Zurück

Erinnerungen an Gusto Gräser

von Alfred Daniel

Weitere Dokumente zu Gustos Zeit in Stuttgart in Zusammenhang mit Alfred Daniel:

  1. 1913 Reden bei der Schillereiche
  2. 1913 TAO
  3. 1915 Steinke
  4. 1915 Freunderuf
  5. 1915 Erläuterungen
  6. 1915 Eideshelfer
  7. 1921 Christrevolutionäre

Meine Erinnerung an Gusto Gräser geht fünfundsechzig Jahre, also bis zum Jahre 1913 zurück. Ich hatte mich damals, 27jährig und eben verheiratet, in Stuttgart als Rechtsanwalt niedergelassen. Politisch stand ich ziemlich weit links, trat infolgedessen der sozialdemokratischen Partei bei und verteidigte alle Strassenbahner, die wegen Verkehrsgefährdung vor den Strafrichter kamen.

Damals begegnete mir in den Strassen Stuttgarts die Täufer-Johannes-Gestalt Gusto Gräsers, in härenem Gewand, mit fliegenden Haaren, in Sandalen, mit einem grossen Netz über der Schulter, in welchem Druckschriften verstaut waren. Von meiner Studentenzeit her war ich mit Leo Tolstoi und Walt Whitman vertraut und so musste mich Gräser auf den ersten Blick faszinieren.

Ich suchte ihn in seiner Wohnung in dem Höhenvorort Degerloch auf, wo er am Ortsrand nahe des Waldes mit Frau und sieben Kindern in einem etwas verfallen aussehenden Anwesen "hauste". Seine Frau Elisabeth, eineinhalb Köpfe kleiner als er, war wohl Rheinländerin von Geburt, und hatte die fünf älteren Kinder in die Gemeinschaft mitgebracht, nur die zwei Jüngsten waren Gusto-Kinder. Während Gräser selbst zwar innerlich fröhlich, aber äusserlich ernst und nicht besonders kontaktfreudig schien, war ihr Heiterkeit angeboren; ihre Zunge konnte sehr scharf werden und ihrer Schlagfertigkeit war nicht leicht einer gewachsen. Er gab zwar den Ton an, aber sie dirigierte. Das "Naturmenschen"-Idyll in der Falterau erregte natürlich im braven Degerloch einiges Aufsehen, die Eltern in wilder Ehe lebend, die "armen" Kinder der Schule entzogen!


Alfred Daniel

Alfred Daniel

Die Familie lebte äusserst einfach von dem Wenigen, was die Mal- und Dichtkunst des Vaters einbrachte. Seine Sprüche

Ach, nach froher Güte sehnet jede Brust:
Du, dein Urtheil hüte, wenn du richten musst,
lerne tiefer lesen, hemme den Verdacht:
Maske, nicht das Wesen ist die Niedertracht.

und seine Zeichnungen schilderten das Einfache Leben, etwa in Erinnerung an die Lebensweise, wie sie der Amerikaner Thoreau in seinem Buch 'Das Leben in den Wäldern' dargestellt hat.

Ausser Thoreau war Walt Whitman ein Vorbild Gräsers; mit dem Whitman-Übersetzer Johannes Schlaf, damals wohl in Weimar wohnend, war er persönlich bekannt und in Freundschaft verbunden. Zu Thoreau und Walt Whitman gesellte sich als Dritter Emerson, dessen Schriften damals im Verlag Diederichs in Jena herauskamen, und die Schriften Lagardes, die in der Jugend viele Leser fanden.

Wenn viele Stuttgarter über die "Gräserei" die Nase rümpften, so gab es auch sehr viele, die sich an der frisch-fromm-fröhlichen Art der Gräserfamilie freuten. Und so erzielte er oder - noch leichter: sie - mit den Werken, selbst gedruckt und vervielfältigt, guten Absatz.

Gräser hatte eine ganze Anzahl "Anhänger" gefunden. Ich erinnere mich, wie er des Sonntags seine "Gemeinde" im Bopserwald, hoch über der Stadt, um sich versammelte. Passanten gesellten sich hinzu, und so mögen oft 50 oder 60 Personen dem Redner gelauscht haben, der da wie ein wiedergekommener "Bergprediger" mit seiner sonoren, weithin schallenden Stimme redete - ein unvergessliches Bild!

Auch einer anderen Veranstaltung aus jener Zeit kann ich mich erinnern: In den eleganten 'Teestuben auf der Königsstrasse' hatte Gräser ein paar Dutzend Menschen um sich versammelt, um ihnen aus dem TAO TE KING des Laotse vorzulesen.

