Gusto Gräser im Internet:
Französisch und deutsch:
http://www.fileane.com/laurie/laurie01/monte_verita.htm#utopistes
Erich Mühsam auf Reisen:
http://www.jungewelt.de/2003/05-10/026.php
Eine weitere Dokumentation zu Gusto Gräser:
www.gusto-graeser.de
Rudolf von Laban, Mary Wigman: Escuela de arte en Monte Verità (spanisch), von Marcela Sánchez
http://www.jornada.unam.mx/2000/oct00/001022/sem-danza.htm
Dokumentation zu Gusto Gräser beim Umbruch-Verlag:
http://www.umbruch-verlag.de/gusto
The development of modern dance in Germany (english):
http://www.stanford.edu/group/berlin/data2/CLEAN/pathways/modern_dance/1origins.html
NAGA, Nachtessen am Gartenweg: Monte Verità:
http://www.kat.ch/alilum/35.htm
 Marcela Sánchez: El cielo en la tierra (spanisch):
www.jornada.unam.mx/2001/mar01/010325/sem-monte.html
Hermann Hesse-Portal
http://www.hhesse.de
Kurztext französisch:
http://home.nordnet.fr/%7ejgrosse/int/reves.htm
International Otto Gross Society (english):
http://www.ottogross.org
Hans Arp (english):
http://www.peak.org/~dadaist/English/Graphics/arp.html
Mon cousin Otto Gross (französisch)
http://home.nordnet.fr/%7ejgrosse/obs/ottogros.htm
 Oskar Maria Graf und Georg Schrimpf:
 http://www.oskarmariagraf.de

Sachbücher und Bücher von Gusto Gräser:
Übersetzungen des Tao Te King gibt es zu Dutzenden. Meist sind sie nebulös und kaum verständlich, weil sie sich von der Denkwelt des Chinesischen nicht lösen können. Gusto Gräser, selbst Einsiedler und Erdenwanderer in härenem Gewand, konnte aus eigener Erfahrung schöpfen und so eine Nachdichtung schaffen, die nicht an Worten klebt sondern aus dem Geist des TAO lebt. Durch ihn und in ihm ist der Chinese Laotse ein Deutscher geworden.
Gräsers Nachdichtung überzeugt durch die Klarheit und Einfachheit der Sprache, durch ihren würdevollen Gang und ihr kraftvolles Pathos. Der Sinn wird sinnlich, wird hörbar, plastische Poesie. Die Weisheit des Chinesen bleibt nicht länger eine ferne Sage, sie wird Forderung des Tages, Anruf und Mahnung zur Wandlung. Wir sind gemeint, Menschen des 21. Jahrhunderts. Die Gelehrsamkeit fällt weg, das Wort des großen Alten wird wieder jung.
Gräser war ein Wanderer, lebte auf und von der Straße, schlief in Wäldern, wohnte in Felshöhlen. Der frische Wind seines sturmbewegten Lebens fegt den Staub vom vergilbten Pergament.
Mit einem Nachwort von Hermann Müller

Broschur, 143 Seiten mit zahlreichen Abbildungen - 5. verbesserte Auflage - ISBN: 9783937726007  - EUR 14,00  Umbruch Verlag Recklinghausen

Gusto Gräser
Gedichte des Wanderers

Herausgegeben von Frank Milautzcki, Klingenberg

Limitierte und numerierte Ausgabe


Rezension


Verlag im Proberaum 3

Der Monte Verità bei Ascona, von Gusto Gräser mitbegründet, wurde zu Beginn des Jahrhunderts ein geistiges Zentrum, das schöpferische Kräfte aus ganz Europa an sich zog. Jahrzehntelang hat der "Stromer", der "Vagabund", der "lachende Siebenbürger" in deutschsprachigen Großstädten "öffentliche Gespräche" abgehalten, hat auf Spruchkarten und Flugblättern, vor allem aber im Gespräch seine Mitmenschen aufzurütteln versucht. Seine Gedichte wollten nicht "Kunst" sein, sind immer Ansprache und Mahnung.
Sein Lebenswerk ist ungedruckt geblieben. Seine Zeitgenossen kannten nur Bruchstücke, Vorläufiges, Zufälliges. Heute erst, mit dieser Auswahl, hat der Leser die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Besser aber: teilzuhaben an einem Vermögen, teilzunehmen an einer Befreiung. Es handelt sich um eine Auswahl, eine Zusammenstellung von Gedichten und Sprüchen, wie sie der Dichter selber nie gegeben hat und wohl nie gegeben hätte. Gräser hat seine Goldkörner zwischen Sand und Kiesgeröll vergraben. Sie auszusieben und blankzureiben wäre ihm als Verzerrung der Wirklichkeit erschienen, der Wirklichkeit, die immer auch banal, unrein, gemischt und schlicht alltäglich ist. Mit wunderlicher Fremdheit schauen uns diese Texte an, lassen uns zurückschaudern vor so viel brausender Bejahungskraft. Herausgegeben von Hermann Müller


Broschur, 160 Seiten EUR 15,- - ISBN: 978-3-937726-02-1 - Umbruch Verlag Recklinghausen


 
Die Gräser-Biografie

von Hermann Müller

Diese erste und einzige Lebensbeschreibung des Dichterpropheten bietet auf 145 Seiten die wichtigsten Originaltexte und Fotos, die zu seinen Lebzeiten entstanden sind.  Mit einem Kapitel über seine Jugend bei Diefenbach und mit Bildern aus der Alternativ-Siedlung „Grünhorst“ bei Berlin. Mit ausführlichen Literaturangaben und zahlreichen Fotos und Faksimiles.

Umbruch Verlag Recklinghausen, € 15.00.
ISBN 978-3-937726-07-6



Weiterführende Literatur in Auswahl zu Arthur Gustav Gräser

Grundlegende Schriften fett geschrieben


Weiterführende Literatur ist auch in den jeweiligen Kapiteln zu finden
(siehe auch Karl Wilhelm Diefenbach)

Andratschke, Thomas (Hg.) Mythos Heimat. Worpswede und die europäischen Künstler-kolonien. Sandstein Verlag, Dresden 2016.
Zitat:
Hermann Hesse … zog es zu Gusto Gräser, den er in seiner Höhle in Arcegno besuchte, um etwas von ihm zu lernen, was in seinen Büchern immer wieder eine Rolle spielt: den Rückzug in die Einsamkeit, das Ausgesetztsein in der Natur, die Askese, die radikale Außenseiterrrolle. 

Appignanesi, Lisa

Dreams of Innocence. London: HarperCollins, 1994.


Aschenbeck, Nils

Reformarchitektur. Die Konstituierung der Ästhetik der Moderne. Verlag Birkhäuser, Basel 2016.
Aschenbeck führt die Entstehung der modernen Architektur auf die Licht-Luft-Hütten der Lebensreformer und ihre Sanatoriumsbauten zurück. Ihr Ideal der Einfachheit und Ursprünglichkeit habe zu einer Reduktion des Hauses auf seine Urform geführt: die Hütte. Damit hätten sie einen neuen Beginn gesetzt.

Zitat: „Das um 1900 auf dem Monte Veritá und an anderen Orten etablierte neue Architekturverständnis, das das Architekturverständnis des 19. Jahrhunderts auf den Kopf gestellt hatte, war unmittelbare Ursache für einen weitreichenden architektonischen Wandel weltweit. Das moderne Appartementgebäude, das auf den ersten Blick sowohl einem Sanatorium als auch einem Schnell-dampfer glich, gründete auf der Reformbewegung. Es ist – bis heute – der Standardtyp der Wohnarchitektur geblieben, wird kaum verändert von Trondheim bis Sydney gebaut.

Wir sehen, dass die moderne Architektur, das Neue Bauen, die Neue Sachlichkeit, die Moderne oder auch die Zweite Moderne Weiterungen und Fortentwicklungen der Reform sind. Erst die Reform hat das Denken etabliert, das dieser Architektur zugrunde liegt.“ (S. 283)

Berlinische Galerie (Hg.) Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch. Scheidegger & Spiess, Zürich 2016.
Zitat:
„Das ist letzten Endes, das was wir wollen: die Utopie!“ formulierte Walter Gropius begeistert. 

Bodmer, Hans-Caspar (Hg.)

Monte Verità. Landschaft, Kunst, Geschichte. Frauenfeld Stuttgart Wien 2000, Verlag Huber.


Blankenstein, Christian

Gusto Gräser – der europäische "Gandhi"


Unter dieser Überschrift zeichnet Christian Blankenstein, ein altkatholischer Theologe in Wien, ein kurzes Lebensbild von Gusto Gräser. Es ist enthalten in seinem Buch: Die Merk-würdigen von Gestern und ihre Spuren im Heute. 15 Portraits aus Österreich, erschienen im Verlag Traugott Butz, Nordhausen 2011; dort auf den Seiten 146-160.

