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DEUTSCHE JUGEND UND WELTKRIEG

Vor mehr als 60 Jahren hat ein deutscher Student, mitten im Weltkrieg, den Versuch unternommen, Friedensbande anzuknüpfen mit der Jugend der sogenannten „Feindmächte“. Mehr als 60 Jahre lang, bis zum heutigen Tag, ist diese Friedensaktion und das Dokument dieser Aktion unbekannt geblieben. Der deutschen Heeresleitung ist es gelungen, eine Schrift zu vernichten, die im Jahre 1917 zum Widerstand gegen die chauvinistische, im Effekt massenmörderische Politik der deutschen Reichsregierung aufrufen wollte.

Ihr Verfasser, Jakob Feldner, ein Bewunderer Gusto Gräsers, ging 1916 im Auftrag von Berliner freideutschen Studenten illegal in die Schweiz und nahm dort Kontakt zu französischen, russischen, schweizerischen und deutschen Kriegsgegnern auf. Sein Hauptziel war der Monte Verità, wo er mit Gräser zusammentraf. Er wurde Mitarbeiter an der Friedenswarte und an der Freien Zeitung von Ernst Bloch und Hugo Ball. Während der Revolution betätigte er sich als Pressezensor in München, ging dann mit seinem Freund Alfred Kurella nach Moskau zu Lenin.

Während Kurella nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR hohe Funktionen innehatte, ist über das weitere Schicksal von Feldner nichts bekannt.

Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875-1964), eine Leitfigur für die Jugendbewegung, war mit Gräser befreundet und setzte sich noch in der Hitlerzeit für ihn ein.

Wie Gräser hat auch Wyneken eine Nachdichtung des ‚Tao Te King’ von Laotse herausgebracht.

Gustav Wyneken


Jakob Ludwig Feldner, geb. 1896, kam aus dem Berliner „Aufbau-Kreis“ um Gustav Wyneken, Hans Blüher, Gustav Landauer und - Gräser. Blüher war auf dem Monte Verità gewesen, Landauer war auf dem Monte Verità gewesen, Wyneken war mit Gräser befreundet. Und der musste, als er 1911 mit Weib und Kindern im grünen Zigeunerwagen in den Berliner Straßen auftauchte, den jungen Leuten als das Ideal eines echten Wandervogels erscheinen. Als solcher wurde er ihnen auch von Walter Hammer in seinem Nietzsche-Buch ausdrücklich vorgestellt:
 
Es sind heute Männer an der Arbeit, eine einheitliche deutsche Kultur zu schaffen. Ich will Dir einen Namen nennen, dem Du als Wandervogel schon begegnet bist: Gusto Gräser. Ein ganzer Kerl! Ein Dichtersmann … Gräser ist einer der wenigen urwüchsig schaffenden Dichter unserer Zeit, ein Prachtmensch im Sinne Nietzsches.

Walter Hammer: Nietzsche als Erzieher. Leipzig 1914. S. 44

Ein Gedicht Gusto Gräsers
in ‚Wandervogel Westberlin’,
Juni 1913 (Coll.)


Das Berliner Jahr 1911/12 bezeichnet einen ersten Höhepunkt von Gräsers öffentlicher Wirksamkeit. Nicht weniger als zwölf Flugschriften und Spruchreihen konnte er in dieser Zeit zum Druck bringen – seine ersten Druckschriften überhaupt! Das kann nur durch tatkräftige Hilfe von Freunden und Sympathisanten möglich geworden sein, da er zugleich seine achtköpfige Familie zu ernähren hatte. Das Foto des „Naturmenschen“ mit seinem pferdebespannten Wohnwagen ging durch die Presse, erschien selbst in abgelegenen Provinzblättern. Siebenbürgische Zeitungen brachten vier Artikel über ihn; er wurde der „Held“ eines Romans und eines Lustspiels, und sogar in ein Literaturlexikon des 20. Jahrhunderts wurde er schon aufgenommen. Innerhalb kürzester Zeit war Gräser eine öffentlich bekannte Person geworden.

Der junge Jakob Feldner, damals ein fünfzehnjähriger Schüler, muss von diesem imposanten Mann mächtig beeindruckt gewesen sein. Er war, als ein Sohn des Fidus-Freundes Jakob Feldner senior,  der ein Schüler von Diefenbach gewesen war, gewissermassen auf ihn vorbereitet. Es liegt nahe, dass Gräser über Fidus zu dem jungen Feldner und damit in die Berliner Wandervogel-Szene gefunden hat – falls er solche Vermittlung überhaupt nötig hatte. Feldner wird Gräser 1913 beim Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner wiedergetroffen haben. Auf dem bekannten Foto sieht man den Dichter umringt von jungen Bewunderern: Alfred Kurella, Horst Mehnert, Hans Ruoff und anderen.

Mit dem Rücken zum Betrachter:
Alfred Kurella im roten Samtanzug und mit Kränzchen im Haar

    Dazu Ulrich Grober:

Ein Foto zeigt eine Gruppe am Waldrand, ins Gespräch vertieft … : ein älterer Mann mit schulterlangen Haaren, Stirnband, langem Bart, barfüssig. Gusto Gräser. Der Naturmensch. Gründer der Kommune auf dem Monte Verità, dem Berg der Wahrheit im Tessin, Pazifist und Vordenker einer grünen Gegenkultur. Ihm lauschend, ebenfalls langhaarig, mit einem Stirnband aus Vogelbeeren, gekleidet in einen Anzug aus  rotem Samt mit Kniebundhosen und weissem Schillerkragen, Alfred Kurella, genannt Teddy. 18 Jahre alt, Wandervogel aus Bonn.

Ulrich Grober: „Morgenlandfahrer“. Annäherungen an die Jugendbewegung. Sendereihe des Deutschlandfunks in 5 Folgen. Folge 3: Auf dem Hohen Meißner. Manuskript S. 5

Gräsers Einfluss auf die linkspazifistische Gruppe der Berliner Freideutschen, die sich um die Klatt-Villa sammelte, ist unverkennbar. Es war wohl mehr als ein Zufall, dass gleichzeitig mit dem Prozess um seine Ausweisung aus Deutschland die erste Nummer des Aufbruch erschien, die nicht nur im Titel den Atem seines Geistes spüren lässt. Die nach der Siedlung ruft, nach religiöser Gemeinschaft, nach dem „neuen Menschen“.

Das Siedlungsheim [das von der Gruppe geplant und bald darauf im Berliner Westend eingerichtet wurde] soll eine Stätte sein, in der Menschen, losgelöst aus ihrer Klassengebundenheit, sich finden auf Grund des gleichen Rechtes und der gleichen Pflicht: Mensch zu sein. Sich finden auf Grund des gleichen Dranges nach Erkenntnis, der gleichen Freude an der Dichtung … Eine Stätte, wo der Zufälligkeit der Kleidung und dem Stumpfsinn der Gewohnheit eine Gesetzlichkeit des Geistes übergeordnet wird.

Ernst Joël in Aufbruch Nr. 1; Juli 1915

So Ernst Joël. Und der Arzt Max Hodann:

Wollen wir unsere Lebensauffassung … auf weitere Kreise übertragen … so heißt das:Kämpfen. – Einen Bund zu bilden, der sich gelobt … selbsterziehend an sich zu arbeiten … Schenken vom Eigensten bleibt der edelste Reichtum … Vom Gehalt unsres Selbst.
Hodann in Kindt II, 574ff.; Juli 1915

Es war diese Gruppe – mit Friedrich Bauermeister, Alfred Kurella und Hans Koch - , die in der Revolutionszeit nach München zog und dort 1919 die Landkommune Blankenburg begründete. Zu ihr gehörte in Berlin auch der Mediziner Max Hodann, der zusammen mit Feldner Hauptakteur der „Centralarbeitsstätte für Jugendbewegung“ (C. A. S.) war, einer Initiative, die auf eine stärkere Politisierung der Jugend im staatskritischen Sinne drängte. Als Gräser 1915 aus Stuttgart ausgewiesen werden sollte, haben Hodann und Feldner mit ihren Freunden in einem Protestschreiben an die Stuttgarter Polizeidirektion „aufs schärfste Einspruch“ erhoben.

Unterzeichner des Protests gegen Gräsers Ausweisung aus Deutschland:
 
Max Hodann
Ernst Walter Trojan
Ilsemargot Beneke
Jakob Feldner,

Lucia Schmidt
Gustel Widder
Edmund Metz
Lore Tappert
Toni Sonnental

Feldners Mission von 1916 ist also so zu verstehen, dass er als Botschafter der Berliner und Münchner Freideutschen in die Schweiz gehen sollte, um dort die durch Gräsers Ausweisung abgerissene Verbindung wieder aufzunehmen und zugleich Friedenskontakte nach allen Seiten anzubahnen. Die Wiederbegegnung mit Gräser muss für Feldner allerdings enttäuschend gewesen sein, da dieser seine Begeisterung für den bolschewistischen Staatssozialismus nicht teilen konnte.  Feldners Weg führte vom Monte Verità nach Moskau, von Gräser erst zu Ernst Bloch und dann  zu Lenin.

