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Eine Auswahl aus

Gusto Gräsers 'Allbedeut' mit Beispielen
aus seiner 'Bucheckern'-Schrift
zusammengestellt von
Hermann Müller

 
    Inhalt (zum Anklicken):

 
Vorwort
Laut, Menschenlaut
Willkomm oh Mensch
Alphabet oder Allbedeut
Allbedeut
AEOIUHKBPGQuRLS SCH ZMWFVN – DT
Nachwort
Quellen und weiterführende Hinweise
 

Vorwort

In den Jahren seiner tiefsten Not, nach dem Kriegsende von 1945, entstand Gusto Gräsers 'AllBeDeut', eine Deutung unserer Sprachlaute. Die Sprache war seine Zuflucht gewesen in den Finsternissen der Hitlerzeit, nun musste er ihr ein Loblied singen. Es ist ein Werk tiefdringender Besinnung, eine Lichtinsel, völlig abgelöst vom reißenden Strom der Katastrophen. Ruhe und Behagen breitet sich aus, ja spielerische Heiterkeit im betrachtenden Umgang mit dem Werkstoff der Dichter.

In seinem unveröffentlicht gebliebenen 'AllBeDeut' vereinigen sich drei Arbeitsfelder des Dichters: sein Suchen nach der Weltsprache, seine Symbolik der Laute und seine Gestaltung einer Druckschrift, der sogenannten 'Bucheckern'-Schrift.

Suchen nach einer Weltsprache oder Ursprache – ist das nicht Spinnerei? Nein. Die Frage ist hochaktuell. Denn indem die Völker und Kulturen im Zuge der Globalisierung zusammenrücken, stellt sich dringlicher als je die Frage nach dem Gemeinsamen, die Frage nach der Möglichkeit einer Verständigung. Ist sie zu lösen durch eine Kunstsprache, ein Esperanto oder Volapük? Eine globale Kunstsprache würde die Auslöschung alles Gewachsenen und Individuellen bedeuten, eine radikale Entwurzelung. Gräser lehnt sie ab.

Er geht einen anderen Weg. Wenn wir in unsere eigene Sprache nur tief genug hineingraben, so meint er, dann werden wir auf die allen Sprachen gemeinsamen Wurzeln stoßen. Wie reagierten die frühen Menschen auf den Zusammenstoß mit der Außenwelt? Mit Schreien vermutlich, mit Lauten. Laute sind Ausdruck von Emotionen, von Gefühlen, von spontanen Reaktionen. Von den Lauten als ihrem Urgrund her sind unsere Sprachen zu entschlüsseln, ist zugleich unsere Menschenart zu entschlüsseln.

Darum begibt er sich auf eine lebenslange Entdeckungsreise in die Landschaft der Laute. Aus unserem eigenen Sprachbestand werden wir erkennen, was uns mit allen Menschen verbindet – ohne unsere Eigenwelt aufzugeben. Vielmehr werden wir mit den entdeckten Grundelementen die eigene Sprache bereichern, vertiefen und durch Neubildungen weiterentwickeln.

Er nennt sich „Wortwurzelgräber“. Er lauscht hinein in die Worte, nein, tiefer, in die einzelnen Laute, in A und O, in R und L, in B und W. In ihren Klang, ihre Anmutung, ihre Aura. Die Wissenschaft befasst sich fast ausschließlich mit dem rationalen Gehalt der Sprache, Gräser mit ihrem emotionalen.

Aber auch die Wissenschaft lehnt heute die Möglichkeit einer Ursprache nicht mehr ab. So heißt es in dem Standardwerk 'Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache' von 2010, S.291: „Die Theorie, daß alle Sprachen aus einer gemeinsamen Ursprache hervorgingen, die durch kulturelle Evolution oder göttliches Einwirken entstanden war, nennt man Monogenese. Die Unterschiede zwischen den Sprachen werden als Folge der Ausbreitung des Menschen über die Welt erklärt. … Alle heut existierenden Sprachen gingen vielleicht wirklich aus einer Queller hervor“.

Gräser gräbt diese Quelle aus. Er lässt sie sprudeln in ihren einzelnen Lauten in diesem Buch. Er lehrt uns, spielerisch, vergnügt und dichterisch, auf ihr Plätschern und Rauschen zu lauschen.

Nicht nur in seiner gereimten Lautlehre, auch in seiner Gestaltung der Bucheckern-Schrift haben sich seine Ergebnisse niedergeschlagen. Die Formen seiner Lettern mögen uns allzu romantisch und wenig praktikabel erscheinen. Es ging ihm aber weder um technische Effizienz noch um romantische Gefühligkeit sondern darum, das Archetypische eines Lauts herauszuarbeiten: das Ungeheure, Dunkle im U, das Wohligrunde und Warme im O, das hitzig Intensive im I, das pathetisch Erhabene im A. So erweist er sich auch in seiner Schriftgestaltung als Philosoph: das praktisch Verwendbare gilt ihm wenig, er sucht die Erkenntnis, den Sinn.

Die hier beigegebenen Proben aus der 'Bucheckern'-Schrift stammen aus einer früheren Schaffensperiode, aus den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Es sind tiefsinnig versponnene Hieroglyphen, voll Pathos, Kraft und Wucht, expressiv und ornamental. Seine späteren Schriftgestaltungen haben einen freieren, leichteren Zug, sind aber nicht mehr als Ganzes durchgearbeitet worden.


     Laut, Menschenlaut

Laut - Menschenlaut -

was uns erbaut - verstört, dein Wort bestimmt's,
Mensch - der vernimmt's
und muss gehorchen dem, was er erhört.
Du treue Stimme unsrer Wirklichkeit,
woher du läutest,
zeigt mehr, wirkt mehr als das,
wohin du deutest,
durchs Ohr, durchs immer offne Lebenstor.
Die Stimmung deines Trägers, in dir schwingend,
die von ihm zeugend klingend uns durchzückt,
betrübt, beglückt,
ruft ein der Stimm entsprechend Sein
hervor.
Laut - Menschenlaut –
heb's Menschensein empor!

*

Einen Schatz, einen blühlebendig wirklichen Schatz erkennen, heisst schon für ihn entbrennen in flammender Liebelust, heisst schon mit aller List und Kraft sich einsetzen zu seinem Schutz, droht diesem Schatz Gefahr! Oder es ist nicht Schatz, nicht Mann noch Erkennen im Spiel. Hier so ein notgedrungen, notwendiger Einsatz eines Mannes für des Menschen liebwürdig blühendsten Schatz:
seine Sprache!
*

    Willkomm oh Mensch


Willkomm, oh Mensch,
in deiner dochschön, dornrosigen Welt!
Tritt ein, tritt ein, steh nit davor -
schliess auf ihr Tor
mit deiner, wie ihr entsprossen,
so ihr entsprechenden
S p r a c h e !
O*
    

    Alphabet oder Allbedeut?


Phönizier, Griechen in Ehren - ihr Alphabet war durchliebt, durchlebt, beseelt von Sinn und Bedeutung: Alpha - Beta - Gamma - Delta und so weiter. Dort war's noch einigermassen organisch einverleibt, lebendig geordnet, in der Reih.

Doch bei uns? - Wer kann an der alten Lautfügung (ach, Unfug!) als an sinnvoll notwendiger, schönlebendiger Folgerichtigkeit froh werden? - Wer damit erbau­liche Fühlung und Führung finden - wer?

Ein noch so kümmerlich Geigerlein bringt doch, eh er sein Spiel beginnt, erst Übereinstimmung, Ordnung in sein Werkzeug, die Geige, bringt Saite um Saite erst an ihren einzig gehörigen Platz, und, listigsten Lauschens voll, stimmt er sie.

Und wir - - - ? Das Grundwerkzeug zum Werk und Spiel unsres Lebens, unsre Sprachlaute, unsre Lautgeige lassen wir ungestimmt, in ödem Drunterund­drüber! Sagt - musste, muss uns das nit ganz bestimmt verstimmen? Kein Wun­der, wenn 's Menschenhaus so voller Grimgramgraus!

Nun aber - eididrei - geht an Urmelodei, geht an, nach Zwistgrams Peinigung, Hirn-Herzens tiefe REinigung, Genesung unsrer Welt!

Drum ade, ABC - Alphabet, das verweht, verflattert wie welkes Geblätter!


     Brauchen wir Deutschen mit unsrer wunderbar urbaren Sprache irgendwo betteln und alphabetteln zu gehen, als ob wir verirrte Wanderer ohne reichen Heimatgrund wären?


Bist Du nit Manns genug, still aufzuhören,
gelinget Dir kein herzbefreihend Tun -
statt feig geschäftig Dich und Mich zu stören,
fass Mut zum Schaffen, fasse Mut zum Ruhn -
denn nur aus innigtiefer Ruhigkeit
ruckt auf das Wort, tatkräftig Wort,
das Dich und Mich durchfreiht!

Denn nur aus tiefgeeignet eignem Wurtseltraum

schwingt auf des Menschseins Zweigen,
der Völkerblüthen Reigen,
empor zum Menschheitbaum!

Diese Druckschrift, Sprachzeichengestaltung,
ist wohl nur ein kleiner, doch wohl
grundnotwendiger Beitrag zu unsrem
grohsen Genesungswerk:
Heimkehr,
ist Werkzeug, Wurtselzeug dazu. -
Klein, jawohl, aber Schrittlein sind's, die
weltweite Wandrung vollbringen, Tröpflein
sind's, denen mächtigster Strom
gelingt.
Wie des Baumes fruchtwuchtge Kraft
nur gedeiht grund seiner hauchzahrt
fühlenden Haarwürtslein Urtätigkeit,
so geht, gedeiht auch unser Heimgang, Heimwuchs
nur aus tiefsten Wortkleinods
Keimheimlichkeit.
Drum fort, all du hohler hochtrabender Hohn!
Beginn allen Menschseins ist Hauch,
ist sein Thon!
Aufhören - besinnen, besinnen -
so einzig kann Heilwerk beginnen!
Aus des Sinnlichen Wucherung, Schwüle und Pein
kann nur das Sinnige führen,
Besonnensein -
und Heilsonnenschein, Heilregen befruchtender
Anregung strömstrahlt aus unserem
welteingeborenen Wort.


     Allbedeut




A
hebt, ein Aar uns ins Klaare empor -
E wieget ewiges Eben - O
lohet Sonne durchs Wolkentor warmlebendiges Leben -
I winkt zum Lichte den Mut und den Sinn,
winkt uns zur innigen Insel: Drin - U
ruft zum Wurzeln im Dunkelgrund, ruhlich zu wirken
uns in das
Und.
Dank ihrem fünffältigen Weben!
Dank ihren Helfern:
Harfner H, der hilft hauchzahrt zum Heilen,
denn sein kantiger Nachbar K
sorgt gar sehr für das Keilen.
B baut Behagen, betet zum Bauch - doch Puste P
platzt darein mit Gepfauch -
und Gründle G und Quelle Qu quasseln und
gurgeln das ihre dazu.
Da tritt Ritter R ins Getrieb, um littel L, das gelinde,
rauscherauft seine Lieb.
Sichel-S, das singt dazu - Schlummer-Sch schwingt Ringeruh -
alles fügt sich schon so nett, da blitzt drein das Zickzack-
Z.
Emma M hemmt minnig wieder, was verhetzet, was verwundt,
wo der Wallo W dawider wieder wühlet bis zum Grund.
Da - hab Dank - fühlfederleis
kommt Fluto F geflogen, mit Vöglein V, dem Vielleichtwerweiss,
und Nebel N nähn vielleicht
sie den Kreis wieder zu wohligem Wogen -
um mit D doch zu leben, ich, du, voll Dochbehag - T-tüchtig
anzuheben gottvollen
Lebenstag.
Basta, Punkt.
Füg's lebendger,
wer's vermag!


