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Gusto's Ur- und Enkel wandeln in Siebenbürgen
Ein Augenschein


Ende Juni 2013 machen sich Gusto's Enkelin Angela und Enkel Reinhard mit Urenkel André und dessen Frau Gesine mit Töchtern Florentine und Friederike auf den Weg nach Rumänien um Gusto's Heimat anderthalb Jahrhunderte später zu erspüren.

Auf dem Bild ist die Reisegruppe am ersten Tag in Kronstadt - heute Braşov zu sehen: vorne Florentine, hinten Gesine, Friederike, Angela, André und Reinhard.

 

 Braşov - Kronstadt Juni 2013


Dienstag, 25. Juni:


Gestern Abend mit dem Auto aus Bukarest angekommen, mussten wir uns erst einmal zurechtfinden. Warum sind wir denn in Braşov? Doch, es ist richtig die Reise hier zu beginnen, Gusto ist 1879 hier geboren. Reinhard hat sich eingelesen und erklärt beim Frühstück, dass Carl Samuel Gräser, Gusto's Vater nach seinem Jurastudium in Heidelberg 1875 nach Kronstadt umzog und dort 1879 als subalterner Richter berufen worden war, vorher lebte die Familie mit Mutter Charlotte Pelzer "Grossika" in  Mediasch. Die älteren Kinder des Paares, Charlotte, Josefine und Karl waren wohl dort geboren, Gusto und Ernst, der
Maler, der später in Stuttgart  lebte, in Kronstadt.

Hier hat Gusto also seine frühe Kindheit verbracht, die Stadt, die heute eine Viertelmillion Menschen beherbergt, war auch damals schon ein wichtiger Ort, davon zeugt die prachtvolle Altstadt mit heute teils schön renovierten und teils verfallenden behäbigen Gebäuden. Ein wichtiger rumänischer Touristenort auch, im Winter wie im Sommer, jetzt im Sommer mit Strassencafés allenthalben und trendigen Geschäften, aber auch weitläufigen Wohnblockgebieten rund herum.

Hier in Kronstadt musste Gusto die ersten Jahre der Grundschule erleiden, wo draussen die sanften und steilen Berge, Wälder und Wiesen lockten. 1887 als Gusto 8-jährig war, übersiedelte die Familie nach Tekendorf (heute Teaca) und musste 1890 als 11-jähriger nach Hermannstadt (heute Sibiu) ins Gymnasium wo er erst bei einem Lehrer, nachher bei dem bekannten Maler Carl Dörschlag ins Logis kam. Bei Dörschlag hat er wohl viel gelernt, er konnte dann malen. Als er im Gymnasium versagte, begann er eine Schlosserlehre, aber auch die brach er nach Wochen ab.

Als Vater Carl Samuel 1894 starb war Gusto 15 und Grossika zog nach Mediasch. Gustos älterer Bruder Karl fand dann für ihn eine Lehrstelle bei einem Kunstschlosser in Budapest, die er nach 2 Jahren mit einem rosenumkränzten geschmiedeten Rauchertisch als Gesellenprüfung abschloss. 1896 konnte man in Kronstadt in der Zeitung lesen, er habe an der Weltausstellung in Budapest den ersten Preis für eine geschnitzte Schreibtischgarnitur gewonnen.

Soweit die Historie. Neues war nicht zu entdecken, weder das Touristenbüro noch der deutsche Kulturverein scheint jemals von Gusto gehört zu haben, auch die Bibliothek des Kulturvereins kennt keinen Gräser und auch nicht seinen Biographen Hermann Müller. Unbekannt. Einen Hinweis, dem wir später nachgehen wollen, zum demokratischen Forum der Deutschen, kriegten wir aber doch noch. Wir waren auch in der riesigen Schwarzen Kirche und haben dort aufmerksam alle Kriegsopfer- und Pfarrerlisten gelesen, kein bekannter Name zu sehen. War Gusto in der Schwarzen Kirche oder in einer anderen getauft und konfirmiert worden? Wir wissen es nicht.

Die Gondelbahn brachte uns auf den Hausberg Tâmpa, von dem wir eine wunderbare Aussicht auf die Stadt geniessen konnten und die beträchtlichen Ausmasse der Altstadt, die zu Gusto's Zeit wohl die ganze Stadt ausmachte, erkennen konnten.




























