Adolf Stocksmayr wurde am
23.7.1879 in St. Pölten geboren, im selben Jahr wie
Gusto Gräser. Gelegentlich finden sich auch die
Schreibweisen: Stocksmayer, Stocksmeier oder
Stocksmayr. Er selbst hat, um sich als Künstler
abzuheben, das „e“ im ursprünglichen Familiennamen
gestrichen. Die k.k. Akademie der bildenden
Künste in Wien führte ihn von 1900 bis 1902 als
Gasthörer in der Allgemeinen Malerschule. 1904/05
hielt er sich für einige Zeit in Locarno und Ascona
auf, wie aus einer Postkarte vom 30.12.1904 an seine
Lebensgefährtin hervorgeht. Auch Johannes Nohl
erwähnt ihn in einem Brief an Fritz Brupbacher vom
8. Januar 1905.
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Suche
nach dem
Eldorado
Adolf
Stocksmayr
"Heute
oder morgen", berichtet
Stocksmayr am 30.12.1904,
"geht’s nach Ascona
weiter. Dort ist das
Eldorado der Abenteurer +
besonderer neuer
Geistesrichtungen", eine
inspirierende Landschaft und
die Gesellschaft
Geistesverwandter, die mit
den Konventionen der Zeit
brachen. Die Suche führte
ihn nach München, wo ihn
Rudolf Steiners Vorträge
inspirierten, nach Dornach
und ins Tessin auf den Monte
Verità. Die von Hansjörg
Straub kuratierte Ausstellung zeigt Arbeiten aus
dem Schaffen des
Künstlers, Lebensreformers
und originellen Erfinders.
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| Frühes
Selbstbildnis im Museo
Comunale von Ascona |
Altersbild |
Mehr zur Ausstellung ...
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Stocksmayr
hat die Energiewende vor
Jahrzehnten vorgeahnt und
eine Maschine zur
Windenergienutzung
vorgeschlagen.
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Hansjörg Straub, Biograph und
Lokalhistoriker in Überlingen am Bodensee, hat
Stocksmayrs Lebensgeschichte erkundet:
In den Jahren bis zum Beginn des Ersten
Weltkriegs wechselte er häufig den Aufenthaltsort,
lebte zeitweise in Unterradlberg/Niederösterreich,
war viel mit Skizzenblock, Aquarellfarben und
Fotoapparat unterwegs, arbeitete in der
Glasindustrie im nördlichen Böhmen, im Forst im
Waldviertel Niederösterreichs als auch in Wien als
Porträtmaler. 1913 hörte er in München Rudolf
Steiner und wurde Mitglied der Anthroposophischen
Gesellschaft. Beim Bau des ersten Goetheanums in
Dornach wurde er in den Künstler- und
Handwerkerlisten geführt. Doch schon 1914, nach
Kriegsausbruch, zog er mit seiner Familie in die
Täler um den Lago Maggiore, wo er eine
Mustersiedlung in der Art Karl Gräsers errichten
wollte. Nachdem dieses Unternehmen gescheitert
war, übersiedelte er vollends auf den Monte Verità
über Ascona. Stocksmayr wurde zeitweise
Mitarbeiter und Mitglied Nr. 24 in der
„Social-Vegetarisch-Anationale(n) Gesellschaft“
von Henri Oedenkoven. Er befreundete sich mit dem
Dichterpropheten Gusto Gräser und lebte zusammen
mit dessen Familie. Stocksmayr geriet in den Bann
dieses seines Vorbilds, ließ Bart und Haare
ungeschoren, trug eine gräserähnliche Tracht und
scheint eine Zeitlang gewandert zu sein. Wie
Gräser war er mit der lebensreformerisch gesinnten
Freidenkerin Elena Chamier verbunden. Dass sie
ihre Kinder in eine Reformschule bringen wollten,
führte Stocksmayr und Chamier in die
Landschulkommune Höllsteig bei Überlingen und
später auch Gräser an den Bodensee. Aus der Hütte,
die ihm die Freundin dort zur Verfügung stellte,
wurde er freilich durch die Bevölkerung bald
vertrieben.
