Erich Mühsam


Inhalt:

1. Mühsam auf dem Monte Verità

2. Mühsams Verstoßung

3. Drei Dichter im Walde

4. Mühsams Schönheit

5. Mühsams Wandlung

6. Literatur zu Mühsam

 Erich Mühsam auf Wikipedia


1. Erich Mühsam auf dem Monte Verità

Am 13. Mai 1906 schreibt Erich Mühsam an seine Eltern:

Seit 8 Tagen bin ich wieder in Ascona, und stecke bis über die Ohren in Arbeit. Es sollen in diesem Jahre noch 3 Bücher von mir herauskommen; außerdem besorge ich die sehr schwierige Aufgabe der Herausgabe der Aufzeichnungen des hier lebenden Naturphilosophen Carl Gräser, über den Ihr in meiner Ascona-Broschüre ja schon gelesen haben werdet. Dabei muß ich mich mit allen Arbeiten - vor allem eilt die Herausgabe eines neuen Gedichtbandes, den mein Münchner Verleger drängend erwartet - außerordentlich sputen ... (Posaune 63f.)

Wer ist dieser Carl Gräser, dessen Schriften Mühsam trotz drängender eigener Projekte seine Zeit und Arbeitskraft widmen will?

Es handelt sich um den Bruder des Dichters, Malers und Naturpropheten Gusto Gräser. Gusto war es gewesen, der nach seiner Wandlung und Berufung den vier Jahre Älteren, damals Berufsoffizier, für seine Überzeugungen gewonnen hatte. Karl verließ den Militärdienst, schloß sich den Wanderungen seines Bruders an und begründete zusammen mit ihm und anderen im Herbst 1900 eine inidvidualistisch-vegetarische Siedlung auf dem Monte Verità bei Ascona. Von Anfang an bestanden grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gebrüdern Gräser und ihren Freunden einerseits und der Gruppe um den belgischen Millionärssohn Oedenkoven andererseits, Meinungsverschiedenheiten, die sich bald als unüberbrückbar erwiesen. Während Oedenkoven eine ökonomisch rentierende Naturheilanstalt anstrebte, schwebte den Gräsers eine naturfromme Lebens- und Liebesgemeinschaft vor Augen. Ohne Verwendung von Geld, ohne Privatbesitz, auf technische Hilfsmittel soweit wie irgendmöglich verzichtend, in Selbstarbeit sich selbst versorgend und damit weitgehend unabhängig von Gesellschaft und Staat sollte hier eine Keimzelle und Zitadelle der neuen Natur-Religion entstehen. Folgerichtig kam es schon im Laufe des Jahres 1901 zur Spaltung der Gründergruppe: hier der gemäßigt lebensreformerische Oedenkoven, der sich sein Sanatorium aufbaut, dort die Gebrüder Gräser, die ihre Vorstellung einer radikalen Umkehr auf eigenem Grund und Boden verwirklichen wollen: Karl in seinem Landgut auf Monte Verità, Gusto auf der Wanderschaft und auf dem ihm geschenkten Grund um eine Höhle bei Arcegno.

Auf diese doppelgesichtige Kolonie stößt im Frühjahr 1904 der mit seinem Busenfreund Johannes Nohl in Italien vagabundierende Jungschriftsteller und Anarchist Erich Mühsam. Ein guter Bekannter und Gesinnungsgenosse aus Berliner und Friedrichs-hagener Tagen, der Arzt und ehemalige sozialdemokratische Stadtverordnete Raphael Friedeberg hatte ihn auf den Berg gelockt, wo Mühsam zunächst einmal zur Kur und Erholung in das Sanatorium von Oedenkoven gesteckt wurde. Nicht lange hielt er dort aus; Kotelett und Wein im Dorfe waren verlockender, die konsequent naturnahe und antiautoritäre Lebenshaltung Karl Gräsers überzeugender und ihm sympathischer. Mühsam, der erste deutsche Chronist des Monte Verita, ergießt in seiner 1905 geschriebenen 'Ascona'-Broschüre seinen Spott über Oedenkoven und dessen Sanatorium, er schlägt sich auf die Seite jener "paar Ausnahms-Deutschen ... derentwegen ich dieses weisse Papier mit Tinte schwarz färbe", auf die Seite der Gräsers. (Ascona 9). Aus seiner Schrift:

Ich komme jetzt zu den Sezessionisten der "Monteverita", zu den Mitbegründern der ursprünglichen vegetarischen Gemeinschaft, die aus der Umwandlung in ein Sanatorium die Konsequenz zogen, und ich beginne mit der interessantesten, tiefsten und bedeutendsten Persönlichkeit unter allen Colonisten, Carl Gräser. Dieser Mann, der einmal Offizier gewesen ist, lebt jetzt mit seiner Frau Jenny Gräser auf einem ziemlich umfangreichen Grundstück, das die Beiden durch ihrer eignen Hände Arbeit bewohnbar gemacht haben. Es ist ihr Stolz, möglichst alles, was sie zum Leben nötig haben, selbst herzustellen. Sie begnügen sich daher mit den primitivsten Bedarfsmitteln und lehnen es fast prinzipiell ab, den gemeinhin üblichen Tauschverkehr mit der Aussenwelt durch Geldmünzen zu bewirken.

Gräser ist der erste Mensch, der mir begegnet ist, der mit starrer Konsequenz das was er theoretisch als richtig erkannt hat, in die Praxis umsetzt. Es gibt köstliche Anekdoten, wie sich das seltsame Paar prinzipiengetreu mit den ärgerlichen Einrichtungen ihrer Umwelt abfand.

Frau Gräser, die über eine sehr schöne Stimme verfügt, musste einmal einen Zahnarzt aufsuchen: sie bezahlte den ihr geleisteten Dienst mit dem Vortrag einiger Lieder. Soll etwas, was die beiden nicht allein herstellen können, erhandelt werden, so gehen sie mit selbstgezüchtetem Obst nach Locarno und Bellinzona und werden mit dem Kaufmann über den Tausch stets einig.

Was aber irgend selbst geschaffen werden kann, das erhandeln sie nicht von andern. Ich traf Gräser einmal an, als er damit beschäftigt war, sich aus einem Stück rohen Holzes einen Esslöffel zu schnitzen, ein andermal verfertigte er gerade ein Paar Sandalen.

Diese Arbeiten begleitet er mit allgemeinen Betrachtungen und Sentenzen über die Schönheit der Natur, über seine persönliche Beziehung zum Weltganzen und über seine selbstgefundenen Erkenntnisse. (Ascona 29f.)

Wir aber begleiten einige seiner Zeitgenossen zu Haus und Garten des Karl Gräser, um zu sehen was Mühsam sah, aber nicht berichtet oder nur andeutet.

A- Der Mann auf seinem Land

Schon vor Mühsam, im Sommer 1903, hat der Journalist Angelo Nessi den Berg bestiegen.

Im März 1905, also im selben Zeitraum wie Mühsam, kam ein gewisser Dr. E. Dennert, ein Theologe, zu mehreren Besuchen auf den Monte Verità. Er berichtet einige Jahre später in einer Zeitschrift:

Das Besitztum des Herrn G. lag vor uns. Am Eingang steht ein altes Mauerwerk, das mit Holzbrettern weit überdacht ist. [Die von Gusto Gräser so genannte "Ruh-inne", heute "Casa Bambu"]. Etwas weiter abwärts befindet sich eine zweite Hütte. [Vermutlich die Vorgängerin des 1906 ausgebauten und heute noch erhaltenen Haupthauses "Casa Francesco".] ... Unten erschien der Herr der Ansiedlung. Zum Glück war er bekleidet. Auf dem Rücken trug er einen kleinen Jungen [den adoptierten Habakuk, von dem auch Mühsam erzählt]. Sein Aussehen erinnerte etwa an Robinson, wenn er auch kein Fell trug, sondern eine schäbige gestrickte Wolljacke. ... Der Mann trug Sandalen, die er selbst gemacht hatte: einige Lederstücke waren grob zusammengenäht, so daß ihn meine Frau mitleidig fragte, ob ihn die dicken Nähte nicht drückten. Langes, lockiges Haar fiel auf die Schultern herab, das volle und gesundrotwangige Gesicht war von einem kurzen braunen Bart umrahmt. (126) - Wir sahen uns noch ... den Schlafraum an. Er bestand in dem oberen Teil der Steinhausruine, der ein großes Dach und zwei Seitenmauern hatte, nach vorn jedoch ganz offen war. Gewiß recht luftig und frisch! Hier lagen 3 Strohmatratzen auf dem Boden. Bettstellen waren nicht vorhanden, die Decken hingen an Seilen zum Lüften. Jede Bequemlichkeit fehlte. (135)

Ein 1906 in der "Deutschen Zeitung" erschienener Artikel ergänzt:

Selbst im Winter mit völlig unzureichender Kleidung schliefen sie bei allen Unwettern in ihrer gänzlich offenen Ruine, durch die zeitweise der scharfe Wind von den Schneealpen her blies und der Regen und Schnee von allen Seiten Zutritt hatte.