Leider haben wir erst nachträglich entdeckt, dass Gusto 1901 auf dem Kronstädter Schlossberg, den wir nicht besucht hatten, wegen Kriegsdienstverweigerung eingesperrt war:

"Den 12ten November Dienstag Nachmittag nach 2 Uhr ist mein Gustav durch 2 Soldaten, die das Bajonett aufgesetzt trugen, aus der Altstedter Kaserne auf den Schloßberg ins Gefängnis eingesperrt worden."
Grossikas Tagebuch














Der Schlossberg über Kronstadt


 

CETATEA – Zwingburg der Habsburger über Kronstadt
 





Zwingburg für den Verweigerer - Heute Hotel
 


Ihr, meiner Kindheit waldumrauschte Tage,
die ich tief im Herzen hage, mit Andacht muss ich euch grühsen,
winken, rufen euch!
Auf Höhn, im Thal, ihr anmutvollen Orte, kann euren Hauch
ich fassen mit dem Worte, hat der Gedanke
Raum in eurem Reich?
O*


*


Kronstadt 1901: Gräser verweigert den Militärdienst
und wird zur Kerkerhaft verurteilt.

Kerkerwandbilder

Wie oft erhellt ihr wonniglichen Bilder,
so hold verwandt, mir meine Kerkerwand,
dann scheint mein Tag mir traulicher und milder.

Wie oft, wenn um mich her in Quaal und Grauen,
in Wahnesnacht haust frech die Niedertracht,
kann ich euch leuchten, meine Bilder, schauen.

Ja, dann mag kommen, kommen was da will,
ist's auch ein schwer Geschick, auch noch so sehr,
ich schau auf Euch, und trau, und werde still.

Und leicht und lichter fühl ich's in mir werden
und heller Mut treibt schneller an mein Blut –
denn Frühling, Frohling will zu unsrer Erden.

Frohwackre Ringer müssen bald erwachen!
Ihr Hauch erweht und wirket still und stet.
Ich horch entzückt schon ihrem wilden Lachen.

Sie drängen queck aus dunklem Heimatgrunde
mit Frühlingsmacht – hei, wie das lacht und kracht!
Und ich – o seelig – fühl mich mit im Bunde.

Wohlan, ihr Stürme, kommt mit Wintergrauen –
dies heile Licht, die Helden brecht ihr nicht,
die ich da kommen schau in Urvertrauen.
*


Mittwoch, 26. Juni:


Gestern war es nicht mehr möglich, Gusto's Geburtshaus an der Schulgasse 326 nachzuspüren und heute ergab sich, dass es zwar eine Schulstrasse (Strada scolii) gibt, kurz, bis Nr. 18. Inzwischen ist bestätigt, dass dies die ehemalige Schulgasse ist.

Dann haben wir uns Gusto ab- und Dracula zugewandt: der irische Schriftsteller Bram Stoker, dessen Sohn im gleichen Jahr wie Gusto, 1879, geboren ist, hat eine Horrorgeschichte erfunden, von dem der Mythos sagt, sie spiele im Schloss Bran nahe Braşov. Also hin!

Und so hat es Florentine gesehen:
"Heute waren wir auf der Burg von  "Dracula". Die Burg ist wirklich wunderschön. Es waren schöne alte Treppen, Fenster, Möbel, sogar alte Gewänder waren ausgestellt! In einem Raum konnten wir eine Tafel bewundern auf der alte Besitzer der Burg darauf standen von 1400 - 1900. Es war wirklich unglaublich wie viele es waren! Aber genauso erstaunlich war dass "Graf Dracula" die Burg niemals gehört hat.

Friederike hat in der Burg ein paar Einzelheiten entdeckt:

         Kamin                                        Fenster mit Bank                            Der Schrank

Als wir die Burg wieder verliessen fanden wir ein kleines Dörfchen von, in dem früher die Waldarbeiter gelebt haben. Dort waren die Häuser so eingerichtet wie früher; auch das war alles sehr schön. Wir erhielten einen Einblick in das sehr einfache Leben um 1910. Äusserst bedrückend fanden wir die Einrichtung der meistenfalls Einsaumhäuschen, die aus Holz und gestampftem Lehmfussboden bestanden. Der Zusammenhalt von Familie und Dorfgemeinschaft war von grosser Bedeutung. Neben Bett, Ofen (der gleichzeitig Kochstelle war) Webstuhl bzw. Spinnrad fanden wir Sitzgelegenheiten für die ganze Sippe in einem Raum vor. Als Kind kann man sich diese Einfachheit des Lebens kaum noch vorstellen (Ergänzung von Gesine). Danach sind wir mit unserem Kleinbus nach Sibiu gefahren.