Titel zu Gedichten von Gräser in der ‚Wandervogelführerzeitung’, November 1912

Feldners Schrift Die deutsche Jugend und der Weltkrieg erschien zunächst Ende 1917 in der Neuen Schweizer Rundschau, wurde dann 1918 in Zürich als Broschüre gedruckt und ins Deutsche Reich geschmuggelt aber von der Abwehr des Heeres alsbald beschlagnahmt und vernichtet. Es scheint, dass nur ein einziges Exemplar sich im Archiv des Kriegsministeriums erhalten hat.  Durch die Digitalisierung der Kriegsausgaben der Neuen Schweizer Rundschau ist es möglich geworden, diesen in Deutschland nie angekommenen Text der Öffentlichkeit  zugänglich zu machen.

Der Aufsatz von Feldner gibt sich als nüchterne wissenschaftliche Abhandlung über die deutsche Jugend in der Zeit des Weltkriegs, vermutlich in der Hoffnung, dadurch die Zensur überlisten zu können. Feldners Text lässt jedoch keinen Zweifel, dass seine sachlich-historische Darstellung nur einer Absicht dienen will: dem „energischsten Kampfe gegen dieses System und sein Verbrechen am deutschen Volke und der ganzen Welt“.


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DEUTSCHE JUGEND
UND WELTKRIEG

 
Zwei Voraussetzungen haben wir zu prüfen, bevor wir daran gehen können, das Verhalten der deutschen Jugend gegenüber dem Kriege, im Sommer 1914 und seinen weiteren Entwicklungen, zu analysieren. Zum ersten die öffentliche Erziehung, von der wir nichts mehr in Erinnerung zu bringen haben, als dass sie die Jugend als Material, als Objekt wertete und ihr eine dünkelhafte Nationalitätsgesinnung nach außen und anbetungsbereite Gesinnungsfrömmigkeit gegenüber dem Staate im Innern einpflanzte. Zum zweiten aber haben wir zu untersuchen, welche politischen Wirkungen und Tendenzen die seit einigen Jahrzehnten in Deutschland bestehenden Jugendvereine aufweisen.
 
Deren zweckmäßige Einteilung scheint gegeben, wenn wir bis Kriegsausbruch folgende Entwicklung der Jugendvereinigungen verzeichnen :
 
I. Jugendpflege;
a) konfessionelle;
b) „vaterländische" ;
 
II. Jugendorganisation der sozialistischen Jugend;
 
III. Jugendbewegung.
 
Es handelt sich bei dieser Klassifikation um eine Teilung entsprechend den verschiedenen Entstehungsursachen und den daraus resultierenden verschiedenen Zwecken bezw. Zielen. Beginnend bei der JUGENDPFLEGE ist zu betonen, dass das Charakteristische an ihr ihre Institution „von oben" ist. Sie ist ein Kind der alten Generation, von ihr mit Zielen und Absichten geschaffen, die Anschauungen und Ideale dieser alten Generation in die junge zu überpflanzen. Die Leitung besteht ausschließlich aus Erwachsenen; gleicherweise bei der konfessionellen wie bei der „vaterländischen" Jugendpflege.   Von der konfessionellen ist in diesem Zusammenhang kaum zu reden. Wichtiger, weil wesentlich ausgesprochener, ist die Ent- stehung und Wirksamkeit der sogenannten vaterländischen Jugendpflege. Es wäre die Sache bezeichnender, hätte man sie offen und  

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ehrlich als militaristische Jugendpflege bezeichnet, was aber offiziell aus guten Gründen nicht geschah. Ihre SupraOrganisation ist der unter besonderer Begünstigung des vor kurzem verstorbenen Frei- herrn von der Goltz im Jahre 1911 ins Leben gerufene sogenannte „Jungdeutschlandbund", der eine Reihe kleinerer, früher schon be- stehender Verbände ähnlicher Tendenz, wie „Jungsturm", „Pfad- finder", „Wehrkraftverein" etc. zusammenfasste. Sein Erfolg darf nicht unterschätzt werden. Er wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dem Staate alle möglichen Mittel zur Ver- fügung standen, Propaganda dafür zu machen. Besonders geschah das in den höheren Schulen.1) In bezug auf die Organisation ist an Bedeutungsvollem zu erwähnen, dass die Leitung nahezu ausschließlich in den Händen aktiver und — vielleicht noch schlimmer — außer Dienst gestellter Militärs ruht, was für den Wissenden Grund genug ist, an dem dort gepflegten Geiste nicht mehr zu zweifeln. Wollte man nach Parteien des deutschen Reiches charakterisieren, so scheint diese vaterländische Jugend- pflege das Instrument zu sein, alldeutsche bis rechts-nationalliberale Ideen in die Jugend hineinzutragen. Das Feld ihrer unmittelbaren Betätigung stimmt nahezu vollständig mit dem später dargestellten der „Militärischen Jugendvorbereitung " überein. Die beiden Organe sind der Jungdeutschlandbund und die Jungdeutschlandpost, zwei Zeitschriften, von denen man leider der Ehrlichkeit halber gestehen muss, dass sie im Laufe der letzten Jahre die Jugend geradezu zum Kriege hetzten. Etwa 200,000 Angehörige der deutschen Jugend fanden sich darinnen zusammen, und man kann sich leicht einen Begriff machen von den geistigen Zerstörungen, die eine derartige militaristische Propaganda in Wort, Schrift und Bild verursachen musste. Wenden wir uns der

JUGENDORGANISATION

der sozialistischen Jugend zu. Sie ist ein Mittelding zwischen Jugendpflege und Jugendbewegung, von denen beiden sie ein wichtiges

   1) Wie man überhaupt bei der ganzen politischen Beeinflussung der Jugend sich klugerweise vor allem an jene Jugend gehalten hat, die voraussichtlich später in leitende Stellen des Staates aufzurücken berufen sein konnte. Also die sogenannte intellektuelle Jugend. Bei ihr hoffte man durch Intensität der Beeinflussung zu erreichen, was bei der Jugend der Massen durch die Breite gelingen sollte.


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Symptom an sich trägt. Man müsste sie zur ersteren zählen insofern, als sie zum großen, ja größten Teile von Erwachsenen geschaffen ist, ebenfalls mit dem Ziele, der Jugend die Ideale dieser Erwachsenen zu vermitteln, und damit dieses Ideal selbst — das bekanntlich ein rein politisches ist und über die verneinende Haltung gegen- über dem Kriege keinen Zweifel lässt — weiterexistieren und gedeihen zu lassen. Es besteht aber insofern ein Unterschied, als diese Jugend für Ideale eintritt, die auch zugleich ihrem Interesse, ihrer Psychologie entsprechen, und dass sie dafür kämpft, Wünsche und Überzeugungen durchzusetzen, die aus den Verhältnissen und dem Milieu dieser Jugend in ihr erwachen und erwachsen müssen.

Alfred Kurella, um 1918

Alfred Kurella (1895-1975) ging 1919 mit Feldner nach Moskau  und machte als kommunistischer Funktionär in der Sowjetunion  und in der DDR Karriere

 
Dieses eignet ihr zugleich mit der deutschen

JUGENDBEWEGUNG

Um das Wesen und Handeln dieser Jugendvereinigung zu verstehen, braucht es — leider — einer eingehenderen Darstellung. Sie besteht seit etwa zwei Jahrzehnten und ist in ihrem Kerne eine durchaus revolutionäre Bewegung.1) Ihr eignet, dass sie, im Gegensatz zu jener Institution „von oben", selbst eine Bewegung ist. Eine Bewegung, die innerhalb der Jugend entstand, von der Jugend getragen wird und eine Organisation der Jugend unter sich bezweckt. Revolutionär, nicht auf politischem Gebiete, sondern vielmehr gegen Lebensart und Lebensweise der Gegenwart, gegen die Art und Weise heutiger Erziehung, gegen die durch innere Unwahrheit krampfhaft aufrecht erhaltene Konvention und Tradition. Sie bedeutete insofern in gewissem Sinne eine Organisation gegen die Erwachsenen, und man versteht, dass Leitung und Führung in rein jugendlichen Händen, oder doch mindestens bei wirklich jugend- lichen Geistern liegt. Die innerste Ursache ihrer Entstehung war die „innere Not" der Jugend, ihr Wille und Wollen nach einer


1) Vgl. H. Blüher: „...dabei steht die Schule als der eigentliche Antipode der Jugend da. Freilich schloss die offizielle Wandervogelpolitik stets Kompro- misse mit ihr — eben jene phraseologischen Ertüchtigungsbestrebungen, — im Innern aber war der Wandervogel stets von revolutionärer Art. Das Vereins- verbot gegen Schüler wurde klug umgangen, wirklich im großen Stil umgangen. Ich habe dieses Unternehmen in meiner Geschichte des Wandervogels (2 Bände bei Weise Tempelhof) den Betrug der Jugend gegen die Schule genannt, und in der Tat kann man es kaum anders auffassen, als eine große planmäßige Überrumpelung der Pädagogenkaste.' (Tat. VllI, 7.)