 A
 hebt, ein Aar uns ins Klaare empor

beginnt, jawohl, muss Beginner sein,

läutet Anfang und Aufgang ein,
tut 's Tor auf, weckt 's Ohr auf zum Achtsamsein.
Er allerdings ist der Hervorragendste, der
adelig Erste, der First und Fürst unserer
fünf Hautlaute:
 

v

Aber jetzt erst mal zum A!
Jah - entschwingt er nicht wahrlich
aufahtmend, hochtragendem Frohgefühl,
wie im reinen Raum der Hochalpen
es wohl uns glücken mag -
wo durchs Blauen, klingend klaar,
kreist der Aar!
Wo Labsal wir ahtmen, ahoh, ahah,
hoch über dem Culturplunder
erahnend das Wohllautwunder, das
hochragend tragende
A.

Leuchtet was auf uns, so heisst es "Ah!",
leuchtet was ein, so heisst's "Ahah!".
"Jah!" jauchzt Es, sind wir entschlossen
treuwackere Lebgenossen.
Wie ist's wohl beim "Atlas", beim "Ararat",
klingt A da nit auch fürs Erhabne,
wie Tag uns klinget und Tat?
"Allah" tönt's
zur Gottheit heiterem Sein - "Altar"
hallt's vom Ort, sie zu benedein -
wo "Andacht"-voll der Mensch sie ehrt,
fern Unfug, Unzucht ihr Heilmahl zehrt,
wo voller innigem "Ahnen" er spürt ihr
heiliges Mahnen.
Auch bei den Andern thönt "Radscha,
Raa und Roa - Mahatma" hochachtend
das Athem-A.
Jah, tiefhoch wohnt es allüberall
mit uns voll gottvollem Schall und Hall,
zur grohsen Wahrheit zu wagen,
uns Klaarheit zu singen, zu
sagen!
Nun genug, genug für heut - vom A
unsres Allbedeut!

 E
 wieget ewiges Eben

Was raunt wohl vom E uns die Flut? -
Horch - thönt es nicht wie zur Erntezeit,
wenn durch Ährenwogen die Ebene weit;
vonselbst fängt das Herz an zu singen
voll Hochsommerseeligkeit:
Oh Ferien, Ferien - befreiht!
Ein Fernostvolk ehrt's im goldgeelen "Tee" -
wie wir in der Fee es ehren
und im wildrein wonnigen Reh.
Juchhe, das grohsmutig Edle - juchhe, die seelige See!
Leben - heisst, was wir lieben!
Und - "Eljen!" schallhallt's ferneher
von der Pusta; von Asiens Gesinde
wehn's her geschwinde die Winde.
Horch: "Edesch Anyám" - Süssmutter mein -
so grühst Hungaria immer lieblustig sein
Mütterlein.

Doch, will E selbst, Er, bewanderter Mann,
Er, allergegend Bekannter, Er, allerenden Genannter,
uns nit ein wenig beehrn, ob Seiner uns zu belehrn?
"Belehren? Huhu, klingt nach Schulenkluft -
mich ruft die Heide, die Weite ruft, was soll denn
all das Gelehr? Nach Leben sehndehnt mein Begehr!
Selbst Berge, die buckligen, gälten mir Tand,
säh hoch von ihrer dunkelnden Wand ich nicht
das lebendige Meer, die ebbende, flutende Ebene weit,
einahtmend, ausahtmende Seeligkeit!
Hah - wanderwohnend find ich die Kraft,
die Schwungkraft der tanzenden Sterne,
die allen Wirrwarr durchwirkt, durchschafft,
die alle Welt weit zusammenrafft zum
ehicht gediegenen Kerne.
Jah - Ehe, jawohl, ist mein Leibwort, eihei,
darinnen leb ich und web ich,
weit weit von herzfrostiger Standpünktelei,
eihei, mit dem springenden Punkt - harrei,
ein herzhaft Leben urheb ich."

 O
 lohet Sonne durchs Wolkentor warmlebendiges Leben

O Gottheit, o Sonne,
warmleuchtende Welt!
Bei Erdsternvölkern fast allen, von der Eis-
bis zur Sandmeerwüst, mit O, dem goldig gottvollen,
voll schwungreich rundruhendem Rollen
mit O, dem roten, begrüsst.
"Rororoh" - hör ich den Urahn rufen ins Morgenrot.
Erschauernd hörschau ich Wotan - Froh -
und Thor, den Donnerer, schreitend,
die grohse Sonne begleitend.
Schau - Ormuzd - Osiris und auch Hor,
und Eros, durchroset mit Wonne
von urheilig frohroter Sonne.
"Aurora!"
bejubelt der Grieche ihr Gold -
"Ora" - hallt wider der Andre, voll Andacht ergeben hold.
Jah - Sonne, die thront auf geweihtestem Thron -
das Mutterherz ruft so herzwarm "Sohn".
Umsonst nit reimt Sonne zu Wonne!

Hah, taugen kann's, Urohren aufzutun,
mehrmehr die Roll zu belauschen,
jah mitspieln, mitplauderplauschen,
wenn Oma die Grohsmutter spielt -
auf der Bühn unsrer Frohwelt, die nimmer zielt,
weil "organisch" urbändig lebendig sie
aufgehet, fort und fort, im
Ordnen, Durchbilden, Durchbauen mit Sonngeist
jeglichen Ort.
Hah, trauen, Freunde, vertrauen,
und Uns auch muss sie erbauen
mit ihrem Ordnungswohl, von sonnigem
Leben voll!
Wohlauf! - In den Worten, den Namen
schwingt Urschöpfergeist, was er klingt und singt

und raunet und flüstert im Ruf, das ist, wird,
zeugt uns Beruf!
Thon ruft hervor, genau was er ruft, kann Heil
oder Unheil heben, er schafft geheim, wie
er immer schuf, ein ihm entsprechendes Leben.
"Ortlieb",
der Nam, der so warmlicht strahlt, könnt
der nit voll heimlicher Stillgewalt uns gar
einen Sonnensohn weben?

Zum Wesens- und Farbton spricht bei allen Tönern
auch Formton heimlich mit.
O tönt für das Hüllen auch gerne.
O wohnt gar gern bei dem Baum, umwölbet vom Blätterschaum,
dem grohsgrünwogenden Bogen.
Dass dies nit gelogen, kannst gleich Du schaun.
Korb, Bord und die verbergende Borke, die mummeln
wie Mumma Sorge, wie Topf auch und Trog und Moos,
alles ein wie der schützende Schoos.
Wie's die hölzerne tut, die Tonnen,
wie's Born tut dem Sprudelbronnen,
was zu guter Hut der Rock uns tut,
das Loch dem Huschelmäuslein tut, wo wohl in
dem Hohl geborgen sein Nüsslein es nagt
ohne Sorgen.
Und - denk mal, was tut die Frau Holle
mit schneeflaumflockiger Wolle?

Dies all spricht wohl sprechend vom hüllenden O.
Und, Freund, die Frau Not, wie sie dunkel auch droht -
aus all ihren Nächten und Tagen, aus all ihren Wehen und Plagen
wächst doch und doch uns ein Wohl!
Getraut nur dem heimlichen Mutterton,
er rufet hervor uns den Notwendsohn,
hervor uns die gottvolle Kraft, hervor,
wie kann ich es sagen, der Stillbegeisterung
Tagen,
die froh unsre Welt umschafft!
 
 I

 winkt zum Lichte den Mut und den Sinn

Wer - wer könnt's denn fassen?

Verfassen ist Mord.
So will ich es lassen - vielleicht kommt's zu Wort -
das Ih, geheilt von dem Icke, dem ichwichtig
nichtgen Geflicke.
Ins Stumm-, ins Stumpfdunkel gestürzt, Frau Welt -
betrübt ihr Angesicht!
Wer, wo ist Helfer, der sie erhellt?
Geduld! - Bald wieder schillert und schellt,
spricht ihre Stimme:
das Licht.

Licht-
Urmutterwort, Firstwort des I;
Blitz, Blick, auch Bild seine Kinder -
Kind, Prinzlein wohl auch dahinter.

Da fällt grad recht ein I bezeichnend Wort herein:
Besinnen.
Jah, das tippkleine Ilein, der winzigste unsrer
Laute, hat ausser dem vielbeliebten Licht auch
noch besonders mit dem Tiefinnigen zu schaffen.
Er lockt:
Ganz binnen, in die Mitt, tritt ein, Gesell!
Den Plumpverstand lass fahren, verstehen kannst Du's nit,
gelassen vielleicht gewahren - so lass, komm mit,
komm mit!

Fahr hin - und im dunkel Urheimlichen drin
beginnet dein Bin ein traumbaumlich Gespinn,
einwirkend das wirklich Deine, wie's Dir im Grunde gefällt,
in die gedeihliche Welt.
Lass hin nur, lass walten voll lieblustger List
das weltgewaltig urheitre Geïst -
und auf, voll wirklichem Leben,
wildwohlig, tief und breit, bäumblüht Dir
Wirklichkeit!

Jah, zueinander hier wie dort ruft uns das
gottvoll lebendige Wort.
Hört –
„Tschillag“ - so schillert dem Ungarn der „Stern“ -
„vig“ = heiter! - - - „La vie“ - das Leben – dem Franzmann.
Wie schön sich das gegeben!
„Vilag“ heisst „Welt“ dort und „Licht“ zugleich,
„Virag“ die Welt im Kleinen, die glühblühe Wonneblum.
Oh Welt voll Elysium!
Oh Leben voll Lichtelixier, dein Himmel glänzt dort wie hier -
dein Lichtgeist „Iris“, so wΐs wie Schnee, so Schneestern-silberweiss,
trägt in sich, oh Weltwunder, rund, sonder Über-Unter,
den ganzen Farbenkreis!
Inheil, dein Führlicht heisst „Instinkt“,
tiefintensiv gemusst, Wildsinn,
tieftrefflich ringend, durch jedes Brüstlein schwingend,
beschwingte Ordnung bringend,
voll Lebenslust!



 U
 ruft zum Wurzeln im Dunkelgrund, ruhlich zu wirken

Komm, o Du, mit dem U,
mit dem tiefen guten Dunkeln
kann des I Harmonie, kann das Licht beglückend funkeln.
Dank dem bildungfrohen Paar -
dank dem wunniglich Geheimen kann es lächelnd uns erkeimen,
wunderbar, doch erklärt, zerbricht's, klirrklarr!
Lichtnarr du - Ichnarr Du - lass, lass ein-aufgehen
in das Allgeschehen, in Allringeruh!
Du und Du - mit dem U -
nit nur Grube, Kuhle ist sein Wortgebrauch,
nit nur in dem Pfuhle, in dem Busen auch -
in dem "bösen" Busen.
Unsre Brust hat es erkoren, wie den Busch,
den Buchenhain, wohlgeborgen, wohlgeboren
wohnen wir mit ihm darein.
Freundchen Du - mit dem U
hausen wir in Burgen, Buden, wo es heimlich uns umruht,
trutz Stichflammen und Lichtfluten,
wundergut.
Auch in allerfernsten Fernen,
schaltend, waltend treuverwandt,
mummelt's uns, als wie die Wolke, auch in wildfremd
fernstem Volke, auch in Asiens Ungarland:
"Burok - buini und auch Bunda" -
übrall buddelt voller Ruh,
spielt Zudecken und Zustecken
unser U.