Video von André: Durch die Dörfer Richtung Sibiu (Hermannstadt)



Donnerstag, 27. Juni:


An diesem Regentag erspäht Angela im Touristenbüro von Hermannstadt (heute Sibiu) gleich den Fremdenführer, der einem deutschen Touristen Siebenbürgens Geschichte erläutert, mit Reinhard setzt sie sich dazu. Von den ungarischen Königen wurden Deutsche im 12. Jahrhundert in diesem Land aufgenommen. Anders als die Einheimischen, die bei Angriffen der Wandervölker aus dem Osten in die Wälder flohen, sollten sie die Bedrohung abwehren, mit Siedlungen an den Flüssen, die mit Kirchen- (Flucht-) burgen und später mit Stadtmauern geschützt waren.

Dadurch erhielten sie Privilegien, die ihre wirtschaftliche und politische Macht begründeten, und die bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufrechterhalten blieben. In dem Völkergemisch aus hauptsächlich Deutschen, Ungarn und Rumänen waren die Rumänen rechtlos und wurden wie Tiere behandelt.

Die deutschen bauten sieben wichtige Verteidigungsstädte, Burgen auf, daher der Name "Siebenbürgen", in anderen Sprachen heisst es ja "Transsylvanien", hinter den Wäldern. Wenn es auch Austausch gab, so waren in dem Gebiet, das grösser als die Schweiz oder Belgien ist, die Verbindungen langsam und selten, jeder Ort sprach seinen eigenen Dialekt, 37 deutsche Mundarten wurden gezählt, und um sich zu verstehen mussten die deutschen miteinander in Hochdeutsch verkehren, daraus ist zu schliessen, dass Gusto's und auch Grossikas Sprache in ihrem Tagebuch nicht als mittelalterliches Deutsch anmutet.

Hermannstadt war bis zum Ende der österreichisch - ungarischen Monarchie weitgehend eine deutsche Stadt, und heute ist trotz klitzekleinem Bevölkerungsanteil der deutsche Einfluss wieder spürbar: Bau- und Lebensmittelmärkte, Buchhandlung, Zeitung, sogar der Bürgermeister ist Siebenbürger Sachse.

Gusto kam 1890 ins Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt (die Familie war ja inzwischen aus Kronstadt ins kleine Tekendorf weiter im Norden gezogen) und war bei dem strengen Lehrer Zinz an der Färbergasse 2 in Logis, später zog er zu Maler Dörschlag an der Wintergasse 3. Vielleicht finden wir die Häuser morgen? Gusto flog 1894 aus dem Gymnasium.
 
Im deutschen Kulturzentrum, das Angela und André mit seiner Familie besuchte gab es zwar Bücher für Rumänen, die deutsch lesen wollen. Die Erwartung, dass auch etwas über Land und Leutezu finden wäre, wurde enttäuscht.

Dafür ist die deutsche Schiller-Buchhandlung recht gut auch mit Büchern über Siebenbürgen ausgestattet. Aber den Namen Gusto Gräser (oder Hermann Müller) kannte man auch hier nicht
.





Gespannt lauscht Angela den Erklärungen des Fremdenführers









Freitag, 28. Juni:


Das Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt, welches Gusto vier Jahre besuchte, hat uns insofern beeindruckt, dass vieles noch im alten Stil erhalten ist. Ob es das grossartige, beeindruckende Treppengeländer, die Dielung oder auch die Stuckdecke ist - wir konnten erahnen, wie Gusto in jugendlichem Alter dort ein- und ausging.

Erschrocken waren wir jedoch über die Lehrerschar und die Schüler auf Fotos aus seiner Jugendzeit. So konnten wir doch begreifen, dass er flüchtete:
 
 

Wir fanden in diesem Korridor auch ein Foto von seinem ersten Förderer, dem Maler
Carl Dörschlag:


Nicht weit entfernt vom Gymnasium, an der Färbergasse 2 (heute Strada Vopsiloritor) - fanden wir sein erstes Wohndomizil, bei seinem Lehrer Wilhelm Zinz:


Aber Gusto wechselte kurze Zeit später in die Wintergasse 3 (heute Strada Timotei Popovici) zu Carl Dörschlag, bei dem er seine ersten Mal- und Zeichenstudien festigen konnte:  
Im Brukenthal-Museum fanden wir im Anschluss eben diesen Maler vertreten, der Gusto so forderte und förderte
(Bilder rechts)

.