B- Frau Jenny

Zu der Gründergruppe des Monte Verità, die zu Fuß über die Alpen zog , um im Süden geeignetes Land zu finden, gehörten die beiden Schwestern Jenny und Ida Hofmann. Ida war Erzieherin gewesen, Jenny eine begabte Sängerin. Der Bruch, der die ursprüngliche Gemeinschaft spaltete, brachte auch die Schwestern auseinander. Ida, die sich mit Oedenkoven verbunden hatte, konnte oben im Sanatorium einen bürgerlichen Lebensstil, wenn auch reformerisch gemäßigt, weiterführen; Jenny, die sich Karl als Lebensgefährtin anschloß, war weitaus härteren Belastungen ausgesetzt. Die Auslassungen der meisten Beobachter über sie sind denn auch von Mitleid und harscher Kritik, ja Anklage gegen ihren Mann geprägt.

"Wir gingen zur Hütte hinab", schreibt Dennert, "aus ihr trat Frau G. heraus, sie sah wie eine Arbeiterfrau aus, das Haar hing ihr in Strähnen um den Kopf, sie trug eine blaue Arbeiterschürze." Er bemerkt, als wohlsituierter Bürgersmann, mit Schaudern "ihre rauhen schwieligen Hände, die einst wohlgepflegt und zart, die Kennzeichen höheren Standes gewesen waren" (126) "Auf seine jetzige Frau hat er [Karl Gräser] eine derartig faszinierenden suggestiven Einfluß ausgeübt, daß sie ihm in die Einöde folgte und nun mit ihm als sein Weib, ohne Traunung, ohne Standesamt lebt. Wir sahen ein früheres Bild von ihr: ein anziehendes junges Mädchen in elegantester Toilette. Sie hatte in den ersten Gesellschaftskreisen gelebt und dieselben durch ihre herrliche Stimme begeistert - und jetzt? (125f.)

Die Puppenmacherin Käthe Kruse, eine Zeit lang Nachbarin der Gräsers, erlebte Jenny so:

Ein Schatten der Tragik lag über dieser Frau. Durch die harte körperliche Arbeit, die sie leistete, war die Möglichkeit der Mutterschaft in ihr zerstört. Das aber konnte und wollte sie nicht begreifen und nährte in sich eine unsinnige Hoffnung. Bei unserem Zusammentreffen setzte sie mir auseinander, es müsse möglich sein, ein Kind zu bekommen, wenn man es nur richtig zu wünschen vermöge - ein Kind, rein vom Himmel oder ganz aus sich selbst heraus! Allein am Glauben liege es, der ja Berge versetzen könne. Sie sah mich mit einem Blick an, dass mir unheimlich zumute wurde, und G. pflichtete ihr ernst bei: "Alles kommt, wenn wir reif dazu sind. So wird auch eines Tages das Kind kommen." (Kruse 62f.)

Im Januar 1903 hatte Jenny eine Fehlgeburt gehabt. Zwei Jahre später machten sich erste Anfälle von Wahnsinn bei ihr bemerkbar, sie mußte sich in Behandlung ihres Schwagers Oedenkoven begeben. Verständlicherweise fiel das Urteil ihrer Schwester Ida noch härter als das von Käthe Kruse aus. Mit schneidenden Worten geißelt sie "die suggestive Kraft, mit welcher er [Karl Gräser] das sich ihm anvertrauende Weib zur Befriedigung seiner egoistischen Zwecke in seinen Fanatismus zu verstricken, es als Arbeitstier auszubeuten und finanziell zu schädigen gewusst, bis das vor 4 Jahren blühende Geschöpf, welches, umgeben von Kunstsinn und geistiger Anregung aufgewachsen, als willenloses Werkzeug seiner verrückten Ansichten, Handlungen und seiner rückschrittlichen Lebensweise, zur Ruine wurde". (Ida 96)

Tatsächlich mußte Frau Jenny einige Zeit später nach wiederholten Tobsuchtsanfällen und Selbstmordversuchen in eine Wiener Irrenanstalt gebracht werden, wo sie anscheinend bis zu ihrem Tode verwahrt blieb. Umso überraschender und geradezu schönfärberisch oder blauäugig naiv muß die folgende Schilderung des sonst so kritischen Erich Mühsam erscheinen - ein Indiz dafür, wie sehr er für die Person und die Ideen des Karl Gräser eingenommen, ja voreingenommen war.

"Frau Jenny paßt vorzüglich zu ihm. Sie ist ein echtes Weib und als solches imstande sich in den Ideengang des Mannes, den sie liebt, völlig hineinzutasten. Das ist ja die beste Eigenschaft der Frauen, dass sie sich mit ganzer Seele und ganzem Geist ihrem Manne hingeben können und daher rezeptiv Gedanken und Lehren schneller in sich aufnehmen, als es manchem productiven und scharfsichtigen Mannesgeist möglich ist, die Einsichten eines anderen zu begreifen.

Karl und Jenny Gräser sprechen miteinander gradezu in einer eigenen Terminologie, sie hat sich seiner Art mit so taktsicherem Verständnis angepasst, dass er ohne sie jetzt fast so wenig zu denken ist wie sie ohne ihn. Seit einiger Zeit haben sie ein Kind zu sich genommen, den vierjährigen Sohn einer bekannten sozialistischen Frauenrechtlerin, die plötzlich katholisch geworden ist. Denn die Gräsersche Ehe ist kinderlos." (Mühsam: Ascona 33)

C- Habakuk und die antiautoritäre Erziehung

"Der kleine Habakuk, den Namen haben Gräsers ihrem Pflegesöhnchen beigelegt, der ein ausnahmsweise intelligentes und schönes Kind ist, geniesst die freieste Erziehung, die man sich vorstellen kann, das heisst gar keine Erziehung. Ihm wird nichts befohlen und nichts verboten, er darf schlafen und essen, soviel und wann er will und herumtollen, wo und wielange es ihm nur Spass macht. Was aber das schönste ist: seine Pflegeeltern nehmen ihn völlig ernst. Man dressiert ihn nicht, wie es deutsche Bourgeoisfamilien mit ihren Kindern tun, zu artigen Kunststücken und konventionellen verlogenen Redensarten, die er herleiern müsste, wenn Besuche kommen, sondern er sitzt mitten zwischen den Erwachsenen, und wenn er eine Bemerkung zu machen oder eine Frage an jemand zu richten hat, so wird ihm mit demselben Ernst, mit derselben Achtung zugehört und geantwortet wie jedem Grossen.

Wie widerwärtig ist es doch, Kinder, denen etwas geschenkt wird, zum Danke sagen zu zwingen, ehe sie fähig sind, ein Gefühl der Dankbarkeit zu empfinden. Mir verekelt es jede Gabe an ein kleines Kind, wenn es mir mit solchen angelernten Lügen antwortet. Wenn es sich wirklich über mein Geschenk feut, so weiss es sein Gefühl schon zu äussern und zwar herzlicher und ehrlicher als so ein Berlin-W-Fratz, der da, wo ihm die Lüge aus dem Herzen kommt, wo er aus seiner reinen Kinder-phantasie heraus allerliebste Lügen erfindet, wie für ein Todverbrechen geprügelt wird.

Die Erziehung des kleinen Habakuk zu beobachten, wirkt dieser innerlich verlogenen Verbildung des Kindergemütes gegenüber, wie sie die besten Eltern im besten Glauben betreiben, einfach erlösend." (Ascona 34f.)

2. Mühsams Verstoßung

"Ascona war also um die Jahrhundertwende der zentrale Kultort der 'Mutter Erde' in ihrer ursprünglichen agrarischen Bedeutung. Hier war der Ort der 'tellurischen Theophanie', an dem sich die Jünger dieser Gottheit – die Vegetarier – trafen und der neuen Demeter huldigten. ... Aus den härenen Lebensreformern und Trägern des 'Lichtkleides' (Nacktkultur) der Asconeser Gegenkultur schuf so die Phantasie einen heilenden Mittelpunkt der Weisheit mitten im Lande der Barbarei."

So Ulrich Linse in einem Aufsatz über Erich Mühsam und Ascona (in Szeemann 30). In Ascona habe sich Mühsam von Landauers genossenschaftlichem Siedlungsmodell abgekehrt und "eine neue sozio-ökonomische und spirituelle Begründung der Revolution" entwickelt. "Ascona setzte bei ihm, gerade wegen des dort wohnenden individualistischen, für keinerlei genossenschaftliche Bildungen brauchbaren Menschenschlages eine andere Utopie frei" (ebd. 33).

Mit den letzten beiden Sätzen zielt Linse unübersehbar auf Karl Gräser, der von der ursprünglichen Genossenschaft sich getrennt hatte und dessen "andere Utopie" Mühsam übernimmt. Der sieht jetzt im individualistischen Rebellentum der Künstler, der Aussteiger und des sogenannten Lumpenproletariats den Mutterboden für eine "ideale Menschheits-kultur" (zit. in Szeemann 35): "Verbrecher, Landstreicher, Huren und Künstler – das ist die Bohème, die einer neuen Kultur die Wege weist" (Mühsam zit. in Szeemann 34).

Das Vorbild und den Entwurf dazu hatte der Siedler Karl Gräser geliefert. Seine Konzeption von Siedlung bestand laut Ida Hofmann in der Absicht und tatsächlichen Praxis: "Allen im Lebenstrubel zu Schaden Gekommenen, unter der kapitalistischen Ausbeutung leidenden Existenzen soll zufolge Karl's communistisch-colonistischen Prinzipien und ... Bestrebungen zur Lösung der sozialen Frage bei uns geholfen werden" (Hofmann 27).