Blankenstein bietet ein gründlich recherchiertes (wenn auch nicht fehlerfreies) Portrait, das sich vor allem, nach seiner eigenen Aussage, auf die Gräser-Webseite stützt. Er kann also dem hier bewanderten Leser, außer in seinen Akzentuierungen, wenig Neues bieten. Darum dürfte es genügen, jene Abschnitte hier anzuzeigen, die relativ eigenständig sind oder einen Aspekt besonders hervorheben.
Blankenstein geht einigermaßen ausführlich auf die familiäre Herkunft Gräsers ein:
Anhand der von Daniel Gräser 1885 zusammengestellten „Graeser-Biederfeldschen Familienchronik“ gelingt es leicht, sich ein Bild jenes geistigen Umfeldes zu machen, das Gräser hervorgebracht hat. Am Anfang steht die Legende von der dickköpfigen Aufrichtigkeit jenes Ahnen, der im Chorgestühl der Schäßburger Bergkirche Beleidigungen gegen den Magistrat verfasst hatte.
Vor die Alternative gestellt, zu widerrufen oder auszuwandern, wählte er letzteres und geht in die Gegend des Dorfes Mediasch. Gesichert jedoch ist das Faktum, dass bereits vor dem Jahre 1664 dort Angehörige der Familie Graeser sesshaft waren und Stephan Graeser 1664-1686 das Amt des Bürgermeisters bekleidete. Übte man in der Graeser’schen Familie zunächst das Schneidergewerbe aus, so wird Daniel (1752-1833), der in Jena Theologie studiert, Pfarrer und als Siebzigjähriger zum Bischof der Evangelischen Kirche in Siebenbürgen bestellt. Die Familie Graeser weist schließlich ein weites Spektrum von Berufen auf, das vom Berufssoldaten, Kommunal-Politiker, Kirchenmann, Historiker und Juristen bis hin zum Dichter und Maler reichen wird. Eine geistige Elite in Siebenbürgen also! Im Geburtsjahr Gusto Gräsers 1879 weist die „Allgemeine Deutsche Biographie“ gleich drei Vertreter der Familie auf. Schule und Kirche sind die beiden Grundfesten der Siebenbürger Sachsen, die sie zwecks Aufrechterhaltung ihrer Identität stets hochhielten. Waren sie doch ethnisch wie religiös eine Minderheit. So werden diese beiden Anker des Volkstums auch in der Familie Graeser von Generation zu Generation weitergegeben. (S.147)
Über Gräsers Rebellion gegen die Schule berichtet Blankenstein:
Noch schlimmer wird es für ihn, als er am 30. August 1890 an das Brukenthal-Gymnasium nach Schäßburg [Hermannstadt!] wechselt und er der Enfernung wegen zu Fremden – noch dazu Lehrern – in Kost und Logis muss! Glücklich erweist sich der Umstand letztlich dennoch, als Gusto am 1. November 1891 in das Haus des Malers Carl Dörschlag (1832-1917) zieht. Dieser, ein bedeutender Portrait- und Landschaftsmaler, fungiert gleichzeitig als Zeichenlehrer am Gymnasium. Er war es, der als erster die künstlerische Ader des Jungen fördert. Dies bringt Gusto einerseits Erfüllung, ändert aber nichts an seinem Desinteresse an der Mathematik. So kommt, was kommen muss: der Spross einer bekannten Akademiker-Familie fällt durch und verlässt das Gymnasium. (148)
Über „die Kolonie auf dem Monte Verità“ von Ascona, von den Brüdern Gräser im Herbst 1900 zusammen mit andern begründet, räsonniert der Theologe:
Ein Berg begegnet uns immer wieder in den Religionen der Welt, denken wir beispielsweise an den Berg der Gesetzestafeln des Moses oder die Bergpredigt des Jesus von Nazareth. Von oben sieht die Welt nicht nur anders aus – die veränderte Perspektive vermag auch das eigene Denken zu verändern, neue Maßstäbe werden bedeutsam. Gräser und seine Gefährten glaubten den richtigen Platz für einen Neuanfang gefunden zu haben: eine Kontrastgesellschaft soll aufgebaut werden, Gräser sieht in ihr eine Art Liebeskommune, die Aussteiger aller Art mit offenen Armen aufnehmen soll. Nachdem Gräser inzwischen jede Art von Reglement und äußerer Ordnung ablehnt, soll es ein Ort werden, wo sich der Mensch entfalten kann.
Vordergründig irritiert die Bezeichnung „Monte Verità“, denn es geht dort weniger um die „Wahrheit“, sondern um die Möglichkeit „wahrhaftig“ zu leben und den Zwängen der Geschäftswelt und den Regeln der Gesellschaft zu entfliehen. (151)
Blankenstein zitiert auch aus dem Bericht von Carlo Arnaldo, dem ersten Chronisten des Monte Verità:
In seinem Artikel „Die Naturmenschen“, der am 20. August 1903 in San Francisco erscheint, heisst es: „Ich fuhr über den Lago Maggiore und bestieg den Heiligen Berg der Göttin Natur, den seine seltsamen Bewohner Monte della Verita – Berg der Wahrheit - nennen … Weiter oben trafen wir den ersten Naturmenschen (Anm. Karl bzw. Gusto Gräser). Er war gerade beim Bau eines kleinen Steinhauses … Noch nie habe ich einen so schönen Mann gesehen, nicht nur im ästhetischen Sinn, sondern auch nach den charakteristischen Zeichen wahrer Gesundheit. Er trägt die Haare lang und einen kurzen Bart; eine leichte Tunika, an der linken Seite aufgehängt, lässt die Arme für die Arbeit frei und entblößt bis zur Mitte einen hageren muskulösen Körper praxitelesker Volkommenheit. Ich sagte mir, so müssten die Bewohner der Erde ausgesehen haben, als unsere Zivilisation die Rasse noch nicht verdorben hatte…“ (152)
Blankenstein befasst sich ausführlich mit Hermann Hesse und dessen „lebenslanger Bewunderung und Freundschaft zu Gräser“. Er zitiert eine wenig bekannte Stelle aus dem ‚Glasperlenspiel’:
Hermann Hesse schildert … seine Eindrücke auf dem Monte Verità folgendermaßen: „Bei der Ankunft gegen Abend blickte eine kleine grüne Oasenlandschaft ihn freundlich an, er sah Bäume ragen und hörte eine Ziege meckern, glaubte im grünen Schatten die Umrisse von Hüttendächern zu entdecken und Menschennähe zu wittern … Mit Einbruch der Dämmerung kam er in die kleine Siedlung. Es wohnten hier, ähnlich wie in einem Kloster, sogenannte Zurückgezogene … aus verschiedenen Städten und Ortschaften, die sich hier in der Abgeschiedenheit eine Unterkunft geschaffen hatten, um ungestört sich einem einfachen, reinen Leben der Stille und Kontemplation zu ergeben.“ (152f.)
Aus einem Flugblatt des Wanderpropheten teilt Blankenstein einen ebenfalls kaum bekannten Auszug mit:
In Berlin, wo die Familie ein Jahr bleibt, verteilt Gräser 1912 Flugschriften mit dem Titel „Heimat“ und „Ein Freund ist da“. In letzterem ist seine heftige Gesellschaftskritik unverkennbar: „O, Ihr blutlosen Anstandspuppen! Hüllt Euch nur weiter in Eure mit tausend hüpschen Phrasen verbrämten Mäntelchen – Ihr über alle Äusserlichkeiten Erhabenen! Macht nur weiter, Ihr Macher! … Geht, Ihr Memmen! … Oder wollt Ihr hüpsch sittsam beim Alten bleiben, beim guten alten, doch so christlichen Mietmenschentum? … Trottet also nicht mehr nach der sittsamen Lüge, öffentliche Meinung genannt, sonst verdient Ihr Trottel, nicht aber Menschen zu heissen…“ (153f.)
Blankenstein bewertet den Einfluss, den Laotse auf Gräser gehabt hat, hoch und widmet dieser Frage eine ausführliche Betrachtung, die den gelernten Theologen verrät – der sich allerdings hier auf ein Neugebiet wagt:
Nachdem Gräser bereits 1912 in Stuttgart über Laotse und das Tao spricht, ist davon auszugehen, dass er wahrscheinlich schon in seiner Höhlenzeit begonnen hat, sich mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen. Nach der Lektüre von Gräsers Nachdichtung schreibt Hesse im einem Brief im Sommer 1919: „Die Weisheit, die uns nottut, steht bei Laotse, und sie ins Europäische zu übersetzen, ist die einzige geistige Aufgabe, die wir zur Zeit haben.“
Um Gräsers Werk und Absicht verstehen zu können, muss man zunächst einen Blick in die Religionsgeschichte werfen, was das alte China angeht. […] Laotse hat im 6. Jahrhundert v. Chr. mit seinem Buch „Tao-te-king“, einer Zusammenfassung von 81 Rätselworten, etwas geschaffen, das heute zu den Perlen der Weltliteratur gehört. … Die Botschaft des Tao-te-king, die Besinnung auf das Eine, Unendliche, Wesentliche, das allem Werden und Wandel zugrundeliegt, das Loslösen vom Kampf der menschlichen Leidenschaften, von Krieg, Herrschsucht, Wissen, Scheintugend, also von all den Äußerlichkeiten, fasziniert Gräser.
Der Leser soll seine Gedanken hinlenken auf die Stille, die Himmel, Erde und Menschen trägt. Es ist also letztlich jener Zustand als Ideal anzustreben, der eine abgeklärte Gelassenheit und zugleich eine innige Verbundenheit mit allen Wesen und Dingen bedeutet. Nur wenn der Mensch loslässt (vgl. den Mystiker Meister Eckhart), wird er frei und glücklich. […] Was die Rätselworte angeht, so müht sich Gräser nicht um eine Übersetzung, sondern um eine Neubelebung ihrer Botschaft in moderner Sprache. Er macht sich also an die Arbeit der Nachdichtung und liest den Erfolg seiner Arbeit einem ausgewählten Kreise vor. Laotse steht für die Ernsthaftigkeit und Einsamkeit eines abgehobenen Gelehrten, Gräser, der als „der lachende Siebenbürger“ bezeichnet wird, zeigt sich als dem Leben zugewandter Philosoph, den Hermann Hesse im Steppenwolf folgende Devise prägen lässt: „Du sollst leben und das Lachen lernen.“ (156)
Blankenstein findet treffende Worte für das Verhältnis der beiden Philosophen, bringt auch einige Beispiele aus Gräsers Tao-Buch. Indem er allerdings viel über den alten Chinesen und über das eigene dichterische Werk des Siebenbürgers fast gar nichts sagt, verschiebt er die Gewichte gewaltig. Denn dieses Werk ist keine Nachahmung sondern aus eigener Erfahrung geschöpft, aus der Not und dem Kampf eines freiwillig Armen, der in der Katastrophenzeit des zwanzigsten Jahrhunderts seine einsame Stimme erhebt. Seine Worte sind ebensowenig „Rätselworte“ wie die des Meisters Lao, sondern klare, verständliche, ja erleuchtende Botschaften, Schlüsselworte zu den Geheimnissen des Daseins. Gräser hat zwar Anregungen von vielen Seiten dankbar aufgenommen, aber er ist ein „Schüler“ nur des eigenen Selbst.
Die Arbeit von Blankenstein ist sachlich im Ton, klar und verständlich geschrieben, durch passende Zitate anschaulich gemacht und trotz einiger Missverständnisse und Ungenauigkeiten im großen und ganzen zuverlässig. (Einen „Bruder Otto“ von Gräser hat es nie gegeben, und ein „KZ Großöhmig“ wird man in den Geschichtsbüchern vergeblich suchen!) Da der Verfasser auf Gräsers eigenständiges dichterisches Werk nicht eingeht, kann dessen bleibende Bedeutung nicht sichtbar werden. Trotz solcher Einschränkungen bietet Blankenstein auf kaum fünfzehn Seiten eine informative, angenehm zu lesende Einführung in den Lebensgang des großen Siebenbürgers.
Buckley, Joshua und Moynihan, Michael (Hg.)
TYR. Myth-Culture-Tradition. ULTRA, Atlanta, Georgia 2007-2008.
 
Ein Sammelband zum Gedankengut der "radical traditionalists". Der amerikanische Kulturhistoriker Gordon Kennedy kommt in seinem Beitrag zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass die Wurzeln der amerikanischen Hippie-Bewegung weniger in Indien liegen als in der deutschen Lebensreform, die schon seit 1900 durch Auswanderer in die Staaten gebracht wurde:
 
"What a devastating blow to find out that it wasn't the Hopis, Hindus, Tibetans, or some universal 'all-is-one' doctrine that inspired the hippies - it was Germany after all."
 
Gordon würdigt Gusto Gräser als Hauptfigur dieser Bewegung und bietet Bilder von Gräser, Hesse, Fidus und Diefenbach.

Carnelli, Silvia  Die Heimkehr des Ikarus. In: Gusto Gräser, TAO. Das heilende Geheimnis. Recklinghausen 2016, S.103-106.
Zitat:
Als Gegenstück zur radikalen „Dekonstruktion“ der Gegenwart entwirft Gusto Gräser die Konstruktion einer neuen Menschheit … Gusto Gräser bietet auch sein ureigenes Menschenideal an. Jener Mensch, der dem Weg seines Taos folgt – im Sichfreimachen von sozialen Vorschriften, so wie der Dichter selbst sich freimachte -, wird „helfend heilend“ … Er wird ein Tänzer und ein Tor, ein weiser Narr

Carstensen, T. u. Schmid, M. (Hg.) Die Literatur der Lebensreform. Kulturkritik und Aufbruchstimmung um 1900. Transcript Verlag, Bielefeld 2016.
Zitate:
Der Monte Verità … ist ein Ort der Gegenbewegung, ein Ort der Verlangsamung, welcher der Beschleunigungserfahrung um 1900 etwas entgegenzusetzen versucht. Man sehnt sich nach Befreiung von etablierten Normen … (195). 
Niemand verkörperte das Aussteigertum in dem um 1902 eröffneten Sanatorium besser als Gusto Gräser. (18)

Cepl - Kaufmann, Gertrude "Die Boheme zwischen Lebensreform und Lebensflucht", Aufsatz in "Nomadische Existenzen", Tagungsband des Fritz-Hüser-Instituts 11. Mai 2007, S. 55-73, Herausgegeben von Walter Fähnders, Klartext Verlag, Essen 2007, ISBN 978-3-89861-814-4
Auszüge

Engert, Rolf

Silvio Gesell in München 1919. Erinnerungen und Dokumente aus der Zeit vor, während und nach der ersten bayerischen Räterepublik. Hann. Münden 1986.


Ferentschik, Klaus

Gustav Arthur Gräser. In: Harald Szeemann, Wunderkammer Österreich,Wien/New York 1996, S. 245.


Gajek, Bernhard

Der Prophet und der Dichter. Gusto Gräser, Hermann Hesse und der Monte Verità. In: Schweizer Monatshefte, Zürich. 59. Jg., 1979, Heft 7, S. 639-643.


Green, Martin

Mountain of Truth. The Counterculture begins. Ascona, 1900-1920. Hanover and London: University Press of New England, 1986.


Green, Martin

Prophets of a New Age. The Politics of Hope from the eighteenth through the twenty-first Centuries. New York: Scribner's, 1992.


Grohmann, Adolf

Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin. Halle a. S.: Carl Marhold, 1904. - Nachdruck: Edizioni della Rondine, Ascona 1997.


Heelas, Paul

The New Age Movement. The Celebration of the Self and the Sacralization of Modernity. Blackwell Publishers, Oxford and Cambridge (USA) 1966.


Hermand, Jost

Grüne Utopien in Deutschland. Zur Geschichte des ökologischen Bewußtseins. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1991.


Heuer, Gottfried M. Freud’s outstanding Colleague / Jung’s ‚Twin Brother‘. The suppressed psychoanalytic and political significance of Otto Gross. Routledge, London and New York 2016.
Zitat:
Ascona was then the countercultural capital of Europe, a nodal point where advocates of radical innovative ideas – from nutrition, vegetarianism, nudism, and modern dance, to alternative spiritualities, including theosophy and the occult, as well as communism and anarchism - congregated. It was the centre forLebensreform, reform of life in every aspect … „It is easy to link it with Berkeley, the Paris May, the Berlin communes, the peace movement, women’s emancipation, the gay movement, and the greens … Half a century later, Ascona is everywhere“ (George Devereux). 
Considering Ascona’s impact from the today’s post-modern perspective, we might rather speak of an espace culturel positiviste … thus considering a geographical place simultaneously as a psycho-topos – a place in the soul: there is an Ascona within each of us‘. (121-123)

Holbein, Ulrich Fünf ziemlich radikale Naturpropheten. Christian Wagner aus Warmbronn, Karl Wilhelm Diefenbach, Gustaf Nagel, Arthur Gustav Gräser, Willy Sophus Ackermann. Synergia, Basel, Zürich, Roßdorf 2016.
Zitat:
Laotse befreite sich erst nach lebenslanger Beamtenlaufbahn, als Pensionär, aus seinen beruflichen Banden. Henry David Thoreau lebte bloß zwei Jahre in den Wäldern, statt zwanzig oder mehr. Rousseau folgte seinem eigenen „Zurück zur Natur“ nur sehr in Maßen. 
Gusto Gräser lebte viel rousseauhafter und taogemäßer als Rousseau und Laotse. (94)

Korol, Martin

Dada, Präexil und Die Freie Zeitung – Der deutsche "Steppenwolf" Hugo Ball, der Tänzer Ernst Bloch und ihre Frauen, Weggefährten und Gegner in der Schweiz 1916-1919. Bremen-Tartu-Sofia-Freudenstein 2002.