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neuen Erziehung, nach einer neuen Auffassung von Autorität, die sie sich durch die innere Freiheit bei einer sie als Subjekt wertenden Erziehung gewinnen wollte. Es war der Wille zu einem neuen Leben, das sie „nach eigener Verantwortung leben" wollte. Diese Jugend strebte hinaus in die Natur und lebte mit ihren alten deutschen Volkstänzen und -liedern in einer gewissen, manchmal nahezu sentimentalen Romantik. Sie war lebensreformerisch, mit einem Worte, das speziell ihr alles sagte: sie schaffte sich einen neuen Lebensstil, 1)

         

Ihren Anfang hat sie mit dem „Wandervogel" genommen, später kam die „Freideutsche Jugend" hinzu, die selbst wieder einen Sammelnamen für eine Reihe von Bünden darstellt, wie die „Frei- schar", die „Vortruppjugend", die „Monistische Jugend", die „Freien Schulgemeinden", den „Anfang-", später den „Aufbruchkreis" und ihrer Tendenz nach auch die meisten Gruppen der
 


akademischen Freistudentenschaften. Da nun diese Art Jugendvereinigung der jugendlichen Wesensart bedeutend natürlicher war als die Jugendpflege, so bildete die deutsche Jugendbewegung ihr gegenüber ein starkes Gegengewicht. Dass sie aber nicht irgend- wie militaristisch sein konnte, dürfte aus dem wenigen klar hervorgehen, was über Entstehungsursachen und Ziele gesagt werden konnte. Man dachte auch hier „deutsch", aber es war ein Deutschtum im kulturellen, manchmal völkischen Sinne, und man hielt sich, ohne Ausnahme darf mit Stolz gesagt werden, von jedem nationalistischen Chauvinismus ferne. Fragen wir nach der Stellung und der Vorbereitung dieser Jugend auf den Krieg, so kann gesagt werden, dass sie durch ihre innere Überzeugung gegen den Krieg arbeitete, muss aber zugeben, dass sie bei alledem die verhängnisvolle Unterlassungssünde beging, zu übersehen, dass man außer politischem Movens, auch politisches Motum sein kann, und sie infolgedessen eines Augenblicks überrumpelt werden und in ein Netz geraten konnte, aus dem es einen Ausweg nicht mehr gab. In ihrem ganzen Leben dem Schönen zugewandt und in allem

   1) Man lebte wieder draußen, lebte einfach, kochte sich selbst, machte Wochen- ja monatelange „Fahrten", lernte dabei Land und Leute kennen und lieben und was mit Schönste daran ist — man fand wieder ein Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander, das innerlich schön und rein, nach außen hin aber etikettelos und natürlich war.

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 Politischen nur das Hässliche sehend, hatte sie es versäumt, sich die nötigen politischen Kenntnisse zu verschaffen, und darum mangelte ihr das soziale Gewissen, das ihr mit schneidender Stimme hätte befehlen müssen, ihre Ideale und Überzeugungen auch ins öffentliche Leben hinauszutragen. Zum Teil mangelte ihr die Stoß- kraft, zum größeren Teile die politische Schulung um zu erkennen, dass es dabei ohne gewisse Härten nicht abgehen konnte, und dass dieser Zustand einer passiven Resistenz ihr Gefahr bringen musste, wenn nicht heute, so morgen. Und das Morgen kam. Es waren heiße Sommertage des Jahres 1914. Die deutsche Jugend genoss — wie ihre Brüder jenseits der Grenze — in vollen Zügen die Freiheit ihrer Ferien. Sie durchwanderte die Welt und schweifte in die Ferne .. Die Ernte reifte, der Himmel blaute... Da kam der Krieg! Die deutsche Jugend handelte in diesem Augenblicke eben so und nicht anders, als sie handeln konnte. Das heißt, entsprechend der Erziehung, die sie genossen, und entsprechend den für sie typischen Merkmalen höchster Intensität der Gefühlswerte, wie feh- lenden Urteils. Es ist also letztlich nicht zu verwundern, dass der Krieg von der ganzen in der Schule oder gar noch in der Jugendpflege mili- taristisch erzogenen Jugend mit einer Art Jubelruf empfangen wurde. War ihr doch seit Jahren als der feierlichste und erhabenste Augen- blick dargestellt worden, wenn es „Ernst würde" und es gelte, „das Vaterland zu verteidigen". Es war der Augenblick, wo man „Held" werden konnte, wo man sich die bisher versagte (siehe Erziehungssystem) Männlichkeit erwerben konnte durch seine „Taten". Von den Jammern des Krieges hatte man keine Ahnung, konnte man unter dieser Jugend keine Ahnung haben. Es kam so weit, dass die Angehörigen der „vaterländischen" Jugendpflege in ihren Pfadfinderuniformen nicht nur zu ihren militärischen Übungen gingen, sondern auch ins Feld hinaus zogen, und mindestens hinter der Front und in der Etappe einige Wochen lang regelrechten Militär- dienst unter Benutzung scharfer Waffen taten. 1) Die sozialistische Jugend Deutschlands blieb vom ersten Augenblick an konsequent und hat wohl von allen Organisationen   

1) Nach Bekanntwerden stellte der Generalstab diesen Mißstand ab. 

 
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Deutschlands überhaupt den Kopf am wenigsten verloren. Sie ar- beitete gegen den Krieg, protestierte aktiv gegen die Beschränkungen der öffentlichen und persönlichen Freiheit und trat vom ersten Augenblick des Krieges an — für den Frieden ein. An Stelle der sozialpatriotisch gewordenen Arbeiterjugend wurden zwei prinzipien- getreue Jugendblätter, die Proletarierjugend und das süddeutsche Morgenrot, gegründet und Hand in Hand damit ging ein wertvoller Schritt vorwärts zu den Tendenzen der Jugendbewegung, insoferne man die Erwachsenen mehr und mehr aus den Leitungen zu entfernen begann und sie durch jugendliche Kräfte ersetzte. Die sozia- listische Jugend beginnt sich unabhängig zu machen. Da obendrein Teile der Partei diese Tendenzen unterstützen und zugleich dafür eintreten, der Jugend nicht einseitig das sozialistische Dogma nach dem Prinzipe „ôte-toi de là que je m'y mette" beizubringen, sondern für eine politische Bildung mit späterer Selbstentscheidung der Jugend arbeiten, sind hier wertvolle Perspektiven geöffnet.  

Was geschah nun zum dritten mit der Jugend der deutschen Jugendbewegung? Auch sie handelte natürlich nicht anders, als sie handeln konnte. Sie zog in hellen Scharen hinaus aufs Land, um den Bauern bei der Arbeit zu helfen, und um die Ernte zu sichern. Sie tat Friedensarbeit im Kriege. Soweit sie ins Feld hinaus musste, folgte sie dem Rufe wie einer unkritisierbaren Pflicht. Nur ein kleiner Teil dieser Jugend verhielt sich schon damals zu Beginn des Krieges — nun, sagen wir: sehr zurückhaltend. Auf ihn wird im folgenden sofort näher einzugehen sein. Die Presse der deutschen Jugendbewegung ist auch während des Krieges durchaus würdig geblieben. Aufrichtig gesagt: ich habe keinen gehässigen Artikel oder gehässige Berichte und Briefe finden können. Man trägt alles als unumgängliche notwendige Pflicht, für die man wenig Begeisterung, dafür um so mehr Aus- dauer aufbringt, von Hass aber keine Spur. Im Gegenteil habe ich gerade unter diesen Teilen immer und immer wieder das Menschliche betont gesehen. Viele Aufsätze verraten ungenügende politische Schulung, fast jeder aber Menschlichkeit.

Der Krieg, selbst nur möglich durch die auf die Höhe getriebene Militarisierung, brachte als erstes die Militarisierung alles noch Militarisierbaren.