 H
 Harfner H, der hilft hauchzahrt zum Heilen 


Jah, er beginnt, hebt an den Reihn,
durch Harfner H erschallet, erklingt und widerhallet
der ganze Lautverein.
Er muss der Mitläuter Erster sein
statt ein missachtet Verschmähter!
Was - das H sei auszumerzen? -
Oh, ihr alten kalten Knöpf! Habt ihr gar so harte Herzen, ohne freundlich frohes Scherzen,

blüthelose Heucheltröpf!
Athem - ohne H zu schreiben!? Lasst doch gleich
das Ahtmen bleiben!
H ist Spielraum, Duft und Weite
in dem dürren Zeilgebreite,
ist ein lichtleicht Sonneflüstern
in des Wortwalds schwarzem Düstern -
no -
mehr Luft, mehr Hauch, mehr H,
mehr Haha braucht's -
hahahah!

Hier, diese Harf, H's Ehrenmal!
Unwillkürlich, war selbst überrascht, ward sein Bild
beim Zeichnen der Beginner harfenähnlich.
Die Harfe baute kein Zieler, ein heimlicher Meister
sie schuf. Horchhorch, der heilige Spieler sagsingt
seinen Urberuf - singklingt uns sein
Lieblingslied, sein Lied, das dem Leid entblüht:
"Eingehend auferstehn".
Wo's ineinandergeht, wie's hier geschah, geschieht,
erwacht, erweckt, erwehet das leuchtend läutende Lied.
Wohlauf dem heimlichen Himmel
voll tiefaufquellender Höh - ins Kummerkrämergewimmel
hauchjauchzend sein Holdriöh - empfangend, entfachend
mit Haucheshand den Heilborn, den fühlführend frohen,
all denen, die nimmer ihm drohen
mit Zubuhmacherschand.
All denen, die auftun, traun, vertraun, hilft EroSie
Heilgärten baun, Wildwundergärten
voll Nüss und Birn, drein Hummeln sich tummeln
und Bursch und Dirn,
wo Haine aufrauschen in Sturmgewalt,
wo Herzen auflauschen, wenn's urschön schallt,
das Lied, das rein wie die Blum erblüht,
das Lied von dem Gärtner, dem grohsen,
dem heimlichen, hochmutlosen!

 K
 sorgt gar sehr für das Keilen 


Karl -
sag mal, was so grundgern du magst?
Wir möchten dich kennenlernen! -
"Ha - hacken mit meiner Kantenakst -
hacken den Knorr, der recht kart ist,
kart wie ne Eich - 'hart' ist zu weich." -
Hast recht, ist möglich, wahrscheinlich sogar,
dass einst, als der Urahn es gefunden, also tiefecht
empfunden, kart hiess das Wort für hart.
Ungarisch heisst es ja "keméng" - als wär's verwandt
mit Kamin, der freilich hart sein muss - - -
"Kard", das heisst Schwert und "Kar" der Arm,
des Körpers hartstarkes Glied.
Und "Karzolni" heisst kratzen - nur 's Krällchen,
das kantige, kann's, kein weicher Lumppopanz.
Und unser Wort "Kristall" - wie köstlich schön thonmalt das.
Welch Wortgesicht doch ist das, wie tiefansprechend spricht das,
die Seele, die Klangseel vom K!
Auch Kerker und Koralle -
K's Zeugen sind sie alle.

Aha - fällt ja wieder ein Wort für K,
der Kalk, der härtende, ein!
Jetzt aber schnell, mein Stiftlein,
von hart war's nun genug, hart ist ja nur ein Zug,
ein Wesenszug, jajah, ein Grundzug des
köstlichen K.
Oh no, wir sind nit so arg, so karg
asketisch verschlossen, nein -
wolln auch in Veilchen und Rosen versunken, wollen
in Küssen und Kosen Genoss bei Genossen sein.
Kamrad sein, wackerer Mann - ein Mann,
der so inbrunstgerne vom Staub auf zum Funkelsterne
entbrennen, erkennen kann, voll herzbehauptender
Kraft zum Kern, zum Zeugekerne, zum Samen
zusammengerafft!
Heilloh dem sonnigen Sohn, dem Könner,
dem kühnen, die Kron!


 B
 baut Behagen, betet zum Bauch 


"Hee, soll das Spott sein: 'B pflegt den Bauch'?
Freundchen, du nicht, etwa du nicht auch?"
Stimmt schon, stimmt schon, gib Ruh,
hör bieder bissel zu:
Bauch - ja tüchtgen Bauch muss haben,
was ein tüchtig Bomben-B -
aber grade keinen haben darf das Pollenpuste-P;
darf zum Springen, Spritzen, Sprudeln nimmer sich zum
Bollen nudeln, so bombastisch vollgeballt, es bedarf
Hübschhüpfgestalt.
Darum gönnt dem P-Popanzerl so ein Zipferl oder Schwanzerl,
bauscht ihm nur mehr keinen Bauch, Deibel auch!
"Aber Du mach auch kein Bausch",
summt ein leises Stimmlein; schau, es ist ein Immlein.
Summ, mein Bienchen, plausch,
bist ja doch mit B verwandt und mit P wohl auch bekannt,
kannst mir bissel dienen, summ mir was von ihnen!
"Summsisisum.
Jüngst, da stand noch so kahl der Baum,
Knoten nur trug er im Kalten -
sieh, paar Taghänd voll Sonne kaum, und schon schimmert
ein grüner Schaum rings um den knorrigen Alten -
summsisisum.
Knospen springen,
die Pelle platzt, und von der holden Frau Sonne geatzt
mit paar Taghänd voll Glühen, treibt das blustigste Blühen -
breitet Blättchen um Blatt.
Summsisisum.

Hab ja vom Blatt dir was plappern wolln:
Ball mal du deine Hand zum Bolln - und schnell sie auf -
da siehst du, denn allzugscheidt wohl nit bist du,
Ursprung des Wortes: Blatt.
Jetzt bin den Sums ich satt -
summsisisum."
- - - - -
Unseres Beleins Bestes wird wohl was lebig Festes,
Bündges wie Bohne, Bein oder wie Bube sein,
sowas Durchbautes wie Baum.
Weil - hah - verweil - mein Getraum! :
Aus heimkeimlichem Bion-Bin spinnet und bindet
voll Wunnegeminn sich urbändiges Leben -
wildstill hauchzahrter Wurzelkraft
sammelsauget, empfängt es, treibedränget und
sprengt es dumpfdunklen Bodens Haft -
Menschenkindlein, getrost auch Du,
baumel durch durch das Towabuh, durch in das Dunkel-
durchfunkelnde Heer, durch in das ebbend flutende Meer
heilheitrer Ringeruh!

 P
 Puste platzt drein mit Gepfauch 


Allso - lasst uns ohne Zaudern hier vom
Pipape was plaudern:
Potzblitz, schau hin, die eine Nacht
hat so'nen Pilz hervorgebracht!
Plötzlich aus nem winzgen Spor platzt der Plunder
da hervor. -
Langsamer reckt ihre Lanze eine dichtgediegne Pflanze,
eine Palme, eine Eich, darum dauernd, nit so weich.
Hier ist er ja am Werk, der Pillplatzplunderlaut,
der Pollenpulverpuste-, Prallprellpurzellaut.
Aufsprengt er wie der Frühling
das Spracheis voller Krach,
sprudelt, ein quecker Prilling, ein Wildfang-
Quellenbach,
spiellustig plätscherplauschend, Ahngeist uns
raunerauschend kreuzquer durch
unsre Sprach.
Spielt um die Wett mit Prinz Aprill,
prellt auch uns soviel er will;
bei jedem Spott und Spasse hat der die Spitzelnase
dabei, und jede Phrase, hui -
pustet aus sein Pfui!
Da hab ihr ihn, den Pfiffikus.
Doch jetzt zum Schluss!

Fällt mir grad ein, eh ich weiter geh -
als Kind erlebt ich das lebigste P.
Als ich so schimmernden Spieles froh,
Seifblasen blies mit dem Halm von Stroh - hohh -
wie sie wunderleicht flogen, prachtprall voller Regenbogen -
und - phh - war's plötzlich vorbei.
Vorbei?
Noch heut nit zerplatzt ist die funkelnde Lust,
die damals schwellte die Kinderbrust!
Und auch in Kindheit, ein andermal,
am Teich bei der alten Erle,
in grüngoldener Wasserwelt,
wo silbrig prickelnd vom Teichesgrund
Lichtblasenspiel aufprellt,
da erlebt ich bummeldummliches Kind,
wohl dummlig, doch lauschend und
auch nit blind,
den Ursprung des Wörtleins:
"Perle"!

 G
 Gründle G und Quelle Qu gurgeln und quasseln das ihre dazu 


Das zeugend, tiefginnende, das urhebende
Genie
trägt nicht umsonst G's Zeichen.
Dass dies so ist, dass dieser Laut dem
Tiefsten gesellt, wahrhaftig Grundlaut ist unsrer Welt
(nun lacht nur zu früh mich nit aus),
zeigt gar nit falsch auch die vorhin gegessen,
vielleicht schon vergessene
Gurke.
Sich in Erinnerung bringend, gurrt plötzlich
sie "grug" aus dem Grund - oder - sagt "gnug"
der Freund Magen?
(Jetzt lacht nur, und lacht euch gesund!)
"Ugorka" - sagt in Ungarn sie,
in Italien "Gukumeri" - in Polen gurrt's:
"Ogorek" - und wie gurkelt das denn bei Euch?

Nun horchen, Qu, wir Dir mal zu - - -
Bist ja a rechtes Patscherl, G-K-
Verquetschequatscherl -
lautest quabblig wie ein solch nassundkalter
Wassermolch.
Ja, bei den Quappen in der Kuhl, im sumpfgen
Unkengrunde,
da leibst du quitschgesunde. Feuchtfröhlich
und feuchtfaulig quatschst du da um die Wett
mit deinem Witschewatsche-Molluskenquodlibet.
Doch halt,
nit schmähn und schmälern will ich deinen Ruf,
oh nein! - Zu seinem Sinn, an seinem Ort
ist tauglich jedwed Wert und Wort,
auch Quetschequatschelein. -
Jah, Quabbler, Quakler auch herein,
nit nur die Singsangvögelein!
Auch du, auch Du, komm, unser Qu!
War nur ein Nasenstüber -
Quamm drüber!
(Wirklich - Schwamm könnte, der Wirklichkeit,
entsprechender, mit Qu ausgedrückt werden.
Bequem weich ist er, doch schwimmen?
Schwer unter geht der Saufebold!)