Linse, Ulrich

Ökopax und Anarchie. Eine Geschichte der ökologischen Bewegungen in Deutschland. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1986.


Linse, Ulrich

Asien als Alternative? Die Alternativkulturen der Weimarer Zeit: Reform des Lebens durch Rückwendung zu asiatischer Religiosität. In: Hans G. Kippenberg und Brigitte Luchesi (Hg.), Religionswissenschaft und Kulturkritik. Marburg: diagonal, 1991. S. 325-364.


Kennedy, Gordon
Gordon Kennedy lebt auf einer kalifornischen Biofarm.

Children of the Sun. A Pictorial Anthology.
'From Germany to California. 1883-1949’

Das Buch enthält 144 Abbildungen, darunter 13 zu Gusto Gräser; Auszüge in englischer Sprache hier. Seine These, dass die amerikanische Alternativbewegung von deutschen Einwanderern um und nach 1900 angestossen wurde, wird durch andere Quellen bestätigt und ergänzt.

Mohr, Hubert

Ascona / Monte Verità. In: Auffarth, Christoph u. a. (Hg.): Metzler-Lexikon Religion, Stuttgart Weimar 1999, Band 1, S. 95-98.


Müller, HermannDer Dichter und sein Guru. Hermann Hesse - Gusto Gräser, eine Freundschaft.

Der Dichter und sein Guru. Hermann Hesse - Gusto Gräser - eine Freundschaft.
Werdorf, Gisela Lotz, 2. Aufl. 1979.

Müller, Hermann

Was ist's mit Gusto Gräser? In: Durchblick, zur Gegenwart der Zukunft. Stuttgart 1980, Nr. 6. S. 64-68.


Müller, Hermann (Hg.)

Monteveritana. Mitteilungen aus dem Monte Verità-Archiv Freudenstein. 1986-1999.


Müller, Hermann

Gusto Gräser. Ein Prophet aus Siebenbürgen. In: Siebenbürgische Semesterblätter, 2. Jg., München 1988, Heft 1, S. 42-58.


Müller, Hermann

Feuertanz und Orgie. Otto Groß, Gusto Gräser, C. G. Jung und der Monte Verità von Ascona. Freudenstein: Deutsches Monte Verità Archiv, 1998 und 1999.


Müller, Hermann

Güte der Seele und Dämonie des Lichts. Ernst Bloch auf Monte Verità. Freudenstein 2000.


Müller, Hermann

Propheten und Dichter auf dem Berg der Wahrheit. Gusto Gräser, Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann. In: Kai Buchholz u. a. (Hg.), Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900. Darmstadt 2001. Band 1, S. 321-324.


Müller, Hermann


Müller, Hermann 
(Hg.)

Der Eremit von Ascona. Hermann Hesse in Wald, Fels und Höhle. Freudenstein: Deutsches Monte Verità Archiv, 1998 und 1999.


Münzel, Uli

Erinnerungen an Hermann Hesse. In: Hermann Hesse in Augenzeugenberichten. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1987. S. 280-284.


Poley, Stefanie Bericht über die Veranstaltung des “Freundeskreis Paul Goesch e. V.“ im Jahr 2016. Sonderdruck, Köln 2016.

Rinser, Luise

Hermann Hesse und die fernöstliche Philosophie. In: Hermann Hesse und die Religion. Hg. von Friedrich Bran und Martin Pfeifer. Bad Liebenzell 1990, S. 17-31.


Sánchez, Marcela


Sánchez, Marcela


Schmid, M., Carstensen, T. (Hg.) Die Literatur der Lebensreform. Kulturkritik und Aufbruchstimmung um 1900.
>>> Siehe oben unter Carstensen.

Schroeck, Otfried Die Siedlung Grünhorst im Roten Luch – das „grüne Herz Deutschlands“ (1930 bis 1936). In: 
Landkreis Märkisch-Oderland - Jahrbuch 2016, Paperback, 216 Seiten
Zitat:
In der Siedlung Grünhorst fanden sich die verschiedensten Strömungen der Reformbewegung (Siedler, Wandervögel, völkische Sozialisten, Jugendbewegung, Vegetarier, Kommunisten) zu-sammen. Prominenteste Vertreter dieses für Grünhorst typischen Spektrums waren neben Gusto Gräser der Biosoph und Philosoph Ernst Fuhrmann, der Historiker der Naturheilbewegung Hugo Hertwig, der anarcho-sozialistische Schriftsteller Franz Jung, der Wandervogel und politische Schriftsteller Karl-Otto Paetel, der Maler und Christsozialist Max Schulze-Sölde, der Wandervogel und Unternehmer Friedrich Muck-Lamberty, Otto Großöhmig, der 1979 in der BRD die Partei „Die Grünen“ mitbegründete, Harro Schulze-Boysen, später ein führender Widerstandskämpfer innerhalb der „Roten Kapelle“, und andere. Mit der Machtergreifung der National-sozialisten wurde der lose Bund um Grünhorst zerschlagen und 1936 die Siedlung angezündet.

Schupke, Kai
u. Schreiber, Daniel (Hg.)
BRÜCKE und die Lebensreform. Buchheim Stiftung, Feldafing 2016.
Zitat:
Anders als Diefenbach sammelt Gräser keine Anhänger und fordert auch keine Unterwerfung, sondern will durch sein Beispiel wirken. Was damit gemeint ist, drückt der Frühromantiker Schleiermacher am besten aus: 
„ […] an einer heiligen Person ist alles bedeutend. So mögen sie denn das Wesen derselben darstellen in allen ihren Bewegungen […] die heilige Innigkeit, mit der sie alles behandeln, zeige das auch bei Kleinigkeiten. Die majestätische Ruhe, mit der sie das Große und das Kleine gleichsetzen, beweise, dass sie alles auf das Unwandelbare beziehen, und in allem auf die gleiche Weise die Gottheit erblicken […] der immer rege und offene Sinn, dem das Seltenste und das Gemeinste nicht entgeht, zeige, wie unermüdet sie das Universum suchen und seine Äußerungen belauschen. Wenn so ihr ganzes Leben und jede Bewegung ihrer inneren und äußeren Gestalt ein priesterliches Kunstwerk ist, so wird vielleicht durch diese stumme Sprache manchen der Sinn aufgehen für das, was in ihnen wohnt.“ ( 22f.)

Schwab, Andreas


Schwab, Andreas und Lafranchi, Claudia (Hg.)


Watson, Peter Das Zeitalter des Nichts. Eine Ideen- und Kulturgeschichte von Friedrich Nietzsche bis Richard Dawkins. C. Bertelsmann, München 2016.
Zitat:
Der Nietzscheanismus war dort [auf dem Monte Verità] allgegenwärtig, allerdings weniger in seiner „Wille zur Macht“-Ausprägung als durch das Dionysische und das Ziel einer ekstatischen Dynamik. … Die Kolonie verfügte tatsächlich über all die Elemente der Gegenkultur, die sich später vor allem in Amerika entwickeln sollte. … Das entscheidendste … Element der Monte-Verità-Idee war der Rückzug aus dem urbanen Leben, um einen „neuen Menschenschlag“ zu erschaffen, einen nachchristlich-säkularen, der das Menschsein in all seiner Fülle und Gestalt einer gelebten „Vagabondage“ sowie durch Tanz zum Ausdruck bringen sollte. (61 f.)

Weidermann, VolkerTräumer - Als die Dichter die Macht übernahmen
1919, Revolution in München – und alle sind vor Ort: Ernst Toller, Thomas Mann, Erich Mühsam, Rainer Maria Rilke, Gustav Landauer, Oskar Maria Graf, Viktor Klemperer, Klaus Mann ...
Kiepenheuer & Witsch, 2017, 288 Seiten, gebunden
Auszug:

Gusto Gräser als Demian

Aus „Träumer“ von Volker Weidermann

Am nächsten Abend gehen sie [Oskar Maria Graf und der Maler Georg Schrimpf] zu einer Versammlung, auf der Gusto Gräser reden soll.

Und er redet.

Der Saal war ziemlich voll. Geraucht sollte nicht werden. Wir rauchten. Es ging auch bereits laut zu. Vorne saßen schwärmerische Mädchen mit Gretchenfrisur, alte Jungfern, Wandervögel, idealistische Sonderlinge und dergleichen.“ Und Spartakisten. Und Volk.

Es wird grauenvoll. Gräser predigt vom Geist der Gewaltlosigkeit. „Ach was, Geist! Schnaps brauchen wir!“ kräht Graf. Einer schreit: „Ziegen-bock!“. Gräser macht segnende Handbewegungen. Er preist die Natur. „Grasfressen und faulenzen ist sinnwidrig!“ ruft Graf. Ein anderer „Nieder mit der Natur! Es lebe die Technik!“

Gräser predigt weiter. Die Menge höhnt und lacht und tobt. „Wir sind keine Menschen mehr!“ ruft Gräser. „Nein, Viecher!“ brüllt Graf. Ein Spartakist erobert die Bühne. Hält die übliche Propagandarede. Die Zuhörer amüsieren sich prächtig.

Nach der Veranstaltung kehrte Gräser zum Schorsch zurück. Schorschs Freunde verspotteten ihn, grob, gemein und verletzend. Er sei doch nur für die Natur. Also: „Morgen bitte Lager nehmen im Englischen Garten“, befahl Graf ihm.

Zwei Tage später ging er dann wirklich. Man sah ihn weiterhin tagsüber durch die Straßen Münchens ziehen, meist verfolgt von einer Horde grölender Kinder. Es hieß, er habe Unterkunft in einem Ziegenstall gefunden.

Doch Gusto Gräser ist gerade dabei, eine Art Weltstar zu werden. Er weiß es nur noch nicht. Und auch nicht unter seinem eigenen Namen Gusto Gräser, sondern in literarischer Verkleidung, als einer, der Menschen auf dem Weg nach innen führt, zu einem neuen Gott, zu sich selbst. Es ist der Name „Demian“, unter dem er berühmt werden wird. Eine Erzählung unter diesem Namen ist soeben in der Zeitschrft „Neue Rundschau“ des S. Fischer Verlages als Vorabdruck erschienen. Im Februar der erste Teil, in der April-Nummer der zweite. Geschrieben hatte die Erzählung ein gewisser Emil Sinclair, niemand kannte ihn, weder der Verleger Samuel Fischer noch der Lektor Oskar Loerke wussten, wer der junge Debütant war. Dieser Emil Sinclar schreibt die Geschichte seiner Wandlung, aus der Orientierungslosigkeit der alten Vorkriegszeit in ein neues Leben, ein neues Licht. Er folgt einem sonderbaren Freund und Führer, zusammen mit dessen Mutter schließen sie einen Bund. Der sonderbare Freund Max Demian ist ein weiser, unschuldiger Prediger. „Hundert und mehr Jahre lang“, erklärt er seinem staunenden Freund Sinclair, „hat Europa bloß noch studiert und Fabriken gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann.“

So und so ähnlich sind Max Demians Ansprachen an den sehnsüchtig Lauschenden. „Was die Natur mit dem Menschen will, steht in den Einzelnen geschrieben, in dir und mir. Es stand in Jesus, es stand in Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen – die natürlich jeden Tag anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.“

Max Demian sieht den kommenden Krieg voraus, den Rausch, der die Menschen zusammenschweißen wird. „Es wird vielleicht ein großer Krieg werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, entsetzlich sein.“

Etwas Neues, etwas nie Dagewesenes kämpft sich frei, in den Schlachten Europas, so sieht es dieser wunderliche Prophet. „Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und das Ei war die Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen.“ Um neu zu werden, ganz und gar neu. „In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichlichkeit.“

Das Buch wird in Deutschland und Europa ein fantastischer Erfolg werden, der Autor wird als Führer der Jugend gefeiert. Als Thomas Mann die Erzählung einige Wochen später liest, ist er begeistert, fragt sich, wie sich alle fragen, wer nur dieser Emil Sinclair sein könne, und stellt erstaunt fest, dass es geradezu ein geschwisterliches Buch zu dem von ihm wieder begonnenen „Zauberberg“ sei. Auch hier bricht der Weltkrieg „als Lösung“ am Ende in das Romangeschehen ein.