Nach dem Ende des Weltkriegs hatte sich in Ascona um
die Schriftsteller Bruno Goetz und Robert Binswanger
ein Künstlerkreis gebildet, zu dem zeitweise auch
Mary Wigman, Werner von der Schulenburg und
Friedrich Glauser gehörten. Offenbar auch Adolf
Stocksmayr, denn wie andere Maler am Ort (darunter
Hermann Hesse, Jawlensky, die Werefkin und Paul
Klee) stiftete er 1922 Bilder für das entstehende
kommunale Kunstmuseum von Ascona. Bruno Goetz,
Robert Binswanger und andere zogen 1923 nach
Überlingen am Bodensee. Nachweisbar ist Stocksmayrs
Aufenthalt am Bodensee erstmalig 1920, aber in den
kommenden Jahren hielt er sich zeitweise im
Bregenzerwald, in der nördlichen Schweiz als auch in
Konstanz auf. Seit 1927 lebte er bis zu seinem Tod
in Überlingen am Bodensee.
„Stocksmayr
lebte
all die Jahre bis wenige Monate vor seinem Tod in
einem Zimmer im sog. Dorf, einem Stadtteil
Überlingens. Es gibt noch eine ganze Reihe
Menschen, die sich gut an ihn erinnern, und die
auch noch Gemälde von ihm haben, weil er für
gelegentliche Hilfe Bilder verschenkte.
Gemalt und gezeichnet hat er immer und überall,
das ist auch amtlich vermerkt und
eigentlich wundern sich alle, weshalb er so
bettelarm geblieben ist. Neben seiner
künstlerischen Tätigkeit erinnert man sich noch an
seine Weltverbesserungsideen, seine wohl manchmal
verschrobene Philosophie, aber ganz besonders
an seine Freundlichkeit, mit der er allen
begegnete. Diese Freundlichkeit ist auch ein
Grund, weshalb man der Stadt die schmähliche
Räumung aus dem Zimmer und die Abschiebung in ein
Barackenlager, in dem er dann einige Monate später
verstarb, nur schwer verzeiht. Mehrere Menschen
erinnerten sich sofort daran, dass er ‚verhungert’
sei, dass man die übriggebliebenen Bilder
‚verbrannt’ habe, und dass es ‚eine Schande’ sei.“
H.S. in einem Brief
an H. M.
In einem Zeitungsartikel
über Stocksmayr schrieb der Autor Theodor W.
Elbertzhagen:
„Da
bückt sich im Ueberlinger Stadtgarten ein Mann im
groben Leinenanzug über ein Polster violett
blühenden Steingeflechts. Wohl zehn Minuten
lang bleibt er so stehen, als wolle er jede
einzelne der hundert kleinen Blüten betrachten.
Endlich richtet er sich auf, beugt sich aber schon
wieder über ein weißblühendes Polster, ebenso
lange, und dann in gleicher Weise über den
benachbarten gelben Blütenschaum. Schließlich
fährt die eine Hand des Mannes sanft kosend über
die drei bunten Kissen, und langsam steigt er den
schräg am Hang hinansteigenden Pfad hinauf, jeden
Baum, jeden Strauch, von den Wurzeln bis zum
Gipfel anschauend, bückt sich plötzlich wieder,
richtet sich auf, hält suchende Umschau, holt von
einer nahen Erdbruchstelle drei Hände voll Erde
und schüttet sie sorgsam auf einen toten Sperling,
den er am Wegsaum gefunden.
Das alles ist an sich nichts Auffallendes und doch
ist es im tiefsten Sinne Wesenheit des Menschen
und Malers A. Stocksmayr.“
Theodor W.