Das ging monatelang so hin, Gräser gehörte zum Strassenbild von Stuttgart. Aber als dann der Krieg ausbrach, mehrten sich die Widerstände, die Behörden schalteten sich ein. Der Stadtdirektor war zwar ein Mann, der mit sich reden liess, aber er hatte das Gesetz auf seiner Seite, und er war auch nur ein kleines Rädchen an der grossen Maschine: Es kam nicht auf die Gesinnung, sondern auf die Staatsangehörigkeit an. Gräser konnte als unerwünschter - wie es hiess: "lästiger" - Ausländer ohne Angabe von Gründen einfach abgeschoben werden.

Ich selber, Tolstoianhänger, mit dem sehr freiheitlich denkenden und redenden Dichter von Warmbronn, Christian Wagner, befreundet, konnte Gräser nicht vor der Ausweisung bewahren. Und so vollzog sich das Trauerspiel, die Familie musste ins Ungewisse ins Ausland.

Gräser hat wie auf mich so auf viele in der damaligen, hochbewegten Jugend Einfluss ausgeübt, unter anderen meines Erachtens sehr stark auf Muck Lamberty und seine Schar.

Alfred Daniel


Aus der Verteidigungsschrift von Alfred Daniel
gegen die Ausweisung Gräsers:

Gräser ist Dichter. ... Ist nun aber Gräser ein Dichter, so kann man verlangen, dass seine Eigenart als der Quell seines Schaffens - wenn nicht geschätzt und gefördert - so doch wenigstens nicht bedrängt wird. Statt dessen hat die Behörde Gräser - ich weiss nicht, wie viele Male - gestraft, weil er seine Schriften ohne behördliche Erlaubnis verteile. Die behördliche Erlaubnis aber, um die G. nachgesucht hat, wurde ihm verweigert, von der Stadtdirektion Stuttgart zuletzt mit der Begründung: "Es liege keine Bedürfnis für seine Schriften vor." ...

Wie weltenweit die Behörden von einem Verständnis G's entfernt waren, enthüllt mit greller Deutlichkeit das fast naive Wort in den Akten gegen ihn: "Er gehe keinem geordneten Erwerb nach." Allerdings! welch Vergehen, dass ein deutscher Dichter im Zeitalter des Amerikanismus nicht einem geordneten Erwerb nachgeht - womöglich mit Reklame, Schreibmaschine und doppelter Buchführung! Dieselbe Behörde übrigens, die G. einen Strick daraus dreht, dass er nicht einem Erwerb nachgehe, hat diesen Mann viele Male bestraft, weil er "gewerbsmässig" seine Schriften vertreibe. Wie reimt sich das? ...

Gräser lebt mit seiner Frau in freier, staatlich nicht sanktionierter Ehe. Aus dem hohen ethischen Gedanken heraus, ein Beispiel dafür zu geben, dass Liebe stärker bindet als Gesetz. Trotzdem sprechen die Akten von G's Frau als von seiner "Konkubine". ... Das Konkubinat G's fungiert mit als Hauptgrund im Ausweisungsbefehl. Das ist deshalb sehr befremdlich, weil die Akten lange Ausführungen darüber enthalten, die Bevölkerung, insbesondere die Nachbarschaft G's, nehme an seinem ehelichen Verhältnis keinen Anstoss und ein Einschreiten sei deshalb (leider, leider!) nicht möglich. ...

Wenn wir Gräser oben einen Dichter genannt haben, so trifft diese Bezeichnung seine wahre Eigenart nur, wenn man sie in dem hohen Sinne nimmt: Dichter = Priester. Seine nächsten geistigen Verwandten sind Thoreau und Whitman. Nicht der Literatur will er sich ergeben, sondern - mit ganzer Seele und mit ganzem Gemüte - dem Leben. Er ist religiös nicht wie der Durchschnittsmensch nur in einem umschränkten Bezirk seines Daseins (sonntags von 9 bis 10 Uhr oder so) sondern - man kann wohl sagen - in jedem Augenblick und in allen Äusserungen seines Lebens. Sein Fall ist darum eine neue Bestätigung des alten Erfahrungssatzes: dass der auf dem Gewaltprinzip beruhende Staat Menschen von starker religiöser Eigenbewegung nicht zu ertragen vermag. ...

Das dem Rang nach untergeordnete Prinzip aber ist das äussere Ordnungsprinzip des Staates. "Der Geist wehet von wannen er will." Er ist - was er war und sein wird - der in Wahrheit eigentliche Gesetzgeber! ...