Das heißt: Mühsam übernimmt von den Gräserbrüdern das Ideal der Liebeskommune, löst dieses allerdings von seiner lebensreformerischen und spirituellen Basis ab. "Mühsam entwickelte solche Gedankenverbindungen zum ersten Mal in seiner Asconeser Zeit" (Linse in Szeemann 34).

So weit ist Linse sicher zu folgen. Fraglicher wird seine Darstellung, wenn er behauptet, "daß Mühsam in seiner Revolte gegen die strafend verfolgende Welt der Väter in Ascona die 'Mutter Erde', die für alle Raum hat, symbolisiert sieht" (a. a. O., S. 35).

Es ist wahr: Linse bezieht sich damit auf eine Aussage Mühsams am Ende seiner Ascona-Broschüre, wo er hofft: "Vielleicht wird Mutter Erde hier (in Ascona) auch denen einmal Raum gewähren, denen sich gegen Knechtschaft und Vergewaltigung in echtem Grimme der Mensch aufbäumte" (Mühsam 59). Aus einer Kolonie der Lebensreformer soll nach Mühsam eine Kolonie der Rebellen werden – und das im Zeichen der "Mutter Erde".

Auch damit erweist er sich als ein Schüler von Karl Gräser, der sich "Erdenbürger von Ascona" nannte, dessen Redeweise er kurzfristig übernimmt. "Wir gehören zur Erde, zur Natur, die uns umgibt, und wir müßten leben wie diese!", überliefert ein Besucher die Worte von Karl. "In seinen Reden spielte andauernd die gute Mutter 'Natur' eine Rolle" (Dennert 127f. und 129). Mühsam selbst nennt ihn einen Naturphilosophen (Mühsam 30).

Freilich: Genügt seine einmalige Berufung auf "Mutter Erde", um von einer "Utopie der lebensspendenden Erde" bei Mühsam zu sprechen (Linse 35)? Hat, anders gesagt, Mühsam in Ascona wirklich zu Mutter Natur gefunden? Schenkte ihm die Landschaft Kraft, Ermutigung, gar Vision und Inspiration, wie dies bei Karl und Gusto Gräser der Fall war? – Dies soll anhand von Gedichten untersucht werden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Ascona entstanden sind: an Gedichten von Mühsam einerseits, und, vergleichend, an Gedichten von Gusto Gräser andererseits.

Wer auf dem oberhalb des Monte Verità sich erhebenden Hügel, dem altkeltischen Baladrume, auf einen der lichten Felsvorsprünge hinaustritt und nicht hinunter zum See sondern nach Nordosten blickt, bergwärts, über das Dörfchen Arcegno hinweg, der wird sich verwundert, ja fast schon erschreckt die Augen reiben. Gibt es das? oder sehe ich eine Fata Morgana? Zeigt sich ihm doch inmitten der schroffen, scharfkantigen Gipfel und Abstürze der Südalpen eine auffällig sich abhebende Zone: rundhöckrige, abgeplattete Felsformen, Termitenhügeln oder Bienenkörben ähnlich, an afrikanische Szenerien erinnernd und wohl deshalb von einer exotischen Magie.

Besieht man diese hellfarbigen Pilzhüte etwas mehr aus der Nähe, so gewahrt man auf ihrem nahezu platten oder abgeschrägten Dach, wie eingefrorene Boote in einem steinernen Meer, zeichenhaft wirkende Steingetüme, Hünensteine, gewaltige Naturmale. Ob sie von der Witterung so herausgewaschen wurden oder von frühen Menschen bewusst so gesetzt, niemand weiß es. Der Ort atmet etwas von einer Kultstätte, einem Felsentheater der Vorzeitmenschen. Eine einstige keltische Burg, Baladrume - Ort der Tanztrommel - genannt, liegt ganz in der Nähe.

Nüchtern betrachtet handelt es sich um das Strombett eines Gletschers, der wie ein Hobel über die Landschaft gegangen ist, die Felsen abgeschliffen und wuchtige Findlingsblöcke hinterlassen hat. Hesse wird diese abgelegene, früher schwer zugängliche Gegend, die bis in die Vierzigerjahre des letzten Jahrhunderts von keinem Fahrweg erschlossen war, als ein "verlorene(s) Stück Urwelt" bezeichnen (GW VI, 326).

In diesem verlorenen Stück Urwelt, einer heroischen Idylle aus grünen Almen, kleinen Seen, lichten Wäldern, braungelben Felskuppen, sprudelnden Quellen und Wasserfällen, auf engem Raum zusammengefasst wie die Naturbühne eines Freilichttheaters – in dieser malerischen Landschaft hatte nicht nur Gusto Gräser sich niedergelassen, in ihr bewegten sich auch Erich Mühsam und Johannes Nohl. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Freundin Lilly Lenz besuchten, die in der Wildnis ein primitives Steinhaus bewohnte. Die Mühle von Arcegno-Ronco, Hauptsitz der asconeser Anarchisten, lag (und liegt) nur ein Viertelstündchen Fußwegs entfernt. Auch Otto Groß dürfte sich gelegentlich auf die pathetische Felsterrasse verirrt haben, die, im Unterschied zu der im Wald versteckten Mühle, eine großartige Aussicht auf den See und die Bucht von Locarno bietet.

Wie hat Mühsam diese Szene erlebt? Daraufhin befragen wir seinen Gedichtband 'Der Krater', der 1909 in Berlin erschienen ist und, Johannes Nohl gewidmet, seine seit 1904 entstandenen Gedichte enthält. Da Mühsam zwischen 1904 und 1907 die Sommermonate jeweils in Ascona verbrachte, im Urlaub gewissermaßen von Großstadt und Broterwerb, in seiner Sommerfrische, dürfen wir wohl annehmen, dass die Stücke, in denen von Berg, Fels und See die Rede ist, diesen Aufenthalten ihre Entstehung verdanken. Es handelt sich um ein Bündel von mindestens einem halben Dutzend, in Wirklichkeit sicher noch mehr Gedichten.

Nehmen wir, aufs Geratewohl, eines dieser Gedichte.

Dumpf sengt die Mittagssommerglut.

Schwer ächzt das Hirn im Druck der Schädelschale.

Der Hals staut unterm Adamsapfel Blut,

und auf der Stirn stehn schmutzige Schweißesmale.

Der Himmel gähnt in schattenlosem Blau;

der See schnappt faul nach grellen Strahlenbrocken;

der Berge schläfrig regungsloser Bau

glotzt in den Tag, - gelangweilt, träg und trocken.

Und all in dieser peinvoll heißen Not

kein Geld, um mich im Wirtshaus zu erfrischen.

Denn ach, wo Gottes Gnade uns umloht,

steckt meistens auch des Teufels Hand dazwischen.

(Der Krater, S.18)

Sehen wir nun zu, wie Gusto Gräser diese Landschaft erlebt:

Weil Du gar so heilig bist – Bergwaldwildnis – sei gegrüßt!

Wärmer, wie Dein Wehn ich spür, wärmer wird’s ums Herze mir,

denn es lernet wieder lieben.

Wolken wallen silbergrau überland – o Seele, schau,

wo die Birken glänzen –

wie das Licht dort Zauber webt, golden um die Lauben schwebt

an des Tales Grenzen.

Unten dort im duftgen Raum, schau den wunderalten Baum

in dem Wolkenschatten.

Dunkel ragt sein Heldenhaupt, lustvoll, kühn und queckumlaubt

aus den sonngen Matten.

Mitten dort im Sonnengrün – dass ich nicht der Felsen bin –

wie sie den umkosen!

Heidekraut und Brombeerstrauch und die Efeuherzen auch

und die wilden Rosen!

Wildnis – heiliges Gesicht! Deine Schöne fass ich nicht,

doch mit meinen Augen

muss ich mich, o Schauerglück, saugen, Du,

an Deinen Blick!

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Und nicht, dass hier mit Absicht Extreme gegeneinander gestellt worden wären! In der ganzen Palette der Ascona-Gedichte von Mühsam sowohl wie Gräser werden wir immer wieder die selben unterscheidenden Merkmale finden. Gräser ist begeistert, ergriffen, hingerissen, erblickt in der Wildnis ein "heiliges Gesicht", hört "heiliges Tönen", atmet "Gottheitodem", spürt "heilgen Weltenwillen", spricht von "Wonne", "Seligkeit", "Schauerglück", erfährt Geborgen-heit, Ruhe, Ermutigung, Behagen. Er jubelt, er jauchzt.

Mühsam erlebt die Naturerscheinungen um Berg und See – ein Gnade Gottes, wie er zugesteht – als körperliche Belästigung und Belastung: schmutziger Schweiß rinnt ihm von der Stirn (unpassende enge Kleidung, luftloses Schuhwerk!), das Blut staut sich ihm im Hals (steifer Kragen!); der Himmel – ein Gähnen, der See – faul, die Berge glotzen. Die Natur spiegelt sein körperlich-seelisches Unbehagen.

Ganz entsprechend auch in anderen Gedichten. Da weht eine "gähnend warme Luft ... und aus den Felsen quillt ein trüber Duft / von bangverschwiegenem Kreaturenleid". Sein Schritt hallt scheu, "als ob aus dumpfem Grab / das dumpfe Röcheln einer Quelle rief" (S.29).

Selbst die Quellen röcheln wie in Todesnot. Ganz anders bei Gusto Gräser:

Berge, bis ins Kleinste groß – Berge, mein Entzücken,

hier in eurem seelgen Schoß weichet alles Drücken.