Elbertzhagen in der Bodensee-Rundschau vom
18.Oktober 1944, S. 3
Die äußere
Realität dieses Künstlerlebens sah weniger
poetisch aus. Dazu der Chronist Hansjörg Straub:
„Am stärksten
berührt sein Ableben. Die Geschichte, die jedem
zu Ohren kommt, der seinen Namen erwähnt, gräbt
sich in die Erinnerung ein, ist eingegangen ins
Bewusstsein der Stadt. Sie erzählt von seinem
Ende im Goldbachlager, einer Barackensiedlung
für die Ärmsten der Gemeinde. Dort verwahrte man
ihn in den letzten Wochen bis zu seinem Tod. Er
war bereits in hohem Alter und aß nichts mehr.
In einem Sessel saß er und sei am Ende darin
nicht mehr aufgewacht. Aus seiner Wohnung in der
Aufkircher Straße war er ausgewiesen worden.
Zwangsgeräumt. Die Stadt hatte über viele Jahre
hinweg die Miete für ihn bezahlen müssen, die
Einrichtung war nicht mehr weiterverwendbar,
Verwandte zu diesem Zeitpunkt nicht ausfindig zu
machen. Das Aufräumen überließ man städtischen
Arbeitern. Die Gemälde, die Mappen und die
Papiere wurden aus dem Fenster geworfen und
verfeuert. Begraben wurde er drei Tage nach
seinem Ableben in einem Reihengrab im „Abteil
22“ des städtischen Friedhofes. Die Grabstätte
gibt es nicht mehr.“
Straub,
Hansjörg:
Ein feiner Mensch, aber ein armer
Teufel. Der Maler Adolf Stocksmayr.
In: Leben am See. Jahrbuch des
Bodenseekreises. Band XXIII. Hrsg. vom
Bodenseekreis, der Stadt Friedrichshafen
und der Stadt Überlingen. 2006. ISBN
3-88812-524-3. S. 120 - 132

Adolf Stocksmayr war in
Ascona in engerem Kontakt mit den Gräsers. Nachdem
Gusto sich 1917 von seiner Familie getrennt hatte,
rückten die in Ascona Zurückgebliebenen noch
näher zusammen. Ein Foto zeigt Rosa Krause, die
Lebensgefährtin Stocksmayrs, wie sie ihren Kindern
und der Gräsertochter Heidi aus einem Märchenbuch
vorliest. Offensichtlich wohnten die „Stocksmayrs“
nun auf dem Gräser-Grundstück. In einem Brief an
Adolf vom August 1918 spricht Gusto von den
beiderseitigen Kindern wie von einer Familie.

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1914 kam Stocksmayer, dem
Kriegsdienst ausweichend, wieder ins Tessin. Im
Maggiatal erwarb er einige Grundstücke um auf
der Grundlage von Obstbau und Bienenzucht eine
Kolonie in der Art des Monte Verità schaffen.
Karl Gräser unterstützte ihn. Nach dem
Fehlschlag dieses Unternehmen zog er als
Mitarbeiter der Naturheilanstalt Oedenkovens auf
den Monte Verità. Nach der Rückkehr von Gusto
scheint er sich ihm angeschlossen zu haben,
lebte mit seiner Familie auf dem Gräser-Anwesen,
zeichnete die Kinder und ihre Mutter.
Er versuchte sich zeitweise in der Tracht und
Lebensart Gusto Gräsers. |
Adolf Stocksmayr: Rosa Krause mit
ihren beiden Kindern Hermann und Margarete
sowie der Gräsertochter Heidi, Fotografie, um
1918
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Adolf Stocksmayr: Rosa
Krause in einer Felsnische, Fotografie, um 1918
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Das Museo Comunale von
Ascona, zu dessen Gründung er Gemälde beigesteuert
hatte, zeigte in seiner Jubiläumsausstellung von
2010 auch Fotos und Werke von Stocksmayer. Andere
Hinterlassenschaften des Malers und
Lebensreformers befinden sich im Museum Casa Anatta
auf dem Monte Verità. Stocksmayer fotografierte um
1917 Gusto Gräser, skizzierte
Elisabeth
Gräser und einige ihrer Kinder. Offenbar
angeregt durch die Tanzschule Rudolf von Labans
entstanden in dieser Zeit zahlreiche Tanzbilder.