Stuttgart, Mitte August 1915 Rechtsanwalt Dr. Alfred Daniel

(Alfred Daniel: Ein offenes Wort zum Fall Gräser. Als Privatbrief gedruckt. Stuttgart, Mitte August 1915)

*

Das 'Stuttgarter Tagblatt' schreibt über Waldandachten, die Gräser im Bopserwald oberhalb der Schillereiche abhält:

"Wer Gräser am letzten Sonntag über Frömmigkeit reden gehört hat, weiss, wie frisch in diesem Menschen der Liebe frisches Leben, echte Frömmigkeit rauscht, und ist erhoben weggegangen. Leider lässt sich, wenn der edelste Blütenstaub nicht verfliegen soll, nicht berichten über das, was Gräser gesagt hat, man muss ihn hören! Viele der Besten in Deutschland haben die Bedeutung Gräsers erkannt: Dehmel und Johannes Schlaf, Hauptmann und Conrad, Avenarius und Friedrich Naumann. Machen wir uns auf!"

(In: Kronstädter Zeitung Nr. 300 vom 29. 12. 1915, S. 6)


 
Ur oder Kultur?

Alfred Daniel, Rechtsanwalt, Sozialdemokrat und Pietist, 1919 zum „Christrevolutionär“ geworden, veröffentlicht 1924 eine Auslegung des Evangeliums, deren Nähe zum Denken seines Freundes unverkennbar ist. Der Name von Gusto Gräser wird jedoch nicht genannt. Auch kommt nicht zum Ausdruck, dass Gräser an einer „Allweltordnungsfuge“ baute, also an einer künftigen Neukultur.

Aller Besitz beruht auf staatlicher Rechts- und Gewaltordnung, mit dem Zweck: Sicherung gegen Gott. "Mammon" heißt auf deutsch "Sicherung". Gott also: Unsicherheit. Wer festes Gehalt bezieht, dient dem Gotte der Sicherheit oder dem Mammon. (19)
*
Wir müssen unterscheiden zwischen der verschütteten Gotteswelt und der von uns geschaffenen Menschenwelt, zwischen dem Ur und der Kultur. (9)
*
In Ausübung seiner Freiheit - also freiwillig - ist der Mensch von Gott als der Urlebensordnung abgewichen und hat an ihre Stelle das Menschenwerk, die Kultur, gesetzt. Das ist der sachliche Gehalt der
Erzählung vom "Sündenfall". (8)
*
Jesus machte den Sündenfall wieder gut. Aber nicht ... durch seinen Tod (das ist Aberglaube!) sondern durch sein Leben, dadurch nämlich, daß er es wagte, den Fluch der Kultur kraft seiner inneren Seelenstärke einfach beiseite schiebend, an Stelle des Menschenwerkes endlich wieder das Werk des Vaters selbst zu tun (Joh. 6,29). (10)
*
In demselben Maße, als Einer Zertrümmerer des Paulus und seiner Kirche ist, gehört er zu Jesus: Die Gnosis, Eckehart, die Freien Geister, alle Ketzer des Mittelalters, Sebastian Franck, von den Aufklärern ein Voltaire selbst, dann Fichte, Stirner, Lagarde, Nietzsche, Tolstoi, Whitman, der Atheismus, Bakunin ... das alles ist Jesuslinie;
die andere - kennt man als Kirchengeschichte. (5)
*
Paulus war gerade dort Feind, wo Jesus ergriffen stand (der Natur gegenüber) und war dort Freund, wo Jesus haßte (dem Menschenwesen in Staat, Kirche, bürgerlicher Gesellschaft gegenüber). Jedenfalls: Paulus hat Jesus im Kern mißverstanden, er hat die Kirche und die ganzen schmachvollen zwei Jahrtausende "Christentum" verschuldet. (4)
*
Jesus aber war gekommen, die religiöse Kultur (Kultus) zu zerschlagen. (5)
*
Jesus ... verwirft Staat, Kirche, Beruf, Eigentum, Ehe. (17)
*
Die Huren werden eher ins Himmelreich kommen als die Frommen. (52)
*
Noch immer wartet Jesus, wartet seit 2000 Jahre auf den vollen, freien Willen des Menschen zur Heimkehr.
Aus Nietzsche hat Er noch einmal gerufen:
"Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit;
Wo seid ihr, Freunde? Kommt, 's ist Zeit, 's ist Zeit!“ (35)
*
Es ist buchstäblich wahr, was Jesus sagte.
Das Reich kommt und es ist da. Es steht bevor und ist schon mitten unter uns. Es ist in uns und es kommt über uns.(34)
*
Sei, der du bist! (44)

*
Verlag der "Weltwende"/Balingen (Württ.)

Zurück Zum Seitenanfang