Hier bei eurem Felsenquell

wird mir hell!

Auch der blaue See bringt Mühsam keine Erleichterung, keinen Genuss, er trägt im Gegenteil geradezu dämonische Züge:

... Mir graust,

und Augen und Haare tun mir weh.

... Das graue, zischende Wasser

spielt um meinen Fuß. Eine Welle leckt

meinen Knöchel und schlängelt sich an mein Bein,

könnt ich doch schrein!

Doch mein Mund ist stumm, und der Leib ist feucht,

lautlos aus der Brust das Entsetzen keucht.

(Der Krater 17)

Dieses Grausen und Entsetzen wiederholt sich immer wieder. Aus den Wurzeln der Bäume "ächzt erstarrte Qual" (13). "Kahle Äste recken / sich hoch wie Finger einer Totenhand" (11). Das Licht des Vollmonds ist bleich und giftig (15). "Lawinen des Leides" stürzen von den Bergen (21). Lawinen des Leides!! Der Mond ist krank, der Himmel geil. Selbst die Sterne haben keinen Glanz:

Entglänzte Sterne stierten feucht und faul

und husteten aus alterssiecher Lunge.

Krankleuchtend aus zerfetztem Wolkenmaul

hing gelb der Mond, des Himmels geile Zunge.

(Der Krater 39)

Genug des Quälenden! Es sind die Qualen eines kranken, zerrissenen Menschen. Und dann scheint er doch einmal trotzig entschlossen, den Weg Gusto Gräsers zu gehen. Oder wenigstens, sich ihm zu nähern:

Ich will alleine über die Berge gehn,

und keiner soll von meinen Wegen wissen ...

Ich will alleine über die Berge gehn,

mein Lied soll ungehört am Fels verklingen ...

Ich will der Welt entsagen,

und will alleine über die Berge gehn.

(Der Krater 10)

Das bleibt eine Anwandlung ohne Folgen. Mühsam geht nicht in die Berge sondern zurück in die Städte, wo er in Cafés und Kaschemmen sich unter seinesgleichen fühlt. Von einer Vision und Utopie der lebenspendenden Erde kann also nicht die Rede sein.

Die finden wir bei Gusto Gräser, der allein über die Berge ging, und dessen Lieder ungehört im Fels verhallten.

Quellen:

Gräser, Gustav A.

Im Bergschoß. Manuskript im Nachlass.

Dennert. E.

Die Anachoreten von Askona. In: Neue Christoterpe. Halle a. S. 1909, S. 109-139.

Hesse, Hermann

Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Frankfurt/M. 1970.

Hofmann-Oedenkoven, Ida

Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung. Lorch 1906.

Linse, Ulrich

Der Rebell und die "Mutter Erde": Asconas "Heiliger Berg" in der Deutung des anarchistischen Bohemien Erich Mühsam. In: Harald Szeemann (Hg.), Monte Verità. Berg der Wahrheit. Mailand 1978, S. 26-37.

Mühsam, Erich

Ascona. Eine Broschüre. Locarno 1905.

Mühsam, Erich

Der Krater. Berlin 1909. Neudruck Berlin 1977.


3. Drei Dichter im Walde

Erich Mühsam, Gusto Gräser, Hermann Hesse

In der Zeit um 1907 wandelt ein Trio von jungen deutschen Dichtern in den Wäldern um Arcegno: Erich Mühsam, Gusto Gräser, Hermann Hesse. Es ist nicht die Landschaft allein, die sie suchen und die sie inspiriert. Sie sind keine Spaziergänger, keine Touristen, auch keine Alpinisten. In diese unwegsame, einsame Gegend, wild und herb und abgeschlossen, verirrt sich nur, wer die Stille sucht und die Einsamkeit. Alle sind sie Mitte oder Ende der Zwanzig, alle liegen sie im inneren Streit mit ihren Vätern und den Zwängen der Tradition, keiner von ihnen ist bereit, sich in eine ordentliche Berufslaufbahn zu fügen, alle sind sie auf der Suche nach sich selbst, nach dem eigenen Weg. Sie sind Suchende, Sinnende - Einsiedler auf Zeit.

Was diesen Platz für ihre Bedürfnisse so geeignet macht: dies ist kein lichtloser Wald, hier breitet sich auch nicht kantiges Gestein oder rutschiges Geröll in schattenloser Sonne. Zwischen lichten Waldflecken breiten sich kleine Almen aus, verlassene Steinhäuser bieten freies Obdach, Quellen und hölzerne Brunnen fließen. Steige und Stufen führen zu fast ebenen oder flach gerundeten Fels-plateaus, auf denen sich, wie auf den Wiesen, herrlich ruhen lässt, mit dem Fernblick auf blaue Gipfel und blauen See. Kleine Weiher und Wasserfälle laden zum Baden ein. Höhlen und Felsvorsprünge bieten bei Unwettern Schutz.

Idyllik pur, in herbe Wildnis eingebettet. Was suchen, was finden die Dichter an diesem Ort? Was erzählen uns ihre Gedichte?

Gräser fand in dieser Landschaft, im Gespräch mit Berg und Baum, die Wegweisung für sein Leben: "Wildnis – heiliges Gesicht". Bis zum Ende seiner Tage ist er ein Lobredner und Anwalt der Wildnis geblieben, hat für "Wildung" geworben als dem schöpferischen Gegenstück zur traditionsbestimmten "Bildung". Nicht dass er uns in Urzeiten hätte zurückführen wollen: wir sollen "Wildung und Bildung trauen". Differenzierung im Fortschritt und Rückbindung an die Ursprünge sollen sich die Waage halten. Für Gräser sind die Felsen von Arcegno die Urszene seiner Vorstellungswelt, der Geburtsort seiner Ideen und die Wurzeln seiner Kraft geworden.

Nicht so für Mühsam. Zwar wollte auch er zeitweise "über die Berge gehn". Doch wo Gräser das Heilige fand, da begegneten ihm in den Gewalten der Natur nur die eigenen Ängste und Bedrückungen, die entfesselten Dämonen seines Innern. Er stapft "vor der Angst des Lebens her, / auf unsern letzten Daseinsmut bedacht, / daß er das bleiche Graun des Spuks besiegte" (Der Krater, S.39). Mühsam flieht vor dem Graun zurück in die Städte.

Und Hermann Hesse? Wir kennen seine Erzählung 'In den Felsen. Notizen eines "Naturmenschen"', in der er von seiner Einsiedlerzeit bei Gusto Gräser berichtet. Aber gibt es auch Gedichte von ihm, die in dieser Zeit und an diesem Ort entstanden sind?

Überraschenderweise ist uns kein Gedicht aus dieser Zeit überliefert, jedenfalls keines, das auf die Landschaft oder auf Natur überhaupt Bezug nähme. Die zweite Überraschung: Hesses Gedichte im zeitlichen Vorfeld von 1907 vermitteln eine Stimmung, die der von Mühsams Gedichten nahe kommt.

Der See ist erloschen,

Schwarz schläft das Ried.

Im Traume flüsternd.

Ungeheuer ins Land gedehnt

Drohen die hingestreckten Berge.

Sie ruhen nicht.

Sie atmen tief, und sie halten

Einer den andern an sich gedrückt.

Tief atmend,

Mit dumpfen Kräften beladen,

Unerlöst in verzehrender Leidenschaft.

(Die Gedichte I, 289)

Die Berge drohen, bei Hesse. "Der niedre Himmel drohte", bei Mühsam, und die Felsen sind lauernde Hunde:

Am Wege lag ein Felsenhund, ein Späher

mit plattem Bauch und vorgeschobner Pfote.

(Krater 39)

Unerlöst in verzehrender Leidenschaft sind sie beide. Auch für Hesse ist die Erde "befleckt" (Ged. I, 294), er quält sich in Vereinsamung, Verbitterung und Resignation. Der Dichter ist "ein eingesperrtes Kind im dunklen Haus". Er "suchte Licht und fand nur finstre Enge" (ebd. 302). Sein Weg "führt über dunkle Stufen", er fragt: "Wohin? Wohin?" (ebd. 275), aber der Nachtvogel schweigt. So noch im März 1906. Doch im Dezember 1906 fasst er einen "Entschluss. Ich will nicht länger in dem Dunkel tasten / ... / Ich will mich endlich still von dieser Statt / des Grauens trennen ...

Mir ist, ich sähe einen fernen Schein

Des Lichtes durch die Finsternis mir tagen.

Das Grauen weicht, der Boden will mich tragen

Dem fernen Licht entgegen und hinein.

(Die Gedichte I, 302)

Im folgenden Frühjahr zieht er zu Gusto Gräser in den Wald von Arcegno.

Was ihn hier bewegt hat, ließ offenbar keinen Raum für besinnlich-genießende Naturbetrachtung. Kein Naturgedicht ist überliefert aus dieser Zeit, wohl aber eines, das einen ganz neuen Ton und Titel trägt: "Glück".

Man muss dazu wissen, dass Hesse in dieser Zeit zusammen mit Gusto Gräser die Bhagavad Gita gelesen hat, dass sein Freund ihn eingeführt hat in indisches Denken und in die Praxis des Fastens und Meditierens. "Die alten Inder", sagt ihm Gräser-Wirth, "die alten Inder, deren Weisheit wir verehren und zu deren Büchern und Lehren jetzt Europa zurückkehren möchte, die haben vierzig und mehr Tage fasten können.Erst wenn die leiblichen Bedürfnisse ganz überwunden und nebensächlich geworden sind, kann ein ernstliches geistiges Leben anfangen. Du sollst kein indischer Büßer werden, aber du sollst den Gleichmut lernen, ohne den keine reine Betrachtung möglich ist" (HH: Die Erzählungen I, 371).

