4. Workshop zu
Gusto Gräser
28. bis 30. August 2026 auf dem Monte Verità, Ascona und im
Campo Pestalozzi, Arcegno (Tessin)
Von der Gusto-Gräser-Gesellschaft
(GGG) gemeinsam mit dem Arbeitskreis für
Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg (AKSL)
durchgeführt.
Neue
Interpretationen, Inspirationen und Ideen
zum Naturphilosophen aus Kronstadt
Gusto-Gräser-Gesellschaft
traf sich zum 4. Workshop
Teilnehmer des 4. Gusto
Gräser Workshops in der Höhle in Arcegno, in
die Gusto sich zur Meditation zurückgezogen
hatte, und in der auch Hermann Hesse sich
zusammen mit ihm darin versucht hatte.
Der 1879 in Kronstadt (Braşov)
geborene Gusto Gräser blieb lange nach seinem Tode
(1958 in München) vergessen bis Hermann Müller ihn
als Germanistikstudent entdeckte und alles über
ihn sicherte, sammelte, ordnete und noch jetzt im
Alter von 95 Jahren ihm sein ganzes Leben widmete.
Ein Großteil seines riesigen Archivs hat er nun
unter anderem dem Archiv des Siebenbürgischen
Instituts auf Schloss Horneck in Gundelsheim
übergeben. Gräsers Enkel, Reinhard Christeller,
betreut bis heute die Homepage
„gusto-graeser.info“, auf der die Werke und
Gedanken des Naturphilosophen, Dichters und
Hippies sichtbar und lebendig werden.
Seit über drei Jahren gibt es die
Gusto Gräser Gesellschaft (GGG), die sich dem
Andenken des Siebenbürgers widmet und sein Wirken
weiterhin erforschen möchte. Darüber hinaus setzt
sie sich dafür ein, dass Haus von Gusto (und
seinem Bruder Karl) Gräser in der Nähe des
sagenumwobenen Monte Verità in Ascona (im
Schweizer Tessin) zu erhalten.
Die Siebenbürgerin Marianne
Hallmen, Präsidentin der GGG, eröffnete den 4.
Workshop in Kooperation mit der Fondazione Monte
Verità und dem Arbeitskreis für Siebenbürgische
Landeskunde e.V. Per Videobotschaft erklärte
Müller die Faszination für Gusto Gräser. Er
inspirierte Anfang des 20. Jahrhunderts
Aussteiger, Einsteiger in die
Lebensreformbewegung, Künstler und Dichter, unter
ihnen den späteren Literaturnobelpreisträger
Hermann Hesse.
In ihrem Einführungsvortrag
analysierte die Literaturwissenschaftlerin Silvia
Carnelli die Poesie und Lyrik Gräsers. Auffallend
seine Wortneuschöpfungen und seine virtuose
Begabung für Alliterationen (Wörter mit demselben
Anfangslaut) wie
„Wonnewunderkugel-Weltwunderbaum“.
Die rumänische
Kunstwissenschaftlerin Iris Ordean aus
Hermannstadt (Sibiu) zeichnete die genealogische
Kontinuität des Geistes (und damit auch von
Gräser) von Monte Verità über das Bauhaus bis zum
Black Mountain College in North Carolina (USA)
nach. Sie prägte den Begriff der „Pollinisation“.
Gräsers Gedanken und konsequentes Leben
„bestäubte“ viele (Lebens-) Künstler seiner Zeit.
Die italienische Kulturhistorikerin Eleonora
Alberti konnte das in Kunstrichtungen („arte
povera“) aber auch in der vegetarischen
Lebensführung nachweisen.
Der Landauer Kirchenhistoriker
Ulrich Wien arbeitete die spirituellen Ansätze
Gräsers in seinen Werken heraus. Gräsers erstes
Hauptwerk war das „TAO - das heilende Geheimnis“
seiner philosophischen Gedankenwelt. Es war
letzten Endes die logische Antwort auf die ihm zu
eng gewordene protestantische Welt seiner
siebenbürgischen Jugend.
Zum aktuellen Stand der Forschung
präsentierte die Leiterin der Siebenbürgischen
Bibliothek, Ingrid Schiel, das „Notwendwerk“. Es
sei das bedeutendste und umfangreichste Werk
Gräsers, das 1926 in seiner Dresdner Zeit
entstand. Es wurde für einen vierstelligen Betrag
von einem Antiquariat aus den USA ersteigert und
ist wohl das einzige komplett erhaltene Buch von
ihm. Allerdings bedürfe es nun einer genaueren
wissenschaftlichen Untersuchung.
Überhaupt wird sich die
Gesellschaft noch viel mit Gräser beschäftigen.