Nun spitz die Ohren, Völkerschar,

zu horchen, zu erfahren von einem urpolaren,
Wahrheiterkeit uns läutenden,
Paarheiterkeit uns deutenden
Allweltlautpaargesell,
dem Wunderpaar:
R L
 

 R L
 Da tritt Ritter R ins Getrieb, um littel L, das geline, rauscherauft seine Lieb 


Diese beiden Lautleute, Brautleute,

müssen schon beisammen belauscht werden,
wollen wir sie erahnen, erkennen und
uns ergetzen darein.
Doch beschreiben?
Nein!
Wer könnt ihr heimlich Liebesgeflüster
in Schrift übersetzen - wer die unbändige
Lebendigkeit, die köstlich belebende Rolle,
welche dies Paar in unsrem lautdurchahtmet,
sprachdurchsprühten Leben spielt,
wirklich entsprechend beschreiben?
Umschreiben vielleicht!
Denkt:
Rege richtend die rechte -
lind lenkend die linke Hand.
In welchem Volk, in welchem Land stimmt das
so überein mit dem wirklich Vorhandensein?
Inhanden, müsst hier es schon heissen.
!

"Labil" - das Leichtbewegte, elfen-, libellenhaft -
"Robur" - die rohrobuste, die Raufe-, Raubekraft.
Teilt mit - theilt mit!
Jah, so ein fröhlich, freundlich Miteinanderwerken
und Wirken wär auch hier wohl
wiedermal tauglich - von den Fernsprachen
kenne und kann ich nur Ungarisch einigermassen,
das ich als Büblein hauptsächlich vom
Geschnabbel unserer Hausmädchen aufgeschnappt.
Da fällt mir eben ungarisch "Rag" = Krebs
und sein Gegenwort "Lágy" = weich ein und
unser "Latsch" dazu - - - man kann schwanken,
welches der beiden Weichworte deutlicher
allvernehmbar, urvernünftig
entsprechender ist.

"Wo der sich hinvergaloppiert!"
Gemach, ihr Leut, gemach -
Notmund hat hier den Stift geführt,
und führt ihn vor wie nach.
Wiederholt fiel das Wort "Leute" hier, gradrecht dass ich was deute:
Ein böhmisch Dorf, verriegelt Haus, war jahrzehntelang
mir dies Wort, richtig ausgeschlossen war ich daraus,
weil L's Bedeutung mir fehlte. - Erst als ich merkte:
"L wohnt in Klein", lebt gern mit lein, leicht, lind -
da ging mir's auf, da fiel mir's ein, sprang's auf,
das Tor, geschwind.
Und es blies Geisteswind: "Lüttch, Dummkopp" mir ins Ohr,
bald fiel dazu auch "Littel" ein -
endlich konnt ich hinein!

Jetzt hört, und sagt einmal:
Gibt's eine Sprach- , eine Menschenmöglichkeit,
das zahrtklein zierlich Niedlichste unsrer
Menschenwelt entsprechender zu bezeichnen
als grad mit "littel", sagt!?
Und nun denkt auch mal den völligen Gegensatz:
Das kraftvoll ragend Rüstigste, halt, Gerüstetste
der menschlichen Erscheinung - - -
Habt Ihr's?
Dasselbe Wort, nur gehärtet, nur verwandelt L in R -
zu raten jetzt wahrlich nit schwer -
so seht - so schaut - da reitet ja, sprengt ja -
ein "Ritter" her!
- - - - -
Genug - nur Spur des Paars RL,
mehr hab ich nit gewollt.
Beschreiben? -
Hah - wer wär so schnell,
wer so ein Blitzebold,
der wie der Luftgeist Ariel
mit Ihm
die Welt durchrollt?


 S Sch Z

 Sichel-S, das singt dazu - Sch schwingt Ringeruh - alles fügt sich schon so nett, da blitzt drein das   Zickzack-Z 

 

Jetzt geht es zu den Zischern, den Stumpf-und-Dumpf-
Erfrischern -
Dank ihrem Auchdasein!
Wir brauchen auch Empörer, Aufrührer, Reizer, Störer,
zu unsrem Wohlgedeihn!
Freilich - zuviel von ihrem Reiz verdirbt, entzweit's.
Da sind die Brüder Zischler, wahrlich schon alle drei -
der Singo und der Schwingo und Zickel mit dabei.
Aber hübsch langsam, sittsam, nach und nach, wenn ich bi...
Hahahalt!
Das ist ja grad, als hiessest du die hitzge Glut:
Sei kalt - sei kalt wie Eis -
als sagtest du: Insekt, saug Blut, doch nur nit beiss!
Wo grad das, dass es beisst, ihm Pflicht,
dass es dich stachelt, reizt und sticht -
und über Schnüre springt, was ihm auch droht und winkt.
Was schwätz ich da, Gesell, ans Herz gedrückt,
umarmen Dich, bis warm dein Sang uns glückt,
bis all dein allzuscharf, zu reizend Schrill
hinschmilzt, sich mildert, wohnlich schön und still,
wie's insgeheim, warm unbewusst, im Volksgemüt
schon längst geschieht.
Langbreit, gradgrob und herzensgut,
wie es Herr Preuss zu wenig, der Schwob zuviel tut
"fascht".

Nun aufgepasst, all Schpass beiseit:
Mit Aufpäppelung, Wucherung des Scharfzischler-
gesindels ist wahrlich nit zu spassen!
"Disziplin" zum Beispiel, in sich selbst schon
ausgesprochene Disharmonie, Unordnung, nit nur hie -
sowas soll, will uns Lebensordnung schaffen?
Na, und was, was, was,
was schaffet sie???
Genau, was in ihr zippelzischt -
die Sklavenpeitsch, den Sklavenzwist, Zerordnung-
Diskrepie!
Ein herzlebendig Treuvertraun allein kann
Bildung - Ordnung baun, Ordnung,
bewegt, urwohlgemut, freundfröhlich -
bösegut!
Wahrlich, nit nur so'n Puterhahn muss blau vor Wut
sich kollern, wenn wir mit ks-kss-ksss ihm nahn,
auch den gutmütgen Hannemann hitzt sowas
bis zumTollern.
Drum ist scharf S in Hässlich vor allem auch zuhaus -
was red ich? Ach, der Ratz, der Maus, das Kummerl
hat kein Haus. O weh, nur Hass hat das -
hetzt, schiesst dahin wie Satanas,
Chausseen dahin, ruchlos voll Graus,
Ahasver in dem Herzen.
Oh Menschenkind, ruh ein, ruh aus,
schmelz ein all deine Schmerzen! wehO OOO O

Singo, so sag doch bloss - was ist mit Dir denn los?
Wie, was - hüllst dich in Schweigen, in dein Silentium?
Muss ich dich selbst "anzeigen"? - Pass auf, da gibt's Gebrumm!
Doch - fangen Dich? - Ha Nocken - du springst durch Spruch
und Spocken, spukst überall herum, du Schlimmer,
selbst im "Slum", singst übrall deinen Vielsinnsang,
den einen, deinen Allweltslang.
So machst du deinem Namen hier-dort wohl
manche Ehr -übst Sicheln, Sägen, Sensen
als Handwerk nebenher,
du fleissger Vagabunde, du Allervölkerkunde,
beflissner Allgeniesser, der ganzen Welt gesellt,
heut Spiesser, morgen Held - - -
Wer hätt genug der Greifelist, recht zu begreifen,
was du bist? - Wer könnt ein Fliessen fassen? -
Ich muss dich sausen lassen.

Lebt uns zum Glück sanft S ja auch,
geborn am Sonnenbusen -
wohl dem, der es mit diesem hält, fern
Missetat um schnödes Geld, vertraut bei holden
Musen -
vertraut mit Simsummbienelein, an Blumenkelchen bammelnd,
mit ihm saumseelig Flur und Hain und
Waldesaun und Feldesrain durchsummelbrummelsammelnd.
Was wär ohn es ein Sommertag?
Das wär ein öder Summer!
Bienlein beseelt sein Urbehag -
summsingelt ein uns bange Frag - summsingelt
ein uns kalte Plag
in Summsumsommerschlummer,
so gut - so warm - so brav -
schlaf gut, du Kummer -
schlaf!
Was schwimmt denn da zu unsrem Strand?
Heihoh, wie wohldurchschwungen!
Ein Schwan - breit S - von Flickwerktand
befreiht, in Freundes Fühlehand
zum Bild eines Schwans gelungen -
zum Bild flammschweifenden Sonnenrads,
eines wogendurchrauschenden Wikingkahns - -
wieduwilt: ein schwinge-schwankend Gebild.
Diesem urbehaglich Breitesten,
Schall- und Mund-gerecht Beredesten
der drei Zischerbrüder die Ehr einer
seiner Würde entsprechenden Form zu gewähren,
war wahrlich an der Zeit.
Ist er doch der Meistgebrauchte!
Aus einem Guss und Fluss, wie's ihm gebührt -
so wollen wir ihn schauen auch,
beschaulich uns erbauen auch, an seiner Schöne uns weiden,
wie einst an der wildschönen Welt wir's taten
als andächtige Heiden.
So - wuchs - auch Schee - sich zum Schwan.
Verwandt einem Wikingskahn - hah, königlich,
in schimmernder Wehr, ein Bild
kraftstrotzenden Lebens,
schwimmschwankt durch das Ursprachmeer
Schwaner - der Kühne - daher.

Breit-S-beschwingt schwebt gerne
die Schutzfee durch die Welt.
Horch, ihrer Schwingen Sausen,
ich hör es drin wie draussen,
hah, wie mir das gefällt!
Horch nur: "Charmant" - besinne Dich, das heisst
ja - schirmend, ritterlich!
Hör - schau - vernimm, was uns raunt die Fee:
Dort unten im Land schau die Scheuer,
die unsre Ernte schützt - tief eingehüllt in den Schnee - - -
die Schnecke schau - - - die Schachtel - - - Schuh - - -
und die Schatull da dazu - - -
Fernfern schau auf das Schloss, in Schanz und Schild - - -
Nun, merkst du was, bist bald im Bild?
Oder - ? -
Ist allzudicke der Schober auf unserem
Kopf, kann's durch nit dem Unter, dem Ober,
durch den schwindelverfilzten Schopf?

O Zet -
jetzt heisst's mit dir um die Wett,
mit Zung hinter Zähnen, den zackenspitzen,
zu zeterwettern, zu dunderblitzen,
zerblitzen all sattmatt Gefrett!
Wie Atta-Zeus von dem Wolkensitz es tat
mit Donnergedröhne auf ungeratene Söhne -
es tat, als gerüstet blink und blank,
gezeugt geheim mit Ananke,
der geistentzückte Gedanke,
Athena dem Wuchthaupt entsprang!
Doch, halt, halt, hab mich vergaloppiert - dass ich
zu spät es nit büss! - Wer erst die Traub auftischet,
uns nimmermehr erfrischet, bringt nachher
er 's Gemüs.
Drum reift, ihr Traubelbeeren, vielleicht, vielleicht
gelingt's, zuguterletzt euch zehren.
Zehren - für Zet ein sehr bezeichnend Wort. -
Ja, zerrn, zerstörn, zerreizen kann's, bezeugen
John, Jan, Iwan, Hans,
die Zer-zivilisierten, ach Zer-disziplinierten,
im Zippelzappeltanz.
Nichts Anderes lebt als aus innerstem Drang -
Feind alles Blühenden ist - der Zwang!
Aufauf, mein Blitz, zu fachen der Heilbegeistrung Glühn,
voll donnersonngem Lachen aus Dornen Rosen ziehn -
statt ach so öd nach dürrem Zweck verdorrend
zu verkommen im Existenzeneck!
Weit, weit von dem Gezwerge, rastlos als wie die Ratz,
bei heitrem Notwendwerke, hinthinter all der Hatz,
von Tag zu Tag geeinter, von Tat zu Tat gereinter
heben urheilgen Schatz.
- - - - -
Noch einmal schau ich deine Run, oh Zet,
voll Mut und Witze,
Du, du hast's mit dem Blitze, dem Wildweltgeist
zu tun!
Mit Ihm, der alle uns ergetzt, zuckst zeugend du,
beglückend, allalle Welt durchzückend,
im ewiglichen
Jetzt!
   