Dieser Emil Sinclair wird für den Text noch im selben Jahr den Fontane-Preis für das beste deutsche Erstlingswerk erhalten. Und erst im nächsten Jahr muss der Autor ihn wieder zurückgeben. Denn er ist kein Debütant. Und er heißt auch nicht Sinclair. Der Autor ist Hermann Hesse, damals 41 Jahre alt, und er war mit Büchern wie „Unterm Rad“ und „Peter Camenzind“ längst eine Berühmtheit in der Welt der Literatur.

Früh schon war er Gusto Gräser begegnet. 1907 war er dem Wandernden auf den Monte Verità im Tessin gefolgt. In einer Holzhütte wohnend, verbrachte er mehrere Wochen in der Nähe des Freundes, lebte selbst für einige Zeit in den Felsen bei der Höhle von Arcegno, nackt, fastend und meditierend.

Doch Hesse kehrte in sein bürgerliches Leben zurück, verspottete Gräser bald schon in seiner höhnischen Erzählung „Doktor Knölges Ende“ als einen in den Bäumen hängenden Gorilla.

Im Krieg kam es zu einer neuen Annäherung. Hesse wurde zu Gräsers „dichterischem Verkünder“. Seine Reformsiedlung auf dem Monte Verità wurde für Hermann Hesse zu einer „Trauminsel der Erfüllung“, Beispiel und Vorbild „einer anderen Art zu leben“.

Doch als der Krieg zu Ende war, das Ei also in Trümmern lag und allen voran München sich bereit zu machen schien für eine neue Mensch-lichkeit, gingen die beiden Männer unterschiedliche Wege. Anfang 1919 schrieb Gusto Gräser an Hermann Hesse in Bern: „Der BAUM des Lebens keimt und kommt ja doch nur von Selber. - Er gründet ein und grünet auf, wenn die Eisblöcke der Verstandes- und Gegenstandswirtschft Ihm nicht mehr beklemmend im Wege stehn. - Drum Tauwind ins Winterland, TAO-wind in die hirnfrostig verfrorene Welt.“ Er war unterwegs in die neue Wärme, zur neuen Menschlichkeit und schönen Gemeinschaft, die er in München für sich und die Seinen erhoffte.

Und er hoffte wohl, vielleicht war er auch sicher, dass auch der Freund ihm nach Deutschland, nach München folgen würde. Viele in Deutschland dachten so. Hermann Hesse, der schwäbische Kriegsgegner in der Schweiz – wohin sollte er denn, wenn nicht nach München?

Doch da täuschten sich alle. Hesse hat seinen Demian nach München geschickt. Er selbst flieht in die andere Richtung. ...

Der sonderbare langhaarige Freund mit den Sandalen und den Texten im Ledersäckchen, der Hesse so vieles vorgelebt und vorgeredet hatte, hat einen anderen Plan. Er redet, sammelt Menschen um sich, lässt sich verhöhnen in der Stadt der Träumer und Weltverbesserer. Die Liebe wollen beide auf ihre Weise in die Welt tragen.

Aus Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen
Köln 2017, S. 186-191

Weise, Otto

Hermann Müller: Der Dichter und sein Guru. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung. Burg Ludwigstein: Stiftung Burg Ludwigstein, 1978, S. 196-199.


Szittya, Emil

Das Kuriositäten-Kabinett. Konstanz 1923. Neudruck Berlin 1979.


Wyrwoll, Karl

Ernst Moritz Engert. Monographie Dokumentation Katalog. Ernst-Moritz-Engert Museum der Stadt Hadamar, 1988.


Literaturnachweis in:
OCLC Online Computer Library Center, Inc., 6565 Kilgour Place, Dublin, Ohio 43017-3395 USA, © Copyright 2011



Robert Landmann (eigentlich Werner Ackermann) 1892 in Antwerpen geboren, Verfasser mehrerer Romane, Stücke und Hörspiele, Journalist in Genf, Ascona, Berlin, Saint Tropez, Istanbul und Antwerpen. 1923 hat Landmann in Ascona zusammen mit seinen FreundenHugo Wilkens und William Werner die von Henri Oedenkoven gegründete Siedlung Monte Verità erworben und 1925 an BaronEduard von der Heydt verkauft.

Robert Landmann, Ascona - Monte Verità: Auf der Suche nach dem Paradies, Neuauflage 2009
Titel: Ascona - Monte Verità, 2. Auflage, Juli 2009
Autor: Robert Landmann
ISBN: 978-3-7193-1219-0
Details: gebunden, 21.0 x 13.0 cm, 304 Seiten
Preis: CHF 49.00, € 29.90: Bestellen

Inhalt:
  • Einleitung
  • Verwandte Seelen:
  • Henri Oedenkoven und Ida Hofmann
  • Gebetene und ungebetene Gäste 2
  • Der Hort des «Vegetabilismus»
  • Anarchisten, Theosophen und Spiritisten
  • Das Dorf und die «Nackten»
  • Edeldichtkunst um den Monte Verità
  • Okkulte Spezialitäten
  • Überfluss und Geldkalamität
  • Künstlerkolonie oder Zufluchtsort für Strafgefangene
  • August 1914
  • Der Auszug der Gründer
  • Rummelplatz ohne Weltanschauung
  • Der verlassene Berg
  • Die zweite Gründung
  • Ein modernes Märchen will Regie
  • Die Auflösung des Triumvirates
  • Der neue Herr des Monte Verità
  • Erlesene Kunst und hohe Gäste
  • Die Inseln der Seligen
  • Mondänes Dorf
  • Eranos, eine Gemeinschaft der Suchenden
  • und Erkennenden
  • Emigranten
  • Das Weltdorf Ascona
  • Monte Verità – Der andere Zauberberg
  • Personenregister
  • Weiterführende Literatur (Auswahl) und
  • Quellenverzeichnis
  • Fotonachweis


Achtbändiges Werk von Eberhard Mros

Ein Kompendium des Wissens um den Wahrheitsberg, ein Lexikon zum Nachschlagen. Alles ist da: das Spirituelle, das zeit- und kulturgeschichtliche, das Alternative und Ökologische. Und zugleich das Faktisch-Reale mit einer Genauigkeit und Vollständigkeit, wie sie noch nicht da gewesen ist, bis auf die Grundstücksnummern im Kataster.

Die Bändchen im Format A5 (je etwa 100-120 Seiten, viele Abbildungen, je CHF 15.-) im Selbstverlag des Verfassers werden in der Rezeption des Hotels Monte Verità und in der Casa Anatta angeboten.

Fondazione Monte Verità - Via Collina 84 - CH-6612 Ascona - Tel 0041 91 785 40 40
www.monteverita.org  - info@monteverita.org

Martin Green, Mountain of Truth
Martin Green
Mountain of Truth
1986




Eine gut informierte Darstellung des Monte Verità
in italienischer 
Sprache


In französischer Sprache
Monte Verità, Ascona et le génie du lieu
de Kaj Noschis
Monte Verità, Ascona et le génie du lieu

Edité aux PPUR (Presses polytechniques et universitaires romandes),
collection "Le savoir suisse". 142 p., 2011, 10,90 € (17,50 francs suisses).

Das Buch von Kaj Noschis bietet die bisher beste Einführung in die Geschichte des Monte Verità. Ich kenne kein anderes Werk zum Thema, das auf so wenigen Seiten eine solche Fülle von - zum Teil neuen - Informationen böte: von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart, von den Pionieren bis zu den Gelehrten von Eranos. Es wäre sehr zu wünschen, dass dieses Buch ins Deutsche übersetzt würde.

Unglücklicherweise steht seinen großen Vorzügen ein großes Manko gegenüber: Noschis verkennt die Hauptperson, den eigentlichen Geistgründer des Wahrheitsbergs: den Dichter-propheten Gusto Gräser. Er scheint dessen Lebenswerk nicht zu kennen und ihn auch nicht sonderlich zu schätzen. Dazuhin ist seine Darstellung in diesem Abschnitt voller faktischer Fehler. Weil nun aber der eigentliche Inspirator dieser Siedlung nicht erkannt wird, muss Noschis trügerischen Ersatz suchen, um die Kreativität und Attraktivität des Ortes zu erklären. In seiner Not verfällt er auf die Idee, in einem fiktiven „genius loci“ den Grund für die außerordentliche Ausstrahlungskraft von Ascona zu suchen. Ein absurder Einfall! Nicht Landschaften schaffen Ideen sondern Menschen.

In einer zweiten Auflage müsste das Kapitel „Gusto Gräser“ völlig neu bearbeitet werden. Dann könnte dieses sonst so verdienstvolle Buch zu einem wirklichen Standardwerk werden.

Zu der Beziehung Gräser-Hesse sagt Noschis u. a.:
„Gusto, der Pilger, der seine Friedensbotschaft verkündet, beeindruckt den Schriftsteller und führt ihn auf den Monte Verità (62). – Die Gestalt des Gusto Gräser hat sich in die Vorstellungswelt von Hesse eingeschrieben (64). – Gewisse Hauptgestalten seiner Bücher sind geprägt von jenen Menschen, die er in Ascona beobachtete: wie sie sich abmühten in  ihrem Suchen, in ihrem Hören auf die Natur, wie sie ihre Weltschau mitteilen wollten und zugleich litten an ihrem unaufhebbaren Anderssein (68f.).“
Hermann Müller

Bereits vor 100 Jahren (und vorher) wanderten, statt Hundertausende, einige abzählbare, markante Frühhippies durch die Welt, barfüssige Weltverbesserer, Wanderprediger, verspottet als Kohlrabi-Apostel und Kartoffel-Christusse, die mit dem ‚Zurück zur Natur’ ernst machten und das ganze Programm von 1967 bis 1976 bereits draufhatten: Pazifismus, freie Liebe, Technikkritik, Spiesserverachtung, lange Haare, Nudismus, Vegetarismus. Einerseits gerieten selbst die wichtigsten Gestalten von damals sehr in Vergessenheit, andererseits erhielten sich viele Text- und Bilddokumente, von denen sich einiges in diesem Buch wiederfindet.
Der Webmaster meint:
Schon oberflächliche Lektüre des G. Gräser gewidmeten Teils dieses Buches zeigt allerdings, dass so manches aus der Luft gegriffen oder masslos übertrieben ist und damit ein verzerrtes, negativ gefärbtes Bild entsteht.
Quellenangaben fehlen.
Verlag "Der Grüne Zweig"  - ISBN 9783922708056


Belletristik
Suhrkamp

DER WELTVERBESSERER

Erzählungen von Hermann Hesse über seine Lehrzeit bei Gusto Gräser im Jahre 1907

Suhrkamp

Diese autobiographische Erzählung kommt den  Erfahrungen Hesses im Jahre 1907 näher als 'Der Weltverbesserer'. In der Gestalt des Heinrich Wirth ist Gusto Gräser zweifelsfrei zu erkennen.

DIE DUNKLE UND WILDE SEITE DER SEELE


Hermann Hesse. Briefwechsel mit seinem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang. Darin eine weitere Bestätigung für die enge Verbundenheit der Familien Gräser und Hesse. Gräsers Familie wohnte 1919 im Haus von Mia Hesse in Ascona.

“Mit Hermann Hesse durchs Tessin – Ein Reisebegleiter von Regina Bucher”

Was mit einem Kuraufenthalt 1907 auf dem legendären Monte Verità begann, entwickelte sich für Hermann Hesse zu einer lebenslangen Faszination: 1919 siedelte er nach Montagnola im Tessin über und lebte dort bis zu seinem Tod 1962. Seiner Begeisterung für diese abwechslungsreiche Seen- und Berglandschaft mit ihren pittoresken Dörfern hat er in zahlreichen Erzählungen, Briefen und nicht zuletzt in seinen Aquarellen Ausdruck verliehen.