Stocksmayr nahm am „Sonnenfest“ vom August 1917
teil.
 Im Jahr 2010 gelingt es Hansjörg
Straub einen Kontakt zu einem Stocksmayr-Enkel in Wien
herzustellen, der überraschenderweise noch über eine
große Anzahl Werke aus dem Nachlass Adolf Stocksmayrs
verfügt. Der Künstler konstruierte während seiner
Akademiezeit Türme.
Links:
AS Turm Knospe, Stahl, Kupfer, Glas, Fliesen. 60m
Basis. Adolf Stocksmayr 1900
Rechts:
AS Turm Libell Stahl und Glas. Adolf
Stocksmayr 1900
1925 war
Adolf Stocksmayr in brieflichem Kontakt mit der Fa.
Henry Ford, Dearborn, Michigan, der er technische
Verbesserungsvorschläge vorlegte, die dann
allerdings abgelehnt wurden. 1943 reichte er beim
Reichspatentamt Berlin ein Patentschrift ein mit dem
Titel: „Elastische Mittler zur Kraftübertragung an
Windkraftwerken“.
Im
Nachlass fanden sich auch Illustrationen zu
literarischen Werken, der er noch vor der
akademischen Ausbildung schuf:
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Kind und Pflanze
Um 1919
übersiedelte Stocksmayr von Ascona nach
Monti della Trinità sopra Locarno.
Vermutlich fand er dort bei der
Gräserfreundin Albine Neugeboren ein
Unterkommen in jenem Anwesen, das wenige
Jahre früher Gusto Gräser, Hermann Hesse,
Ernst Bloch und Klabund beherbergt hatte.
Jedenfalls entsprach sein naturfrommes
Denken und Streben ganz dem Geist dieses
Hauses. Mit Reihen von farbigen
Steindruck-Karten (in ihrer Vertriebsart
den Spruchkarten von Gusto Gräser
entsprechend) versuchte er sich eine
Existenzgrundlage zu schaffen. Die Bilder,
die heute als ART DECO eingestuft werden,
zeugen von seiner liebevollen
Einfühlung in die Pflanzenwesen. Sie sind
in Sammlerkreisen hoch begehrt.
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Weil er keine
Aufenthaltsgenehmigung besaß, war Gräser im Sommer
1918 in Zürich festgenommen worden. Aus dem
Justizgefängnis schreibt er an Adolf Stocksmayr:
Abs.: Gräser, Justizgefängnis / Amt X,
Zürich - 28 - 8 - 18 *
An Adolf Stocksmeier in Ascona.
Du, du, du und Du - Ihr Alle seid gegrüsst! - Wie
geht's? Was geht? Wo geht's? - Schreibt, dass ich,
wenn ich wieder heraus komm (wann, weiss ich immer
noch nicht) mich darnach richten kann.
Ihr habt doch wohl Geld und Nachricht, dass ich hier
im Zuchthaus bin, erhalten? - "Ungehorsam" soll das
Büblein wieder mal gewesen sein! - Es war aber, Er war
nur wieder zu vertrauensseelig und meinte, man hätte
doch wohl an zwei oder drei Missgriffen genug und
würde sich, würde mich mit weiteren verschonen. Es war
zu hoch gemeint - oder halt - ich war ja noch nicht
vor dem Richter. Vielleicht werd ich doch nicht nach
dem freilich schwungs- und schamlosen Buchstaben,
vielleicht werd ich doch vom menschlich fühlenden
Urteil gerichtet.
Abwarten und Wassersuppe trinken.
