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Gräser, Gusto "Der Liebe Macht", 1898/99 Öl auf Leinwand, 107 x 187 cm
Reproduktion erhältlich im Kunsthandel


 
DER LIEBE MACHT

Ölbild von Gustav Arthur Gräser im Monte Verità-Museum Ascona

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Das Bild DER LIEBE MACHT ist ein frühes Werk des Monte Verità-Mitgründers GUSTO GRÄSER (*1879 Kronstadt, ±1958 München) - und zugleich das einzige von ihm erhaltene. Es entstand, nachdem Gräser seinen Meister, den Maler und Reformer Karl Wilhelm Diefenbach, nach kurzer Lehrzeit verlassen hatte, in Tekendorf (Siebenbürgen) von September 1898 bis Januar 1899. Das Bild, ein Ideengemälde, gibt die Lebensanschauung des jungen Künstlers wieder und gilt heute als eine Art bildliche Stiftungsurkunde für den Monte Verità.



Erste Ausstellungen:

DER LIEBE MACHT wurde im Februar 1899 zunächst in Hermannstadt, dann im März in Mediasch/Siebenbürgen ausgestellt und mehrfach in der Presse besprochen. Aus diesen Besprechungen können wir schließen, daß die heutige Fassung des Bildes nicht die ursprüngliche war. Das Gemälde wurde vermutlich 1915/16, während des letzten Aufenthalts von Gräser in seiner Heimat, von ihm überarbeitet und in seiner weltanschaulichen Aussage wesentlich verändert.

In der Besprechung des 'Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatts' vom 28. Februar 1899 heißt es unter anderem:

"Der junge Künstler, ein Autodidakt, hat auf eine einzige Leinwand ein Bild geworfen, das - unterstützt von der Erläuterung des Malers - eine bedeutende Fülle von Gedanken offenbart. Die gegenwärtige Welt mit ihren Schäden des sozialen Elends läßt den Wunsch nach Befreiung und Erlösung zu einem menschenwüdigen Dasein hinüberflüchten aus der brennenden Fabrikstadt zu einer Art idyllischen Lebens im Anschluß an die Mutter Natur, die der Menschheit Labsal und Erquickung und die Gewähr bieten soll, daß sie unter ihrem Einfluß zu einem schöneren Leben gelangen."

Beschreibung:

Abwendung von der modernen Industriewelt, die als selbst- und weltzerstörerisch gekennzeichnet ist, und Hinwendung zu Natur, Kunst und Religion - dies ist in der Tat die Grundaussage des Bildes. Seine Komposition ist deutlich zweigeteilt: rechts der Ist-Zustand, links die erhoffte und erstrebte Zukunft, in der Mitte der Ort der Wandlung: ein nacktes Menschenpaar, dem von einem Kind der Weg gewiesen wird.

Rechts die zerstörerische, dem Untergang geweihte Gegenwart, eine Höllenwelt: Rauchende Fabrikschlote, deren Qualm den Himmel verdüstert, eine Stadt, die in Flammen zu stehen scheint. In der Höhe ein Raubvogelpaar, das sich gegenseitig zerfleischt: Symbol eines gnadenlosen Konkurrenzkampfes. An einem dürren Baum ein Gehenkter: die gegenwärtige Zivilisation geht einen Weg, der in die Selbstzerstörung führt. Darunter ein sich schlagendes Ehepaar, genauer: eine Frau, die von ihrem Mann geprügelt wird: das patriarchale Gesellschaftssystem, in dem die Frau zum Opfer wird. Ein Mönch mit totenkopfartigem Schädel, der einen Geldsack hütet: Symbol einer kalt und äußerlich gewordenen Kirche. Ein Kreuz - das Kreuz - liegt zerschmettert am Boden, auf ihm über dem Abgrund hängend der Mensch, dem ein schwarzer Nachtmahr die Gedärme aus dem Leib reißt. Nach dem Tod des Christentums ist der Mensch ein Opfer seiner Gier geworden.
 


In der Mitte der Ort der Wandlung: Ein nacktes Menschenpaar, in Liebe sich zugeneigt, wird von einem Kind an die Hand genommen und in eine lichtere Welt geführt. Der Übergang ist jedoch nicht ohne schmerzlichen Verzicht zu leisten, der Weg führt zunächst in harten Fels und in Dunkelheit. Darüber aber wölben sich Zeichen des Heils: ein Baum mit goldenen Früchten, ein aufwärts steigender Vogel, Abbild des (heiligen) Geistes, und im fernen Äther auf Lichtsäulen schwebend die Sphinx, Symbol für Weisheit und Ganzheit. Auf den Felsen geheimnisvolle Zeichen: ein eiförmiger Körper in einem Ring, vermutlich den Stern Erde symbolisierend; darüber eine menschenähnliche Figur - der "Erdsternmensch"?