Zehn Spaziergänge führen den Leser auf die Spuren Hesses.
insel taschenbuch 3609
ISBN: 978-3-458-35309-6 - Preis: 21,70 CHF , 293 Seiten
José Morella, in spanischer Sprache, in LUKE nº 169 Febrero 2016
Como caminos en la niebla (Wie Wege im Nebel)

José Morella wurde 1972 in Ibiza geboren. Er hat einen Abschluss in Literaturtheorie und vergleichender Literaturwissenschaft. Er lebt derzeit in Barcelona, wo er Spanisch unterrichtet. Er veröffentlichte die Romane La fatiga del vampiro (2004) und Asuntos propios, Finalist des Herralde-Preises für Romane im Jahr 2009. Er ist auch der Autor der Gedichte Tambor de luz (2001). Er hat auch die Dichter Ferreira Gullar und Douglas Dunn ins Spanische übersetzt.
... und LUKE-Mitarbeiter
Morella schreibt über Gusto (Original in spanisch hier):
Gusto Gräser, der berühmte „Naturmensch“ des Monte Verita, schrieb ein halbes Leben lang an einer neuen Version des Tao te King von Lao Tse. Gusto konnte kein Chinesisch, er übertrug das Buch nur nach der Übersetzung von Richard Wilhelm. Der Grundgedanke dieses Buches besteht darin, die Wirklichkeit nicht zu zwingen, nicht mit zu viel Anstrengung darauf zu bestehen, dass das geschieht, was wir uns wünschen, und dass nicht geschehe, was wir nicht wollen. Eine traditionelle chinesische Erzählung erklärt das so:
Ein Pilger sieht aus der Entfernung, wie ein heftiger Gewittersturm eine Holzbrücke mit sich nimmt. Deshalb fallen ein Alter und ein junger Mann ins Meer. Das Wasser ist sehr bewegt. Einige Sekunden später sieht der Pilger, wie der Alte ganz nah am Strand auftaucht und ans Festland schwimmt. Der junge Mann taucht niemals auf und ertrinkt. Der Pilger geht zu dem Alten und fragt ihn: Wie ist es möglich, dass der Junge es nicht geschafft hat herauszukommen und Sie hier so ruhig stehen und ihre Kleider auswinden, als sei nichts geschehen? Der Alte antwortet ihm: Dieser Junge hat zu viel Widerstand geleistet, er hat zu viel Kraft darauf verwendet herauszukommen. Er hat gestrampelt und mit den Armen gegen die Strömung gerudert, die unendlich mächtiger war als er und ist dann ertrunken. Ich habe das Gegenteil getan. Ich habe mich ergeben, habe alle Muskeln entspannt wie ein Säugling, der von seiner Mutter gestillt worden ist. Ohne Anstrengung. Die inneren Strömungen haben mich an die Oberfläche getragen, so wie eine Katze eine Spinne auf ihrem Rücken trägt. Ich habe nichts getan um zu überleben. Deshalb lebe ich auch noch.
Gusto flüchtete sich in die Natur und versuchte nur mit dem Allernotwendigsten zu überleben, weil er fühlte, dass die Zeit, in der er leben musste, dem, was Lao Tse vorschlug, diametral entgegengesetzt war. Eine Welt, in der es die Norm war, die Wirklichkeit zu zwingen: Die Produktion auf dem Land und in den Fabriken wurde mechanisiert, der Gebrauch von Chemikalien in der Landwirtschaft eingeführt; die Eisenbahn verkürzte die Entfernungen in einem für die damalige Zeit unvorstellbaren Maße. Henry Ford war dabei, das erste Fließband einzurichten. Gusto misstraute dem, was für andere unbezweifelbare Verbesserungen waren. Er sagte den Ersten Weltkrieg voraus, in dem auch die Fähigkeit zu töten mechanisiert wurde und Tausende an einem einzigen Tag starben. Als sie ihn rekrutieren wollten, erklärte er sich als Pazifist und Wehrdienstverweigerer. Sie verurteilten ihn zum Tode. Nach drei Tagen, in denen er jeden Augenblick damit rechnete erschossen zu werden, erreichte er die Einlieferung in eine Irrenanstalt, indem er vorgab verrückt zu sein. Dann kehrte er mit seiner Familie zurück zum Monte Verita und lebte dort weiter wie zuvor: nackt, barfuß, ohne zu heiraten und zog seine Kinder selbstständig groß, ohne sie in die Schule zu geben. Auf Geld verzichtete er ganz und gar und ernährte sich von dem, was er anbaute. Ein einfaches Leben, wie es einfacher nicht sein konnte. Oft besprach er seine Version des Tao, an der er unablässig arbeitete, mit dem Schriftsteller Hermann Hesse. Hesse, ein Vielgelesener, intelligenter und talentierter als Gusto, scheute sich in keiner Weise, ihn als seinen Meister anzuerkennen. Er hätte es ihm gerne nachgetan, hatte aber nicht den nötigen Mut, den Wunsch nach Aufstieg und Erfolg aus seinem Leben zu verbannen. Gusto nahm nie Rücksicht darauf, was andere von ihm dachten. Keiner der Intellektuellen oder Bohemiens des Monte Verita hatte im Entferntesten seine Bescheidenheit, noch seinen Mut.
Er wollte die Welt ebenso verändern wie Otto [Gross], aber auf andere Art und Weise. Seine Veränderung war innerlich und ruhig, die Ottos dagegen voller Unrast, Eifer und Angst. Einen Text von Lao Tse gab er folgendermaßen wieder: „Tao, du, Heimat aller! Die Behäbigen und Satten finden dich nie. Aber denen, die es vorziehen, durstig und hungrig umherzuziehen, denen öffnest du die Türen voll und ganz: ihnen blühen die Bäume, ihnen lächeln glänzende Früchte, die von übervollen Zweigen hängen. Den Schnellen, die ohne Verzögerung alles öffnen und wissen wollen, denen schließt du dich zu“.

Grundlegende Biografie über die Puppenmacherin Käthe Kruse, auch über ihre Zeit auf dem Monte Verità. Es wird klar, dass die Aussteiger um die Brüder Gräser ihr  Anstoss und  Möglichkeit zu Selbstfindung und Entfaltung ihrer kreativen Fähigkeiten gaben.







Sachbuch, 464 Seiten, zahlr. Abb., gebunden, Preis: € 26,90[D], € 27,70 [A], CHF 45,50

Osburg Verlag, Berlin



Frank Milautzcki
Reinhard Goering - ein Unbekannter auf dem Berg der Wahrheit

54 Seiten, 10 Abb., € 7.80, Verlag Proberaum 3, Trennfurter Straße 14, 63911 Klingenberg. E-mail: wuestenschiff@t-online.de
Rezension


PIONIERE, POETEN, PROFESSOREN
Eranos und der Monte Verità in der Zivilisationsgeschichte des 20. Jahrhunderts

Ulrike Voswinckel

Freie Liebe und Anarchie

Schwabing - Monte Verità Entwürfe gegen das etablierte Leben











184 S., Paperback

Verlag
Allitera 2009



Ulrike Vosswinkel

Die Autorin Ulrike Voswinkel

Leseprobe (PDF)

Die Bremer Sonderausstellung "1001 Nacht - Wege ins Paradies"Die Bremer Sonderausstellung

"1001 Nacht - Wege ins Paradies"

von 2006/7
über paradiesische Gärten, Schöpfungsmythen und Sozialutopien enthält auch eine Darstellung des Monte Verità mit Bildern von Gusto Gräser.

Im Katalog  sind viele seltene Bilder in hervorragender Qualität . Mit Kapiteln über den Monte Verità und dessen Ableger auf Kabakon in der Südsee . 211 Seiten


Näheres in www.uebersee-museum.de

Philipp Blom
Der taumelnde Kontinent / The Vertigo Years
Europa / Europe 1900 - 1914
  • Konsumismus, Angst vor Überfremdung, Kampf der Frau um ihre Rechte, Burn-out des Mittelstandes, Genetik: Die großen Fragen des Jahres 2009 versetzten schon 1909 die Europäer in einen Taumel.
  • Cultural, economic and political life before the First World War. This was a time in which old certainties broke down and many people lost their bearings. At the heart of this vibrant Europe, was a contradiction that would cause its collapse: the new, modern world of mass production, urban life, technological warfare and a rapidly growing working class that was still ruled by men who preferred the image of dashing cavalry officers to the prosaic slaughter of the machine gun, and national mythology to political cohesion and democracy.
Hanser, 536 Seiten, 86 Schwarz-Weiß-Bilder, acht Seiten farbiger Bildteil
Erschienen 2009, ISBN 978-3-446-23292-1

English: Blom, Philipp: The Vertigo Years. Change and Culture in the West, 1900-1914. Weidenfeld & Nicolson, London 2008. p. 202f.

Editions de l'Université de Bruxelles

Wolfgang Wackernagel
MYSTIQUE, AVANTGARDE ET MARGINALITÉ DANS LE SILLAGE DU MONTE VERITÀ


In: Mystique: la passion de l’Un, de l’Antiquité à nos jours
Edité par Alain Dierkens et Bénoit Beyer de Ryke. Éditions de l'Université de Bruxelles. Problèmes de l'histoire des religions, tome XV. Bruxelles 2005, S. 175-186. Sieben Fotos von Gräser und Monte Verità nach S. 160

Hans Bergel

Wegkreuzungen. Dreizehn Lebensbilder
 
Hans Bergel hat große Bücher geschrieben, und er hat liebenswerte Bücher geschrieben. Neben das Riesenepos „Die Wiederkehr der Wölfe“ von 2006, das ich in der Nachbarschaft von Tolstois „Krieg und Frieden“ sehe, stellte er jetzt die „Wegkreuzungen. Dreizehn Lebensbilder“. Das Buch nahm mich durch das angenehme Format und die Eleganz der Aufmachung sofort nach Erhalt schon vom Äußeren her gefangen.

 ... Die Charakterstudie über Deutschlands „lachenden Apostel“, den 1879 in Siebenbürgen geborenen Gustav Arthur Gräser, gerät ihm zum geistvollen Exkurs in die Kulturgeschichte Europas der vorletzten Jahrhundertwende. ...

Hans Bergel:   Wegkreuzungen:   Johannis Reeg Verlag, 176 Seiten
EUR 16,50 (+ Versandkosten), Buch bestellen »



 
Rythme et civilisation dans la pensée allemande autour de 1900

Thèse de Doctorat
Discipline : Etudes germaniques
Présentée par Olivier HANSE
UNIVERSITÉ RENNES 2 – HAUTE BRETAGNE
Unité de Recherche GRAAL JE 2314
Ecole Doctorale : Humanités et Sciences de l’Homme
Année de soutenance : 2007



Français


English


Deutsch



Autour de 1900 en Allemagne, l’ « arythmie » des individus est présentée par un certain nombre d’auteurs comme le symptôme d’une civilisation malade, qu’il faut à tout prix sauver du déclin. La disparition du rythme, constatée dans un grand nombre de disciplines, semble par ailleurs accuser le triomphe d’une vision matérialiste et « microscopique » du monde, qui rend l’homme aveugle aux miracles du vivant, tandis que dans les écoles et dans les universités s’impose un modèle de formation utilitariste, qui privilégie les savoirs techniques au détriment de l’intuition, de l’esprit de synthèse et de la créativité. Parallèlement à ce diagnostic, le même concept de rythme, que l’on suppose avoir joué, à l’origine, un grand rôle dans la socialisation de l’être humain et dans le développement de la culture, se retrouve au centre de projets utopiques fondés sur la gymnastique et la danse, qui visent à retransformer un corps social « mécanisé » et « disloqué » en une communauté saine et fraternelle. Par-delà les conflits de terminologie et de méthode qui opposent les différents représentants du « mouvement du rythme », cette étude tente d’éclairer les motivations individuelles et collectives de ce discours, de faire ressortir les mécanismes psychosociaux qui le traversent, ainsi que les causes de son succès, tout en le replaçant dans le contexte historique, social et culturel qui lui a donné naissance.
Around 1900 in Germany, people’s “arrhythmia” was presented by a certain number of authors as the symptom of a sick civilisation that absolutely needed to be saved from decline. The disappearance of rhythm observed in a large number of fields seemed moreover to affirm the triumph of a materialistic and “microscopic” vision of the world which blinded man to the miracles of life, while in schools and universities a model of utilitarian tuition was being asserted that favoured technical knowledge to the prejudice of intuition, sense of synthesis and creativity. Concurrently to this diagnosis, the same conception of rhythm that is supposed to have initially played a great role in the socialization of mankind and in the development of culture, is to be found at the heart of utopian undertakings based on gymnastics and dance aimed at retransforming a “mechanised” and “dislocated” social body into a healthy and fraternal community. Beyond conflicts of terminology and method opposing different representatives of the “rhythm movement”, this study endeavours to enlighten individual and collective motivations of this discourse, to bring out the psychosocial mechanisms that traverse it, as well as the reasons for its success, while repositioning it in the historical, social and cultural context that engendered it.


"Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Grundlagen des Rhythmus-Diskurses in den Jahren 1880-1925 aufzudecken und im Sinne einer 'Sozialgeschichte der Ideen' herauszuarbeiten, inwiefern er gesellschaftliche Sachverhalte widerspiegelt bzw. durch den kulturellen und sozialgeschichtlichen Zusammenhang seiner Entstehung und Verbreitung beleuchtet werden kann. Der 'Rhythmus' soll dabei nicht auf eine bestimmte Definition reduziert werden, sondern es soll vielmehr begriffsgeschichtlich gezeigt werden, inwiefern er über seine primäre Bezeichnungsfunktion hinaus 'kommunikatives Eigengewicht' gewinnt und seine konkrete Verwendung, so vielfältig sie auch sein mag, die Ängste und Hoffnungen einer bestimmten sozialen Schicht artikuliert."