Der Kern der Lehre, die in der Bhagavad Gita vermittelt wird, lautet: Handle ohne Ziel und Zweck. Erwarte keinen Lohn für dein Tun. Gräser hat die Weisheit der ‚Bhagavad Gita‘ zu seiner Lebenslosung gemacht, hat sie in Sprüchen weitergegeben:

Schiel nit her, ziel nit hin – und Du bist im Leben drin.

*

Und bist genesen Du vom Ziel – ist Dir der Ring gelungen,

so komm, Gesell, zum großen Spiel bist du dann wohlgelungen.

*

Darum bescheidet in Einfalt der Weise sich –

will nichts erzwingen, so zwingt ihn kein Zweck ...

*

Also, wohlauf! Was Ziel und was Zweck? Woher und Wohin?

Und lass Dich auch nimmer wurmen vom blöden Warum.

*

Was Ziel? – Allhier das Lebespiel!

Hesse hatte diese Losung gehört. Wir vernehmen das Echo in jenem Gedicht mit dem Titel 'Glück' von 1907/8.

Solang du nach dem Glücke jagst,

Bist du nicht reif zum Glücklichsein,

Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst

Und Ziele hast und rastlos bist,

Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,

Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,

Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut

Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

Die Gedichte I, 286

4. Mühsams Schönheit

Wie kam es zu der Wandlung von angeblich 1909/10, von der Kauffeldt berichtet? Wer oder was hat sie bewirkt?

Wir sprachen schon von der Not, in die Mühsam durch den Geheimbundprozess geriet. Aber die Affäre von 1909/10 kann nicht der Auslöser gewesen sein, jedenfalls nicht der einzige. Denn wir finden Anzeichen einer erstaunlichen Wandlung schon um 1907/8.

Gewisse Gedichte – schon in der Sammlung 'Der Krater' von 1909 - sprechen eine andere, eine neue Sprache. Da ist auf einmal von Reinheit und Schönheit die Rede, von Treue, von Liebe, von einem heiligen Kuss und einer glühenden Seele. Er erlebt ein seelisches Erwachen, eine Neugeburt:

Die großen Freuden, die mir in den Tiefen

von Träumen kaum bewegter Ahnung schliefen, -

sie tun die Augen auf und schaun mit Staunen

dem wachen Leben in die bunten Launen.

Die Welt ist schöner, als mein Träumen wußte,

ihr Licht ist heller und ihr Sang ist lauter.

Lebendiger ist unter ihrer Kruste

das Leben, und ihr Atmen mir vertrauter. - -

Nun sinkt das Leid in meine Träume unter.

im Glanz der Welt ist auch sein Bluten bunter.

(Der Krater 57)

So redet Mühsam in seinen Liebesgedichten an "F.G.". Gemeint ist Frieda Groß. Der Mann, der immer auch unter seiner Hässlichkeit litt, - unter den Augen ihrer Liebe fühlt er sich schön, und seine rauhe Stimme wird weich.

Doch manchmal weiß ich meine Augen schön,

weiß einen weichen Klang in meiner Stimme.

Dann seh' ich dicht vor meinem Blick die Höh'n,

zu denen ich in seltenen Träumen klimme.

Dann tasten meine Hände, weiß und schlank,

zu Quellen, die aus Schaum und Silber steigen,

und meine Lippen neigen

in heiligem Kusse sich dem reinsten Trank.

(Der Krater 58)

Welche Wandlung! Der Mann, der sonst von seinen Frauen nur als "Tierchen" redete, dem es gewöhnlich nur um sein "sexuelles Versorgtsein" ging, der sinkt jetzt in die Knie, der legt eine Rose aufs Bett der Geliebten und sieht sie als Symbol seiner Reinheit: "In ihr sollt' meine Reinheit dich beglücken" (60). Er schwört ihr Treue, er spricht vom Glühen ihrer Seelen (63) und glaubt sogar, ihre Seelen könnten "die Sünden aller Erdenwesen rächen" (66). Erlöst, fühlt er sich als Erlöser. Und während er früher im Rauschen der Quellen das Röcheln Sterbender vernahm – jetzt hört der Glücksberauschte auch noch die Gräber singen!

Mein Mund versinkt im Dufte deiner Haare,

die gleich der Nacht sich auf mein Sehnen neigen.


Ja, lausch nur meiner Liebe, Wunderbare! –

Die Gräber singen, - und die Menschen schweigen...

(Der Krater 56)

Der Meinungen seiner Mitwelt bedeuten ihm jetzt nichts mehr. Der Mann, der ein Hasser und Verächter der Menschen gewesen war, - er schämt sich jetzt seiner einstigen Seele. Er sieht die Menschen mit neuen Augen:

Ich bin der Menschheit nicht mehr gram,

seit ihr der eine Mensch gelang,

der tief in meine Seele drang,

der all mein Eignes an sich nahm.

Wie sich sein Blick ins Herz mir schrieb!

Mein Schicksal glitt in seine Hand.

Er nahm den Groll von mir. Es schwand

mein Selbst, und nur die Sehnsucht blieb. (...)

Der Krater 67

Man fragt sich unwillkürlich, ob hier wirklich noch eine Frau, ob Frieda Gross gemeint ist. Mühsam nähert sich einer religiösen Sprache, redet wie ein Erweckter.

Dein Auge sollst du senken

in meins, als wär ich Christ

und könnte Gnade schenken.

Und ich will gläubig denken,

daß du der Heiland bist.

(Der Krater 68)

Schon hier findet sich eine Identifikation mit Christus. Er erlebt eine Selbsterhöhung, eine Art Einweihung oder Erwählung,

... wo zur Nacht

ich Ewigkeit erfuhr aus Gottes Munde, -

wo ich gedichtet, was ich nie gedacht.

(Der Krater 70)

Frieda Gross schenkte Mühsam das erste große Liebeserlebnis. Und dieses Erlebnis war von anderer Art und führte in andere Welten als – soweit wir wissen – die Liebesbeziehungen von Otto Groß. Vielleicht lag darin – in dem Gespür, dass diese beiden Liebenden sich auch geistig von ihm entfernten, - der Grund für Grossens maßlose Wut. Musste er nicht einen töten, der, statt an der heidnisch befreiten "Frau der Zukunft" zu meißeln, sich als neuer, Gnaden schenkender Christus fühlte? Der nicht mehr von "neuer Ethik" sprach sondern von Gott und Ewigkeit? Der in Gefahr war, der "alten Ethik" zu erliegen? Der nicht vor Astarte kniete sondern vor Maria, einer Santa Maria Frieda, die ihn, Groß, nicht mehr ertrug, ihn beim Kollegen Jung als kranken Narren anschwärzte?

Groß hat offenbar, mit kräftiger Beihilfe von Nohl, der ebenfalls Grund zu Eifersucht hatte, dieses in seinen Augen unpassende Verhältnis zu stören gewusst. Wohl möglich, dass er den Genossen Frick für den passenderen Partner für Frieda hielt und, nach seiner üblichen Weise, ihr Zusammenkommen arrangierte.

Was Groß unter "Beziehung" verstand und Mühsam als Liebe erlebte, hatte keinen gemeinsamen Boden mehr. Indem Groß die Liebe von Mühsam und Frieda zu untergraben gelang, gelang ihm zugleich die Rückführung von Mühsam auf das von ihm propagierte Beziehungsniveau – wo von Treue, Liebe, Gnade, Reinheit, von heiligem Kuss und Gottes Ewigkeit nicht mehr die Rede war.

Nachbemerkung: Diese Deutung ist eine Vermutung, eine Möglichkeit, nicht mehr. Nach den Aussagen von Mühsam haben für seine Trennung von Frieda Intrigen von Nohl die Hauptrolle gespielt. Groß hat sie aber vermutlich nicht ungern aufgegriffen. Was nach seiner Lehre nicht sein durfte, war eine Liebesbeziehung von solcher Intensität, wie sie hier gegeben war, weil sie zur Ausschließlichkeit führen musste.

Eifersucht war wohl auch im Spiel. Es fällt ja auf, dass Groß gegenüber den beiden Liebhabern seiner Frau, Mühsam und Frick, Mordphantasien entwickelte. Da aber Eifersucht in der "neuen Ethik" nicht vorgesehen war, musste der vorwändige Vorwurf lauten: "Vergewaltigung" oder "Beschmutzung".


Quellen zu den Mühsam-Texten:

Anonymus

Eine Naturmenschenkolonie. Zeitungsausschnitt vom 17. 7. 1906 im Monte Verità-Museum, Ascona.

Dennert. E.

Die Anachoreten von Askona. In: Neue Christoterpe. Halle a. S. 1909, S. 109-139.

Gräser, Gustav A.

Im Bergschoß. Manuskript im Nachlass.

Gräser, Arthur G.

TAO – das heilende Geheimnis. Wetzlar 1979.

Gräser, Gusto

Erdsternzeit. Eine Auswahl aus dem Spätwerk. Freudenstein 1997.

Grohmann, Adolf

Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin. Referate und Skizzen. Halle a. S. 1904 – Neudruck Ascona 1997.