 W M
 Emma M hemmt minnig wieder, was verhetzet, was verwundt, wo der Wallo W dawider wieder wühlet bis zum Grund 

Emma M hemmt minnig wieder, was verhetzet, was verwundt,
wo der Wallo W dawider wieder wühlet bis zum Grund

Wem gilt nun dies? WM gilt dies, dem auch polaren Pärchen -
W ist der Mann - M ist das Weib -
hah, welch ein Wunderwendeleib, hah, welch ein Zaubermärchen,
Märchen voll Wirklichkeit!
Schaut hier das Heim von Emma M - behaglich, wohlbestallet -
dort wandert Wallo W des Wegs, selbst vielbewegt durchwallet.
Ahngeist, der hat weltseelvertraut Mahl-Weib, Wahl-Mann
getreuer Weis in einen wahren Zauberkreis
melodisch eingebaut.
Zu Wallo aber erst nachher, jetzt zu Frau Emma, kommt!
Sie räumt grad ihre Kammer - hängt Wäsche mit der Klammer -
hört ihr schon ihren Thon?
Horch: Eins zum Andern ammelt sie - Eins um das Andre sammelt sie,
und Eins im Andern rammelt sie.
Jah - Imamum, o mei - ist Emmas Melodei.
"Komm mit, komm mit" - so bittelt sie, unmüdlich, ohn Erlahmen,
zusammen komm, zum Mitteltum,
zum heilgen Zeugesamen!

Vom Mammeluk zum Mammut hin,
vom Riesen zur Mimose ist Welt ja voll von Emmas Minn,
sie minnelt wie im Herze drin im winziglichsten Moose -
ummummelt jede Wenigkeit, bemammelt jede Kleinigkeit,
ist wie Ami getrieben zum amorosen Lieben!
Jah, von Amore lebt dies Weib voll wärmendem Erbarmen,
so maidgeschmeidig, windgewandt, ist auch den Nachbarn
gern zur Hand als Magda, Maja, Carmen.
Nun, merkt ihr wohl ihr Amt!?
Mein Amt, dein Amt, hah, unser Amt:
Ums Kleinod treu bemüht ringen im Erdsternhimmel,
dass trutz all Wehgewimmel
Heilstern der ganzen Welt
- Mütterlichkeit -
erglüht.

W - - -
Was - bewegt - uns - mehr?
Als Wallewiegewoge-W - so vielbewegt?
Wohin ich horch, wohin ich seh,
sich seine Welle regt.
Wie, wo, warum? - Wieso, wozu? - Wer, was und wem?
Wie wild Du frägst, du wirre Wauwauseele!
Wühlst ja wie eine Wesp, wimwum, wütend
um jedes Ding herum!
W:
"Wild - jah, das bin ich, wirr bist Du, wenn du mir
sowas hängelst, einfach ne Katz mit einer Kuh,
einfach nen Pott mit einem Schuh
vermischelst und vermengelst.
Ich W kann doch kein D dir sein voll dürrem:
Die - Do - Drum -
muss wallen in die Welt hinein, mit ihr so stillgewaltig
rein werben: wie, wo, warum?!
Könnt denn wie D ich stehn so kalt? - Bin Wallo -
muss mit Welt und Wald Gefahr, Gewohn -
Gewohn, Gefahr durchwellen und durchwallen!
Komm zum bösguten Ringereihn,
kann uns ja Eins, nur Eins allein doch nimmermehr
gefallen!"
Hast recht, hast recht, jah, sei umhalst,
hah, wer mit Dir nit wohnt und walzt,
kommt nie zu frischem Wohle -
dass den der Kuckuck hole!

Wohlauf, hinaus - wohlauf, herein! - Eins blüht nur mit
dem Andern, Frohwohnen nur kann Wandern,
Wallo nur Emma freihn!
Er - wie der Wald so wild, Sie - wie ein Garten mild.
"Eins, das ist Keins", spricht Volkesmund - Eins ist verlorn, verlassen -
Eins kann kaum stehn, geschweige gehn, wie könnt's denn
schwingen, tanzen, drehn? Kann lieben nit noch hassen.
Nur wo frische Winde wehen, kann ein frohes Wohnen sein -
nur wo freih die Wandrer gehen, nur durchweht von Frischgeschehen kann Urheimatwohl gedeihn!
Wohlauf, Gesell - drückt Ungemach,
will glücken Dir kein Heitertag -
geh, Freundchen, geh!
Bewegung - löst - alles - Weh.
Mit dem "Erst Wägen", Du, ist's nichts -
ein immerwährend Wagen
kann, wird, muss heitern Angesichts mehrmehr
aus Dumpf ins Heil des Lichts, mildwilden
Lichts uns tragen.

 


 F V
 kommt Fluto F geflogen, mit Vöglein V, dem Vielleichtwerweiss 


 

Oh schön - ! Du Firlefanzerl du, du Flitzeflatterlaut,
bist auch verbunden mit der Ruh - Du,
dennoch der Urbrave, du bist auch dem heiligen Schlafe
urdunkelgut vertraut.
Hilfst ihm mit wunderguten, wohlwollig
weichen Fluten durchfüllen und umhüllen,
was Tagplag uns vergraut.
Hilfst ihm mit unverhaftet, mit tiefurbändgem Fleiss,
von Urhumor durchsaftet, schliessen, fliessflüsterleis,
verstörten Lebenskreis.
Allem Flotten angetraut, sei gegrühst, o Fliesselaut!
Hei, wie fliegt das
flitzeflink, wie durch Busch der freche Fink!
Fangt und funkt und funktionieret,
filteriert und figurieret wie geschmiert, bis fahr-
fertig ganz und gar, klipp und klar, alles
fleckt, florieret.
Hei, wie schaffet Förderschaft Furor rein und
Saft und Kraft, aus ff der Fanz, heissahoh, der kann's!
Allewelt durchfliessend, alleweltgeniessend,
flirrtet fort und fort er mit Ort und Wort,
flötet flugs sein Lieblingslied:
Fluid - fluid - fluid!
Jetzt hab ich Dich, oho - entfleuch mir nit wie'n Floh!

Horch, wieder geht die Pfort,
quietschzwitschernd allheitres Gewort:
Urkraft, so weich wie ein wellender Fluss,
webt Freiheit, heilschaffende, grohse,
voll tiefduftger Dornenrose, voll tiefbeflissnem
Genuss.
So - schafft - weichwachsende - Kraft!
Die starre jedoch, die stolzstarke,
die eishart herrschende, karge,
die Unkraft, die zwingende, bricht.
Ja, Kraft, in Treue wurtselnd,
urmutterseelgesellt,
die tritt nit fehl, die blüht fidel, ob
rundum purzelt die Welt, Kraftprotze-
Schwindelwelt!
Nun, unser Vau!
Sein Lautwert gleicht ja dem des F in unsrer
deutschen Sprache - warum denn dann zwei Zeichen
für gleichen Klang?
Warum? - Warumgebrumm! - Wenn wir's auch nit verstehn -
muss uns denn alles der Verstand, der Totengräber
von Leut und Land, der Übelgrübler vergraben?
Tot ist, was festgestellt!
Es lebt nur die werdende Welt, die heimlich keimlich
wachsende Welt!
Genug lang bewegte, erwog ich die Frage:
Kann, muss Vau nicht fortfalln, zur Gesundung
des welterbauenden Worts?
Doch - die mit ihm geübten Zärtlichkeiten, deren
Entwendung unser Volksgemüt, Weltgemüt
offenbar kränken müsste, bewogen mich,
die Finger davon zu lassen.

Vater - wolln wir nit wie Futter schreiben, wolln
ihn selbst gefüttert sehn, nit so elend hager,
wie ne Hopfenstange mager. Veilchen sehn wir gern
bei Weilchen, nit bei rostgen Feilen stehn.
Volk - sehn voll wir gern, mit Vau. - Reicht nit weit,
die Vogelschau!
Jah, schon den Vöglein zu Gefallen, von denen wir flott
umflogen sind, drum ihnen doch gewogen sind,
darf unser Vau nit fallen!
Vaulein ist ja einsam sehr, doch das reicht ihm
nit zur Schande, eher noch zur Ehr. Ohn den Vetter
und sein Vieh, wär's zu einsam fast, doch sieh:
Ver - von - viel - und voll, die Fünf, bringen
dennoch auf die Strümpf.
Jawohl, mit unsrem Vöglein Vau,
und ist's auch unser "Vogel", schau - es ist ja liebeflott,
es ist ja keine alte, in Kram verhockte kalte,
herzkalte Krauchekrott,
ist ja beschwingt fidelerweis, das Vögelein
Vielleichtwerweiss,
dem deutschen Volksgemüte.
Behüt es, Welt, behüte, es blüht
zu deinem Preis!

 N
 und Nebel N nähn vielleicht 

 
Nun sag uns an, o N, wie nennen wir dich denn?
Bist du der Nacht Geselle, voll nächtgen Neides Pein,
vernichtend heitre Helle? - Bist du ein Kind des Nein?
"Ich bin's -
nur bild't euch ja nix ein mit eurem plumpen, steifen
Verstand. Wer mich will greifen, begreift nur Schein.
Allwirklichkeit durchrinnend, die Welt durchsinneminnend
dem Wesenden verbunden, dem Wissenden entwunden,
Nebel zu Leben wendend - Leben zu Nebel ein, web ich im
HIAHSONAIN!"
Dann sei gegrühst, mach Welt uns wert! -
Geht Nein voran, wird sie verzerrt!
Jah, dann wird nur verheeret, vernichtet, was uns freut,
all Freundlichkeit verkehret in Feindlichkeit.
Nur Jah voran befreiht!
N kommt gerannt:
Schon Schlussakkord? Noch fehlet ja ein notig Wort!
Mich anzudichten brauchst nit mehr -
doch Du, von dem mir so bekannt, ja gar verwandt,
von Nah hast kaum berichtet!
Mich wundert, das du den vergisst, der doch auch dein
Freundnachbar ist.
Ach jah, hast recht, kommt, setzt euch wieder -
hörn wir noch was von unsrem Bieder.
Na, die Sippschaft macht mir Spass -
lauschet nur, nun reim ich was!
Dieser lange Nagel da ist der würdge Herr Papa.
Wo Mama geblieben is? - Nu, die steckt im Nadelkiss.
Wo die Kind? - Die seht ihr nit? - Schaut euch um, hier: Naht, Nut, Niet.
Was sie treibt, die Sippe da?
Na, sie macht halt alles nah!
Oh, die Sippschaft lob ich mir, Trennungsleid weilt nicht in ihr,
wo sie naht und wo sie ist, schlichtet bald sich Zank und Zwist.
Meint man schon: Nu geht's entzwei -
sie, sie macht die Eintracht neu.
War da, vor ganz kurzer Zeit, Faden mit Herrn Lump im Streit,
kommt Frau Nadel grad herein, bald stimmt's wieder überein.
Was die Tugend einer Frau,
zeigt Frau Nadel uns genau.
Ihre Ahnen sind wohl tot? - Nein, doch arg vergessen:
die Urahnen, Mutter Not - Vater Nu sind frisch und rot,
wie sie je gewesen.
Alles was ich lieb und schätz,
wirket tief ihr innig Netz!