Bist du, Stocksmeier, noch zuhause? Was tust du, was
willst du tun? Wäre wohl nicht schlecht, wenn du
hierher kämst, könntest vielleicht für die Herausgabe
der Bilder, wofür ich, auch bei Druckerei, schon
angeknüpft hab, weiterknüpfen, weiterwirken. Oder
liegt dir anderes näher? Ob ich gleich nach Entlassung
von hier Aufenthaltsbewilligung erhalt, weiss ich auch
noch nicht. Jedenfalls will ich nun das Ansuchen darum
gleich stellen. - Denn auf die heilende Zeit will ich
mich nun doch nicht mehr verlassen.
Mich verlangt freilich auch sehr zu sehn, was auf
unsrem Grund alles grünt und reif und rund wird, wie
sich die Kinder zusammenfinden und Ihr Grohsen - - ?
O dass Wir doch reif zum Menschen, dass wir doch
Wieder-Kinder würden, die mit Überzeugung in die
Triebe treiben, mit Inbrunst in dem All-Tag bleiben.
Wohlauf!
Beiliegend 2275 Gramm für Euch gesparte Brotmarken;
wär ich draussen geblieben, wären's mehr.
*
Kommentar:
Ein
Brief aus dem Gefängnis
Vom 10. bis 12.
August 1918 war Gräser beim Freideutschen
Jugendtag in Tübingen gewesen. Auf dem Rückweg
nach Ascona ist er in Zürich verhaftet worden.
Das könnte am 15. oder 16. August geschehen
sein.
Am 28. August, also
nach etwa 14 Tagen Haft, schreibt er an Adolf
Stocksmeier nach Ascona. Warum nicht an seine
Frau, waum nicht an Elisabeth?
Die (freie) Ehe war
zerrüttet, die Gefährten hatten sich getrennt
oder standen kurz vor der Trennung. Auch aus
diesem Grund war Gräser im Jahre 1918 viel
unterwegs, in der Schweiz, in Deutschland.
Stocksmeier
(eigentlich Stocksmayr), ein Maler, der etwas
später mit Paul Klee und anderen Kollegen in
einer Ausstellung am Ort vertreten sein wird,
hat offenbar das Haus der Gräsers während dessen
Abwesenheit bezogen und lebt dort (oder in der
Nähe) als eine Art Ersatzvater, mit Gräsers
Kindern und seinen eigenen zusammen. Daher
dessen Frage, "wie sich die Kinder
zusammenfinden". Und dann die Großen. Damit ist,
neben dem Ehepaar Stocksmayr, Frau Elisabeth
angesprochen, die ansonsten mit keinem Wort
erwähnt oder gar beim Namen genannt wird.
"Du, du, du und Du"
ist seine Anrede. Er vermeidet jede persönliche
Ansprache, grüßt alle, und bezieht dadurch die
Ungenannte, nach seiner Meinung "untreu
Gewordene", mit ein.
Es ist nicht sein
erster Brief aus dem Gefängnis. Er hat schon
früher Nachricht nach Ascona gegeben,
möglicherweise an seine Frau adressiert, und er
hat auch Geld geschickt aber bislang keine
Antwort erhalten. Er sorgt weiterhin für seine
Kinder, schickt nicht nur Geld, auch Brotmarken,
die er sich vom Munde abgespart hat. Er kommt
mit sehr wenig aus.
Das jüngste seiner
drei eigenen Kinder, Charlotte, Lottchen
genannt, ist zu diesem Zeitpunkt noch keine zwei
Jahre alt, Heidi ist fünf, Trudel, die Älteste,
acht. Die fünf Kinder, die seine Frau aus erster
Ehe mitgebracht hat, sind etwa zwischen 10 und
18 Jahre alt, können also schon mithelfen und
den abwesenden Pflegevater teilweise ersetzen.