Hesse, Hermann

Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Frankfurt/M. 1970.

Hesse, Hermann

Die Erzählungen. 2 Bände. Frankfurt/M. 1973.

Hesse, Hermann

In den Felsen. Notizen eines 'Naturmenschen'. In: Materialien zu Hermann Hesses 'Siddharta', hg. von Volker Michels. Zweiter Band. Frankfurt/M. 1974, S. 339-347.

Hesse, Hermann

Die Gedichte. 2 Bände. Frankfurt/M. 1977.

Hofmann-Oedenkoven, Ida

Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung. Lorch 1906.

Mühsam, Erich

Ascona. Eine Broschüre. Locarno 1905. Neudruck Berlin 1976.

Mühsam, Erich

Der Krater. Berlin 1909. Neudruck Berlin 1977.

Mühsam, Erich

Ascona und Wiedersehen mit Ascona. Vereinigte Texte aus den Jahren 1905, 1930 und 1931. Zürich 1979.

Mühsam, Erich

In meiner Posaune muss ein Sandkorn sein. Briefe 1900-1934. Hg. von Gerd W. Jungblut. Vaduz 1984.

Mühsam, Erich

Tagebücher 1910-1924. Hg. von Chris Hirte. München 1994.

Müller, Hermann

Der Eremit von Ascona. Hermann Hesse in Wald, Fels und Höhle. Freudenstein 1998.

Kauffeldt, Rolf

Erich Mühsam. Literatur und Anarchie. München 1983.

Linse, Ulrich

Der Rebell und die "Mutter Erde": Asconas "Heiliger Berg" in der Deutung des anarchistischen Bohemien Erich Mühsam. In: Harald Szeemann (Hg.), Monte Verità. Berg der Wahrheit. Mailand 1978, S. 26-37.

Ludwig, Emil

Geschenke des Lebens. Ein Rückblick. Berlin 1931.

Szeemann, Harald (Hg.)

Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie. Mailand 1978.

Szittya, Emil

Die Internationale der Außenseiter. Ein Roman um Otto Groß und Ascona. Ms. im Deutschen Literatur Archiv Marbach.


5. Mühsams Wandlung

Jesus in Schwabing

Die Mutter Erde von Ascona hat Mühsam nicht angenommen. Und doch blieb sein Suchen am Lago Maggiore nicht ohne Folgen. Die Vorstellung einer Zufluchtsstätte für die Erniedrigten und Beleidigten dieser Erde, wie sie ihm in der Freistatt von Karl Gräser vor Augen stand, hatte in seinem Denken Wurzel geschlagen und ließ ihn nicht mehr los.

Zunächst sollte dieses Asyl in Ascona entstehen. Die Mühlen von Ascona-Ronco wurden für dieses Vorhaben schon 1906 ins Auge gefasst. Tatsächlich hat sich an diesem Ort in den folgenden Jahren ein Schlupf- und Widerstandsnest für Sozialrebellen entwickelt. Landstreicher und Strichjungen, Anarchisten und Feministinnen; die Ausgestoßenen und Randständigen der Gesellschaft fanden hier ein Obdach und die Wärme einer verschworenen kleinen Gemeinschaft.

Die Enge des kastellartigen Mühlenbaus im Walde bot freilich auf Dauer keine Lebens-möglichkeit für den jungen Schriftsteller und Rezitator, der auf die Verdienstmöglichkeiten auf Kleinkunstbühnen, in Cabarets und Kneipen angewiesen war. Sein letzter Besuch in Ascona im Jahre 1909 fällt deshalb nicht zufällig zusammen mit der Gründung der Gruppe 'Tat' im gleichen Jahr. Die Tat-Gruppe sollte nun die neue Freistatt werden – mehr als ein bloßer Debattierclub. Der Bau oder Erwerb eines Wohnheims für Obdachlose wurde ins Auge gefasst.

Wir können beobachten, wie die ursprüngliche Siedlungsgenossenschaft des Monte Verità durch ihre Sezessionisten eine ganze Reihe verschiedener neuer Gesellungsformen aus sich entlässt – Metastasen gewissermaßen der anfänglichen Grundidee. Sowohl Mühsam wie die Gräsers, wie Friedeberg, Nohl und Gross – Lotte Hattemer nicht zu vergessen – hatten zunächst, als Mitglieder oder Gäste, der Naturheilanstalt von Oedenkoven angehört.

Aber Mühsam widerfuhr wie Gräser die Ehre, vom Hausherrn höchstpersönlich hinausge-worfen zu werden. Andere gingen freiwillig. In diesem Sinne gehörte Mühsam mit allen anderen Genannten zu den, wie er sie nennt (Ascona 29), "Sezessionisten" des Monte Verità, zu seinen Frondeuren und Oppositionellen. Allen diesen war gemeinsam, dass sie die "ganz unmögliche Verquickung eines ethischen Prinzips mit einem kapitalistischen Spekulations-unternehmen" entschieden ablehnten (Ascona 23).

Als neue Gesellungsformen entstanden: Erstens die Siedlerfreistatt von Karl Gräser mit ihrer Fortsetzung in den Unternehmungen von Margarete Faas, Fritz Brunner und anderen. Zweitens die Einsiedelei von Gusto Gräser mit den Beisiedlern oder Gästen Elly Lenz, Lotte Hattemer, Robert Jentschura, Adolf Grohmann und Hermann Hesse. Drittens die "Hochschule zur Befreiung der Menschheit" von Otto Gross, die sich zunächst in der Mühle von Ronco, dann in den Cafés von Schwabing konstituierte. An vierter Stelle ist der Aufklärungs- und Selbsthilfe-Club von Erich Mühsam zu nennen, der sich Gruppe 'Tat' nannte. Schließlich sind an fünfter Stelle die mehr oder weniger bürgerlichen Außensiedler oder Einmieter des Sanatoriums zu erwähnen: Raphael Friedeberg, Carlo Vester, Bernhard Mayer, der Tolstoianer Straskraba, der Ernährungslehrer Arnold Ehret, der Tänzer Rudolf von Laban mit seiner Schule und andere. Alle zusammen bilden das Ensemble des "Monte Verità" im weiteren Sinne.

Zurück zu Mühsams Gruppe 'Tat'. Dies ist nun zweifellos die am stärksten karitativ ausgerichtete, sich um Hilfe für die "Letzten im Lande" (Gusto Gräser) bemühende Gesellung unter den genannten. Mühsam leistet hier "Herzwerk" (GG), leistet Liebeswerk – unbeschadet aller etwa damit verbundenen politischen Zielsetzungen. Aus seinen Gedichten geht jedenfalls hervor, dass er seinen Einsatz so verstanden, so empfunden hat.

War also der frühe Mühsam, einschließlich seiner Ascona-Zeit, noch hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, mit seinen Leiden und Bedürfnissen, so kündigt sich um 1909/10 eine Wandlung an. Dies ist auch der Befund von Rolf Kauffeldt in seiner Monographie über den Dichter. Finden wir in der Sammlung 'Der Krater' noch vorwiegend den zynisch Verzweifelten, so meldet sich im Gedichtband 'Wüste-Krater-Wolken' von 1914 ein neuer Mühsam zu Wort.

"Das Problem der Einsamkeit und des Unverständnisses der Mitmenschen ihm gegenüber bilden zwar immer noch den Ausgangspunkt seiner Lyrik, doch begegnet Mühsam dieser für ihn unerträglichen Situation nicht mehr mit einer zynischen Weltabsage und Menschenverachtung, sondern umgekehrt mit einem entschiedenen Bekenntnis zur Menschenliebe. Das sozial-ethische Motiv drängt um 1910 die Reste eines nur egozentrischen Vitalismus der frühen Bohemezeit in den Hintergrund.

'Ich weiß von allem Leid, fühl' alle Scham

Und möchte helfen aller Kreatur.

Der Liebe such ich aus dem Haß die Spur,

Dem Menschenglück den Weg aus Not und Gram.

[...] Wie jener Jesus, der die ganze Pein

Der Welt auf seine schwachen Schultern nahm.' [...]

Unübersehbar macht sich zum einen der um 1910 durch seinen Tod noch verstärkt ins Bewußtsein drängende Einfluß Tolstois, gerade was die Verwendung christlicher Motive angeht, bemerkbar, zum anderen die von Mühsam selbst positiv bewerteten Erfahrungen mit dem Münchner Lumpenproletariat, die seiner Sehnsucht nach Mitmenschlichkeit und Solidarität eine neue Basis zu geben schienen" (Kauffeldt 142f.).

Ob es wirklich der Einfluss Tolstois war oder nicht viel eher der von Gusto Gräser, dem er nach 1905 mehr als einmal begegnet sein muss? Jedenfalls: Mühsam findet jetzt seinen eigenen Weg. Er hat sich seine Idee einer Freistatt für die Beleidigten dieser Erde bewahrt. Mehr noch: er verwirklicht sie jetzt mit Wärme und Feuer. Er identifiziert sich nicht mehr mit Otto Groß und dessen psychoanalytischem Weg "zur Befreiung der Menschheit" sondern mit einem anderen Menschenbefreier: Jesus.

Gebeugte Menschen mit stumpfem Blick

Hocken in dumpfen Spelunken, -

Den Neid im Auge, die Not im Genick.

Von elendem Fusel trunken.

Da tönt eine Stimme von außen herein:

'Kopf hoch! Ihr seid nicht verloren.