 D T
 um mit D doch zu leben, ich, du, voll Dochbehag - T-tüchtig anzuhabengottvollen Lebenstag 


Dienen - wie - De!
Wie es einstmal dem Römer zu seinem "durus" gedient
und dem Madjaren zum "Datze", zu dem Schutz seinem Schatze
(Trutz heisst's, nit Schmeichelkatze)
und auch zum "Durra" dient.
Hört nur, "durra" heisst "grob" - als ob
der Urzeit-Asiate, in der Lateiner Rate,
hätt ihr "durus" gelernt und sich zum "durra" gekernt.
In Wahrheit wird es ja so sein, dass beide ,
in Rohsein rein, mit hauchzahrter Urvernunft,
aus gleichem Erlebnis vernommen,
zu gleichem Ergebnis gekommen
und beider Ahnohrenmund ein ähnliches Wort geboren.
Köstlich verwandt doch deutet und denkt
Völkerwelt mit dem D.
Hört:
"Doge-Dach-Dagh-Dock-Duman-Duvar-Dokum-Dorf-Dekan".
Was die auch bedeuten, auf Hüten, Hecken,
Bewahren, Decken deuten sie alle doch hin.

D o m -
Hahoh, wie rundganz das ruht, so urbehaglich gebauet.
Horchend fühl ich, urwohlgemut, wuchtig wölbende Formenflut
in mir selber erbauet.
Dumm - heisst wahrlich Verwandtes, Du,
schau nur scheel mich nit an!
Daumdick umwölbt heisst es, buschdicht geschlossen
heisst es, eingemummelt und zu -
wie so'n Baumknot, der noch nit schiesst, noch nit
knospet, treibt und spriesst - wie ein Kindlein
in Mutterhut, dickgesund, jah dummlich ruht,
traut zuhaus in der Haut.
- - - - - -
I war a rechtes Dummerlein, sie neckten mich den Petzen,
in jede Falle fiel ich rein, als Zucker nahm ich manchen Stein,
den Andern zum Ergetzen.
Fangsalz trug ich mit mir herum, mich lachten aus die Spatzen.
Wie tat da wohl dem kleinen Knot das Vaterwort in mancher Not:
"Der Knoten wird schon platzen!"
Ist er geplatzt? - No, nit zu sehr - doch platzet er wohl
täglich mehr.

Ist D mehr ein Dunkelmann, Dogmenmann, Doktersmann -
Bruder T ist aufgetan!
Hei, wie freih tritt der daher, nur sein Wert ist seine Wehr.
Tüchtigkeit ist seine Braut, Tochter aus der Tiefe,
satt ist er die Flüchtigkeit, die flachflaue schiefe.
Zeugesaat und tauglich - das ist seine Tat!
"Wie, was - Tat von einem Laut?"
Stör nit, hör mit: ihr vertraut.
Jah, vertraut, fern schlappem Herrl, jedem trefflich
tappern Kerl.
Turnen, wenn es sein muss, türmen, stromern, Allewelt
durchstürmen, hat der tapfre Tupfe los,
dieser tänzrisch turbulente, voll unbändgem Tempramente,
dieser kleine Gernegrohs.
Tittlein reckt sich zum Titanen, zum Centaurus, zum Tartar,
stürmt daher als wie ein Ritter,
wie ein Taifun-Ungewitter oder wie der Teifel gar.
Doch was lebt, lebendig, wohlig, das lebt polig,
so auch T:
Wie die winzigen Termiten Türme baun von Drin hervor,
so, aus winniger Herzmitten, tiefgesellt, taktgeschwellt,
trägt er wie Freund Tree, der Baum,
Ordnung in den Weltenraum,
Bildung, ferne Wissenswust, Schönheit voller
Eintrachtlust.
Heiahou, wie Thau belebt er, tröpfelnd heitern
Trutzetrost,
selbst dem Teufel nit erbost.
Aus dem Punkt, dem kleinsten, hebt er,
so mit Theo, Thor und TAO,
Ein und Alles,
A und O.

Wer konnt's, wer kann's ersehn, wer in solch
Ringgangkreise, auf kugelrunder Reise
ein Punkt, verstehn?
Komm schaun, beschaulich lauschen, allheim uns
plätscherplauschen, wie Thau zum Grunde gehn -
ins endlos Runde gehn.
Horch: Totoro! - Wer pocht, der Tot? - - Er ist's - -
Herein! - ruft Leben,
weil's ohn ihn ja kein Leben wär,
weil's ohn ihn ja ohn Liebreiz wär,
ohn blühfrisch jung Erheben.
Herein, herein, mein Totterlein! -
Was wäre mein HIAH denn ohne NAIN?
Was mein Gedeihn, mein Fruchtbarsein,
mein Wiedersammeln, Wieder-Ein?
Kein schmerzreich liebend bebender,
kein scherzreich allbelebender
Herzpunkt,
kein Springepunkt, der alle Welt
durchjungt!
Spring mit, tritt mit, Todgrübler Du -
Narr nur bedenkt zuviel,
voll neidigem Geschiele, hat immer Ziele, Ziele
und kränkt das ewge Spiel -
mein Bildespiel, mein Notwendspiel,
das blühen will, oh Du,
in heitrer Ringeruh.
Heimfalln, Gesell, eingehn, aufgehn,
in deiner Treu versinken,
mit ihr, mit ihr urschöpfrisch rein
ein herzfroh, werkfroh Wirklichsein,
lebendges Leben trinken!
Ich nicht, Du nicht, Wir leben, oh Freund,
Wir Alle nur wirken die Wirklichkeit - - -
Wer könnte sterben, da doch kein Einzelner lebt?
Sieh den Lebendigen:
Sich innig verwendend, starrt ihm keine Ende,
stört ihn kein Tod.
Aufgehend im Eben, lässt auf ihn das Leben blühn,
weil er Ihm traut, ist Es ihm grün - - -
"Dein bin ich - Du bist mein" - raunt Es durch
Wald und Hain.
"Ich auch, ich auch, ich auch!" jauchzt Es von Blum
und Strauch.
Horch - auch - in - Dir!


Nachwort

Kurz nach Ostern 1904 gehen in den Wiesen um das Landschulheim Haubinda in Thüringen drei Männer spazieren: ein Arzt, ein Pfarrer und ein Lehrer. Sie unterhalten sich über einen Gast des letzteren, einen seltsam gekleideten Wandersmann und Dichter, den sie „Blüthner“ nennen. Von Arzt und Pfarrer wird der Fremde abgelehnt, der Schulmeister sucht ihn und sich selbst zu verteidigen:

Seine Ansichten teile ich nicht. Sie sind mir zu weichlich für einen Mann. Wenn er auch nicht biblisches Christentum predigt, er macht mir mit seiner Ablehnung des Soldatenstandes, seiner Geringschätzung aller technischen Fortschritte und andern Einseitigkeiten doch einen allzu urchristlichen Eindruck. Bezeichnend ist, daß er auch als Poet die Worte, die mit hartem Laut beginnen, von vornherein nicht leiden mag. Stahl, Stein, Stock, Staat, Stadt, Stand, streiten, stehlen, strafen: starr seien sie auch der Bedeutung nach. Anders die Lippenlaut-Verbindungen: Pflanze und Blume, Blatt und Blüte…“ – „Und Blütner!“ fiel der Arzt mit raschem Spotte ein. – „Pfirsich, Pflaume, Flöte, Pfeife und Flocke und Flügel und Fließen und Flur. Fleiß, meint er, gehöre auch dazu. Einen rechten Fleiß habe ich aber doch noch nicht bei ihm wahrgenommen. Immerhin kleidet ihn sein Name ziemlich gut. Wie eine Blume auf dem Felde kommt er mir vor.“ (Gustav Naumann: Vom Lärm auf dunklen Gassen. Berlin 1907.)

Mit dem Dichter und Sprachdenker, den der Nietzsche-Verleger Gustav Naumann in seinem Roman als "Blüthner, den Evangelimann" vorstellt, ist niemand anders als sein Freund Gusto Gräser
gemeint. Das Zitat belegt, dass bereits der etwa Fünfunandzwanzigjährige sich intensiv mit der Symbolik der Sprachlaute beschäftigt hatte. Kein Wunder! Wer auf Haus, Heimat und Besitz verzichtet hat, wer weder Buch noch Zeitung besitzt oder mit sich herumschleppen kann, wer auf seinen Wanderungen oder in der Gefängniszelle viel allein und von allen kulturellen Hilfsmitteln abgeschnitten ist, der trägt immer noch einen unveräußerlichen, allgemeinsamen und zugleich ganz persönlichen Besitz mit sich herum: unsere Sprache. Gerade der Ausgeschlossene, oft Zurückgewiesene oder gar Verfolgte ist auf sie zurückgeworfen als auf seinen letzten verborgenen Schatz. Sie ist
dem Rettung, Zuflucht und - beglückendes Arbeitsfeld, der durch sein freieres, tabu-brechendes Denken und Tun in der etablierten Gesellschaft keinen Widerhall findet.

Mit der Gleichsetzung des Starren und Harten in der Lautung mit dem Toten und des Fließenden, Weichen mit dem Lebendigen beginnt das eigenständige Sprachdenken Gräsers. Die Sprache sagt uns, was zum Tode und was zum Leben führt. Auf dieser Grundlage, dieser klaren Entgegensetzung hat er sein Weltbild begründet. Es ließe sich leicht, an vielen Beispielen, zeigen, dass auch seine dichterische "Technik" aus dieser Wurzel erwachsen ist. Das Hören auf den reinen Selbstwert der Laute, vor aller Indienstnahme durch ihnen aufgedrungene Sinngebungen, hat es dem Dichter schließlich ermöglicht, Kunstworte zu schaffen, Neuschöpfungen, die nur durch ihre Lautung zu uns sprechen.

Seine Erforschung des sprachlichen Klangkörpers hat aber noch einen anderen, tieferen Sinn: sie ist ein Weg der Selbsterforschung, der Meditation. Lassen wir dazu den Musiker Peter Michael Hamel sprechen:

"In vielen mystischen Orden des Abendlandes ist das griechische Alphabet auf verschiedene Weise gedeutet worden. Betrachten wir z. B. unsere Vokale A E I O U. Wie weiter unten noch ausführlich erläutert wird, öffnet jeder Vokal einen bestimmten Raum des menschlichen Körpers, wenn er beim Einatmen vorgestellt und innerlich gesprochen wird. Dieses Öffnen ist ganz konkret so zu verstehen, dass der Atem tiefer oder höher in die angesprochenen Räume eindringt. Das U erfüllt unseren unteren Körperraum, das I unseren obersten Körperraum usw. Der Atem führt aber auch das feinstoffliche Prana mit sich, den geistigen Atem, den die griechischen Eingeweihten Pneuma, Hauch Gottes, nannten. Die Gesamtheit eines von Pneuma erfüllten Raumes könnte somit als göttliche Verwirklichung verstanden werden." (Peter Michael Hamel: Durch Musik zum Selbst. München 1980, S. 129f.)

