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Ludwig Ankenbrand (1888-1971)
 
1912 Lebensreform und Buddhismus

Die Morgenlandfahrt eines Gräserfreundes



Im September 1911 trifft Gräser in Leipzig den jungen Neobuddhisten Ludwig Ankenbrand (1888-1971). Dieser entschließt sich, zusammen mit Gesinnungsgenossen, eine Weltreise zu Fuß zu unternehmen. Auf dem Weg nach Indien sollen Orte der Lebensreform besucht werden.

Diese ‚Forschungsreise‘ sollte neben wissenschaftlichen Zwecken „dem Studium der Reformvereine, Vegetarierorganisationen, Guttemplerlogen, des Tierschutzwesens, der Lebensweise der größtenteils vegetarisch lebenden Völker und Religionen, besonders Asiens (Buddhismus, Parsentum, Jainismus usw.) dienen.
(wikipedia>>> Mehr über die geplante Forschungsreise erläutert Jörg Albrecht >>>  !hier!

Mit Berichten in der Presse wollen die sechs Reisenden, drei Männer und drei Frauen, ihren Lebensunterhalt bestreiten. Zu ihren Stationen sollen auf jeden Fall der Dichter Christian Wagner in Warmbronn, der Monte Verità von Ascona und der Maler Diefenbach auf Capri gehören. Auf dem Weg zu Christian Wagner entdeckt die Gruppe bei Leonberg eine Waldlichtung, auf der sie ihre Nackttänze inszenieren kann. Aus dem „Lichthöh“ getauften Platz wird in der Folge eine bis heute bestehende Kolonie der Stuttgarter „Lichtfreunde“.
Auf der Lichthöh, 1912
 
Ludwig Ankenbrands Bericht über den Monte Verità in

Die Lebenskunst Nr. 8, 1913, Seite 195

Feuilleton

Bilder von meiner Wanderfahrt

Von Ludwig Ankenbrand, Kairo-Gizeh

(Fortsetzung)

Wir überspringen eine Woche. Ende Mai und Anfangs Juni waren wir in Locarno und Ascona. Die Besitzer der Sanatorien waren äusserst gastfreundlich. Fast tagtäglich hatte ich einen .Vortrag zu halten. Dazu verlebten wir herrliche Stunden im Kreise lieber Gesinnungsfreunde. Wir freuen uns, hier für die frohen, in Locarno-Ascona-Monte Verità verlebten Tage unseren herzlichsten Dank ausdrücken zu können den Herren Bek, Rathgen, Engelmann, Cardinal, Trings, Straskraba, Dr. Rascher, Carl Gräser, Oedenkofen, Reichstagsabgeordneten Otto Rühle, Dr. Albert, sowie Frau Dr. Fischer-Dückelmann. Überall hat es. uns ganz ausgezeichnet gemundet. Die Rohkostspeisen, die Herr Bek erfunden, sind äusserst bekömmlich - ich freue mich, hier konstatieren zu können, dass unser Photograph, Freund Graser, Herrn Bek wegen seiner Kochkunst so lieb gewann, dass er nur ungern mit uns weiter zog. Wie oft mussten wir, wenn wir in Italien späterhin nichts besonderes zu essen bekamen, aus seinem Munde hören: „Habt’r a Getu. Wärt'r beim Bek geblieben!“ Nicht minder konnte Freund Beckmann die Küche des Herrn Engelmann rühmen, bei dem er einquartiert war. Herr Engelmann bot uns sonst noch mancherlei, was wir nicht alle Tage haben können: einen Wagnerabend und vieles aus seiner geistigen Schatzkammer. Wertvoll waren uns die Stunden, die wir mit, seinem Schwiegersohn, Herrn Rathgen und Frau verbrachten. Rathgen ist ein Pflanzenfreund, und Ägyptologe, seine Frau eine echte, tief angelegte Theosophin; ihre kräftigen Vegetariernachkommen erquickten unser Auge. Unter Palmen und Musa wandelten wir in feinem duftigen Garten, in dem ein kleines Krokodil unter Papyruspflanzen in einem ziemlichen Weiher lebt. Herr, und Frau Kardinal würzten unsere Anwesenheit mit frohem Humor und mit - duftigen Erdbeeren. -

In Ascona konnten wir besonders die prächtigen weiten Sonnenbäder des Herrn Trings, der auch ein trefflich eingerichtetes Sanatorium besitzt, bewundern. Die „Heidelbeere“ mit ihrem weitgereisten Besitzer, Herrn Straskraba, zeigt ein echtes, frohes Vegetarierheim und bietet für wenig Geld eine kräftige Hausmannskost.