Claudio Rossetti - Raggi die Cultura - A Spectrum of Culture

Claudio Rossetti, von 2002 bis 2011 Direktor der Fondazione Monte Verità setzte während dieser Zeit viele Ideen und Visionen um, die er im Buch “Raggi di cultura – A Spectrum of Culture” festhält: 120 Seiten und viele Fotografien ermöglichen einen Einblick in die kulturellen Ereignisse. Erhältlich ist das zweisprachige Buch (Italienisch und Englisch) für CHF 20.- beim Centro Monte Verità (Tel .   091  785  40  40,   E-Mail info@monteverita.org). Der Erlös geht an das “Forum Diritti Umani”.

    


Luschner in "Raggi di Cultura - A Spectrum of Culture":





‚Die deutsche Seele’

von Thea Dorn und Richard Wagner. Albrecht Knaus Verlag, München 2011. 560 Seiten, viele Abbildungen. € 26.99

 Aus dem Vorwort:

„Wir machen uns keine Sorgen, dass Deutschland sich abschafft. Wir sehen nur, dass es sich herunterwirtschaftet. Sein Gedächtnis verliert. Die einen haben die deutsche Scham, die keiner ablegen kann, der diesem Land entstammt, zum Schuldpanzer verhärtet, hinter dem sie sich verschanzen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind ihnen weniger Schmach und Schmerz als der Beweis, dass alles Deutsche mit der Wurzel ausgerissen gehört. Die anderen tummeln sich in dem Kahlschlag, den die wohl-meinenden Nashörner angerichtet haben. Ihnen fehlt nichts, solange der Fernseher läuft und im Kühlschrank genügend Bier steht. Und dennoch spüren wir ein wachsendes Deutschlandsehnen.“

Ein wichtiges Buch! Hier folgen einige Auszüge, die Diefenbach und Gräser betreffen. Die Verfasser sind allerdings sehr im Irrtum, wenn sie glauben, der Monte Verità habe nicht mehr als Hüllenlosigkeit zu bieten gehabt. In Wirklichkeit erlebten hier die Emigranten aus Alteuropa – Reformer,  Dichter und Künstler –  eine „Revolution der Seele“, eine Ausweitung und Befreiung nicht der deutschen Seele allein, aber gerade auch der deutschen, hin zu einem weltumgreifenden, menschheitumfassenden, anationalen, kosmopolitischen „Reich der Seele“, das Indien und China, Russland und Amerika genauso in sich schloss wie die besten deutschen Traditionen. „Es gab hier einfach alles, was im übrigen Europa nicht existieren konnte, verboten wurde, die Menschen nicht zu leben wagen konnten. Hier wurde es versucht; vorgelebt, existierend, nicht bloß theoretisch angeschaut“, schrieb damals der Dramatiker Reinhard Goering. „Entschieden, man war ja jenseits von Europa.“ Und ein anderer Gast und Gräserfreund, Hermann Hesse: „Hier war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen und der Traum“.

„Schick“ war das Leben dieser Aussteiger-Siedler nicht im geringsten, vielmehr härteste Realität: Arbeit und Hunger, Kampf und Gefahr. Nicht Wenige sind daran zerbrochen, starben durch Selbstmord oder im Irrenhaus. Erst im ahnungslosen Nachschmecken des Feuilletons wurde daraus ein „schicker Mythos“.

   

Aufrufe von Gusto Gräser, um 1914

Raus! Raus aus den verpesteten Städten! Raus aus den engen Gassen! Raus aus dem „stahlharten Gehäuse“ von Bürokratie und Industrie, von Technik und Geldwirtschaft! …

Rousseau ist seit über hundert Jahren tot – doch nie und nirgends fíndet sein Ruf „Zurück zur Natur!“ ein kräftigeres Echo als im deutschsprachigen Raum an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Am wörtlichsten nehmen das große anti-zivilisatorische „Raus!“ jene, die glauben, die Kluft zwischen Leib und Seele, zwischen Kosmos und Mensch, zwischen Reich und Arm schließen zu können, indem sie die Hüllen fallen lassen.

Der erste Nudist aus Überzeugung ist der Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Seine Konversion zum Lebensreform-Glauben geschieht in den 1870er Jahren: Nach einer Typhus-Erkrankung muss er operiert werden, sein rechter Arm bleibt verkrüppelt. Diefenbach ist überzeugt, Naturheilkunde und fleischlose Kost hätten ihn kuriert, weshalb er zum Verkünder einer vegetarisch-naturnahen Lebensweise wird. Barfuß, mit wildem Haarwuchs und in eine Kutte gekleidet wandelt er durch München und predigt gegen den „Verzehr von Tierfetzen“. Obwohl man im Schwabing jener Jahre esoterische Exzentriker gewohnt ist, kommt es zu regelmäßigen Zusammenstößen zwischen dem „Kohlrabiapostel“ und der Obrigkeit. 1887 zieht sich Diefenbach nach Höllriegelskreuth ins Isartal zurück – und gründet dort in einem stillgelegten Steinbruch die erste Kommune, in der nach seinen Vorstellungen gelebt werden darf bzw. muss. Der Aussteiger entpuppt sich – wie manch einer nach ihm - als autoritärer Guru: Fleisch, Tabak, Alkohol, Privatbesitz und bürgerliche Ehe sind tabu, der Meister bestimmt, wer wann mit wem in welcher Weise verkehren darf oder auch nicht. Gemeinsam wird ein Körperkult zelebriert, der auf „Licht, Luft, Sonne, Nacktheit und Beschwingtheit“ fußt.

Weltanschaulich nicht weniger aufgeladen, aber deutlich mondäner gibt sich die Künstler-Kolonie „Monte Verità“, die 1900 auf einem Hügel oberhalb des schweizerischen Ascona u. a. von Gusto Gräser gegründet wird. Seine ersten Erfahrungen mit alternativem Leben hat der siebenbürgische Dichter bei Diefenbach gesammelt. Der Friede zwischen Pazifisten und Anarchisten, Nudisten und Ausdruckstänzerinnen, Anthroposophen und Psychoanalytikern, Veganern und Vegetariern ist zwar stets ein wackliger, dennoch existiert die Kolonie in ihrer ursprünglichen Form bis 1920. (Und kann heute noch als Hotel/Museum/Konferenzcenter besucht werden.) Prominente Gäste wie der dadaistische Künstler Hans Arp, der Philosoph Ernst Bloch oder die Schriftsteller Gerhart Hauptmann und Hermann  Hesse machen den „Wahrheits-Berg“ zum radikal schicken Mythos.

Aus Thea Dorn, Richard Wagner: Die deutsche Seele, S. 153-155

Siedlung in der Schweiz

Kapitel:

Monte Verità, Freidorf BL, Wasserhaus, Werkbundsiedlung Neubühl, Pantli, Cité du Lignon, Gurten-Gartenstadt.




Künstlermuseum

Kapitel:

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Auszug (aus beiden Büchern):

Der Monte Verità (dt. Wahrheitsberg) ist ein Hügel über Ascona, im Kanton Tessin, Schweiz, der in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Sitz einer lebensreformerischen Künstlerkolonie war, die heute als eine der Wiegen der Alternativbewegung gilt. In ihr sammelte sich der Widerstand gegen die patriarchale militaristische Kultur und Gesellschaft der Zeit. Monte Verità wurde ein Zentrum neuer Bewegungen: Lebensreform, Pazifismus, Anarchismus, Theosophie, Anthroposophie, OTO, Psychoanalyse, östliche Weisheit, Ausdruckstanz. Zugleich war der Monte Verità eine Zitadelle des politischen Widerstands gegen die autoritären und chauvinistischen Regime des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. So war der Kanton Tessin im 19. Jahrhundert unter anderem Anlaufpunkt verschiedener russischer Intellektueller, speziell bedeutender Anarchisten. Neben Graf Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842-1921) hielt sich in den Jahren 1873/'74 Michail Bakunin (1814-1876) in Locarno-Minusio und Lugano, also in direkter Nähe zu Ascona, auf. Auch nach der Gründung des Sanatoriums Monte Verità 1900 blieben Anarchisten und Pazifisten Gäste auf dem Berg. Als Beispiel sei hier nur auf Erich Mühsam verwiesen. Der politische Aktivist und Antimilitarist befreundete sich während seiner Aufenthalte zwischen 1904 und 1908 mit dem Siedler Gusto Gräser. Vor und während des Ersten Weltkriegs sammelten sich dort die Pazifisten, Verweigerer, Emigranten und Flüchtlinge aus den kriegführenden Staaten: so Hans Arp, Hugo Ball, Ernst Bloch, Hermann Hesse, Ernst Toller und viele andere. Durch Hermann Hesse, der seinen Freund, den Mitgründer Gusto Gräser, in den Meistergestalten seiner Dichtungen verewigte, durch Gerhart Hauptmann, Bruno Goetz, Reinhard Goering, Emil Szittya und andere, vor allem aber durch die Person und das Werk von Gusto Gräser selbst, wurde der Berg zu einem Mythos. Casa AnattaGründer dieser Kolonie waren die Brüder Karl (1875-1920) und Gustav Arthur Gräser (1879-1958) --> weiterlesen (Wikipedia)
Verlag: General Books, 2011
36 Seiten, 228 mm x 154 mm x 2 mm,
ISBN-13: 9781159328368, ISBN-10: 1159328366, Best.Nr.: 31622083

60 Seiten, 246mm x 189mm x 3mm,
ISBN-13: 9781159099428, ISBN-10: 1159099421, Best.Nr.: 31611337


Belletristik:
Hültner, Robert (2004):
Inspektor Kajetan und die Betrüger

Girgis, Samir (2005):
Jakob und der Berg der Wahrheit
Meschendörfer, Adolf (1931):
Die Stadt im Osten

Lang, Thomas, Immer nach Hause. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2016.
Zitat: "Der gute Hirte geht vorbei.Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. … Der närrische Jesus ruft den Kindern in sehr deutsch klingendem Italienisch etwas zu, worauf diese noch lauter johlen. Plötzlich wirkt das Ganze wie ein eingeübtes Spiel. Jesus wandelt ungerührt die Promenade hinab …" (85) 
"… der Gedanke, nicht länger Staat und Geld untertan zu sein, sondern innere Freiheit zu gewinnen durch den Verzicht auf weltliche Güter. Gelegentlich bei den Leuten zu arbeiten, um etwas zu essen zu haben. Spott und Feindschaft friedfertig zu begegnen, sind weitere Parallelen. Aber Franziskus folgte einem göttlichen Gesetz, Gräser folgte eher seinen eigenen Regeln." (159)
Szittya, Emil (1925), Klaps oder Wie sich Ahasver als Saint Germain entpuppt. Roman. Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam.
Prange, Oliver, Das Sonnenfest, Roman, Edition D, Zürich 2016.
Zitat: "Er hatte alles vorausgesagt, vorausgemalt, vorausgesungen mit seiner prophetischen Kraft … Gusto hatte mich aufgerichtet, mein Bewusstsein geschärft, war mir aber nie ein Meister geworden, kein Führer, aber – ein Freund. 
Er hatte nach Wahrheit gesucht und Wahrheit nicht nur gefunden, sondern auch geschaffen." (310)
Szittya, Emil, Die Internationale der Außenseiter. Roman. Ts. im DLA Marbach.





Film:
Gusto Gräser:
Der Eremit vom Monte Verità (1879-1958) / L'eremita del Monte Verità (1879-1958)

Ein Film von / Un film da Christoph Kühn. Titanicfilm 2006, ca. 48 Minuten / minute

Kann bei titanicfilm "at" bluewin.ch bestellt werden. E-Mail-Adresse bitte abtippen.

Si può ordinare da titanicfilm "at" bluewin.ch. Scriva l'indirizzo.


Film documentario sulla figura di Gusto Gräser "L'eremita del Monte Verità" girato nel 2006 dal regista svizzero Christoph Kühn. Il documentario ripercorre la vita di questo eremita, visionario, pacifista e fondatore della comunità di Monte Verità. Per l'occasione la Televisione Svizzera TSI ha prodotto il doppiaggio in lingua italiana.

Nach einer göttlichen Eingebung verbrannte der noch junge, bereits erfolgreiche Maler Gustav Arthur Gräser aus Siebenbürgen seine Werke und wurde zu dem glühenden Naturverehrer Gusto Gräser. Fernab der Städte mit ihren zivilisatorischen Auswüchsen gründete er mit anderen Aussteigern um die Jahrhundertwende in der Südschweiz die Landkommune Monte Verità oberhalb Asconas, deren legendärer Ruf weit über die Landesgrenze drang und Neugierige aus allen Ländern anlockte.