Angela und Reinhard auf einer Schulbank im Brukenthal-Gymnasium


Lerne und klicke hier!


Gelernt! Friederike und André.

Bilder von Carl Dörschlag:







Frage an Gustos Biographen Hermann Müller
:

Hat Gusto aus eigener Initiative das Gymnasium verlassen oder ist er hinausgeworfen worden?

Antwort:

Er hatte ein Fünf in Mathematik, musste deshalb eine Nachprüfung machen und hat anscheinend auch diese nicht bestanden. Möglicherweise waren die Regeln am Gymnasium so, dass dann ein Verbleib nicht mehr möglich war. Ein „Hinauswurf“ war das dann nicht, denn er hatte ja nichts angestellt. Er hatte eben den Anforderungen nicht genügt. Es gibt aber Anzeichen, dass Gusto „freiwillig“ Abschied vom Gymnasium genommen hat - dass er einfach nicht mehr wollte. Siehe Grossikas Tagebuch:  

Den 9ten [August 1894] um 10 Uhr fuhr ich nach Kronstadt, um mich selbst zu überzeugen, wohin ich Gusti in die Lehre geben soll. ... Den 10ten ging ich zu Widmann und verabredete mit ihm, daß ich Gusti, wenn er die Nachprüfung gegeben hat, nach Kronstadt zu ihm schicken werde. (Tb 21)

Demnach stand der Entschluss, in eine Lehre zu gehen, schon vor der Nachprüfung fest. Er hat wohl doch das Gymi aus freiem Entschluss verlassen. (Aber wozu dann die Nachprüfung? Für ein Abschlusszeugnis?)

Raus aus dem Brukenthal!

Endlich schwänzt ich in die Wiesen, nach dem Bächlein, in den Wald:
Da gab's keine Analysen, da bekam mein Geist Gestalt. Da entschied ich:
Hol's der Geier! Und - so - ward - ich - frei - und - freier.
Endlich fiel ich aus den Krallen, denn ich hatte noch Gewicht -
endlich bin ich durchgefallen.



Das Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt



Reinhard suchte die Redaktion der deutschsprachigen Hermannstädter Zeitung auf - welche Erlösung, endlich jemanden zu finden, der Gusto kannte - die Chefredakteurin Beatrice Ungar. Es folgte ein angeregtes Gepräch mit ihr, so kam heraus, dass im vergangenen Jahr 2012 in Hermannstadt eine Ausstellung mit Begleitbuch über Hermann Hesse stattgefunden hatte, in der auch sein Bezug zu Gusto und zum Monte Verità festgehalten wurde.


Aus der Schrift: Christel Wollmann-Fiedler, Vom Nordschwarzwald bis ins Schweizerische Tessin - Eine Zeitreise mit Hermann Hesse, Honterus, Sibiu/Hermannstadt 2012

Es hatte sogar einen Vortrag über Gusto von Johannes Graul gegeben. Die Idee, zum 120. Jahrestag von Gustos Weggang vom Brukenthal-Gymnasium im nächsten Jahr 2014 eine Ausstellung zu Gusto zu machen, wurde geboren.



Frage: Warum wurde Gusto von Tekendorf nach Hermannstadt und nicht ins nähere, mit einem Gymnasium ausgerüstete und der Familie näherstehende Mediasch ins Gymnasium geschickt?
Antwort:

Zwei Brüder in Hermannstadt

Der Grund wird darin zu suchen sein, dass sein älterer Bruder Karl fast gleichzeitig in Hermannstadt seine Kadettenausbildung begann. Damit war Gusto dort nicht gänzlich allein, er hatte seinen Bruder in der Nähe und konnte mit ihm zusammen sein.  Siehe Grossikas Tagebuch:

Den 30ten August [1890] fuhr ich mit Gustel nach Hermannstadt, fand gleich eine passende Unterkunft bei Lehrer Zinz für ihn. (Tb 6)
Den 13ten oder 14ten September [1890] ist unser Karlchen von zuhause fort, um den 15ten (seinen Lebensberuf) in der Kadettenschule in Hermannstadt anzutreten. (Tb 6)

Den 14ten Juli [1891] abend um 11 Uhr sind unsre beiden Buben [Karl und Gustel] gesund und munter von Hermannstadt für die Ferien Zeit im Elterlichen Hause eingekehrt. (Tb 14)

Oktober 1893. Den 16ten feierten wir die Hochzeit unseres Kindes Josefien. … Nur mein Bruder mit seiner Frau u Gustel sind von Hermannstadt gekommen. (Tb 18 R)

Den 18ten [Dezember 1893] ist Karlutz zu seinem letzten Urlaub als Kadetten Zögling Zuhause auf Urlaub gekommen. [Tb 19]




Familie Gräser. Vermutlich aufgenommen während Karls Urlaub im Dezember 1893. Gustel (ganz links) ist nicht ganz 15 Jahre alt, Schwester Josefine hat die dreieinhalbjährige Enkelin Charlotte auf dem Arm, Vater Gräser steht, sichtbar krank, abseits von Frau und Kindern. Er hat noch ein halbes Jahr zu leben. Nach seinem Tod zieht Mutter Grossika mit ihren drei Söhnen ins städtische Mediasch, Josefine bleibt  mit Mann und Kind in Tekendorf zurück.
 
Den 26ten [Juli 1894] Nachmitag 5 Uhr ist Josefien glücklich entbunden. … Die Tage darauf sind mir in Arbeit u Sorge vergangen. Ich schrieb an sehr viele Orte um Gustis Zukunft. (Tb 20)

Den 19ten [August 1894] kam Karl von Hermannstadt aus der Kadetten Schule glücklich als Kadett Stelfertreter heraus.  (Tb 22)
Demnach haben Karl und Gusto vier Jahre zusammen als Schüler in Hermannstadt verbracht.


Samstag, 29. Juni:

Durch Hinweise der Redakteurin in Hermannstadt konnte Reinhard telefonisch eine Verabredung in Medias mit Frau Inge Jekeli treffen. Mit dem Wunsch, viel mehr über die Familie Graeser - besonders Gusto's Mutter, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte - zu erfahren, haben wir in herzlicher Atmosphäre unsere Fragen stellen können. Sie selbst konnte uns nicht die erhofften Antworten geben, wusste aber Rat und bat eine ihr bekannte Pfarrersfamilie um Hilfe. Montag Abend wissen wir vielleicht mehr.

Der Zufall führte uns heute in das Dorf Birthälm. Eine faszinierende Wehrkirche in herrlichster, grüner Hügellandschaft zog uns schon von weitem an. Als wir die hölzernen Stiegen erklommen hatten, erblickten wir einen gewaltigen Dom. In der Erwartung, Hinweise auf den ältesten uns bekannten Vorfahren zu entdecken, schauten wir uns im schattigen Hof um und fanden den Obelisken mit der Inschrift Daniel Graeser 1752 bis 1833 und seiner Gattin Anna Maria Haner 1765 bis 1832. Die Kanzlei in den uralten Kirchengemäuern lässt erahnen, unter welchen Bedingungen unser Vorfahr dort gelebt und gepredigt hat.


Gusto's Enkel und Urenkel vor dem Grabstein seines Ururgrossvaters, des evangelischen Bischofs Daniel Gräser (1752 - 1833) in der Birthälmer Kirchenburg

 
Decke der Birthälmer Kirchenburg





Unterhaltung mit Frau Inge Jekeli




Die Reisegruppe in Mediasch, Hintergrund evangelische Kirche



Sonntag, 30. Juni:
Als wir die Stadt Tekendorf (heute Teaca) vor uns liegen sahen, erbickten wir ein wunderschönes Ambiente der alten Kirchen und Gemäuer.

Blick auf Tekendorf (Teaca) 2013

Dorfszene
Auch ein alter Friedhof wurde weithin sichtbar, den wir im Wissen, dass dort die alten Gräber von Gusto's Schwester Caroline (Charlotte, 1872 - 1891) und seines Vaters Samuel Joseph "Carl" (1839 - 1894) zu finden sein könnten, aufsuchen wollten. Auf unserer Suche waren wir beeindruckt von den vielen uralten Grabmalen, jedoch Hinweise auf die von uns gesuchten Verwandten wurden enorm erschwert, denn Schriftzüge bzw. Daten waren kaum lesbar oder die Grabmale waren sehr verwachsen und lagen teilweise tief unter Gestrüpp. Recherchen in alten Kirchenregistern werden zu gegebener Zeit Aufschluss bringen.