Die Sprachlaute sind also für Gräser heimliche Schlüssel zum Aufschluss unseres Selbst, zugleich aber der Welt. Immer schon haben einzelne Denker die Laute mit den Erscheinungen der Außenwelt, mit den Jahreszeiten, den Farben, den Tönen, den Himmelsrichtungen, den Sternen und Steinen in symbolische Verbindung gebracht. Diese Assoziierungen weichen oft von einander ab, sind individuell geprägt und scheinen darum willkürlich. Dass aber auf diesem Gebiet, ausgehend vom Reich der Töne, durchaus auch allgemeingültige, mathematisch nachprüfbare Aussagen möglich sind, zeigt der Farb-Ton-Kreis des Musikers und Astrologen Paul Gerhardt Ahnert. Er ist auf dem Rückumschlag abgebildet, kann aber hier nicht erläutert werden. In diesem kurzgefassten Nachwort muss es genügen, auf einige einführende Schriften zur Laut- und Farbsymbolik hinzuweisen.

Das gräsersche 'Allbedeut', das hier gekürzt und mit Beispielen aus Gräsers 'Bucheckernschrift' dargeboten wird, ist während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach entstanden. Am 19. Dezember 1947 schreibt Gräser aus München an seine Tochter Gertrud in Berlin:

Lebendig sind Wir wohl! So heissfleissig wie in den letzten Zeiten hab ich noch nie geschafft. - Auch heut fuhr ich schon um 5 in die Strümpf. Was ich hier mitschick, sind Spuren der beiden letzten Werke - vor allem das "Siebenmahl" ... und das "Allbedeut. Die Sprachlaute, heimliche Schlüssel zu unsres Lebens Entschluss" ... - ist noch nicht ganz reinreif genug."

Es handelt sich um eine Untersuchung der Lautsymbolik, abgefasst in Reimen. Wenn man bedenkt, dass der Dichter in diesen Jahren nahe am Verhungern war, dass er unter den dürftigsten Umständen in einer unheizbaren, dazu undichten Dachkammer hauste, dass er wahrlich keinen Grund zum Lachen hatte, dann erscheint der leichte, heitere Ton, das manchmal geradezu übermütige, gelegentlich sogar albernde Dahertänzeln dieser gereimten Gedanken-Sprünge umso erstaun-licher. War es die pure Lust an seinen Findungen, die ihn so beschwingte? War es die Genugtuung, nach einem lebenslangen Hineinhorchen in die Sprache nun endlich zu einem gültigen Ausdruck zu finden? War es das freudige Wiedererwachen eines Todgeweihten, der die Schrecken des Terrors und des Krieges im tiefsten Abgrund überstanden hatte? Wir wissen es nicht. Wir können nur zur Kenntnis nehmen, dass da einer an der Hand der "Mutter Sprache" durch die äußerste Not geführt und schließlich gerettet wurde - und ihr nun sein Dankopfer darbringt.

Ernst Jünger antwortet auf Gusto Gräser

Die Lautsymbolik wird von der Sprachwissenschaft wie ein Stiefkind behandelt. "Als lautsymbolisch werden Laute bzw. Lautkombinationen aufgefaßt, die nach dem Empfinden der Sprecher eng mit Phänomenen der außersprachlichen Welt verknüpft sind", definiert ein Lexikon (Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart 2000). Gesicherte Aussagen über Korrelationen zwischen Lautung und Bedeutung seien aber (bisher) nicht möglich. Ja, es ist geradezu ein Grundsatz der Phonetik, dass einzelne Laute keine Bedeutung tragen.

Die Handwerker der Sprache, die Dichter und Schriftsteller, wissen es besser. Tragen die Laute auch keine klar definierbare Bedeutung, so ist es ihre sinnlich-seelische Wirkung, auf die es dem Dichter gerade ankommt, die er sorgfältig beachtet und einsetzt. Die Sprache der Laute ist eine zweite Sprache unterhalb der Schicht der Bedeutungen, und sie vermittelt eine Botschaft, die, weil unbewusst, umso tiefer in die seelischen Schichten des Hörers oder Lesers eindringt. Die Laute sind der sinnliche Leib der Sprache, ihr eigentlich ästhetisches, emotionales, ihr liebenswertes Element. Was der Wissenschaft entgeht, das können die Dichter über sie aussagen, sie allein sind die berufenen Hüter und Erforscher der Laute. Sie, die Liebhaber des Worts, sind es denn auch, die sich, freilich selten genug, dieser armen kleinen und doch so nahrhaften Blutkörperchen der Kommunikation angenommen haben: Ernst Jünger etwa, Anton Schnack und eben auch Gusto Gräser.

Ist, was diese Wortwerker über die Laute zu sagen haben, nun deshalb, weil wissenschaftlich nicht fixierbar, nur subjektiv und beliebig? Ein Vergleich der Aussagen von Ernst Jünger und Gusto Gräser könnte eine Klärung bringen. Wir zitieren einige Beispiele aus Jüngers Buch 'Geheimnisse der Sprache' (Frankfurt/M. 1963; Abkürzung: GS). Zu beachten ist, dass Gräsers Arbeit der von Jünger vorausgeht, und dass beide sich zwar kannten, sich aber über dieses Thema nicht verständigt haben. Ihr Gespräch ist ein postumes und virtuelles.

A

"Das A, das fast in allen Alphabeten den ersten Platz behauptet, ist als der unbestreitbare König der Vokale anzusehen. ... kündet das Erste und Hervorragende an", sagt Jünger (GS 36). - Darauf antwortet Gräser: "A / beginnt, jawohl, muss Beginner sein, / läutet Anfang und Aufgang ein, / tut 's Tor auf, weckt 's Ohr auf zum Achtsamsein. / Er allerdings ist der Hervorragendste, / der adelig Erste, der First und Fürst unsrer / fünf Hauptlaute." (ABD 18)

Jünger fährt fort: "Das A ist ... der eigentlich väterliche Laut, das höchste und königliche Zeichen der Paternität. In ihm klingt zugleich die Höhe und die umfassende Weite des Lebens und der Herrschaft an. Seine doppelte Ausdehnung tritt in unserem Wort Aar prächtig hervor." (GS 36)

Dazu Gräser: "Jah - entschwingt er nicht wahrlich / aufahtmend, hochtragendem Frohgefühl, / wie im reinen Raum der Hochalpen / es wohl uns glücken mag - / wo durchs Blauen, klingend klaar, / kreist der Aar!" (ABD 18)

Man könnte meinen, Jünger habe die Verse von Gräser gelesen und sich dann ans Schreibpult gesetzt. Das ist aber ganz unwahrscheinlich, denn die Aufzeichnungen des Siebenbürgers blieben unpubliziert. Interessant ist aber, bei gleicher Grundaussage, die verschiedene Bildwelt, in der sich die beiden Autoren bewegen. Jünger, der Ex-Offizier, betont Paternität, Königtum und Herrschaft, eine gesellschaftliche Ordnung also, die für Gräser eine zu überwindende und zu bekämpfende Vergangenheit ist. Er selbst findet sein "Frohgefühl" nicht im Bereich der Herrschaft sondern im reinen Raum der Hochalpen, im Raum der Natur.

Jünger sagt, in unseren großen Formeln, Zaubersprüchen und Gebeten verkünde das A den Anruf der höchsten Macht. Die gewaltigste Formel laute: "Im Namen des Vaters" (GS 37). Wiederum: Der Antipatriarch und echte Anarch Gusto Gräser würde nie in diesem Zusammenhang die Worte "Vater" und "Macht" heranziehen. Sein Denken hat sich von den Traditionszwängen des Westens befreit. Darum: "'Allah' tönt's / zu der Gottheit heiterem Sein - 'Altar' / hallt's vom Ort, sie zu benedein" (ABD 19). International, spirituell und überkonfessionell benennt er die 'höheren Mächte' und nennt "Radscha, / Raa und Roa - Mahatma, hochachtend / das Athem-A". (Ebd.)

I

"Das I (ist) der Laut der tiefen Verbindungen. ... Es ruft zur inneren und innigen Gemeinsamkeit auf ", sagt Jünger (GS 47). Gräser respondiert: "Jah, das tippkleine Ilein, das winzigste unsrer Laute, hat ausser (mit) dem vielbeliebten Licht auch noch besonders mit dem Tiefinnigen zu schaffen. Er lockt: Ganz binnen, in die Mitt, tritt ein, Gesell!" (ABD 32). Während beide Autoren an das französische "vivre - la vie" erinnern, weist jedoch nur Jünger auf die erotische und sexuelle Note im I ("ich liebe dich"). In dem Wörtchen "in" erkennt er "eine erotische Ursilbe von wirkender Kraft" (GS 45). Gräser dagegen preist in dem I vor allem das "Lichtelixier" - "Blitz, Blick, auch Bild seine Kinder" -, den Lichtgeist Iris, das "Inheil", den "Wildsinn" - Phänomene der Reinheit, des Geistes und der inneren Selbstfindung.

U

"U ruft zum Wurzeln im Dunkelgrund", sagt Gräser (ABD 35). - "Das U ist der Laut des mehr als logischen Grundes, des Ursprunges und der feierlichen Dunkelheit", so sinngemäß gleichlautend Ernst Jünger (GS 49). Beide entdecken im U den "Sinn des Abgeschlossenen und Verborgenen ... Solche Wörter sind Urne, Grube, Gruft, Grund, Sund, Mulde, Muschel, Truhe, Krug, Turm, Burg, Kugel, Brust, Mund, Stube, Bund, Hut, Glucke, Schuh, rund, unten, zu" (GS 50f.). Bei Gräser heißt es: "Nit nur Grube, Kuhle ist sein Wortgebrauch, nit nur in dem Pfuhle, in dem Busen auch ... mit dem U hausen wir in Burgen, Buden ... übrall buddelt voller Ruh, spielt Zudecken und Zustecken unser U." (ABD 36f.)

Die wenigen Beispiele mögen genügen. Sieht man davon ab, dass jeder Autor seine eigenen Assoziationen hat, die geradezu ein persönliches Psychogramm ergeben, so zeigt sich doch in der Grundwahrnehmung ein hoher Grad von Übereinstimmung. Die Laute für sich, auch ohne Bedeutungszusammenhang, haben eine Aussagekraft, die jeden Hörer gleichsinnig ergreift, gleichsinnig stimmt. Der Laut, die "treue Stimme unsrer Wirklichkeit", sagt Gräser, zeugt und wirkt durch sich selber, unabhängig von der ihm aufgeladenen Bedeutung (ABD 13). In ihm überträgt sich die Stimmung des Sprechers unmittelbar und unverfälscht auf den Hörer und ruft in ihm ein dem Lautsinn entsprechendes Sein hervor. Durch seine Laute wirkt die magische Kraft des Worts.

Wortwurzelsucher: Gräser und Heidegger

Die zweite Wurzel von Gräsers Sprachdenken steigt aus der Herkunft der Worte, der Etymologie. „Ich grabe nach Wurzeln, nach Wortwurzeln“, soll er zu einem Bibliothekar der Münchner Staatsbibliothek gesagt haben. (Martin Müllerott)

Als „Wortwurtselgräber“ hat er sich bezeichnet. Er macht sich dabei gern die Erkenntnisse der Wissenschaft zunutze, schöpft aus Wörterbüchern, folgt aber im Suchen und Graben letztlich seiner eigenen Nase – oder vielmehr seinem Ohr.

Die Herkunft der Worte zu erforschen genügt ihm jedoch nicht. Worte haben auch eine Zukunft, eine verborgene Potenz, eine noch unentdeckte Entelechie. Aufgabe des Dichters ist es, sie zu erkennen und in neue Wortgebilde austreiben zu lassen.

