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Siebenbürgisch-sächsische Charakterköpfe

XVIII. Gusto Gräser

Von Otto Friedrich Jickeli

Otto Friedrich Jickeli

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Unsere Zeit sucht nach etwas Neuem. Und deshalb begrüßen wir jede große Idee, die uns dieser Name zu bringen scheint. Nun aber kommt das Merkwürdige: Wir setzen jenen Männern Denkmäler, die solche Ideen geschaffen haben - aber nur, wenn sie als Geheimräte oder wenigstens als ruhige Bürger gestorben sind. Wer aber versucht, seine Ideen zu leben, der erscheint uns als Narr, wenn nicht als Verbrecher. Für eine Idee zu leiden oder zu sterben, ist nicht mehr modern. Ein Christus, der am Kreuze stirbt und nicht vor Pilatus widerruft, ein Luther, der jeden diplomatischen Versuch einzulenken abweist, hätte in unserer Zeit wohl auf wenig Verständnis zu rechnen. Damit scheint aber die Aussicht für unsere weitere Entwicklung sehr eingeengt zu sein., denn unser Sehnen gilt einer neuen und besseren Zeit. Wir jubeln neuen Ideen zu. Was nützen uns aber diese Ideen, wenn sie tot in Büchern bleiben? Wenn wir uns von den Versuchen, solche Ideenb zu leben, mit Spott, wenn nicht mit Abscheu abwenden? Denn neues Leben kann nur entstehen, wenn jemand da ist, der den Mut hat, dieses Leben auch zu leben, der nicht nur Denker und Dichter sondern auch Mensch ist.

Wir müßten an der Entwicklung einer neuen Kultur, eines neuen Lebens demnach berechtigte Zweifel hegen, wenn nicht auch in unserer Zeit sich solche "Narren" fänden, die für ihre Ideen leiden können und sich außerhalb unserer Gegenwartskultur stellen. Deshalb sind sie rein menschlich unseres Interesses und unserer Liebe wert, selbst wenn wir ihre Ideen ablehnen.

Deshalb darf es uns mit Stolz erfüllen, daß einer dieser "Narren", die heute leben - vielleicht ist er der "närrischste Narr" - ein Siebenbürger Sachse ist, umsomehr weil Gusto Gräser - von ihm will ich sprechen - zugleich ein Dichter von eigener Art ist, "ein neuer Dichter", als der er von Johannes Schlaf begrüßt wird.

Johannes Schlaf gezeichnet von Gräserfreund Willo Rall
Johannes Schlaf
gezeichnet von dem
Gräserfreund Willo Rall
Es ist schwer, diesen Mann zu definieren, aus dessen kraftvoll sehniger Gestalt, aus dessen leuchtenden Augen ein reiches, kampfesfrohes und gütiges Leben spricht. Gusto Gräser, der kein anderes Gesetz für seine Handlungen kennt als sein Gewissen, seine innere Stimme, nur ein Gebot: 'Lüge nicht', läßt sich nicht leicht in gesetzte Worte fassen.

Das Packende in seiner Erscheinung liegt nicht darin, daß er 'Naturmensch' ist, sondern daß er in einem frohen und kräftigen Leben seine Ideen verwirklicht. Er ist kein Prediger in der Wüste, er drängt sich niemandem auf. Er ist ein Mensch, mit dem man scherzen und lachen kann. Er will keine Jünger werben, sondern mutig seinen Weg gehen und seine Hoffnung ist, daß andere vielleicht "bei den Rhythmen seiner Schritte aufhorchen werden und dann ihren Weg leichter finden".

Um dies Rhythmen tönen zu lassen, wandert er durch Deutschland, seiner langen Haare und Kleidung wegen überall von der Polizei als "lästiger Ausländer" empfangen und bestraft. Er verteilt seine Sprüche, die auf bunten Karton gedruckt oder lithographiert sind, unter die Menschen und lebt mit Frau und Kindern davon, was ihm die Menschen dafür geben wollen. Stellt man Fragen an ihn, dann antwortet er gern, wenn aus den Fragen menschliches Interesse und nicht plumpe Neugier spricht. In den Antworten auf diese Fragen und in seinen Sprüchen finden wir seine Ideen.

