Zurück


* * * * * * *    T a g u n g e n   * *  * * * * *

2004
2007
Berlin 2011:

Vortrag von Hermann Müller:
Gusto Gräser - Dichter, Denker, grüner Prophet

im Rahmen des Jahresschwerpunktes des Deutschen Kulturforums östliches Europa:

»Über ihre Zeit hinaus –  Europäische Biografien«

Berlin Brandenburg, 1.10.2011

Die Gusto-Tagung des Deutschen Kulturforums brachte eine Überfülle von Reden und Bildern. Der Schauspieler Wolf Euba rezitierte humorvolle und ernste Gedichte von Gräser. Der siebenbürgische Schriftsteller Hans Bergel, der selbst ein Opfer der Ceaucescu-Diktatur gewesen war, würdigte seinen Landsmann als „eine der eigenartigsten und bemerkenswertesten Gestalten der deutschen Kulturszene aus den Epochen um die beiden Weltkriege“. Gräser habe furchtlos, unbeirrt und ohne ideologische Anmaßung einen eigenständigen philosophischen Lebensentwurf in die Tat umgesetzt. „Das Genie dieses Mannes lag in der Beharrlichkeit seiner Fragestellung und erklärt die Faszination, die er damit auf die ersten Geister der Zeit von Lenin bis Heidegger ausübte. Er war bei alledem von unerschütterlicher philosophischer Heiterkeit und Souveränität, strahlte Menschenfreundlichkeit aus und gewann das Publikum durch die Selbstlosigkeit und Ehrlichkeit des Auftretens für seine Botschaft.“ Seine Rede sei eloquent und klar gewesen, sein Umgang mit Menschen sanft, mit den Spöttern unter ihnen nachsichtig, mit den Kritikern duldsam. Dieser Mensch  habe sich nie in die Knie zwingen lassen. Mit vollem Recht werde er von Historikern dem Inder Gandhi an die Seite gestellt.

Die Waldsiedlung Grünhorst bei Berlin stellte Hermann Müller in den Vordergrund seines Lebensbilds von Gräser. Grünhorst sei in der späten Weimarer Zeit so etwas wie der grüne Mittelpunkt Deutschlands gewesen. Eine grüne Vorhut habe dort ihren Vereinigungspunkt gefunden: ökologisch, liberalsozial, spirituell. Zu ihr gehörten, neben Gusto Gräser, seinen Töchtern und Freunden, der Biosoph und Philosoph Ernst Fuhrmann, der Historiker der Naturheilbewegung Hugo Hertwig, der anarcho-sozialistische Schriftsteller Franz Jung, der Wandervogel und politische Schriftsteller Karl Otto Paetel, der Maler und Christsozialist Max Schulze-Sölde, der Wandervogel und Unternehmer Friedrich Muck-Lamberty, der Berufsoffizier Harro Schulze-Boysen und andere. Grünhorst hätte ein deutscher Monte Verità werden sollen. Aber dieser frühe Aufbruch alternativen Denkens sei nach 1933 zerschlagen worden. Die einzige Zeitschrift, in der Gräser und seine Freunde hatten publizieren können, wurde nach 1933 ein Untergrundblatt und nach Golo Mann „die Kampfzeitschrift des größten und bedeutendsten aller deutschen Widerstandskreise“. Fuhrmann, Jung und Paetel gingen in die Emigration, Schulze-Boysen wurde 1942 hingerichtet. Gräser habe ein Zeichen setzen wollen, indem er mit seinem Schwiegersohn Otto Großöhmig im Eselwagen durch die Lande fuhr und seine Schriften verteilte. Die Fahrt endete für Großöhmig im KZ. Als er 1936 entlassen wurde, fand er Grünhorst abgebrannt. 1979 wurde Großöhmig ein Mitbegründer der ‚Grünen’.