Damit beginnt die bewegte Geschichte des Wanderdichters und „barfüssigen Propheten“ Gusto Gräser (1879), in dessen Leben sich alle wichtigen sozialen, kulturellen und politischen Strömungen des 20. Jahrhunderts treffen: Gräser war Vegetarier und Kriegsgegner, Vordenker einer neuen Menschheit ohne Herr und Knecht und Zerstörung der Natur, Ikone mehrerer Jugendbewegungen und Leitfigur neugegründeter Parteien, die von heute aus gesehen als Vorläufer der Grünen gelten.

Einer von Gräsers Verehrern war Hermann Hesse, der seinen Freund und Meister in dem Bestseller DEMIAN als Verheisser eines kommenden irdischen Paradieses porträtierte und ihn damit für die Nachwelt unsterblich machte.

1958 starb Gräser vereinsamt in seiner Dachkammer in München, ohne eine einzige Zeile seines grossen Werkes gedruckt zu sehen.

Im Film von Christoph Kühn zeichnen Freunde und Familienmitglieder den Weg dieses unbeugsamen Aussenseiters nach, der zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Gräsers Spruchbilder, reiches Fotomaterial und Ausschnitte aus seinem poetischen Werk runden dieses berührende Portrait eines „Lao-tse des Westens“ ab.


Film:
Wo sind wir mit dem Sozialstaat gelandet ?
Leben am Rand der Gesellschaft


Ein Film von Laura und Ingo Wilkenshoff. Aufruf zum kulturellen Neuanfang.

Der Film zeigt die gesellschaftliche Entwicklung in den letzten 150 Jahren an Hand der Entstehung der Wohnungslosenhilfe und der Gründung des Sozialstaates. Er gibt Einblicke in die Vagabundenkultur der letzten 150 Jahre, von Peter Hille bis zu Charlie Chaplin, den  Anarchisten und der Entstehung der Arbeiterbewegug. Er zeigt die Gandhi-Bewegung im Deutschland der 20er Jahre und den Vagabundenkongress mit Gusto Gräser, dem Guru Herman Hesses. Es ist auch eine Diskussion über soziale Ausgrenzung, Vermögensumverteilung und den Bruch durch die Gesellschaft, Finanzkrise, Harz4, vererbte Chancenlosigkeit und Bildungsdefizite. Die sozialen Organisationen beklagen den Rückzug des Staates aus dem Sozialen und die Abkehr vom Grundgesetz.

Die Premiere fand am 17.12.2010 im Big Buttinsky, Osnabrück statt.



DVD hier erhältlich: 10 Euro + Porto. Einfach eine Email mit Lieferadresse an freie_kuenstler@hotmail.com schicken. Per Nachnahme bezahlen.


  Jawohl, jawohl, wir Stromer, wir strömen, dass es braust,
durch Winter und durch Sommer, nur frischer, freiher, frommer,
weil Euer Sumpf uns graust,
weil sonst, Ihr Kummerhöcker, Euch nichts zur Sonne lockt
und Ihr wie Haubenstöcker, wie krumme Sündenböcker
noch ganz in Staat verstockt!
Wohlauf, Ihr Praven, Guten, mit uns zur Flamme fluten,
so wohnen wir mit Euch, so blüht
Urheimatreich!








Wohin des Wegs? – Wohin? O mein –

 hinein, Geselle, nur hinein!
In meinem Auge hab ich nichts als in dem Glanz des jungen Lichts
treu meines Wegs zu schreiten –
mit all dem Grünen, all dem Blühn, so zieh ich Tritt um Tritt dahin
und frag nach keinen Weiten.
Komm mit auch Du statt immerzu nach Zielen auszuschauen.
Wohin hinaus? Im Erdenhaus blühn wonnigliche Auen.
Die Ziele hab ich all durchschaut –
erst hinter ihnen blüht und blaut
das Leben aller Weiten.
Komm, Du! Das Glücke hat nicht Stand,
wohlauf, und lass uns unverwandt
und treuer, guter Dingen
mit ihm ins Leben
springen!

 


Hei, so ein Stromer, alleweltdurchreisend,

durchwanderwohnend, wie die Sterne kreisend,
voll seelgen Schwungs, mit Welle, Wolk und Thau
fallwallend durch und durch ins ewge Blau –
mit dem Urstromer unser, der die Welt
in ihrer Schwerwucht Wunderschwebe hält,
wildstill durchblitzend sie von Pol zu Pol,
 durchströmend sie mit urgewaltgem Wohl,
Allvatermutter - hah –
Allsternenwohl !

*


Wandern, wohin? Wohinaus, wohinein?

Wandeln Allhier!
Das, Gesell, wird das Heitre sein!
*


  Weitere Filme:

Der größte Vogel kann nicht fliegen, Ascona

Film von Wilfried Schöller und Peter de Leuw.
(Hessischer Rundfunk, Wiesbaden?)
Gesendet am Mittwoch, 16.August 1978 in der ARD,
23.15 bis 0.15  


Monte Verità

Film von Harald Szeemann und Ludy Kessler.
45', TV Svizzera italiana, Lugano 1978


Jugend und Natur

Südwestfunk  Baden-Baden. Sprecherin Karin Howard,
Sendung des ARD am Sonntag, den 13.August 1978,
11.15 bis 12 Uhr


Zwischen Bakunin und Birchermüsli

RIAS Berlin, Blende 1, 1978


Laban's Dance Festival

Von Renzo Bottinelli. 1988 in RTSI
(Radiotelevisione Svizzera)  


Monte Verità

Von Henry Colomer. Fernsehfilm des Senders Arte.
Sendung am 10. 12. 1997, 20.45-21.50

Monte Verità“ heißt ein Dokumentarfilm von Henry Colomer über eine Aussteigerkolonie der radikalökologischen Art: Auch zu Beginn dieses Jahrhunderts schon wollten die Freunde der Natur dem Lärm und dem Dreck der Großstadt entfliehen, den Wäldern und Wiesen Tag und Nacht verbunden sein, den Körper der Sonne darbieten, ohne die Öffentlichkeit zu erregen, barfuß über die Moose gehen und zwischen den Bäumen tanzen. Um ein mehr oder weniger phantastisches Paradies auf Erden aufbauen zu können, ließ sich eine Gruppe der in Deutschland entstandenen Bewegung, die sich den neuen Lebensformen verschrieben hatte, auf einem Hügel oberhalb von Ascona in der italienischsprachigen Schweiz nieder. In nur wenigen Jahren wurde der „Berg der Wahrheit“ im Tessin zu einem Zentrum für europäische Schriftsteller, Tänzer und Musiker. Redéfinir les conditions du bonheur sur terre, fuir les grandes villes, la misère, la pollution et tout reprendre à partir de zéro, tel est le programme d'une poignée de colons qui s'installent au début du siècle sur une petite colline de la Suisse italienne, Monte Verità, où ils fondent une colonie utopique. Anarchistes, nudistes, végétariens, ils sont l`'avantgarde d'un réseau qui s'est développé en Allemagne sous le nom de "mouvement de réforme de la vie". En quelques ans Monte Verità devient un modèle de vie alternative, qui attire les plus grands noms de l'intelligentsia européenne: peintres, hommes politiques, écrivains, danseurs et musiciens passent un jour ou l'autre à Monte Verità. Parmi eux: Erich Mühsam, anarchiste en première ligne au moment de la révolte spartakiste de 1918, Rudolph von Laban, choréographe et rénovateur de la danse moderne, Otto Gross, psychanalyste et pionier de la libération sexuelle et enfin Gusto Gräser, "poète aux pieds nus", écrivain inspirateur et modèle de tous les vagabonds de Hermann Hesse. Violentes, contrastées, les destinées de ces quatre révoltés font apparaître Monte Verità comme un laboratoire où se sont articulés les thèmes de la révolte et du retour aux sources. Ils ont en commun d'avoir séjourné à Monte Verità en même temps que les fondateurs et surtout d'avoir assumé une dimension prophétique représentative de la colonie.


Monte Verità

Kulturfilme von Werner Weick
RSI, Schweiz, gezeigt im Centro Culturale Monte Verità,
Dezember 2000


Il Monte di Hetty

Dokumentarfilm von Theo Buvoli und Alfio De Paoli
über den Monte Verità und Gusto Gräser
Radiotelevisione svizzera RSI, Schweiz, 2. Nov. 2009, 21:00
, 43'

Regie: Teo Buvoli und Alfio di Paoli: von der Lebensreform zu den beiden Weltkriegen, von den Sechzigerjahren bis zum neuen Jahrtausend, war und ist Hetty Rogantini Hüterin einiger sensationeller Kapitel der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Hügel von Ascona. Im Elternhaus hat Hetty diese berauschende und überwältigende Atmosphäre voller Utopien und gelebter Ideologien der Rückkehr zur Natur eingeatmet.


Freak Out! (Ausflippen!)

En dokumentärfilm (schwedisch)
Vilda Bomben Film AB
Carl Javér, Schweden, 89 Minuten,

Im Jahr 1900 kauften fünf junge Leute einen Hügel in der Südschweiz, den sie den Monte Verità (Berg der Wahrheit) nannten. Hier gründeten sie ihre eigene Gesellschaft und forderten die aktuellen Werte ihrer Zeit heraus. Sie nahmen Abstand von der Verbrauchergemeinschaft, waren Vegetarier, erstellte eigene Standards für Kleidung, Frisuren und Zusammenleben und versammelten die wichtigsten Künstler und Humanisten der Zeit. Ein Dokumentarfilm über die alternative Bewegung im frühen 20. Jahrhundert sie für uns heute bedeutet.
Mit Hilfe von alten Fotografien entstehen stilisierte Inszenierungen, Animationen, Stimmen und Klänge. Regisseur Carl Javér schuf eine kreative Geste einer spirituellen Revolution, die auffallend ist und viel mit unserer eigenen Zeit gemeinsam hat. Viele der Hauptkünstler des frühen 20. Jahrhunderts, Schriftsteller und Philosophen verbrachten Zeit auf dem Monte Verità - darunter Otto Gross, Martin Buber, Rudolf von Laban, Mary Wigman, Hermann Hesse, Carl Jung, Erich Maria Remarque und Paul Klee.

http://www.vildabomben.com/freakout/


Mary Wigman. Die Seele des Tanzes Von Christof Debler und Norbert Buse
Arte, Sonntag, 24.07.11, 11:10 - 12:00
Früher am 23., 26. und 29. Juni 2008

In der Tanzkunst ist ihr Stil bis heute lebendig: Mary Wigman - Tänzerin und Choreographin. Das Porträt zeigt ihre berühmtesten Tänzen sucht Stationen ihres Lebens von Hellerau bis zum Monte Verità auf und lässt Choreographen zu Wort kommen.
Es war Anfang der 30er Jahre, als der Stern der Mary Wigman auch in Amerika aufging. Ihre ersten Auftritte in der neuen Welt waren durch eine glänzende PR vorbereitet und die Säle ausverkauft. Denn auch in Amerika wollte man wissen, was es auf sich hatte mit der neuen Bühnensensation aus Deutschland. In jedem Fall war sie für das Publikum gewöhnungsbedürftig, denn Mary Wigman tanzte alleine, mit nackten Füßen und nur von ein paar Trommelrhythmen begleitet. Ihr Gastspiel war dennoch ein sensationeller Erfolg. Die amerikanische Presse nennt sie die "Hohepriesterin" des "German Dance". Mit 44 Jahren hat es "die Wigman" endlich geschafft: Sie ist die erste deutsche Choreographin und Tänzerin mit Weltgeltung.
Das verdankte sie neben ihrer ungewohnten Art zu tanzen auch ihrem unwiderstehlichen Charisma und ihrer bezwingenden Bühnenpräsenz. "Ich lebte wie in einem Taumel. Es schien, als ob alle Journalisten des Landes auf mich einstürmen würden. Es gab Tage, an denen ich aufwachte und fürchtete, einen Fotografen unter meinem Bett zu finden", schrieb sie in ihr Tagebuch. Und dabei war es noch gar nicht lange her, dass sie in Deutschland noch in leeren Theatern vor nur zwei Familienangehörigen auftreten musste.
Der Einfluss der Mary Wigman auf die Entwicklung des modernen Tanzes sollte gewaltig werden. Überall beruft man sich auf sie, wenn man die Wege des etablierten klassischen Tanzes verlassen will. Hanya Holm bringt den Ausdruckstanz endgültig nach Amerika, indem sie die erste Wigman-Schule in New York eröffnet. In Asien wird ihr Schüler Takaya Eguchi zum Lehrer von Kazuo Ohno. Und in Deutschland entsteht das "Tanztheater", das ohne den Einfluss der Wigman nicht vorstellbar ist. Dabei war ihre Erfolgszeit nur kurz. Die Nazis ließen sie bei der Eröffnung der olympischen Spiele die Massen choreografieren, später galt aber auch sie als Vertreterin der "entarteten Kunst". Dies bedeutete das Ende ihrer Karriere. Nach dem Krieg wirkte ihre expressive Tanzform schon nicht mehr zeitgemäß.
Aber wie konnte Mary Wigman werden, was sie wurde? Der Film zeigt den Weg der Tochter eines Fahrradhändlers aus Hannover, die sich auf die Suche nach einer eigenen körperlichen Ausdrucksform macht und dabei den Tanz revolutioniert. Er zeigt die prägenden Stationen ihres Lebens, von Hellerau bis zum Monte Verità. Die Dokumentation bietet Ausschnitte aus ihren berühmtesten Tänzen, unter anderem dem "Hexentanz" und dem Zyklus "Schwingende Landschaft" sowie aus einer zeitgenössischen Hommage von Susanne Linke an Mary Wigman mit dem Titel "Wandlung". Auch wenn Wigman-Tänze heute nicht mehr zum Repertoire der Tanzkompagnien gehören, so sieht man doch, wie sich die unterschiedlichsten Choreografen, von Murray Lewis über Susanne Linke bis zu Sasha Waltz, auf sie berufen.