Links die erstrebte lichte Zukunftswelt: das Bild öffnet sich wieder in helle Weite und umkränzt sie doch mit warmer, üppig-fruchtiger Nähe. Im Vordergrund grasen Rehe, Hasen und Eichhörnchen auf grüner Waldwiese; ein nackter, rosenbekränzter Jüngling mit Flöte lehnt sich beseligt ins Gesträuch, ein Löwe oder Tiger streckt sich friedlich zu seinen Füßen. Ein Bild des Einklangs und der Verbundenheit von Mensch und Natur. Über einem See schlängelt sich ein Pfad, an Statuen und kleinen Kapellen vorbei, auf die Höhe, die von einem großen Kuppelbau, einem Tempel, bekrönt wird. Kunst und Religion sind wieder in ihre Rechte eingesetzt.


Rechts Verödung und Zerstörung: nackter, unfruchtbarer Fels, Rauch und Feuer; links tropische Fruchtbarkeit und lichte Wärme. Kluge Beobachter haben bemerkt, daß das Bild "im Gegensatz zur neueren Kunst gegen den Uhrzeigersinn und somit gegen den Fortschritt" zu lesen ist. In der Tat ist es ein Bild gegen den Lauf der Zeit, ein "religiöses" Bild, insofern alle Religion "Rückbindung" an die tieferen Wurzeln bedeutet - aus denen erst neues Leben erwachsen kann.

Nun geben aber erste Besprechungen des Bildes Einzelheiten an, die auf dem Gemälde heute nicht mehr zu finden sind. Da ist von einem Mann die Rede, "der ein Kind führt und ein Kreuz in der Hand hält" und damit die Erziehung im Sinne Christi andeuten soll. Die in Schwarz gehüllte Gestalt wird als Ursache des Bösen gedeutet und so fort. Demnach hat Gräser seinem Bild zunächst noch eine christliche Ausrichtung gegeben, die anderthalb Jahrzehnte später, nach bitteren Erfahrungen und neuen Erkenntnissen, einer entschieden kritischen Einstellung weichen mußte. Gräser sieht jetzt das Christentum am Ende, ja als geistesgeschichtlich Mitschuldigen am Verhängnis.

Heutiger Standort:

Das Bild wurde 1981 durch Harald Szeemann von einer Großnichte Gräsers in Budapest erworben und nach Renovierung und Neurahmung in die Sammlung der Casa Anatta aufgenommen. Durch unsachgemäßen Umgang hat das Bild inzwischen erheblich gelitten. So wurde bei Fernsehaufnahmen an der Stelle des gefräßigen Ungeheuers ein Loch in die Bemalung gebrannt und diese nur unzulänglich restauriert. In der Mitte des Bildes ist eine weitere Übermalung zu erkennen, die möglicherweise schon von Gräser vorgenommen wurde. Die hier wiedergegebene Aufnahme stammt aus den frühen Achtzigerjahren und ist Paul Gerhardt Ahnert aus Altdorf zu danken. Sie macht noch Einzelheiten sichtbar, die am Original inzwischen kaum noch zu erkennen sind.

Am unteren Bildrand ist der Titel auf Felsplatten eingezeichnet: DER LIEBE MACHT.

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Text und Bild: Deutsches Monte Verità Archiv Freudenstein / Paul Gerhard Ahnert




Zur Geschichte des Bildes ‚Der Liebe Macht’
Ein Brief von Nora Kotlán 

Nora Kotlán (1921 - 2011), eine Enkelin von Gräsers Schwester Josefine, erzählt in ihrem Brief vom 20.2.2009, wie das jahrzehntelang vergessene und verwahrloste Gemälde („in Ruinen“) dann doch noch gerettet wurde und durch Harald Szeemann in das Monte Verità-Museum gelangte. Frau Kotlán und ihrer Mutter Jenny, die selbst Kunstmalerin war, ist nächst Harald Szeemann die Erhaltung dieses bedeutenden Werks zu verdanken.

Anmerkungen: Mit der im Brief angesprochenen „Documenta Ausstellung“ ist die Monte Verità-Ausstellung von 1978 in Ascona gemeint. Auch war Gräser 1899, als er seine Bilder zerstörte, nicht fünfzehn sondern zwanzig Jahre alt. "Grossika" wurde Gustos Mutter im Familienkreise genannt.