Während die ersten Schlachten geschlagen wurden, und während


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die Jugend noch bei den Bauern die Ernte retten half, wurden im Binnenlande durch eine Unzahl kurz aufeinanderfolgender Erlasse der verschiedenen Ministerien Jugendkompagnien über Jugend- kompagnien gegründet. Der für jene Zeit typische, fast krank- hafte Drang, sich irgendwie patriotisch zu „betätigen", zeigte sich fast nirgends in gleichem Maße wie bei der Einrichtung dieser militärischen Jugendvorbereitung. Schulen, Militärs, Eltern, Lehrer, Berufene, Unberufene, und noch mehr solche, die sich berufen fühlten, wandten ihre ganzen schriftstellerischen und organisato- rischen Fähigkeiten daran, der militärischen Jugenderziehung Ver- breitung zu schaffen. Auf Gemeindekosten oder durch Privat- stiftungen wurden Uniformen für die „Jungmannen" beschafft, Sonn- und freie Schulnachmittage wurden für die Übungen mit Beschlag belegt, man exerzierte, hob Schützengräben aus, hielt Gelände-, Ziel-, Terrain- und Scharfschießübungen; jeder Jung- mann bekam sein eigenes Gewehr, man grüßte und lebte mili- tärisch, stand unter Offiziers- und Unteroffizierskommando, mar- kierte Angriffe und kam bei alledem so weit — wofür wir die Belege dem verdienten Professor Dr. Nicolai an der Berliner Uni- versität verdanken — dass sich die jungen Leute bei einem „Nah- kampf" ernstlich zu Leibe rückten und sich mit den Kolben die Köpfe blutig schlugen.1)  

Trotz alledem: im Anfange war der Erfolg unter der Jugend selbst ein sehr, sehr großer. Vor allem natürlich deshalb, weil die ganzen Gruppen der Jugendpflege mit fliegenden Fahnen zu den Jugendkompagnien übergingen. Diese Begeisterung unter der Jugend aber dauerte, wie jedes derartige, auf Augenblicksaffekte begründete Strohfeuer, nur eine ganz kurze Weile, und schon wenige Wochen später begann der katastrophale Rückstrom aus den Jugendkompagnien. Sie gingen innerhalb kurzer Zeit auf ein Fünftel, ja ein Sechstel ihrer Anfangsbestände zurück.  

Das war die unzweideutige Antwort, die die deutsche Jugend denen gab, die sie vom 14. und 15. Lebensjahre ab zu militarisieren versuchten. Diese Antwort verwunderte den wirklichen Pädagogen nicht, der wusste, was der jugendlichen Psyche ent-  

1) Eine nicht dementierte Nachricht besagt, dass bei Unruhen in Düsseldorf das Militär sich weigerte, gegen die Massen vorzugehen, die Jugendwehr aber diese jämmerliche Pflicht mit Hurra übernahm.


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spricht und was ihr widerstrebt. Aber sie entfachte verständlicher- weise die laute Entrüstung derer, die sich zuerst um die Schaffung der Jugendkompagnien „verdient" gemacht hatten. Anstatt aber den einzig richtigen und logischen Schluss aus dieser Tatsache zu ziehen, dass diese militärische Jugendvorbereitung eben durch und durch unjugendlich ist und daher von der Jugend abgelehnt wurde, anstatt dessen verlangte man an Stelle der bisherigen Freiwilligkeit den gesetzlichen Zwang der Teilnahme.  

Auf die Argumente, die benutzt wurden, diesen Gedanken populär zu machen, braucht im Einzelnen nicht eingegangen zu werden. Man stellte das „soziale" Moment in den Vordergrund, sprach von einer Gesundung des Volkes, von einem sozialen Ausgleich und einer sittlichen und körperlichen Festigung der Jugend. All diese Argumente sind für die gewollte Form einer militärischen Jugend- vorbereitung natürlich hinfällig. Denn es ist ein alter Satz, dass die Gesundung eines Volkes ganz und gar nicht durch Kommandodrill und Unteroffizierston, durch Uniform und Waffentragen erreicht wird, dass ein sozialer Ausgleich, wenn er nicht bloß eine Ver- mischung bleiben soll, niemals zwangsweise herbeigeführt werden kann, und dass man über die Moral und Sittlichkeit einer Erziehung, die einem Kinde Gewehr, Schwert und andere Mord- waffen in die Hand drückt, sehr verschiedener Ansicht sein kann. Das aber würde dieses Gesetz bedeuten: Stellung der ganzen deutschen Jugend unter Kommandodrill und Unteroffizierston und unmittelbare geistige Hinerziehung zum Kriege, für den man die psychologischen Voraussetzungen in den Herzen der Jugend schafft.  

Dagegen wehrte sich der beste Teil der deutschen Jugend. Denn ihm ist nicht verborgen geblieben, was der wirkliche Grund dieses militärischen Jugendvorbereitungsgesetzes ist. Der aber ist kein sozialer, auch kein militärischer, sondern ein rein politischer. Was erreicht werden soll ist dieses: die heutige Generation in Deutschland ist dem bisherigen, alldeutschen, politischen System — mögen die Zeitungen dieser Parteien immerhin auch das Gegenteil behaupten, wer die deutschen Verhältnisse kennt, glaubt ihnen ja doch nicht — nachdem sie zwei und ein halbes Jahr in den Schützengräben gelegen hat und die fürchterlichen Schrecken des Krieges über sie hingebraust sind, durch und durch feind und ab- hold geworden. Dieser fundamentale Stimmungswechsel innerhalb 


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des deutschen Volkes, vor allem der Armee, ist der Reaktion nicht unbekannt geblieben. Um nun dennoch — und gegen das Volksempfinden — ihren berüchtigten „alten Geist" weiterpflegen zu können, wendet sie sich an die Jugend. Darum auch soll das Jugendwehrgesetz geschaffen werden. Einige seiner Hauptvorkämpfer (die Allzugeschäftigen ! !) haben diesem Gedanken laut Ausdruck gegeben. Sagt doch der Abgeordnete Müller-Meiningen in seiner Rede Wir brauchen ein Reichsjugendwehrgesetz die bezeichnenden Worte: „Sie (die militärische Jugendvorbereitung) ist eine Forderung der Staatsklugheit ..." Und der Wirkliche Geheime Oberregierungsrat Herr Adolf Matthias verrät in seinem Buche Deutsche Wehrkraft und kommendes Geschlecht, aus unserer deutschen Jugend müsse werden „ein Riese an Wehrkraft, vor dem unseren Feinden schon im Frieden Hören und Sehen vergeht".

Was tat dagegen die deutsche Jugend?

Wir wissen, dass z. B. die Berliner Freistudentenschaft eine mutige Resolution erließ, des Inhalts, dass sie bereit sei, gegen die für den Frieden geplante militärische Jugendvorbereitung anzukämpfen. Wir wissen aber vielleicht nicht alle, zu welchen „Schwierigkeiten" es daraufhin gegen die Freistudentenschaft und ihre einzelnen Anhänger kam und welcher „Apparat" in Szene gesetzt wurde. Dies geschah besonders auf Betreiben des damaligen Rektors, Exzellenz V. Wilamowitz Möllendorf. Desselben, der kurz vorher einen der tüchtigsten Berliner Studenten, Ernst Joël, von der Universität relegiert hatte, weil er sich gegen den militärischen Geist in seinem Organ Der Aufbruch vergangen hatte.

Es kann an dieser Stelle besonders betont werden, dass überhaupt fast die ganze Arbeit gegen die Militarisierung der Jugend — abgesehen von der Arbeiterjugend, die durch ihre Zentralstelle theoretisch und praktisch den Krieg gegen diese Bestrebungen erklären ließ — von jungen akademischen Kräften geleistet wird. So erschienen in der geradezu vorbildlich tapferen freistudentischen Zeitschrift Die Neue Hochschule bereits verschiedene sehr energische Aufsätze. Die Akademische Rundschau kämpft Hand in Hand mit ihr im gleichen Sinne. In den Hauptstädten und in der Provinz wurde von selten dieser Jugend an die Presse herangetreten und unter anderem erreicht, dass im Berliner Tageblatt ein maßgebender Aufsatz von Professor Fr. W. Foerster erschien, 
 
 