Aus dem Film ‚Heil‘, Bayerischer Rundfunk 2016

Drehbuch: Eva-Maria Naburtowitz
Hauptdarsteller: Tom Sommerlatte

  

Film über die Wege der Lebensreform in der NS-Zeit. In einer Aussenanlage des KZ Dachau wurden Heilpflanzen gezüchtet.


Sanatorium Europa

Psyche und Gesellschaft Europa in der Burn-out-Klinik, 60 Minuten

Kontinent vor dem Kollaps: Der
Arte-Film vom 28.06.2017/25.10.2017 im Hessischen Rundfunk beleuchtet, wie Thomas Mann und Hermann Hesse vor 100 Jahren gegen die große Depression kämpften - mit spannenden Parallelen ins Heute.

Von Christian Buß, Foto Getty Images

Europa ist bekanntlich nichts für schwache Nerven. Geht die eine Krise, kommt die nächste. Scheint man endlich auf dem Weg, nationale Egoismen überwinden zu können, ergreift irgendwo auf dem Kontinent ein besonders chauvinistischer Quälgeist das Wort. Und ewig droht der Kollaps. Das ist heute so, das war vor über 100 Jahren so.

Damals, in den Nullerjahren des letzten Jahrhunderts, traf sich eine Gruppe europa-begeisterter und zugleich europamüder Intellektueller in Riva am Gardasee, um sich im Reform-Sanatorium des berühmten Dr. Hartungen kurieren zu lassen. Kafka und Freud waren hier ebenso Stammgäste wie Rudolf Steiner und Karl May. Der Kontinent drohte auseinanderzubrechen, bei Dr. Hartungen wurde die erhöhte Reizbarkeit der sensiblen Europäer und darbenden Geistesgrößen behandelt.

Neurasthenie, Nervenschwäche, Überforderung mit den schnellen Veränderungen der Zeit, so lautetet der Befund des Homöopathen. Er verordnete Wasserbäder und Trennkost, bei Tisch wurde Esperanto gesprochen. Alternativmedizin gegen die große europäische Depression, Kunstsprache gegen die europäische Kakophonie.

Der europäische Patient

Unter den Gästen im Sanatorium befand sich auch Thomas Mann, der neben seinem Unbehagen mit der Zeit auch sein Unbehagen mit den schlechten Kritiken zu seinem ersten Roman "Die Buddenbrooks" auszukurieren gedachte. Er hatte damit sogar Erfolg; in Riva fasste er die Idee zu seinem "Zauberberg", jenes dann erst 1924 erschienenen Opus Magnum über den europäischen Patienten, der fernab allen ideologischen Getöses feinnervig das eigene Selbst auslotet.

"Sanatorium Europa" heißt treffend eine Dokumentation auf Arte, die die gegenwärtige Krise des Kontinents zum Anlass nimmt, um aufzuzeigen, wie Künstler und Intellektuelle vor über 100 Jahren auf die Krise am Vorabend des Ersten Weltkrieges reagierten. Desorientierung, Überreizung und der Verlust von Verbindlichkeiten, der Mensch im Allgemeinen und der Geistesmensch im Besonderen kamen einfach nicht mehr zurecht mit den Beschleunigungs- und Verfallsprozessen der Zeit.

Im Film sagt die Politologin Ulrike Guérot: "Man kann es rückkoppeln zu heute, wo wir mit dem Burn-out-Begriff eine ähnliche Zeitkrankheit versuchen zu erfassen von Leuten, die offensichtlich in ihrer Arbeitssituation in Überforderung geraten und sich in der heutigen Zeit nicht mehr verorten können."

Doch die Doku von Julia Benkert beschreibt nicht nur einen verzagten Rückzug aus einer Welt, die sich selbst aus den Fugen hebt, sie beschreibt auch soziale Gegenentwürfe. Etwa die der beherzten Lebensreformer auf dem Monte Verità. Der Erste Weltkrieg war schon ausgebrochen, da suchten die Anthroposophen und Anarchisten, die Nudisten und Okkultisten auf dem Hügel im Schweizer Kanton Tessin nach neuen, heute würde man sagen: nachhaltigen Gesellschaftsmodellen.

Nackt jäten, Fallobst sammeln

Unter ihnen war auch der Schriftsteller Hermann Hesse, der anfänglich noch Spaß am nackt jäten und Fallobst einsammeln hatte, dem bald aber die alternativen Lebensentwürfe nur noch wie ein dümmlicher romantischer Atavismus vorkamen. Oder wie er selbst es formulierte: "Vegetarier, Vegetarianer, Vegetabalisten, Rohkostler, Frugivoren und Gemischtkostler - der Versuch des Menschen, sich zum Affen zurückzubilden."

Gleichwohl fühlte sich Hesse stark von dem Guru Gusto Gräser angezogen, der nackt in einer Höhle lebte. Radikale Selbsthinterfragung, Naturmystik und biblische Heils-lehren gingen bei der Aussteiger-Avantgarde à la Gräser Hand in Hand. Bei Hesse heißt es später, inspiriert von Gräser und dessen Grotten-Individualismus: "Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen."

Ein Satz mit ambivalenter Botschaft: Einklang mit sich und der Welt, Ego auf Crashkurs, den Satz kann man als Aufforderung zu dem einen wie dem anderen lesen. Er würde auch ganz gut ins Therapieprogramm stressgeplagter Selbstoptimierer und Supermanager von heute passen. Aber natürlich, so legt die Doku nahe, ist das Ich-Ich-Ich bei Hesse eines, das einer größeren Idee untergeordnet ist, das sich unter dem europäischen Sternenkranz zu entfalten hat.

Filmautorin Benkert verweist auf die Offenbarung Johannes, die auch auf Hesse großen Eindruck gemacht hat. Es geht darin um die Erscheinung einer Gebärenden, über ihrem Haupt strahlt ein Kranz von zwölf fünfzackigen Sternen. Hier wird ein biblischer Urmythos zum Symbol eines neuen, eines mütterlichen Europas.

Hat aber nichts mit der mächtigsten Politikerin des Kontinents zu tun, die gerne "Mutti" genannt wird, sondern mit einer Idee, die größer ist als jede einzelne Person. Und die allen Burn-outs zum Trotz die letzten 100 Jahre überstanden hat.



Gusto Gräser – Diogenes aus Schwabing


Dokumentation
(43 min, in Bearbeitung)

Regie, Buch, Schnitt:
Frank Fiedler (*1945), Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Der Schwede Viking Eggeling entwickelte 1917 in Ascona,
zusammen mit dem französischen Lyriker Yvan Goll, später mit dem Dadaisten Hans Richter,
die ersten abstrakten Filme...
SYMPHONIE DIAGONALE
PAR VIKING EGGELING






Videos:
Videodokumentation
Monte Verità:
L'utopie d'un nouvel age / Utopien einer neuen Zeit
Ausdruckstanz, Frankreich 1996
Dauer / duration: 53',  Band / tape: 880

Choreographie / choreography: Rudolf Laban, Mary Wigman
Regie / direction: Henry Colomer
Tanz / dancers: Rudolf Laban, Mary Wigman
Musik / music: Cécile LePrado
Produktion / production: AMIP; La Sept/Arte; Pathé Télévision; Periplus Ltd.; TSI Televizione Svizzera Italiana
 
From dream to degradation in less than a century
Youtube
Gräsertänze 2007 Danza delle erbe
( Kräutertanz )
Ysengarda
( Hexentanz)
Gräsertanz 2013 Dorothea Beleites lässt Bälle und Feuer kreisen
um Gustos Gedicht:


So freuet Euch,

hah, feuert, feuert Euch –
aufs neue wird gegründet, entzündet neu
Menschsein im Erdsternreich
herzgottentfacht –
aus dem nahfern urtraulich schimmerlacht die:
ERDSTERNZEIT –
Weltheimkehrzeit,
wo müheseelig allbereit der Mensch
sein winzig Lebenslicht
einflicht mit Herzenswonnepflicht
zum Himmel aller Himmel:
„Selbstheimatsein“
des – Schlüssel – der – Verzicht!

*

Youtube 2015Kunsthalle Schirn, Frankfurt
KÜNSTLER UND PROPHETEN.
EINE GEHEIME GESCHICHTE DER MODERNE 1872-1972

art-tv-ch / Youtube 2016Monte Verità - Träume eines anderen Lebens
Zuerst ein Spaziergang im Park mit szenischen Überraschungen, dann ein Theaterstück mit viel Musik und Tanz und als Abschluss ein vegetarisch-anarchistisches Buffet. Der verzaubernde Freilichstspiel-Abend auf dem Monte Verità geht den Spuren der Geschichte dieses magischen Ortes nach.

Youtube 2017The Symbolist Art of Karl Wilhelm Diefenbach
Andere Videos (nachfragen):



Ton:


   Radiosendung vom 20.12.2017 im Deutschlandfunk

  Lebensreformer, Prediger und Jesus-Imitatoren
  Warten auf den Messias

   (oder besser: Lebensreform, einst und heute [Hermann Müller])

   Von Thilo Schmidt
 
Audio CD von Eveline Hasler

Die Felshöhle des jungen Hermann Hesse, 1 Audio-CD
Der unbekannte Hesse - "Der Dichter und sein Guru" / 19. Januar 2003



Eveline Hasler, die im Tessin lebende Schriftstellerin, kennt die Höhle in ihrer Nähe. Sie ist keine Fiktion. Genau wie auch Hesses Erlebnisse dort als Einsiedler keine Fiktion sind. Es ist das Kapitel aus seinem Leben, das bis heute das unbekannteste geblieben ist. Und dabei ist es eines der wichtigsten, die Hermann Hesse besser verstehen lassen. Die Erfahrungen in der Höhle in der Nähe des Monte Verità, in die er mehrere Male in seinem Leben zurückgekehrt war, sie erzählen die Begegnung und Freundschaft Hesses zum Naturmenschen Gusto Gräser. Hermann Müller beschreibt in seiner genialen Arbeit von 1972 "Der Dichter und sein Guru" wie Gräser das Motiv der Führergestalt in sämtlichen folgenden Werken Hesses wird - und mitunter so stark wie kaum die Figur des Demian begründet. Hesse selbst hatte diese "peinliche" Freundschaft mit dem Rohkostler und Tao Te King-Übersetzer oft geleugnet; zu bösartig waren die Reaktionen von Freunden darauf. Diese Arbeit Hermann Müllers nimmt Hasler für ihre Erzählung zur Grundlage. Sie entwirft verwoben mit Originaltexten Hesses ein feinsinnig psychologisches Portrait einer entscheidenden Existenzerfahrung. Wir hungern mit Hesse in der Felshöhle und erwachen mit ihm.
Radiosendung vom 16.11.1985
Bayerischer Rundfunk
Gusto Gräser
"Beruf Naturmensch"
Ein Porträt von Michael Skasa
Kann beim BR-Mitschnitt-Service bestellt werden
The Field - Monte Verita
from 101 Underworld
Am 03.04.2016 veröffentlicht
"High Tech German Electro Music"
- Discover Sounds From Deepest Part of Underworld
- Come down to us 



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Kabakon

Auf der Insel Kabakon wirkte der Naturschwärmer August Engelhardt, der dort einen „Sonnenorden“ gründete und für Naturkost und Nudismus eintrat. Die Plantagenbesitzerin Emma Forsayth, Tochter einer Samoanerin und eines amerikanischen Pflanzers, war offenbar von dem langhaarigen Deutschen angetan und stellte ihm das Land zur Verfügung. Dreißig Mitglieder soll Engelhardts „äquatoriale Siedlungsgemeinschaft“ in ihren besten Zeiten gehabt haben.

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