Eines der Fünf fehlt allerdings. Einen der Söhne
hatte die Mutter, in Gräsers Abwesenheit und
angeblich ohne seine Einwilligung, von einem
"Onkel" adoptieren lassen, der den
großgewachsenen jungen Mann mit in die Tropen
nahm, wo er neunzehnjährig starb. Dieser Vorfall
soll mit zur Entfremdung der Lebensgefährten
beigetragen haben. Der andere Grund, den Gräser
mir gegenüber angab, war Untreue seiner Frau.
Nicht mit einem anderen Mann sei sie ihm untreu
geworden, sondern mit Geld. Während seiner
Abwesenheit habe sie einen Betrag, den er zum
Druck seiner Gedichte angespart hatte, für
andere Dinge ausgegeben, veruntreut. Seine
Töchter sprechen auch von anderen Gründen. Ihre
Mutter habe eines Tages in den Kleidern ihres
Mannes den Liebesbrief eines Mädchens gefunden.
Sie habe die junge Frau zu sich bestellt und ihr
klargemacht, dass der von ihr Angehimmelte ein
verheirateter Familienvater sei. Von dieser
Enthüllung erschüttert, sei das Mädchen ins
Kloster gegangen. Wie eng von Gräsers Seite die
Beziehung war, bleibt offen.
Nach Aussagen der
Töchter ist die Mutter nach der Trennung mit
ihren Kindern in ein Haus im Dorf Ascona
gezogen. Wie aus dem vorliegenden Brief
hervorgeht, muss dieser Umzug nach dem August
1918 stattgefunden haben.
Dies also ist
Gräsers Situation zuhause: Der Boden ist brüchig
geworden, er hat in der Familie keine Heimat
mehr. Vor die Frage gestellt, ob sie beim Vater
oder bei der Mutter bleiben wollten, hatten sich
die Kinder einhellig für die Mutter entschieden.
Er war damit seine Kinder losgeworden, nicht
aber seine Verantwortung für sie.
Der Freund, der ihm
zu dieser Zeit am nächsten steht, in den er
große Hoffnungen gesetzt hatte, Hermann Hesse
hat sich zurückgezogen. In aller Heimlichkeit
hat er einen Roman geschrieben, 'Demian', den er
jedoch nicht als seinen eigenen zu erkennen
gibt, am wenigsten Gusto Gräser gegenüber.
Der sitzt im
Gefängnis, trinkt Wassersuppe, wartet auf sein
Urteil. Er hatte sich seither – zwei Jahre lang!
- illegal in der Schweiz aufgehalten, deshalb
die Verhaftung. Jetzt will er endlich,
notgedrungen, einen Antrag auf
Aufenthaltsbewilligung stellen. Er hatte
gehofft, die Justiz werde an zwei oder drei
"Mißgriffen" genug haben. Damit spielt er auf
frühere Verhaftungen und Abschiebungen an, aus
Zürich im November 16, aus Bern im Januar 17.
Jetzt hofft er auf einen menschlich fühlenden
Richter, der ihn nicht nach dem Buchstaben des
Gesetzes richten werde. Worin er sich wiederum
täuschen sollte, denn das (nicht erhaltene)
Urteil lautete offenbar auf Landesverweisung zum
Jahresende.
Eine Hilfe
erwünscht er sich von Adolf Stocksmayr.
Vorsichtig fragt er an, ob der Freund nicht nach
Zürich kommen wolle, um die Herausgabe der
Bilder - damit sind seine Zeichnungen 'Zeichen des
Kommenden' gemeint -
voranzutreiben. Sie sollen gedruckt werden und
ihm dann Einnahmen verschaffen. Dazu kommt es
aber nicht mehr. Die Mappe erscheint erst nach
dem Krieg, wird vermutlich 1924 in Dresden
hergestellt.
Doch zurück zu
seiner dreifachen Eingangsfrage. Wie? Wo? Was?
Es sind offenbar die Fragen, die ihn im
Gefängnis bedrängen. Wie geht es weiter, wenn
ich wieder frei komme? Werde ich noch eine
Familie haben? Ist der Grund, den ich mir in
Ascona geschaffen habe, zu halten? Hat es
überhaupt noch Sinn, dorthin zurückzukehren?