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der den Titel Die militärische Jugendvorbereitung vom pädagogischen Standpunkt trug. Ihm folgte ein weiterer, W. Heines. Als in Sachsen-Koburg das Gesetzblatt einen Jugendwehrgesetz- entwurf brachte, wurden alle möglichen Schritte getan, durch genaue Information der Abgeordneten und durch Artikelserien in der dortigen Presse das Gesetz zum Scheitern zu bringen. Im übrigen wurde darauf hingearbeitet, möglichst viele Zeitungen und Zeitschriften für den eigenen Standpunkt zu gewinnen. So erschienen auch in der Schaubühne etliche Aufsätze. In den Schriften zur Jugendbewegung veröffentlichte der Göttinger Privatdozent Leonard Nelson seinen Appell Erziehung zur Tapferkeit. Noch eine ganze Reihe anderer Zeitschriften fanden sich bereit, im gleichen Sinne zu arbeiten, wie die Tat, die Weißen Blätter, die Aktion, die Neue Generation etc. Aber umsonst schrie die deutsche Jugend: „Sir, gebt uns Gedankenfreiheit." Die wertvollsten Manuskripte müssen unbenutzt liegen bleiben, da ihre Veröffentlichung nicht möglich ist. Eine größere Broschüre mit Beiträgen von Leopold v. Wiese, Baron Gleichen-Russwurm, Pro- fessor Foerster, Professor Nicolai wurde zuerst im Manuskript beschlagnahmt, dann wieder freigegeben, im Drucke aber wieder aufgehalten und verzögert. Ende 1915 begonnen, ist sie unter dem Titel Das Reichsjugendwehrgesetz im Sommer 1917 — von Professor Foerster als Herausgeber gezeichnet — erschienen. Die Jugend selbst ist darin mit verschiedenen Arbeiten (Karl Vetter, Max Hodann, Rudolf Leonhard, der Verfasser) vertreten. Durch persönliche Fühlungsnahme gelang es auch, eine Reihe einfluss- reicher Persönlichkeiten zu gewinnen, ihren Einfluss gegen die Militarisierung aufzuwenden. Wie weit dadurch ein praktischer Erfolg erreicht worden ist, lässt sich natürlich kaum sagen, immerhin ist es nahezu ausschließlich durch diesen energischen Kampf der deutschen Jugend gelungen, zu erreichen, dass der Gesetzentwurf bis heute in den ministeriellen Schränken liegen geblieben ist. Und je länger er dort bleibt, desto sicherer wird seine Verwerfung, denn die Arbeit geht von Tag zu Tag weiter und verliert nicht, sondern gewinnt immer mehr an Intensität.

(Schluss im nächsten Hefte.)
GENF JAKOB FELDNER

Max Hodann und Walther Koch (Bruder von Hans Koch) veröffentlichten 1917 eine Festschrift zum 100. Jahrestag des Wartburgfestes und knüpften darin an die revolutionären Traditionen der Burschenschaften an, was in den Kreisen der chauvinistischen Studentenschaft einen lebhaften Skandal hervorrief.
 
DEUTSCHE JUGEND UND WELTKRIEG
(Schluss)

Im ersten Teile dieser Arbeit wurde aufgezeigt, wie in kriegerischem Sinne vorbereitet die deutsche Jugend im Jahre 1914 der Katastrophe gegenübertrat, in sich wesentlich gespalten nach Jugendpflege, sozialistischer Jugendorganisation und Jugendbewegung. Wir haben die Kontraste dieser Stellungsnahme kennen gelernt, und zum Ende gesehen, wie sich bei der Frage der militärischen Jugendvorbereitung bereits ein bedeutender Widerstand und eine erfolgreiche Gegenaktion aus den Reihen der Jugend erhob.  

Es gab aber außer dieser Frage der Militarisierung für die deutsche Jugend auch noch andere von Bedeutung. Die Arbeiter- jugend wurde besonders betroffen von der Verfügung des Spar- zwanges für Jugendliche. Mag er im einzelnen Falle selbst segens- reich gewesen sein, als Prinzip bleibt er ein unberechtigter Eingriff in das persönliche Verfügungsrecht. So fasste ihn auch der größte Teil der betroffenen Jugend auf, und es kam zu recht heftigen Auseinandersetzungen, wobei in zahlreichen Fällen die Jugend Herr der Situation geblieben ist, was einem kommandierenden General gegenüber in der Jetztzeit nicht eben eine kleine Aufgabe ist. Am bekanntesten dürfte allgemein der „Jugendaufstand" in Braunschweig sein, bei dem etwa dreitausend Jugendliche außerhalb der Stadt eine große Demonstration veranstalteten, und die zur Folge hatte, dass der Sparzwang innerhalb weniger als achtundvierzig Stunden wieder verschwand. Das ist nicht der einzige Fall; wer näheres Interesse gerade für dieses Thema und diesen Kampf der Jugend hat, der findet das Material dazu zum Teil in der Hamburger Proletarierjugend, andererseits und besser noch in der in Zürich erscheinenden Jugendinternationale.  

Für die akademische Jugend Deutschlands brachte der Krieg ebenfalls schwere Kämpfe, vor allem den Kampf um die Übernationalität der Wissenschaft. Die deutsche akademische Jugend


 
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musste mit Bedauern sehen, dass ein großer Teil ihrer Lehrkräfte trotz aller früherer Behauptungen und Beteuerungen vom Strudel der Kriegspsychose ganz und gar mitgerissen wurde. Ich brauche nicht auf die bedauerlichen Erklärungen der „93% oder die Tätigkeit eines Mannes wie Dietrich Schäfer hinzuweisen. Die akademische Jugend musste sehen, wie die Universität die Forderungen ganz und gar nicht erfüllte, die man an sie als höchst- entwickelte Pflegestätte der übernationalen Wissenschaft zu stellen das Recht zu haben glaubte.1) Maßgebend für exklusive Hochschulpolitik gegenüber Angehörigen „feindlicher" Staaten (nach dem Kriege!!) ist die Eingabe des Ausschusses der Berliner Studentenschaft an das Kultusministerium. Sic zielte auf zahlenmäßige und finanzielle Beschränkungen der Ausländer hin, und erreichte in manchen Punkten geradezu den Charakter von Schikanen, wie z. B. in der Frage des Nachweises der „Mittel zu einem standesgemäßen Leben". Die Eingabe dürfte im allgemeinen bekannt sein, da sie auch in der ausländischen Presse, z. B. der Neuen Zürcher Zeitung auszugsweise wiedergegeben wurde. Es ist selbstverständlich, dass diese Richtung — die allerdings unter der Studentenschaft selbst die weiteste Unterstützung der sogenannten Korporierten hat — nicht unwider- sprochen bleiben konnte. Es kam zum Wiederaufleben des „Inter- nationalen Studentenvereins" in Berlin, der unter den augenblick- lichen Verhältnissen verständlicherweise, fast nur aus Deutschen bestand. Er wurde von der reaktionären Presse aufs schamloseste angegriffen und verdächtigt, ließ sich aber dadurch in seinem Ziele, eine Gegeneingabe der Berliner Studentenschaft anderer Anschauung an das Kultusministerium zu richten, nicht einschüchtern. Darin wird die rechtliche Gleichstellung der Ausländer gefordert. Um der Eingabe ein größeres Gewicht zu geben, und den gehässigen

1) Aus dieser Erkenntnis heraus setzte auch während der Kriegszeit — doch insofern nur unmittelbar mit dem Kriege in Zusammenhang - eine immer stärker werdende Hochschulreformbewegung unter der akademischen Jugend ein. Vergl. dazu die ganz prächtig redigierte Zeitschrift für Hochschulreform und Heft I, 4 der Schriften zur Jugendbewegung spezieil über „Hochschulfragen". Außerdem sind von Bedeutung Ernst Joëls bei Eugen Diederichs erschienene Wartende Hochschule und der Universitätsrevolutionare Artikel R. Leonhards in Kurt Hillers Ziel (Georg Müller. München 191t). der eine "Sezession der Universität" fordert und das Ideal einer Hochschule aufstellt, in der die jungen Akademiker zu durchgebildeten Menschen, und nicht allein zu willenlos ergebenen Staatssklaven und -beamten erzogen werden.


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Angriffen der alldeutschen Presse zu begegnen, wurden ca. hundert Exemplare dieses Entwurfes an bedeutende Gelehrte, Staatsmänner, Politiker des In- und Auslandes gegeben und Kritiken und Stellung- nahme erbeten. Es gelang in der Tat, ca. achtzig Antworten — fast durchweg zustimmenden Inhalts — zu bekommen.  