Müller sieht in Gräser das Gegenmodell zu Hitler. Schon 1929 habe er die Deutschen vor die Entscheidung gestellt: „Diktator oder Dichter – wer ist der Völkerrichter?“ Sein Ruf: „Stell dich nicht hoch, o Volk – halt klein, halt tief, so wirst du, bist du groß!“ sei nicht erhört worden. Damals habe Hermann Hesse im Hinblick auf seinen Mentor den Satz gesagt: „Die Völker haben immer schon den Barrabas gewählt. Sie werden auch jetzt den Barrabas wählen“. Und so sei es gekommen. Durch die Macht des Terrorregimes sei auch das Unternehmen Grünhorst in Vergessenheit geraten und bis zum heutigen Tage unbekannt geblieben.

Die Vorträge wurden ergänzt durch Bildprojektionen und den ergreifenden Film von Christoph Kühn: ‚Gusto Gräser. Der Eremit vom Monte Verità’.




Gustostein im Park von Schloss Köpenick

Anlässlich des Gusto Gräser-Tags in Berlin am 1. Oktober 2011
wurde dieser Gedenkstein
 im Schlosspark von Köpenick zum Gustostein ernannt.

 
Der Namenlose im Park

Der ehemalige Bischof der Siebenbürger Sachsen, Dr. Ludwig Binder, schrieb am 23. 1. 1988 an Hermann Müller:

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich Gusto Graeser während meines Studiums in Berlin begegnet, als er im Garten von Schloss Köpenick mit Studenten ins Gespräch kam.“ 

Eine zweite Äußerung:

"Als ich in Berlin 1934 studierte und im Auslandsdeutschen-Heim Köpenick wohnte, sah ich im Schloßgarten einen seltsam gekleideten Mann sitzen, der zu den Studenten sprach, die sich um ihn gesammelt hatten. Er nannte seinen Namen nicht. Er sprach ruhig mit lebhaften Handbewegungen. Nachher ging er schweigend davon.”  

(Ludwig Binder, Karte vom 2. 2. 1988)

Siebenbürgische Zeitung online  25. Oktober 2011

Hermann von Salza & Gusto Gräser: Deutscher Orden & Alternativbewegung

Vom 20. September bis 1. Oktober hat der Verband der Siebenbürger Sachsen in Berlin die Siebenbürgisch-Sächsische Kulturwoche veranstaltet (siehe SbZ Online vom 18. Oktober 2011). Mit zwei Veranstaltungen hat sich auch das Deutsche Kulturforum östliches Europa in die Kulturwoche eingebracht: mit der Podiumsdiskussion aus Anlass des 800. Jahrestages der Berufung des Deutschen Ordens ins Burzenland und mit dem Thementag zu einem der Begründer der Alternativbewegung, dem Kronstädter Gusto Gräser.

Für das Deutsche Kulturforum östliches Euro­pa war es ein ereignisreicher Herbst – und das, obwohl ihm ein Umzug bevorsteht. Ab November residiert es in der Berliner Straße 135 in Potsdam. …
Thementag Gusto Gräser

Gusto Gräser um 1939. Foto: Gräser-Archiv ...

Gusto Gräser um 1939
Foto: Gräser-Archiv

Am 1. Oktober war das Berliner Publikum in die Katholische Akademie Berlin geladen, um beim Thementag „Gusto Gräser. Ein grüner Prophet aus Siebenbürgen“ einen der maßgeblichen Gründerväter der Alternativbewegung kennenzulernen. Der 1879 in Kronstadt geborene und künstlerisch hochbegabte Gustav Arthur Gräser sollte schon in jungen Jahren aus der festgefügten evangelisch-sächsischen Welt ausbrechen, um sich zunächst den ersten Kommunen in Mitteleuropa anzuschließen, aber schon bald konse­quent einen eigenen, mit der Natur im Einklang stehenden Weg zu gehen. Über dieses außergewöhnliche Leben berichtete zunächst Hermann Müller, Gräser Biograph und Betreuer des Gusto-Gräser-Archivs in Freudenstein, anschließend Hans Bergel mit seinem Beitrag „Der lachende Siebenbürger“.