Wie – nur nach der Wurtsel messen
willst Du’s Wort ohn Achtung dessen,
wohin’s zieht und neigt und zweigt -
heisst ob der Geige den, der geigt,
Liedes Meister vergessen!

Wohl aus Wurtsel wird das Wort,
doch bei Wipfelliebesspielen
zieht es nach geheimen Zielen
fort und fort.

Liedes Meister ist die Sprache selber, die nach ihren eigenen Gesetzen wirkt und schafft. Diese Gesetze sind aber nicht die der Logik, auch nicht der Grammatik allein, sind Spiel und Tanz der Laute, die sich gegenseitig anziehen und verbinden, angezogen oder abgestoßen weniger durch ihren Sinn, ihren Inhalt, als vom Reiz der äußeren Gestalt, von ihremn sinnlichen, stimmlichen Lauten. Die Laute „läuten“ und locken so ihre „Leute“, die Lautverwandten, an.

Auf dieser Eigenschaft der Sprache – dem Überspringen der Logik durch die Lautung, aber auch der Stärkung des Wortsinns mit den Mitteln der Lautung -, auf diesem Miteinander und Gegeneinander von Sinn und Laut beruht das dichterische Spiel der Sprache.

Worte – wollen auch nit sitzen bleiben –
wolln zum Tanze fliegen …
Ihr ersehnter Bräutigam …
Der kommt selten so höchstselber,
hat der Liebesboten viel,
tausend tausend Singsangstimmen …
So – werweisswoher erwehend,
läutet’s durch den Völkerwald.
Lockend urverwandte Laute,
haucht Wildfremde ins Urtraute,
weckend thönende Gestalt. …

Ein anderes Spiel, das Gräser mit den Worten treibt, ist es, sie aufzubrechen, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen und dadurch einen neuen oder anderen Sinn in ihnen zu entdecken. Gräser treibt es ernsthaft und einfältig-kindhaft bis zur Albernheit; der Zufall wird zum Einfall, aus dem ein Licht einfällt. Im sinnlichen Schein erscheint sinnhaftes Sein. Man kann solche verborgenen – oder neuen – Bedeutungen ausdrücklich mit Worten als Licht heben:

Mein – ist das Herz der Ge-mein-schaft.

Man kann sie mit Bindestrichen, die eigentlich Trennungsstriche sind, sichtbar machen:

Wir-kl-ich-keit;

Oder man kann durch Reim, verändertes Geschlecht, veränderte Betonung auf sie hindeuten. So wird aus dem männlichen „Geist“, anders gelesen, auch ohne Hilfszeichen, das sächliche „Geïst“ oder „Ge-ist“. Durch eine winzige Verschiebung in der Aussprache (hier im Druck durch ein zweites i-Tüpfelchen angedeutet), ohne einen Buchstaben zu ändern, gelingt es Gräser, seine philosophische Grundaussage zu formulieren: das Geïst ist Geist, Geist ist Geïst. Was Hegel auf tausend Seiten sagt, sagt Gräser in einem einzigen Laut.

Von solchem Sprachdenken, Sprachgebrauch und Spracheschaffen die Brücke zu schlagen zu Heidegger ist geradezu unvermeidlich. Ist er doch bekannt als der Bindestrich-Philosoph, berühmt und berüchtigt für seinen kühnen, oft als willkürlich oder schlicht falsch beurteilten etymologischen

Ableitungen, berühmt und gerühmt auch für seine eigenartigen, kühnen Wortveränderungen und Wortneuschöpfungen. Wenn Gräser aus dem Wort „Ereignis“ das „Ei“ herausschält:

Er-Ei-gnis

und Heidegger das „Auge“ in dem noch willkürlicher erscheinenden „Eräugnis“ erblickt, so ist die Vorgehensweise hier wie dort offensichtlich die selbe.

In alledem, wie auch in ihrem Verhältnis zur Sprache überhaupt, ist die Parallelität zwischen den beiden Denkern so groß, so ins Auge fallen, dass nähere Nachweise – die in Hülle und Fülle zu liefern wären – nur noch langweilen können.

Sinnvoller ist es, darauf hinzuweisen, dass von Gräser her bestimmte Vorgehens-weisen Martin Heideggers erst verständlich werden. Ist es doch ein Hauptvorwurf der wissenschaftlichen Linguistik – die Heidegger von Herzen verachtete, jedenfalls als für ihn nicht maßgebend betrachtete, - dass seine etymologischen Deutungen oft falsch oder mindestens sehr gewaltsam seien. Dem würde Gräser antworten mit dem Hinweis auf den Spielcharakter, den Telos- und Latenz- und vor allem den Lautcharakter der Sprache. Gräser und Heidegger haben andere Eigenschaften der Sprache entdeckt oder betont als die herkömmliche Sprach-wissenschaft dies tut. Sie haben die Logik zurückgedrängt zugunsten des naturhaften, wachstümlichen Spiels, finden Sinn noch im Zufall, sehen Winke noch in Winzigkeiten, die dem Wissenschaftler stumm bleiben. Sie sind Horchende und Gehorchende, die das sinnliche Hören und seine meditative Vertiefung für mindestens ebenso wichtig halten wie das auf den Inhalt gerichtete Sinnerkennen.

Ihr anderes Sprachdenken ist Teil ihres Aufstandes gegen die abendländische Tradition der Übermächtigung durch Rationalität, gegen den Beherrschungstrieb der nackten Logik. In der Sprache spricht ihnen das Sein selber, und wir sollen „Es“ hörend zu Wort kommen lassen:

Lass, lass Es sprechen, wie’s vonselber spricht …

Erst die neuere Forschung, allen voran Gerald L. Bruns, hat begonnen, Heidegger in dieser Hinsicht gerecht zu werden, indem sie die eigen-ständige Art seines Sprachdenkens herausarbeitet und damit die Verwandtschaft zu Gräser genauer sichtbar werden lässt. Das Gehen-lassen, Sein-lassen (die Grundhaltung Gräsers!), das zeigt uns Bruns, ist Heideggers Grundhaltung gegenüber der Sprache, und von ihr her erscheint sie in einem neuen Licht.

In place of pictures we get puns, which is what happens in the letting-go or gambling game of language. Thus, to take only one example, the key word, „Ereignis“, „ventures“ the round dance, „Reigen“, but one cannot explain why: the connection between „Ereignis“ and „Reigen“ isn’t a conceptual one: it’s just what a gamble is – a chance connection … “(83)

Anstelle von Bildern bekommen wir Wortspiele. Die ergeben sich nämlich aus dem gelassenen oder gewagten Spiel der Sprache. Um nur ein Beispiel zu nennen: das Schlüsselwort „Ereignis“ „wagt“ den Rundtanz, den „Reigen“, aber man kann nicht erklären, warum der Zusammenhang zwischen „Ereignis“ und “Reigen“ kein begrifflicher ist: Es ist das, was auch ein Glücksspiel ausmacht – eine Zufallsverbindung.

Hier wäre einzufügen, dass die Beziehung zwischen “Ereignis” und “Reigen” für Gräser und Heidegger keineswegs eine zufällige ist. Denn im „Reigen“, d. h. in der Erfahrung der in sich schwingenden Einheit, ereignet sich das „Ereignis“. Der Reigen ist das Ereignis. Eine denkerisch-mystische Erfahrung sucht sich, raubt sich die Wortverwandtschaften, die sie braucht. Es handelt sich weniger um Etymologie als um Poesie, um Dichtung. Hören wir weiter Bruns, der genau das beschreibt, was Gräser in seinem (oben zitierten) Gedicht sagt:

Imagine language as an infinite conversation in which words talk endlessly back and forth, picking up hints from one another, playing to one another and on one another, internalizing one another, parodying one another, sounding and resounding … spilling over and spreading in every direction.” (163)

Stellen Sie sich die Sprache vor als ein nichtendenwollendes Gespräch, in dem Wörter ständig miteinander reden, Winke voneinander aufnehmen, miteinander und aufeinander spielen, sich gegenseitig einatmen, einander parodieren, Töne aussenden und Echos zurückwerfen … sich ausgießen und ausbreiten in jede Richtung.

Die Sprache, sagt uns Gräser, spielt unter ihrer begrifflichen und grammatischen Oberflächenstruktur ein „Tiefenspiel“ der Laute, die wie summende Bienen ihre Liebhaber suchen, und diese „Wurzel-„ und „Wipfelliebesspiele“ sollen wir nicht stören, ihr „Spiellicht“ nicht auslöschen und nicht auslachen. Denn, noch einmal:

Worte – wollen auch nit sitzen bleiben –
wolln zum Tanze fliegen …
Ihr ersehnter Bräutigam …
der kommt selten so höchstselber,
hat der Liebesboten viel,
tausend tausend Singsangstimmen …
So – werweisswoher erwehend,
läutet’s durch den Völkerwald.
Lockend urverwandte Laute,
haucht Wildfremde ins Urtraute,
weckend tönende Gestalt. …

Liest man dieses Gedicht und dann noch einmal die Umschreibung, die Bruns von Heideggers Sprachauffassung gibt – „words … playing to and on one another, internalizing one another, parodying one another, sounding and resounding …“ – so erweist sie sich zugleich als eine Umschreibung – Um-schreibung – des Gräserschen Gedichts und Sprachgesichts.

Es sind nicht die Begriffe, die miteinander tanzen – es sind die Laute. Sie machen die Musik, und die Musik vermag mehr und anderes zu sagen als das Konstrukt der Bedeutungen. Gräser leiht ihnen sein Ohr; er will sie uns hörbar machen.

Quellen und weiterführende Hinweise

Ahnert, Paul Gerhardt

Der Chromatische Ring. Altdorf bei Nürnberg 1992.

Blofeld, John

Die Macht des heiligen Lautes. Weilheim 1978.

Bruns, Gerald L.

Heidegger’s Arrangements. Language, Truth, and Poetry in the Later Writings. Yale University Press. New Haven and London 1989.

Cousto, H.

Die kosmische Oktave. Essen 1984.

Crystal, David

Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Tolkemitt Verlag bei Zwei-tausendeins, Berlin 2010.

Ertel, Suitbert

Psychophonetik. Untersuchungen über Lautsymbolik und Motivation. Göttingen 1969.

Hamel, Peter Michael

Durch Musik zum Selbst. München 1980.

Heidegger, Martin

Unterwegs zur Sprache. Pfullingen 1959.

Heidegger, Martin

Vorträge und Aufsätze. Pfullingen 1990.

Heidegger, Martin

Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung. Frankfurt am Main 1981.

Jünger, Ernst

Geheimnisse der Sprache. Frankfurt/M. 1963.

Kuckenburg, Martin

Die Entstehung von Sprache und Schrift. Köln 1989.

Müllerott, Martin

Der Prophet auf Spruchkarten. Aus dem Leben Gustav Gräsers. In: Neue Schau, 1964, Heft 7 (Juli), S. 253-

Naumann, Gustav

Vom Lärm auf dunklen Gassen. Berlin 1907.

Schweppenhäuser, Hermann

Studien über die Heideggersche Sprachtheorie. München 1988.

Stumpf, Carl

Die Sprachlaute. Berlin 1926.

Khan, Hazrat Inayat

Musik und Kosmische Harmonie aus mystischer Sicht. Heilbronn 1984.