Eine andere Angelegenheit, die geeignet war, die Jugend zum Kampfe aufzurufen, war der sogenannte Fall Foerster. Professor Fr. M. Foerster, der bekannte Pädagoge der Münchner Universität, hatte in der Friedenswarte einen Artikel veröffentlicht, der eine ziemlich absprechende Kritik der Bismarckschen Politik darstellt, und trug die gleichen Gedanken in seinem Kolleg an der Münchner Universität vor. Es kam zu den bekannten wütenden, meist all- deutschen Kreisen entstammenden Presseangriffen, die erklärten : „Derartig schiefe und unhistorische Auffassungen... könnten durch die akademische Freiheit nicht mehr gedeckt werden," und der bekannten Fakultätserklärung, die einer regelrechten Unterdrückung der Lehrfreiheit gleichkam. Wie Professor Foerster mir persönlich erklärte, gab es kein besseres Mittel, Propaganda für seine Ideen zu machen. Er hatte wie im Sturme die Sympathien der Jugend für sich, mochte sie nun in allen Punkten seiner Lehre mitüberein- stimmen oder nicht. Öffentliche Beifallskundgebungen von selten der Studentenschaft folgten, und neben einer Unmenge persönlicher Sympathiekundgebungen junger Akademiker kam es zu summarischen Kundgebungen von denen folgende, von Münchner Studenten abgefasste hier als besonders bezeichnend für die Auffassung dieses Einzelfalles, wie auch der ganzen augenblicklichen Verhältnisse durch die Jugend ist. Sie wurde am 8. Juli 1916 veröffentlicht und hatte folgenden Wortlaut:  

„Da wir nach wie vor eine Beschränkung und einen Angriff auf die akademische Lehrfreiheit darin erblicken, dass eine Gruppe alldeutscher Studenten und Professoren eine andere Überzeugung als ihre Doktrinen zu unterdrücken suchen, erheben wir, die den verschiedensten geistigen Richtungen angehören, auch nicht für alle Ideen Professor Foersters Partei nehmen wollen, gegen das unwürdige Kesseltreiben gegen einen hochverdienten, in ganz 


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Deutschland angesehenen Forscher und Menschen entschieden Protest. Wir möchten dem Mann, der den Mut hat, unbekümmert und unbeirrt von der Tagesstimmung seine Meinung zum Heile des Vaterlandes zu vertreten, der, obgleich er dabei auf unritter- lichen Widerspruch gestoßen ist, sich durch keine Bedrohung in dem Bekenntnis dessen, was er für Wahrheit hält, einschüch- tern ließ, unsere Bewunderung aussprechen und ihm zum Ausdruck bringen, dass, wie man auch zu dem Inhalt seiner Äußerung sich stellen möge, die bei diesen ungerechten Angriffen bewiesene echte deutsche, ritterliche Gerechtigkeit das schon vorhandene große Vertrauen zu ihm als geistigem Führer der Jugend nur gesteigert und gefördert hat." 

Die Neue Hochschule widmete dieser Affäre eine eigene Nummer (Nr. I, 10) ; in der Mehrzahl der Jugendzeitschriften fand man Stellungnahmen für Foersters Verhalten; in Berlin sollte eine eigene Versammlung der gesamten Studentenschaft einberufen werden. 1) Die ganze Jugend der deutschen Hochschulen war in Wallung, und trat ebenso für ihren Führer ein, wie kurz vorher bei dessen Relegierung für Ernst Joël, dessen „Fall" bis vor die Parlamente getragen wurde, um ihm die, jetzt auch erreichte, Genugtuung zu verschaffen.  

Einen besonders heftigen Kampf hatte die deutsche Jugend — soweit sie sich zu diesem Kampfe verantwortlich fühlte — auch gegen den patriotischen Schund zu kämpfen. Auch hier musste die Jugend gutmachen, was ihre sogenannten Leiter : Lehrer, Professoren etc., versündigt hatten. Unter anderen war es die Berliner Freie Studentenschaft, die den einzigen möglichen Weg wählte und dem Schlechten das Gute gegenüberstellte; sie ließ viele, viele Tausende von Flugblättern au die deutsche Jugend hinausflattern, die besonders dank ihrer Wohlfeilheit (à 10 Pf.) große Verbreitung fanden. 2) Was man damit wollte, schrieb die Neue Hochschule:  

„Die Flugblätter wollen der im Kampf und in der Heimat stehenden Jugend die Forderungen ihrer unverwirklichten Meister in Erinnerung bringen und sie zur Erfüllung bereit machen.
 
1) Der Rektor v. Wilamowitz-Möllendorf verbot sie im letzen Augenblick.
2) Bis Herbst 1916 allein 30,000 Stück. 


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Nicht auf nächstliegende, tagespolitische Kämpfe und Reformen darf es für die Jugend ankommen; vor allem Wirken nach außen gilt es, als aufbauende Kräfte den Mut zur Wahrheit und den Mut zur Wirklichkeit zu wecken. Die Blätter geben den Geist eines vornehmen und innerlichen Deutschtums wieder, das auf eine Verwirklichung harrende Idee ist. Deshalb, und weil dieses Deutschtum weder durch Waffengewalt geschaffen noch vernichtet werden kann, ist die weiteste Verbreitung dieser Blätter von größter Bedeutung. Vorzüglich eignen sie sich für den Versand ins Feld."

Bei solcher geistiger Auffassung wird es nicht verwundern, wenn die deutsche Jugend, dem Kriege zum Trotz, Männer wie Fichte, Platon, Schleiermacher, Kleist, Jean Paul, John Ruskin, Leo Tolstoij, Voltaire, Kierkegaard, Wienbarg, Dostojewski, zu ihren unverwirklichten Meistern rechnete. Ausgewählte Stücke aus ihren Werken speziell auf politischem Gebiete gingen als solche Flugblätter hinaus.                


   

Neben dieser politisch-philosophischen, hat die schöne Literatur und ihre Verbreitung im Kampfe gegen den Schund einen Erfolg zu verzeichnen, der ebenfalls im letzten Sinne der deutschen Jugend zuzurechnen ist. Der junge Münchner Publizist Wilhelm Herzog hat ein Unternehmen, die Weltliteratur, geschaffen, das die besten Schöpfungen aller Länder zu billigsten Preisen (ebenfalls 10 Pf.) gerade denen vermittelt, die heute am meisten darnach lechzen und denen von reaktionärer Seite bisher Minderwertiges gegeben wurde, das sie in Ermangelung des Guten widerwillig aber doch gierig verschlangen.  

Was bedeutet nun dies alles? fragt ein anderer im hitzigsten Kampfe der Jugend stehender Führer aus der Jugendbewegung, M. Hodann, der erste Redakteur der Schriften zur Jugendbewegung, und gibt selbst die Antwort: „Es bedeutet, dass der Jugend, soweit sie Anspruch auf kulturelle Zuständigkeit macht, heute keine andere Aufgabe mehr gestellt ist, außer dieser; für die Gewissensfreiheit in Deutschland zu kämpfen."
 

Max Hodann (1894-1946) begründete zusammen mit Jakob Feldner die ‚Zentralarbeitsstätte für Jugendbewegung’.
Er wurde später als Sexualreformer weithin bekannt, war mit Erich Fromm und Wilhelm Reich Mitarbeiter am Sexualwissenschaftlichen Institut von Magnus Hirschfeld.
In seiner ‚Ästhetik des Widerstandes’ hat ihm Peter Weiss ein Denkmal gesetzt.

Max Hodann


Für die Reste der deutschen Jugend bleibt eine unendliche Aufgabe. Es bleibt ihr, die Fehler der bisherigen Zeit zu er-

 
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kennen, zu bessern und vorzubeugen, dass sich nicht wieder ereigne, was Europa heute zum Eigentode treibt. Reste werden es sein: aber um so größere Verantwortung ruht auf diesen wenigen.  

Wir haben erleben müssen, dass es die Erziehung im beson- deren Maße war, an der es mangelte. Schon die einzige Möglichkeit des heutigen Weltkrieges war nur gegeben dadurch, dass man über eine jahrelang ganz bestimmt beeinflusste Jugend vcrfügte.  

Hier liegt der Angriffspunkt auf das Übel. Allen immer und immer wieder zum Kriege drängenden Elementen wird die Entfaltung ihrer verhängnisvollen Tätigkeit unterbunden sein, wenn ihnen das Material fehlen wird, das bereitwillig ihre kriegerischen Absichten verwirklicht. Hat man den kommenden Geschlechtern eine Erziehung angedeihen lassen, die sie nicht zu der heutigen politischen Einseitigkeit verbannt, sondern ihr die Möglichkeit gibt» im öffentlichen Leben mit einem selbständigen Urteil dazustehen, so ist eines der wichtigsten Kulturziele erreicht.  

Dazu muss an die Stelle der bisherigen politischen Beeinflussung die politische Schulung treten. Das will besagen : geschicht- liches Wissen und geschichtliche Fakta müssen der Jugend tendenz- los und so objektiv, als es der heutige Stand der geschichtlichen Forschung zulässt, übermittelt werden. Dies soll zum Zwecke haben, jeden einzelnen heranwachsenden jungen Menschen dadurch in die Lage zu bringen, auf Grund dieser allseitig gewonnenen Kennt- nisse politisch selbständig und vorurteilsfrei zu urteilen. Wobei sich ein ausgesprochenes Verantwortlichkeitsgefühl für die weitere Entwicklung des eigenen Volkes und seiner Kultur ganz von selbst einstellen wird. Eingehendste Kenntnisse der sozialen Schichtung, der sozialen Entwicklung, Soziologie und Wirtschaftsgeschichte, das sind Forderungen, die zum Gedeihen dieser neuen politischen Schulung ganz unvermeidlich sind Man spreche nicht von einer Vermehrung der Fächer. Darauf kommt es gar nicht an, sondern auf den Geist, der vorherrscht. Auf die Atmosphäre und das Gesamtmilieu.  

