieben hättest.“ Das war auch Mut sich von dem Vorgegebenen zu befreien, zumal damals eine Diktatur war, die alles kontrollierte.
Um den Gegenstand an sich unerkennbar zu machen, nimmt ihm Kant seine räumlichen Dimensionen. Dem Verstand müssen sie nicht genommen werden, denn er besitzt sie nicht.
Wir müssen das von Gräser und Hermann Obert Gesagte in Erwägung ziehen. Wir müssen das, was Goethe gesagt hat in Erwägung ziehen.
Professor Zeilinger, der Nobelpreisträger, meinte, dass man sich seit fast hundert Jahren vergebens um eine Philosophie bemühen würde, mit der man die Quantenphysik leichter verstehen könne. Die Quanten konfrontieren uns mit dem Unerklärbaren, da sie ohne gegebene räumliche Dimensionen und ohne Masse sind. Das Gleiche kann auch von dem Ich und dem Verstand gesagt werden.
Ein Siebenbürger hat den Grundstein für die Eroberung des Kosmos gelegt. Weshalb sollen nicht wieder Siebenbürger den Grundstein für eine Revolution im Denken legen, die sowohl der Wissenschaft als auch der Religion dient.
Die Wissenschaft hat uns Gott genommen und sie gibt uns Gott zurück.
Dr. Carol Neustädter, Fortsetzung der philosophischen Reflexionen über Gusto Gräser,
Hermannstadt, 21. September 2025