Der Weg zum Friedhof

Blick vom Friedhof auf Tekendorf

Frage: Wieso und wann genau zog die Familie von Kronstadt nach Tekendorf? Was taten die überhaupt in diesem recht abgelegenen Nest?

Antwort:

Traurige Jahre in Tekendorf

Für den Unterbezirksrichter Carl Samuel Gräser bedeutete die neue Stelle eine Beförderung. Er scheint sein Amt am 1. Januar 1887 angetreten zu haben, Umzug also um die Jahreswende. Carl Samuel war nun Bezirksrichter, was in etwa einem deutschen Landrat entspricht. Das heißt, dass er zwar in dem etwa 3000 Seelen umfassenden Tekendorf wohnte, aber den ganzen zugehörigen Bezirk (dessen Umfang wir nicht kennen) zu verwalten hatte. In diesem Amt ist er allerdings früh gescheitert. Die Erfahrungen waren für Frau Charlotte so schmerzhaft, dass sie ihre Eintragungen ins Tagebuch für vier Jahre unterbrach. Rückblickend schreibt sie:
 
Den 6ten Dezember 1875 sind wir von Mediasch nach Kronstadt übergesiedelt u waren daselbst bis Dezember 1886 glücklich. Im Jahre 1887 übersiedelung nach Teke. (Tb 27 R)

Das Leben in Tekendorf gestaltete sich in Anfang sehr gut meine Mädchen fanden hinreichend Unterhaltung u was Sie an Wissenschaften hier entbehren mußten (denn hier war alles lernen abgeschnitten) mußten Sie im Kochen wirtschafften und Haushaltung führen lernen. Doch mein guter Mann dem seine zu große Freundlichkeit u jedem Menschen das beste wollend und entgegenbringend und so auch das gleiche fordernt [nur geschadet hat] hat hier gleich in Anfang fehlgeschlagen u so hat Er sowohl in als außer dem Amt sehr viele Unannehmlichkeiten durchgemacht von denen bei seinem guten heiteren Temperament nur sehr wenig auf seine Familie wirkte. Das Jahr 89 u 90 brachte uns viele große Sorgen u offt auch schlaflose Nächte doch darüber will ich den Schleier der vergessenheit ziehen. (Tb 7 R)

Im Januar [1890] oder Dezember [1891] hatte Lottchen die heimtückische Krankheit Influenza welche Krankheit auch Alle im Hause bekamen nur ich nicht. Mein guter Mann litt lange danach an Asthmatischen Zuständen so daß Er das rauchen ganz aufgegeben hatte. Es war ihm sehr beengend in der Nacht besonders hocher [?] gefährlich. Es war eine traurige Zeit für mich. (Tb 6) – Unterstreichung im Original! H. M. -

[Januar 1892:] Auch mein Karl litt gerade in dieser Zeit wieder an asthmatischen Zuständen mit einem argen Husten verbunden. (Tb 15 R)
Den 31ten [Dezember 1893] waren wir alle bis auf meinen guten Mann, der sich wegen dem Asthma in der strengen Kälte nicht hinauswagte, bei den Münstermanischen eingeladen.  (Tb 19)

Mein guter theurer Mann ist im Jahre 1839, den 16ten Juni geboren und den 16ten Mai 1894, Nachmittag 5 Uhr, gestorben.  (Tb 27 R)

Dass sie das „glücklich“ in Kronstadt doppelt unterstreicht, sagt zugleich, dass sie in Teke unglücklich war. Dort starb ihre geliebte erstgeborene Tochter Charlotte achtzehnjährig im Kindbett. Dort scheiterte ihr Mann beruflich und welkte, asthmatisch geworden, bis zu seinem Tod 1894 dahin. Dort auch erlebte sie die Enttäuschung, dass Gustel das Gymnasium verlassen musste. Die Atmosphäre im Tekendorfer Heim muss bedrückend gewesen sein. Ein Glück für Gusto, dass er nur in den Ferien nachhaus kam.
 


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