Gräser war ein Kind der europäischen Bewegung,
dessen Spuren ihn immer wieder nach Siebenbürgen
zurückverfolgten. In diesem Kontext stellte die
Filmemacherin Brigitte Drodtloff ihre Idee eines
Spielfilmes vor. Denn jenseits seiner Reisen mit
einem Eselwagen durch Europa war Gusto Gräser auch
Partner und Vater. Ihr schwebt ein Liebesfilm vor,
um Gusto als einen Romancier und Romantiker
einzufangen, dessen Liebe zur Witwe Elisabeth Dörr
(und ihren mitgebrachten fünf Kindern) von
wirtschaftlichen Nöten, Freiheitsdrang und
Verantwortungsbewusstsein geprägt war.
Aus dieser Liebe entstanden drei
Töchter und mehrere Enkel- und viele Ur- und
Ur-Ur-Enkel. Einige davon trugen Gedichte aus dem
Lebenswerk ihres Groß- und Ur-Großvaters vor, und
ließen die Epochen und unruhigen Zeiten Europas in
der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts
wieder lebendig werden. Inspiriert vom Geiste
Gräsers trug auch Künstler und Schauspieler Kurt
Hohndorf oder Liedermacher Sergej Perelman mit
Balladen zum Gelingen des Workshops bei.
Die nächsten Tagungen finden in
München (2027) und Berlin (2028) statt. Zum 150.
Geburtstag des Siebenbürgers in 2029 ist eine
Festveranstaltung in Kronstadt/Braşov geplant.
16:00: Geführter
Rundgang durch Casa Anatta, Casa Selma und
Padiglione Elisarion durch Nicoletta Mongini,
Kulturverantwortliche der Fondazione Monte Verità.
18:30 Begrüßung
Nicoletta Mognini,
Kulturdirektion der Fondazione Monte Verità
Marianne Hallmen, Präsidentin der
Gusto-Gräser-Gesellschaft (GGG)
18:45 Festvortrag
Dr. Silvia Carnelli,
Lehrerin, promovierte 2022 zu Gusto Gräser:
„Gusto Gräser: Poesie eines
anderen Lebens“
Innerhalb der europäischen
Kulturgeschichte zählt Gräser mittlerweile zu den
Ikonen der Lebensreformbewegung – als
Kohlrabi-Apostel, Naturprophet, deutscher Tolstoi,
sogar als Guru von Hermann Hesse. Weniger bekannt
ist sein dichterisches Werk, welches er durch die
Welt in Form von Flugblättern verteilte. Dieser
Beitrag enthüllt Gusto Gräser als Dichter und
Kulturphilosoph: Die Form seiner Sprache sowie seine
synkretistische Poesie, in der sich diverse
literatur- und religionshistorischen Motive
wiederfinden lassen. Ihr Vortrag wendet sich
besonders Gusto Gräser als prägender Figur der
früheren Lebensreform und des Monte Verità zu.
09:30 Prof. Dr. Ulrich Andreas Wien, Historiker
und Theologe, TU Kaiserslautern-Landau:
Religion bei Gusto Gräser vor
dem Hintergrund seiner siebenbürgisch-sächsischen
Sozialisation
10:15
Dr. Iris Ordean, Kunstwissenschaftlerin,
Universitatea Lucian Blaga din Sibiu
(Hermannstadt):
(Re)forming Culture:
Monte Verità as a site of artistic pollination in
the first decades of the XXth century Präsentation (englisch)
Kultur (neu)gestalten: Monte Verità als Ort
künstlerischer Befruchtung in den ersten Jahrzehnten
des 20. Jahrhunderts Präsentation (automatische
Übersetzung, deutsch)
11:15
Eleonora Alberti, Kunsthistorikerin und
Kulturvermittlerin, Varese (Italien):
Gusto Gräser auf dem
Monte Verità: künstlerisches Werk, naturistische und
vegetarische Ideale sowie ihr Einfluss auf die
Entstehung des Denkens von Hermann Hesse
Gusto Gräser –
aktueller denn je aus der Perspektive einer
Filmschaffende
12:45
Eine «arte»-Filmdokumentation von Heinz Cadera
über Gusto Gräser: «München. Der erste Hippie»
(https://vimeo.com/1188605463)
16:00 Dr.
Ingrid Schiel, Historikerin, Geschäftsführerin des
Siebenbürgen-Instituts und Leiterin der
Siebenbürgischen Bibliothek mit Archiv:
„Gräserania im Siebenbürgischen Museum und im
Siebenbürgen-Institut an der Universität Heidelberg
auf Schloss Horneck, Gundelsheim am Neckar“
Buchvorstellung der
Neuauflage „Gusto Gräser. Der grüne Prophet von
Hermann Müller“ durch den AKSL (Arbeitskreis für
Siebenbürgische Landeskunde e. V. Heidelberg)
17:00
Ausgewählte Gedichte und Sprüche von Gusto
Gräser
2.