Aus einer solch erzogenen Jugend werden allen Völkern die besten Bürger erwachsen. Eine freiere, demokratische Gesinnung ist die selbstverständliche Konsequenz. Die politische Verhetzung im Innern und vor allem auch nach außen hin wird ein Ende haben, da sie keinen fruchtbaren Boden mehr finden wird. Die

 
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Jugend wird die Fehler am eigenen Volke richtig sehen lernen und sich verpflichtet fühlen, nicht wie früher sie zu vertuschen, sondern zu verbessern, wo ein Schade war. Feindschaft zwischen den Völkern wird so von innen heraus durch die höhere Erkenntnis des Einzelnen überwunden werden. Nicht im Verlaufe einer, sehr wohl aber im Zusammenwirken mit andern gleichgerichteten Ten- denzen, in zwei oder drei Generationen. Das sind die Kriegsziele, die der Pädagoge stellen muss, der es mit der deutschen Jugend und mit dem Wohle der Menschheit ehrlich gut meint.  

Wie stellt sich nun zu diesen Nach-Kriegs-Aufgaben die Jugend selbst? Von der Jugendpflege haben wir verständlicherweise nichts zu erwarten. Diese scheint sich nur allenfalls vermitteleuropäisieren zu wollen. Der im großen Stile angelegte, in Berlin geschaffene „Jugendtreubund der Zentralmächte" mit seinen 20 Exzellenzen im Ehrenpräsidium und seinen 120 Exzellenzen, Kommerzien-, Regierungs-, Hof- und sonstigen Räten, Rittergutsbesitzern etc. (Pädagoge findet sich keiner dabei !) im Ehrenausschuss, scheint aussichtsreicher Anfang sein zu wollen. 1)  

Von der sozialistischen Jugend sprach ich in diesem Sinne schon. Was uns im besonderen angeht, ist — glaube ich — die Jugendbewegung. Handelt es sich doch bei ihr speziell um die intellektuelle Jugend, die, groß geworden, in die leitenden Stellen

1) Der schwarz-weiß-rot arabeskengeschmückte, hochfeudale Aufruf bringt folgendes Programm: .Für die Zukunft der Zentralmächte und ihrer Verbündeten besteht die bedingungslose Notwendigkeit, den Geist der bundes- und waffen- brüderlichen Treue in die Herzen unserer heranwachsenden Jugend zu verpflanzen und zu pflegen. Nur die unerschütterliche, aufrichtige Bundestreue gab uns in diesem gewaltigsten aller Kriege die Kraft, dem Ansturm weitüberlegener Feindeszahl standzuhalten. Es ist daher unsere Pflicht, die Jugend der Zentral- mächte zum gegenseitigen Verständnis, zur gegenseitigen Achtung, Freundschaft und Treue zu erziehen, denn der Jugcnd gehört die Zukunft. Ihr allein wird es vorbehalten bleiben, die erkämpfte Erhaltung unserer Freiheit und Unabhängigkeit zu pflegen und wenn es gilt, sie zu verteidigen. — Der Jugend-Treubund der ZentraImächte und ihrer Verbündeten erstrebt die Erziehung zur gegenseitigen Hilfeleistung auf nationalen und wirtschaftlichen Gebieten und die Förderung bestehender freundschaftlicher Beziehungen. Er wendet sich an alle ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters und des Glaubens, an alle, die ihr Vaterland lieben, sich um seine Fahne zu scharen, um mitzuhelfen an der Erfüllung der von ihm übernommenen, so dringend notwendigen nationalen Aufgaben für unsere hoffnungsvolle Jugend — für das Vaterland! — Es ist die Macht, die stets das Gute will und stets das Böse schafft, wie einer der bekanntesten Schweizer Psychologen das Unternehmen charakterisierte.


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aufrückt, die über die Presse und damit über die öffentliche Meinung verfügen, kurzum die Direktiven des öffentlichen Lebens geben wird. Und auf diese Jugend (trotz manchem Übel, das nicht verschwiegen werden soll) kann ernstlich gerechnet werden. Denn gerade dort, wo ihre „Schuld am Weltkriege" nachgewiesen werden musste, im Fehlen ihres sozialen und politischen Ge- wissens, scheint ein wertvoller Schritt künftiger, öffentlicher Verantwortlichkeit sich anzubahnen. Grundsätzlicher Umschwung steht bevor, der besonders von einigen Führern dieser Jugend tatkräftigst vorbereitet wird. An Stelle der Romantik scheint Aktivität durchzubrechen, die nicht mehr Erziehung um der Erziehung, sondern um der Erreichung bestimmter Ziele willen fordert. Nenne sich dieses Ziel ohne Akzent, aber in der vollen Bedeutung des Wortes:

DENKEN ZU LERNEN

Erster Anhaltspunkt für eine solche Entwicklung ist die geschil- derte Handlungsweise während des Krieges. Obendrein arbeiten Männer wie Wynecken, Lietz, Geheeb 1) (die Ideen der Jugend- bewegung im praktischen Leben verwirklichend) unmittelbar für dieses Ziel, indem sie in ihren Schulen eine Erziehung der Selbständigkeit, Urteilsfähigkeit und Verantwortlichkeit verfolgen. Auch Männer von der Auffassung eines Foerster, 2) Kerschensteiner etc. — trotz bestehender Kontroversen, und selbst wenn ihre Erziehungs- programme nicht im einzelnen solche Pointiertheit besitzen — tun das Wertvollste in diesem Sinne.

Was die Jugend selbst anbetrifft, so teilt sich die innerhalb der Jugendbewegung für „Politisierung" eintretende in zwei Teile (deutscher Partikularismus!) in einen der vorzüglich geistig, und

1) Letzterer schrieb persönlich an den Verfasser : „Es tut mir leid, die Anfrage brieflich nicht nur infolge Zeitmangel gegenwärtig nicht erschöpfend beantworten zu können. Heute nur so viel, dass unsere Zöglinge eine sehr gründliche und weitgehende politische Schulung erhalten, vor allem durch unsere Art des Geschichtsunterrichts, der im wesentlichen Kulturgeschichte ist, aber auch noch durch das übrige hier herrschende geistige Leben ' (Versteht man den zensurumgehenden Stil?)  

2) Vergl. sein prachtiges Buch : Die deutsche Jugend und der Weltkrieg, dem einzig und allein der Fehler anhängt, dass es die Jugend nicht zu Worte kommen lässt. Er zeigt darin prächtig auf, was die deutsche Jugend beseele und interessieren muss. Dass das Buch neuerdings in Deutschland verboten wurde, ist ein Selbsturteil, wie es nicht leicht ein zweites gibt. 


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den anderen der vorzüglich praktisch gearbeitet wissen will. Aufbruchkreis (Aufbruch) 1) gegen Zentralarbeitsstätte für Jugendbewegung (Schriften zur Jugendbewegung). 2) Es ist aber zu hoffen, dass aus der Not der Zeit heraus die beiden Richtungen sich zu einer Aktivität auf geisterfüllter Grundlage vereinen.  

Hans Koch-Dieffenbach (1897-1995) steht für jenen Teil der Gruppierung, der vorzugsweise geistig arbeiten wollte.

Er versuchte dies nach dem Krieg in der Landkommune Blankenburg.

Feldner und Max Hodann wollten vorzugsweise praktisch, d. h. politisch arbeiten und taten dies in der Zentralarbeitsstätte für Jugendbewegung und dann in sozialistisch-revolutionärer Aktion und Agitation.