Noch sind die Dinge
nicht entschieden. Noch denkt er an das, was auf
seinem Grund und Boden grünt, reift und sich
rundet. Aber die Ahnung des Herbstes ist da. Ein
Abschied von Haus und Garten, von Frau und
Kindern, von der ersten und einzigen Bleibe, die
er in seinem Wanderleben gefunden hat, zeichnet
sich ab.
Was ihn trägt in
diesen und anderen Stürmen, ist sein
Verwurzeltsein im All-Tag, sein Wieder-Kindsein,
sein Allvertrauen. In seinem letzten Satz mag
der stille Anruf stecken, sehr zurückhaltend die
Hoffnung: Wenn ihr würdet und wäret wie die
Kinder, ohne Angst um die Zukunft, ohne Sorge
ums Überleben, dann könnten wir vielleicht
zusammen bleiben. Seht her, ich schicke euch
Brotmarken und Geld, ich bin nicht der
verantwortungslose Rabenvater, als den man mich
hinstellt.
Und wie immer sein
unerschütterliches, nicht zu entmutigendes:
Wohlauf!
Im Jahr 2010
zeigte das Museo Comunale D’Arte Moderna in Ascona
in der Ausstellung „1922 Le Origini della
Collezione“ die von den in Ascona um 1920
weilenden Künstlern gestifteten Arbeiten, u.a.
auch eine ganze Reihe von Adolf Stocksmayr.
Das Museum der Stadt Überlingen zeigt im Jahr 2014
unter dem Titel: Adolf Stocksmayr – Suche nach dem
Eldorado – mehr als 160 Exponate aus dem Nachlass
des Künstlers.

Quellen:
- Bosch, Manfred:
Bohème am Bodensee. Literarisches Leben am See von
1900 bis 1950. Libelle Verlag, Lengwil am Bodensee
1997.
- Elbertzhagen,
Theodor W.: … in Bodensee-Rundschau Nr. 245, 13.
Jg., vom 18. Oktober 1944, S.3.
- Glauser,
Friedrich: „Man kann sehr schön mit Dir
schweigen“. Briefe an Elisabeth von Ruckteschell
und die Asconeser Freunde, 1919-1932. Nimbus
Verlag, Wädenswil, o. J.
- Gräser, Gustav
Arthur: Brief an Adolf Stocksmeier. Im Museo Casa
Anatta, Monte Verità, Ascona.
- Provenzale,
Veronica: Adolf Stocksmayr. In Museo Comunale
d’Arte Moderna di Ascona (Hg.): 1922. Le Origine
della Collezione. Locarno 2010, S. 131f. und
200-203.
- Straub,
Hansjörg: Ein feiner Mensch, aber ein armer
Teufel. Der Maler Adolf Stocksmayr. In: Leben am
See. Jahrbuch des Bodenseekreises. Band XXIII.
Hrsg. vom Bodenseekreis, der Stadt Friedrichshafen
und der Stadt Überlingen. 2006. ISBN
3-88812-524-3. S. 120 - 132
- Straub,
Hansjörg: Ein besonders vielseitiger Kerl ist
nicht leicht in guter Ordnung zu halten – Auf
Spurensuche nach dem Lebensreformer und Künstler
Adolf Stocksmayr. In: Leben am See. Jahrbuch des
Bodenseekreises. Band XXXI. Hrsg. vom
Bodenseekreis, der Stadt Friedrichshafen und der
Stadt Überlingen. 2014. ISBN 978-3-88812-538-6. S.
26 – 35
- Straub,
Hansjörg: Adolf Stocksmayr – Auf den Spuren eines
Ruhelosen, Katalog zur Ausstellung. Hrsg.:
Städtisches Museum Überlingen. 2014. ISBN
978-3-9809574-4-1
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