Aus Leipzig wurde kürzlich ein Mann ausgewiesen, der durch seine: kräftigen Verse in Reformmerkreisen und weit über sie hinaus nicht minder bekannt ist, als durch seine Kleidung, sein Eigenkleid und seine eignen Sitten und Gewohnheiten - Gusto Gräser. Er führt draussen keinen leichten Kampf für seine Überzeugung, mit Weib und Kind. Hier oben aber, auf dem Monte Verità , hat sein Bruder, sich niedergelassen, nachdem er den. Soldatenrock - er war, höherer österreichischer, Offizier - ausgezogen, und führt nun ein Leben als Eigenmensch. Ein regnerischer Tag führte uns zu ihm. Wir fanden ihn grabend in seinem Garten. Als wir uns näherten, blickte er auf und wir schauten in ein Gesicht voll sonniger Tiefe, von einem schwarzen Bart harmonisch umrahmt. Um Wangen, Ohren und Hals fielen schwarze Locken. Er nahm den Hut ab, den er zum Schutz gegen den Regen getragen, reichte uns die. Hand und ging mit uns ins Haus, wo er uns freundlich zum Niedersetzen einlud. Es war ein eigenartiger Raum, in dem wir uns befanden - ebenso eigenartig, wie das Äussere des Hauses, der Garten, wie alles, was damit zusammenhing, genau so eigenartig, wie der Mensch, der da vor uns stand und uns mit feinen tiefen, aber herzlichen Blicken durchdringend betrachtete.

Und dann sahen wir etwas, was wir vorher noch nie gesehen: Alles in diesem Haus und um dies Haus war von Gräsers Hand selbst gefertigt, ohne jegliche fremde Beihilfe.

Die Möbel des Zimmers, in dem wir uns niedergesetzt hatten, waren aus knorrigen Baumästen gefertigt, die Gräser selbst ausgegraben hatte, selbst zugehauen, geleimt und genagelt. Da waren Tische und Stühle und allerlei anderes Gerät. Im oberen Zimmer waren Bettstellen alle auf die gleiche Art angefertigt. Der Ofen und der Backofen waren selbst gemauert. Der Stoff, aus dem Gräsers Kleider bestehen, war ehedem Samen in seiner Hand. Geschliffene Aprikosenkerne oder Dattelkerne bildeten die Knöpfe.

(Fortsetzung folgt.)



Rundtanz auf der Lichthöh bei Leonberg, Sommer 1912

Nach ihrem Aufenthalt auf Monte Verità besuchen die Wanderer Ende 1912 Diefenbach auf Capri. Dort kommt es zur Katastrophe: eine der jungen Frauen, Minna Symanzik, nimmt sich, nachdem sie von Diefenbachs Schwiegersohn verführt oder vergewaltigt worden ist, das Leben.

Die Wanderer bei Diefenbach auf Capri, Herbst 1912. Die Swastika (Hakenkreuz) ist ein Symbol des Buddha.

Daraufhin trennen sich die beiden männlichen Mitwanderer von Ankenbrand und bleiben als Schüler und Gehilfen bei Diefenbach. Ankenbrand setzt mit zwei Frauen den Weg nach Indien fort, wird aber bei Ausbruch des Krieges auf Ceylon interniert. In Australien baut er eine buddhistische Schule auf und kehrt erst nach Ende des Krieges nach Deutschland zurück.


Ludwig Ankenbrand als Internierter und im Alter

Einer seiner ehemaligen Mitwanderer, der Geigenlehrer Eugen Beckmann, zieht später auf den Monte Verità, ein anderer Schüler von Diefenbach, der Maler Bruno Wersig (1882-1970), lebt nach dem Zweiten Weltkrieg in freundschaftlicher Nachbarschaft zu Gusto Gräser in Freimann bei München. Ankenbrand selbst baut in Stuttgart eine buddhistische Gemeinde auf, wirkt dort als Redakteur, Stadtarchivar und als Verfasser naturwissenschaftlicher, tierschützerischer und freireligiöser Schriften.


Bruno Wersig: Piccola Marina von Capri

Bruno Wersig: Morgenfrühe im Wettersteingebirge

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