18-jährig wurde Gräser – im Bild von Mai 1898 ...

19-jährig wurde Gräser – im Bild von Mai 1898 sitzend, rechts –
in die Künstlerkommune Himmelhof des Wiener Malers Karl Wilhelm Diefenbach aufgenommen

Foto: Gräser-Archiv

Durch den Vortrag des Schauspielers Wolf Euba aus Gräsers Gedichten und Schriften wurde dieser herausragende Geist viel leichter vorstellbar. Der Dokumentarfilm des Schweizer Filmemachers Christoph Kühn verbildlichte das wechselvolle Leben Gräsers. Nach langen Aufenthalten in der Schweiz, wo er auf dem Monte Verità eine weit ausstrahlende Landkommune gründete, kurzer Rückkehr nach Siebenbürgen, schließlich nach Aufenthalten in Ber­lin und andernorts fand Gräser 1958 in München ein vereinsamtes Ende. Abschließend fasste Müller noch einmal das Denken Gräsers zusammen und verwies auf die vielfältige und weitreichende Ausstrahlung, die er ausübte, etwa auf Schrift­steller wie Hermann Hesse oder Philosophen wie Martin Heidegger.

2004
2011

 


GUSTO GRÄSER-ABEND 2007

Am 5. Mai 2007 fand auf dem Monte Verità von Ascona ein Gusto Gräser-Abend statt. Die Schriftstellerin Eveline Hasler las aus ihrer Erzählung ‚Die Felshöhle des jungen Hermann Hesse’. Christoph Kühn zeigte seinen Film ‚Der Eremit vom Monte Verità. Gusto Gräser’. Es folgte ein Podiumsgespräch mit Hermann Müller, der anschließend zwei neue Bücher vorstellte: die Gedichtsammlung ‚Erdsternzeit’, eine Auswahl aus dem Spätwerk von Gusto Gräser, und eine Ausgabe der Ascona-Texte des Dramatikers Reinhard Goering, herausgegeben von Frank Milautzcki. Kulinarischer Abschluss des Abends war ein Festbankett zu Ehren des Dichterpropheten.

Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Der Saal überfüllt, die Leute saßen auf den Stufen. Ergriffene Zuhörer und Zuschauer, lebhafte und in die Tiefe gehende Aussprache. Vor mehr als hundert Jahren war Gräser von dem Sanatoriumsbesitzer Oedenkoven unter Anwendung von Gewalt hinausgeworfen worden. Am 5. Mai 2007 kehrte er in Bild und Wort in die heiligen Hallen des Berges zurück.

Ein Zeichen dafür, dass dort ein neuer Wind weht. Unter dem neuen Geschäftsführer der Stiftung, Claudio Rossetti, entstand ein Teegarten in der Art der Zen-Klöster und ein japanisches Teehaus. Ein Friedenspfahl im Park, eine Schlange in bunter Keramik auf dem Rasen vor dem Haupthaus mit einem blütenförmigen Mandala als Abschluss erzeugen eine meditative Stimmung, eine Aura des Sprituellen. Verstärkt und noch erweitert wird dieser Eindruck durch eine neu erschienene vierbändige Monographie über den Monte Verità von Eberhard Mros, ein wahres Handbuch der einstigen Pioniersiedlung und des heutigen Kongresszentrums. Im Rahmen der kulturellen Reihe ‚Racconti al Monte’, in der bedeutende Persönlichkeiten des Berges vorgestellt werden, fand auch der Abend über Gusto Gräser statt.


Das lange „Nu“

WENN der Monte Verità ruft, strömen die Menschen auf Asconas altem Utopisten-Hügel noch immer zahlreich zusammen. Insbesondere dann, wenn einem dieser Utopisten ein Kulturabend gewidmet wird, wie es kürzlich der Fall war. Es geht um den Dichter, Naturphilosophen und Pazifisten Gusto Gräser (1879-1958) aus Siebenbürgen: Der Hüne mit dem langen Haupthaar und dem Rauschebart gilt gemeinhin als der erste Hippie.