Ich füll eure Becher mit goldenem Wein.

Auch Euch ist der Heiland geboren.

Heraus ins Freie und folgt mir nach,

Wo Schätze liegen!'

Die Stimme des Mannes, die also sprach,

Hat plötzlich geschwiegen.

Ein Scherge führt ihn gefesselt fort.

Dem Menschen aber da drinnen

Klingt seiner Rede lockendes Wort

Wie ferner Traum in den Sinnen.

Sie senken den Kopf auf des Tisches Brett

Und trinken mit heiserem Lachen...

Ein Jude zog aus von Nazareth,

Die Armen glücklich zu machen.

(zit. nach Kauffeldt 143)

Welche Erfahrungen haben diese Wandlung bewirkt? - Die Jahre 1909 und 10 hatten schwere Prüfungen für ihn gebracht. Er steht unter Anklage wegen angeblicher Geheimbündelei, muss sich in einem Prozess verantworten. Er wird verhaftet, die Presse denunziert ihn als Päderasten, die meisten Zeitschriften drucken seine Beiträge nicht mehr ab. Alte Freunde verweigern ihm ihre Hilfe.

All dies hat Gewicht, ist bekannt, und soll deshalb hier nicht weiter ausgeführt werden. Liest man aber das oben zitierte Gedicht, so ist eine andere Gegebenheit dieser Jahre mitzubedenken. Ein Mann tritt in die Kneipen von Schwabing, ruft die Menschen ins Freie, wird verhaftet und abgeführt. „Heraus ins Freie und folgt mir nach!“ – Ist das etwa der Ruf Mühsams, der die Armen des Lumpenproletariats zu sich einlädt – in eine Spelunke, ein Hurenlokal! - oder tritt hier ein Anderer ins Bild? Einer, der wie Jesus die Armut preist, mit seinen Gedichten in die Freiheit der Not und der Armut lockt – und nicht mit Freibier zum Klassenkampf – wie Mühsam?

Eine Chronistin der Schwabinger Szene, um 1910 häufig zu Gast im 'Simplizissimus', Annie Francé-Harrar, die Frau des Biologen Raoul Francé, erzählt in ihren Erinnerungen:

Zu Beginn dieses Jahrhunderts pflegte 'gusto gras' sämtliche Lokale von der Art des 'Simplizissimus' in München abzuklappern, um Traktätchen nicht religiöser, wohl aber hygienischer Art samt Bildern zu verkaufen1. Zwischen 10 und 2 Uhr nachts erschien er in Lebensgröße, und die war recht ansehnlich, sicher über 1,85 m. Sommers und winters ging er barfuß in offenen Sandalen, was man dazumal eigentlich nur bei Kneippkurbeflissenen in Wörishofen zu sehen bekam. Seine Bekleidung bestand ein für allemal in nichts anderem als in einer Art dunkelbrauner Lodenkutte, die ihm aber nur bis zur Wadenmitte reichte. ... Ich erinnere mich sehr gut, wie er einmal erschien und wieder "gustograspostkarten" verkaufte, als es auch an unserem Stammtisch im 'Simpl' nicht mehr ganz früh war. (Francé-Harrar 82f.)

Gräser war im Sommer 1910 nach München zurückgekommen. Nicht allein sondern mit Weib und Kindern: sechs an der Zahl. Fünf stammten aus der ersten Ehe seiner Gefährtin, das sechste, seine eigene Tochter, war im April in Wien geboren. Er hatte die schwere Last auf sich genommen, diese große Familie auf der Straße mit seinen Gedichten und Zeichnungen zu ernähren. Dazu dienten ihm Postkartenreihen, leporelloartig unter verschiedenen Themen zusammengefasst, die er tags auf den Straßen, nachts in Lokalen anbot. So war er auch 1908 schon in München aufgetreten, wie verschiedene Berichte belegen, auch eine Karikatur von Karl Arnold in der ‚Jugend‘.

Selbstverständlich blieb er nicht stumm dabei, er gab sich nicht als Verkäufer sondern als Dichter und prophetischer Mahner. Wie wir uns seine Auftritte zu denken haben, erfahren wir von zwei Zeugen: von der Freudbiographin Lisa Appignanesi (die vermutlich Aufzeichnungen anderer wiedergibt) und dem Schriftsteller-Vagabunden Emil Szittya.

Appignanesis Protagonistin begegnet Gräser in den zwanziger Jahren auf dem Platz vor dem Berliner Schauspielhaus.

Um das Schiller-Standbild in seiner Mitte hatte sich eine kleine Menschenmenge angesammelt. Mitten drin, auf einigen erhöhten Stufen Verse rezitierend, stand ein großer bärtiger Mann. Er war seltsam gekleidet in eine zottige Tunika und fransige Hosen, wie eine wilde Gestalt aus einem romantischen Stück. Aber mit seinem Hirtenstab und seinen zerfurchten Gesichtszügen hatte er die Aura eines biblischen Propheten.

"Es scheint, daß Gräser wieder da ist", sagte der Mann am Nachbartisch zu seinem Begleiter.

"Ich dachte, sie hätten ihn wegen Kriegsdienstverweigerung eingebuchtet."

"Offenbar haben sie ihn wieder rausgelassen. Oder vielleicht war er die ganze Zeit oben auf seinem Berg."

"Seinem Berg der Wahrheit", gluckste der andere Mann.

"Vielleicht hat er wirklich was gefunden. Alles ist besser als dieser Dreck hier. ... "

(Lisa Appignanesi, Dreams of Innocence. London 1994. Meine Übersetzung, H.M.)

Szittya zeigt uns Gräser, in einer Szene seines Monte Verità-Romans 'Klaps', ebenfalls in Berlin, in dem Künstlerlokal Austria. Hier nun tritt, wie in Mühsams Gedicht, von außen ein Mann unter die Trinkenden, die ihn sogleich mit Spott und lautem Hallo begrüßen.

Der phantastisch Gekleidete ließ sich nicht stören.

"... Wo ist eure Sonne? ... "

Von allen Tischen wurde dem phantastisch Gekleideten "Prost" zugetrunken.

" ... Ihr fabriziert euch nur zum Bluff. Aber euer Bluff ist die Blausäure eurer Seele. Ich bringe euch brünstige Wagnisse. Einen Süßwein!" ...

Einen undurchdringlichen Rauch gab es im Café.

Die Schriftsteller uhuten.

Mahac lachte.

Der phantastisch Gekleidete horchte auf alles, was man sagte. Plötzlich stampfte er mit den Füßen und brüllte:

"Ich will euch Anklagegarstigkeit geben! Alles Spelunkenmistige ist abgetan! Ihr dürft Christus nicht noch einmal kreuzigen! ... Der neue Staat hat die erlösende Allseele gefunden. ... In unserem neuen Staat wartet man auf alle diejenigen, die sich in anderen Staaten nicht beugen können. In unserem Staat findet die Allseele ein harmonisches Zusammenleben. ... "

Der Schriftsteller war ganz begeistert. ... Er sagte:

"Arme Allseele. Du bist auch ein Mißverstandener. Du blutest am Kalvarienberg. Der Pöbel schimpft auf dich. ... Neuer Christus, wirst auch einmal ans Kreuz genagelt."

Wenn auch Szittya in seinem Roman das Bild Gräsers nur verzerrt wiedergibt, ihm Aussagen in den Mund legt, die seiner Denkweise nicht entsprechen, so sind doch die Parallelen zu Mühsams Gedicht unverkennbar. Unübersehbar gibt es sogar eine konkrete inhaltliche Gemeinsamkeit: der "Staat", von dem der phantastisch Gekleidete spricht, ist kein anderer als der, von dem Mühsam seinen Gästen vorgeschwärmt haben wird, nämlich der Monte Verità. "Kommt! Kommt! Kommt!" ruft der phantastisch Gekleidete seinen Zuhörern zu und spricht Einzelne an: "Im neuen Staate wartet man auf dich."

Er, Gräser, will die Menschen "ins Freie führen" – und wird von den Anwesenden als "neuer Christus" wahrgenommen. Er bringt ihnen einen „Süßwein“, bei Mühsam einen „goldenen Wein“. (Tatsächlich gibt es ein Gedicht von Gräser, ein Trinklied, in dem er den Zechern allerdings „heilgen Geist“ anbietet. Er wird dieses Gedicht, gewissermaßen eine Antistrophe zu den üblichen Saufgesängen, gerade in Kneipen vorgetragen haben.)

Solche und ähnliche Szenen muss Mühsam in München mehr als einmal erlebt haben. Gräser trat in eben den Lokalen auf, Nacht für Nacht, in denen auch Mühsam verkehrte. Sein Bild, sein Auftreten muss ihm vor Augen gestanden haben. Auch das von Verhaftungen des "phantastisch Gekleideten", Erfahrungen, die für Gräser fast schon tägliches Brot waren. Überliefert ist eine Verhaftung im Herbst 1908 in München, wo er wegen angeblichen Mordes festgenommen wurde. Gräser war für den Bürger von vornherein verdächtig. Jede Art von Verbrechen wurde dem Unbegreiflichen zugetraut.