Aber diese sind nicht Dogmen. Er will kein System aufstellen, er läßt die Worte und Gedanken frei seinem Innern entströmen, so wie sie dort entstehen. "Unsere Kultur ist virtuos, aber sie ist nicht herzlich! Das muß anders werden. Es kann aber nur anders werden, wenn man den Mut hat, sich zu dem zu bekennen, was man für richtig hält.

Farbe mußt du mir bekennen,
Du, versteh! Ich meine: Blut!
Innnig in der Brust muß brennen,
Was dein Haupt, dein Handel tut. ...

Den Dichter Gräser können wir nur verstehen, wenn wir den Menschen Gräser kennen, denn er ist vor allen Dingen Mensch. Er findet eigene Melodien zu seinen Gedichten, er war früher Maler und "tauschte den Pinsel mit der Feder nur, weil der Pinsel eine zu schwerfällige Waffe war". Seine längeren Gedichte scheinen deshalb vielleicht wenig eigen. Denn seine Ideen haben auch andere schon ausgesprochen, und er sucht keine neuen verblüffenden Reime auf "Pinie" zu finden, sondern reimt mutig "Blüte" auf "Güte". Eigen sind diese Gedichte wohl nur deshalb, weil sie nicht als "Dichtererschleichnis" auf dem Sofa entstanden sind, sondern als wahrer, natürlicher Ausdruck aus dem Innern eines starken, sprudelnden Lebens quellen. Jedes Wort ist ein Bekenntnis. ...

Damit ist wohl manches über ihn gesagt. Vielleicht konnte ich einige Züge dieses Menschen zeichnen, der nur ein Gesetz kennt: seine innere Stimme, nur ein Gebot: "Lüge nicht", der nur ein Ziel kennt: ein mutiges, frohes Leben zu leben und andere dazu zu ermutigen, der also das verwirklicht, was wir "unerreichbare" iDeale nennen, der darum in unseren Augen ein "Narr" ist, dem nur Spott, höchstens Mitleid gebührt, denn wie sollen wir uns auf dem Ruhebett "unerreichbarer" Ideale weiter selbstzufrieden die "segensreichen" Kompromisse mit dem Leben abschließen, wenn Ideale erreichbar sind?

Wir sollen stolz sein, daß Gusto Gräser ein Siebenbürger Sachse ist. Nicht weil wir glauben, daß seine Ideen unbedingt richtig sind. Den Polizeistaat wird nur der absolut negieren, wer an die Vollkommenheit der menschlichen Natur glaubt, und daran wird mancher zweifeln. Es wird mancher sich fragen, ob der Mensch die Wege einschlagen kann, die nur dem einzelnen, kraftvollen Menschen sich öffnen. Man wird vor allen Dingen zu keiner klaren Vorstellung gelangen über das "Wie" der Neugestaltung der Menschen, wie Gräser sie vorschwebt, denn er gibt kein System, keine Dogmen. Aber das ist auch nicht das Wertvolle in seinem Leben und Wirken. In ihm ist der Protest unserer Zeit gegen die Mechanisierung und Schematisierung des Lebens verkörpert. Aus seinen Worten und Blicken fließt ein reicher Strom gütiger und reiner Menschlichkeit. Sein tapferes Leben ist uns ein Beweis, daß die Menschheit noch Kraft und Mut hat, neue Wege zu gehen, und daß in die sorgenvolle, nervöse Schwere unserer Tage der Schein besserer künftiger Zeiten scheint. …

Auszüge aus:
Die Karpathen, Halbmonatschrift für Kultur und Leben, Kronstadt,
zweites Juliheft 1912, S . 611 - 614