Gräser hauste in den 1900er Jahren nach seiner Vertreibung aus der Monte-Verità-Kolonie in der Felshöhle „Pagangrott“ bei Arcegno, ernährte sich von Nüssen und Gemüse und ignorierte die Zwänge der Zivilisation. Diese Radikalität beeindruckt natürlich. Jedoch ist sie bloss das äussere Anzeichen für das wirklich Spannende, nämlich die innere Gestimmtheit. Was das bedeutet, vermittelte eindringlich die Schriftstellerin Eveline Hasler aus Ronco sopra Ascona an ihrer Lesung: Sie zeichnete den schwierigen Versuch Hermann Hesses nach, zwecks Selbstläuterung bei Gräser in der Höhle auszuharren, und hierbei erzeugten ihre Worte eine magische Stimmung – eine Art heiter-hartnäckiger Gelassenheit des Gräserschen Da-Seins.

Nicht minder magisch war auch der Gräser-Film des Regisseurs Christoph Kühn aus Auressio, der nach Haslers Lesung gezeigt wurde: Wer unaufhörlich versucht, ein absolut selbstbestimmtes Leben zu führen, wird gerade durch diese grosse Anstrengung existenziell gelassen, könnte die Botschaft lauten.

Eine solche Gelassenheit war auch spürbar, als anschliessend Kühn mit dem Gräser-Biografen Hermann Müller diskutierte. Dieser, mit ähnlich langem Haupthaar und Bart – aber gepflegt -, strahlte eben auch viel existenzielle Ruhe aus und definierte den Kern der Gräserschen Philosophie: Zur Selbstbestimmung gesellt sich das „Nu“, das stete Leben im Jetzt; dann stellt sich energiegeladene Daseinsruhe ein.

Am Ende des Gräser-Abends wurden die schönen Augenblicke des Nu durch das vegetarische Buffet im Monte-Verità-Restaurant verlängert – beim kulinarischen Genuss schwelgt man doch am unmittelbarsten im Hier und Jetzt.

pj




 Die Leute,
 die den Gusto Gräser-Abend getragen/gestaltet haben
    links:
    Paolo Hasler, Christoph Kühn, Hetty Rogantini, Yvonne Bölt
    rechts:
    Jacqueline Kühn, Eveline Hasler, Hermann Müller
    nicht auf dem Bild:
    Claudio Rossetti, Direktor des Kulturzentrums
  Foto: Angela Müller-Gräser  

Hermann Müller Claudio Rossetti
Claudio Rossetti
Foto: Peter Gasser


2007
2011


2004: Die Zukunft als Gegenwart?

Spirituell-utopische Gemeinschaften: ihre Propheten, ihre Visionen

Tagung auf dem Monte Verità vom 11. bis 16. Juli 2004
Ökumenische Arbeitsgruppe‚ Neue Religiöse Bewegungen in der Schweiz’

Aus dem Programm:

Ausgehend von der spirituell-utopischen Gemeinschaft des Monte Verità im frühen 20. Jahrhundert und von utopischen Entwürfen in der christlichen Tradition beschäftigen wir uns mit analogen Entwürfen und Gemeinschaften in der Gegenwart. … Öffnen spirituell-utopische Gemeinschaften Tore in eine Welt, in die wir alle finden müssen, wenn wir als Menschen überleben wollen? Was haben sie uns voraus? Wo liegt, nach den vielen Enttäuschungen, in welche die älteren Entwürfe führten, das Geheimnis ihrer ungebrochenen Faszination?




Führung im Museum Casa Annata auf dem Monte Verità
Vortrag auf der Tanzwiese
Dichterlesung in der Pagangrott

Wegweiser Wonneberg? Das Beispiel Monte Verità
Vortrag von Hermann Müller. Gehalten am 11. Juli 2004
Herunterladen