Ist er nun selbst dieser Jesus, der ins Freie ruft – oder wer sonst? Als neuer Heiland ist er nun doch nicht aufgetreten, ins Freie im wörtlichen Sinn rief er die Menschen nicht, saß er doch selber gern in den Kaschemmen und Spelunken. Ein Jesusprediger des üblichen Typs wäre aber im München von 1910 sicher nicht verhaftet worden. Dagegen trat Gräser auf ganz eigene Art als Heilsbringer auf, trat werbend und Beispiel gebend mit seinen Spruchkarten in die Münchner Lokale – und wurde mehr als einmal verhaftet.

Bedenkt man diese Gegebenheiten, so fällt eine Formulierung ins Auge, die wir nicht erwarten würden. Viele Menschen sitzen in 'Golgatha' – dies der Titel des Gedichts - im Lokal, aber nun heißt es am Schluss:

... Dem Menschen aber da drinnen

Klingt seiner Rede lockendes Wort

Wie ferner Traum in den Sinnen.

Wenn hier kein Druckfehler vorliegt, dann scheint es Mühsam selber zu sein, der unter den Trinkenden sitzt und einem nachblickt, der eben abgeführt wird. Und das Wort des eben noch Redenden klingt ihm wie ferner Traum in den Sinnen – lockend, auch ihn lockend in eine größere Freiheit. (Die ihm, von Ascona her, als Ahnung noch in Erinnerung war. Alles an Gräser musste ihn an seine Ascona-Zeit erinnern, die denn doch, trotz mancher Enttäuschungen, seine Glücks- und Freiheitszeit gewesen war!)

Lesen wir, einmal wach geworden, das Gedicht genauer, dann lässt uns außerdem aufhorchen, dass da nicht einer am Tische spricht, dass da ein Stimme "von außen herein" tönt. Dann sehen wir nicht Mühsam, der als Gesprächsführer inmitten seiner Gäste sitzt, sondern einen von außen Eintretenden, der seine Stimme erhebt – und sogleich festgenommen und abgeführt wird. Die Szene gleicht also mehr der von Szittya geschilderten als der eines Mühsam, der in der Tat-Gruppe eine Rede hält. Auch fallen die Parallelen ins Auge, wenn der "phantastisch Gekleidete" Szittyas einen geistigen "Süßwein" anbietet und der fremde Gast in 'Golgatha' einen "Becher mit goldenem Wein". Eine Metaphorik, die nicht eben der Redeweise eines Mühsam entspricht, wohl aber der Gusto Gräsers. Der kredenzt in manchen Versen seine Botschaft als golden blinkenden Wein.

Auszuschließen ist, dass die Szene eine bloße Phantasie von Mühsam sein könnte, dass er Jesus sozusagen nach München zitiert hätte. „Auch Euch ist der Heiland geboren“ kann erst nach Jesus Christus gesagt werden. Zwar wird der „Jude aus Nazareth“ am Ende genannt, aber doch wohl als Parallele, als der Prototyp des gegenwärtigen Geschehens.

Was wir in diesem Gedicht vor uns haben, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Erlebnisbericht, ein Zeugnis für das Auftreten Gräsers im München von 1908 (für damals ist eine Verhaftung ausdrücklich bezeugt) oder später. Die biographische Überschneidungen weisen darauf hin, dass eine Annäherung, ja eine Art Verschmelzung der beiden Monteveritaner stattgefunden hat. Gräser, der in die Kneipen, Cafés und Spelunken von München tritt und die Menschen ins Freie ruft, zur Nachfolge lockt – Mühsam, der die Kundschaft der Spelunken in einem Hurenlokal um sich sammelt und ihnen von Ascona erzählt, Einzelne auch hinführt (zumindest ist dies von Nohl überliefert), der sie von allem Ungemach erlösen will –

Ich fühle meine Fibern sieden,

Durch meine Liebe zu erlösen

Die Welt von allem Ungemach ...

(zit. in Kauffeldt 144)

- sie gleichen sich für kurze Zeit fast wie Brüder, mindestens aber wie Verwandte. Jesus dient dabei als umschließende Metapher für das Tun und Wollen beider.

Im München der Jahre 1908 bis 10 haben sich – vermutlich nicht zum ersten Mal - ihre Wege gekreuzt. Gräser hat sich dort 1910 einen Wohnwagen gezimmert, hat zwei Pferde gemietet und ist mit seiner Familie losgezogen. Auf das Dach seines grünen Wagens hat er eine geschnitzte hölzerne Schlange gesetzt und in Riesenbuchstaben "Raus! Raus! Raus!" auf die Wände seiner Kutsche gemalt.

"Heraus ins Freie und folgt mir nach!"

Mühsam konnte diesem Ruf nicht folgen. Er musste Gräser als eine Art Konkurrenz empfinden, eine moralisch überlegene Konkurrenz. Er mochte reden und locken soviel er wollte, neben der Prophetengestalt eines Gusto Gräser machte er eine kümmerliche Figur. Es musste ein Sandkorn in seiner Posaune sein.

Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen.
Ich wollt es jubelnd zu den Menschen schmettern,
die bleich am Baume der Erkenntnis klettern,
das Glück vermutend in den kahlen Zweigen.

Ich wollt sie rufen zu den breiten Küsten,
an die des Meeres Wellen silbern schlagen.
Ich wollt sie lehren leichte Schultern tragen
und freien Sinn in übermüt'gen Brüsten.

Ich stoß ins Horn. Noch einmal. ­ Doch ich staune:
die Menschen lachen, die ich wecken wollte,
als ob ein Mißton in die Lüfte rollte. ­
Es muß ein Sandkorn sein in der Posaune.

Noch mehr musste es ihn reizen, wenn dieser Überlegene ihm vorhielt, dass der Weg über den Alkohol ja wohl nicht ins Freie führe. Gräser nahm da kein Blatt vor den Mund. Alles „Spelunkenmistige“ war ihm ein Greuel. Er wird den Freibier-Messias hart kritisiert haben. Und dass er damit Mühsam auf schwerste aufgebracht hat, geht aus einem Brief Landauers hervor, in dem er den Freund zu beruhigen sucht. Landauer schreibt ihm am 8. Dezember 1910 aus Berlin:

Mit Graeser hast Du in der Sache völlig Recht; ich empfehle aber Gelassenheit und Überlegenheit in der Form; nicht nervöse Gereiztheit.

(In: „Sei tapfer und wachse dich aus“. Gustav Landauer im Dialog mit Erich Mühsam. Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Heft 24. Hg. von Christoph Knüppel, S. 141.)

Mühsam hat sich über Gräsers Kritik geärgert, hat sich bei Landauer über Gräser beschwert und muss dessen „Botschaft“ als völlig unrealistisch dargestellt haben. Man war sich darin einig. Aber konnte Mühsam mit sich selbst einig sein, wenn er sich in der Nachfolge Jesu’ sah und einen anderen ablehnte, der diesem Vorbild so ungleich näher kam?

Er hat denn auch die Konsequenz gezogen. In späteren Gedichten ist bei ihm von Jesus nicht mehr die Rede. Mühsam hat sich endgültig auf das Feld der Politik begeben und es Gräser überlassen, die Armen auf seine Weise glücklich zu machen.

6. Literatur zu Erich Mühsam

Baron, Lawrence

The Eclectic Anarchism of Erich Mühsam. New York 1976

Dennert, Eberhard

Die Anachoreten von Askona. In: Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, hg. von Adolf Bartels und V. H. Frommel, XXX. Jg., Halle a. S. 1909, S. 109-139.

Dudek, Peter

Ein Leben im Schatten. Johannes und Hermann Nohl. Bad Heilbrunn 2014.

Fähnders, Walter

Anarchismus und Literatur. Ein vergessenes Kapitel deutscher Literatur-geschichte zwischen 1890 und 1910. Stuttgart 1987. MV: 176

Goetz Bruno

Das Göttliche Gesicht. Askoneser Roaman. Wien 1927.

Goetz, Bruno

Das Reich ohne Raum. Eine Vision der Archetypen. Zürich 1962. Erstdruck 1919.

Hanke, Edith

Prophet des Unmodernen. Leo Tolstoi ...Tübingen 1993.

Haug, Wolfgang

Erich Mühsam: Schriftsteller der Revolution. Reutlingen 1984.

Heuer, Gottfried

Erich Mühsam und Otto Gross. In: Mühsam Magazin 1999?

Hirte, Chris

Erich Mühsam: "Ihr seht mich nicht feige." Berlin 1985.

Hofmann, Ida

Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung. Lorch 1906.

Hug, Heinz

Erich Mühsam: Untersuchungen zu Leben und Werk. Glashütten im Taunus 1974.

Hug, Heinz

Erich Mühsam. In: Lexikon der Anarchie. Hg. von Jürgen Degen. Bösdorf 1993.

Jungblut, Gerd W.

Erich Mühsam: Notizen eines politischen Werdeganges. Schlitz 1984.

Kauffeldt, Rolf

Erich Mühsam: Literatur und Anarchie. München: Fink, 1983.

Kleemann, Elisabeth

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1 Gräser verkaufte keine hygienischen "Traktätchen" sondern auf Postkarten gedruckte Gedichte und Zeichnungen, wie die Verfasserin weiter unten selbst zu erkennen gibt. Sie erinnert sich auch an seine "Porträtkarten" (S. 83), Fotos mit seiner Unterschrift, die er ebenfalls anbot. Solche "Künstlerkarten" in Lokalen zu vertreiben, war damals üblich. Auch Emmy Hennings bot ihr Konterfei nach ihren Auftritten an und bestritt damit einen Teil ihres Unterhalts.