Hans Koch

Die Pflicht wäre nicht erfüllt, wollte man nicht zum mindest in wenigen Worten der deutschen Künstlerjugend gedenken, bei der sich in Literatur und gleicherweise in den sonstigen schönen Künsten der Sieg einer neuen Gesinnung zeigte. Die „Neue Sezession München 1916" war ein wuchtiger, großer Protest gegen den Wirrwarr der Zeit. In der Literatur aber ist von Franz Werfel

 

1) Dank der , patriotischen" Betätigung einiger Berliner Korpsstudenten auf Kriegsdauer verboten. Vergl. auch an dieser Stelle Joëls Die Jugend vor der sozialen Frage und Bauermeisters Vom Klassenkampf der Jugend, beide verlegt bei Diederichs, der sich überhaupt seit neuerer Zeit in anerkennenswertester Weise dieser Ideen angenommen hat. In seinem Verlage erscheinen der Aufbruch sowie das Organ Wyneckens, die Freie Schulgemeinde, auf das nicht genug hingewiesen werden kann, Wyneckens Buch Schule und Jugendkultur und sein prächtiger Protest Gegen den altsprachlichen Unterricht, ein prägnantes Kultur-Erziehungsprogramm darstellend. In Eugen Diederichs Tat erschienen im Oktober und November 1916 eine Reihe Aufsätze, die das Beste darstellen, um sich einen genauen und schnellen Überblick über Wollen und Kämpfe der Jugend- bewegung zu verschaffen.  

2) Vergl zu allem oben Gesagten das Programm der C. A. S. auf dem Gebiete politischer Erziehung: „Die C. A. S. bezweckt den Zusammenschluss einzelner Jugendlicher aller Länder, Klassen und Schichten im Alter von 17—25 Jahren. In der Verständigung der Jugend verschiedener Nationen untereinander, als Vertreter der heranwachsenden Politikergeneration, sieht die C .A. S. das Fundament für den Wiederaufbau Europas und die Erreichung einer neuen politischen Kultur, für die erforderliche internationale Aktivität aller Verpflichteten. Die C. A. S. fordert für die Jugend das Recht und macht es den einzelnen Regierungen zur Pflicht, die Erziehung der Jugend zu politisch denk- und urteilsfähigen Menschen ohne Einschränkung und Zuhilfenahme irgendwelches, den Geist der Menschheitskultur vergiftenden Chauvinismus durchzufüliren. Die Jugend selbst hat solidarisch für dieses Recht einzustehen, und muss dort, wo es an fruchtbarer Initiative fehlt, zur gerechten Selbsthilfe schreiten. Von der politischen Erziehung selbst verlangt die C. A. S., dass für sie nur die Massstäbe der Kultur und des Rechts ausschlaggebend sein dürfen, dass sie keiner irgendwie gearteten traditio nellen Bevormundung Vorschub leistet. Die C. A. S. erblickt nur in dem politisch erzogenen Menschen den wahren Bürgen für ein dauerhaftes friedliches Zusammenarbeiten der Völker. Politische Entschlüsse, soweit solche die Un- antastbarkeit und Freiheit der Jugend angreifen, müssen von der Jugend geschlossen auf dem legalen Wege des öffentlichen Einspruchs bekämpft werden, und es muss der Jugend, die bei allen Staaten in der militärischen Bilanz ein beachtenswerter Posten war, gelingen, sich auch endlich die nötige zivile Geltung zu verschaffen . . ."
 
 

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zu reden, der seinen verachtenden Fluch gegen die Wortemacher des Kriegs schleudert, von Ehrensteins namenlos schmerzlichen Versen: Der Mensch schreit und von Bechers politischen Dichtungen An Europa und Verbrüderung. Th. Däubler sang der Zeit zum Trotz seine dankende, stolze Hymne an Italien. Wilhelm Herzog zog bis zum zensurellen Heldentode den Ungeist der Zeit vor sein mustergültiges Forum. Heute sehen wir Pfemferts Aktion um ihrer Stellung gegen den Krieg willen ihre Anhänger um das etliche vervielfachen. Endlich die in Berlin-Charlottenburg erscheinende Neue Jugend, um die sich speziell ein Kreis Berliner Künstlerjugend schart.  

Wer nicht mit der Jugend in Kontakt war, konnte über all dieses nichts Bestimmtes wissen oder erfahren. Bekannte Gewaltumstände ermöglichten dem alldeutschen System, die Kenntnis von dieser Bewegung dem Auslande vorzuenthalten. Die Jugend hat sich dadurch nicht scheu und nicht mutlos machen lassen. Sie ist zum großen Teile einig — wie gezeigt werden konnte — in dem energischsten Kampfe gegen dieses System und sein Verbrechen am deutschen Volke und der ganzen Welt. Sie weiß sich damit einig mit ihren tüchtigsten jugendlichen Führern, um die Monarchie jener Parteien zu brechen, die durch Gewalt und Macht des Säbels dem deutschen Volke, der deutschen Jugend widerrechtlich Gewissens- und Geistesfreiheit und friedliches Glück der Nation vorenthalten.

GENF JACOB FELDNER
Aus: NEUE SCHWEIZER RUNDSCHAU, WISSEN UND LEBEN
XI.Jg., Dez.1917, Heft 5, S.209-218 und Heft 6, S.304-312



 

Literatur zu Jakob Feldner

  • Berg, Hubert van den: Avantgarde und Anarchismus. Dada in Zürich und Berlin. Heidelberg: C. Winter, 1999.
  • Buber, Martin: (Hg.): Gustav Landauer. Sein Lebensgang in Briefen. 1929.
  • Buber, Martin: Pfade in Utopia. 1950.
  • Feldner, Jakob: Akten im Staatsarchiv München, Abteilung Kriegsarchiv.                
  • Feldner, Jakob: Deutsche Jugend und Weltkrieg. Zürich: Orell Füssli, 1918.
  • Feldner, Jacob: Deutsche Jugend und Weltkrieg. In: Neue Schweizer Rundschau, 11. Jg, Heft 5, S. 209-218 und Heft 6, S. 304-312.
  • Feldner, Jakob: Östliche Agrarpolitik. In: Almanach der Freien Zeitung. Bern 1918, S. 216-220.
  • Fiedler, Gudrun: Jugend im Krieg. Bürgerliche Jugendbewegung, Erster Weltkrieg und sozialer Wandel. Schwalbach 1989.
  • Graf, Oskar Maria: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis. Wien/München/Basel 1965.
  • Hodann, Max: Schriften zur Jugendbewegung. Leipzig 1916.
  • Hodann, Max und Koch, Walther: Die Urburschenschaft als Jugendbewegung. Jena 1917.
  • Hodann, Max (Hg.): Beiträge zur Naturgeschichte des Krieges. Berlin 1919.
  • Kindt, Werner: Dokumente der deutschen Jugendbewegung, Band 2. Die Wandervogelzeit. Köln 1968.
  • Koch, Friedrich: Sexualpädagogik und politische Erziehung. München 1975.
  • Kurella, Alfred: Unterwegs zu Lenin. Erinnerungen. Berlin, Verlag Neues Leben, 1967.

Kurella, Unterwegs, S. 32: In die Tätigkeit des Zensors teilte ich mich mit einem anderen jungen Genossen, der der persönliche Sekretär der Münchner Kommunistischen Partei war. ...

33 "Ich suche jemanden, der für uns wichtige Nachrichten nach Moskau zu Lenin bringt. Hast du Lust?" ...

34 Ich bat um Erlaubnis, meinen Münchner Genossen Ludwig [Jakob Ludwig Feldner!], der in ähnlicher Lage war wie ich, mitnehmen zu dürfen. ...

84 Da wohnte ich nun also im Kreml, dieser grossen, von hohen, mit vielen Türmen geschmückten Mauern umgebenen Burganlage im Herzen der Hauptstadt des alten Zarenreiches, die nun die Hauptstadt der russischen Revolution, wie wir damals noch sagten, geworden war. Ich hauste sogar im Herzen des Herzens, im Zarenschloss. ... Ich hatte keine Vorstellung, wie es weitergehen sollte. Ein paar Tage später

85 trennte sich auch Ludwig von mir. Eine andere Parteistelle hatte inzwischen Kontakt mit ihm aufgenommen.

  • Linse, Ulrich  Hochschulrevolution. Zur Ideologie und Praxis sozialistischer Studentengruppen während der deutschen Revolutionszeit 1918/19. In: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 14, 1974.
  • Linse, Ulrich: Die Kommune der deutschen Jugendbewegung. München 1973.
  • Müller, Hermann: Friedensbotschafter der Jugendbewegung. Jakob Feldner. In: Monteveritana 2/1993.
  • Mogge, Winfried/Reulecke, Jürgen (Hg.): Hoher Meißner 1913. Schwalbach 1988.
  • Preuß, Reinhard: Verlorene Söhne des Bürgertums. Linke Strömungen in der deutschen Jugendbewegung 1913-1919. Köln 1991.
  • Recknagel, Rolf: Ein Bayer in Amerika. Oskar Maria Graf: Leben und Werk. Berlin 1977.
  • Rolland, Romain: Zwischen den Völkern. Aufzeichnungen und Dokumente aus den Jahren 1914-1919. 2 Bde. Stuttgart 1954/55.
  • Wolf, Wilfried: Max Hodann (1994-1946). Sozialist und Sexualreformer. Hamburg 1993.

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