Internationale Gusto Gräser-Tagung Gusto
Gräser und sein Geburtsort Kronstadt,
Aspekte seiner Kindheit, Jugend und
seines Gefängnisaufenthaltes in
Kronstadt 27. und 28. Juli
2024
Mit
Radu Chivareăn, Direktor des Honterus-Gymnasiums
in Kronstadt und Marianne Hallmen, Vorsitzende
des Vereins der Siebenbürger Sachsen in der
Schweiz
Marianne
Hallmen: Einführung: Gräsers Jugend und
Kindheit in Kronstadt
Dr. Ingrid
Schiel, Geschäftsführerin
Siebenbürgen-Institut Universität
Heidelberg, Arbeitskreis Siebenbürgische
Landeskunde e. V., Leiterin Siebenbürgische
Bibliothek mit Archiv: Die
Siebenbürgisch-Sächsische Gesellschaft
zwischen Tradition und Moderne
Dr. Thomas
Cieslik, Politikwissenschaftler, Berlin: Gusto Gräser,
der Militärdienstverweigerer – Pazifismus
in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Stadtspaziergang inkl.
Gräsers Geburtshaus in der Schulmeistergasse
(Vlad Ţepeş 1),
Arbeitsgruppen (Eine Annäherung zu Gräsers
Wirken und seiner Spiritualität - Warum ist Gräser
heutzutage noch modern? Schritte um ihn
bekannter zu machen)
Dr. Frank-Thomas Ziegler, Pressesprecher,
Evangelische Kirche A.B. Kronstadt, Dr. Agnes
Ziegler, Referatsleiterin Kulturgüter,
Evangelische Kirche A.B. Kronstadt: Führung durch die Schwarze
Kirche Gottesdienst
Dr.
Frank-Thomas Ziegler, Dr. Agnes Ziegler: Jüngste
Forschungsergebnisse aus dem Archiv
Einführungsvortrag von Marianne Hallmen: Gusto Gräser – ein Aussteiger, Dichter und
Naturprophet aus Siebenbürgen
Kommentierte
Filmausschnitte aus Gräsers Leben
Abschlussdiskussion und Nächste Schritte (3.
Workshop und Ausstellung zu Gusto Gräser 2025
in Hermannstadt, 4. Workshop 2026 in Berlin,
5. Workshop 2027 in München
Bericht über die Tagung
in der Hermannstädter Zeitung vom 2.11.2023
Vortrag von Hermann
Müller:
Gusto
Gräser - Dichter, Denker, grüner Prophet
im Rahmen des
Jahresschwerpunktes des Deutschen Kulturforums
östliches Europa:
Ȇber ihre Zeit
hinaus – Europäische Biografien«
Berlin
Brandenburg, 1.10.2011
Die
Gusto-Tagung des Deutschen Kulturforums
brachte eine Überfülle von Reden und Bildern.
Der Schauspieler Wolf Euba rezitierte
humorvolle und ernste Gedichte von Gräser. Der
siebenbürgische Schriftsteller Hans Bergel,
der selbst ein Opfer der Ceaucescu-Diktatur
gewesen war, würdigte seinen Landsmann als
„eine der eigenartigsten und
bemerkenswertesten Gestalten der deutschen
Kulturszene aus den Epochen um die beiden
Weltkriege“. Gräser habe furchtlos, unbeirrt
und ohne ideologische Anmaßung einen
eigenständigen philosophischen Lebensentwurf
in die Tat umgesetzt. „Das Genie dieses Mannes
lag in der Beharrlichkeit seiner Fragestellung
und erklärt die Faszination, die er damit auf
die ersten Geister der Zeit von Lenin bis
Heidegger ausübte. Er war bei alledem von
unerschütterlicher philosophischer Heiterkeit
und Souveränität, strahlte
Menschenfreundlichkeit aus und gewann das
Publikum durch die Selbstlosigkeit und
Ehrlichkeit des Auftretens für seine
Botschaft.“ Seine Rede sei eloquent und klar
gewesen, sein Umgang mit Menschen sanft, mit
den Spöttern unter ihnen nachsichtig, mit den
Kritikern duldsam. Dieser Mensch habe
sich nie in die Knie zwingen lassen. Mit
vollem Recht werde er von Historikern dem
Inder Gandhi an die Seite gestellt.
Die
Waldsiedlung Grünhorst bei Berlin stellte
Hermann Müller in den Vordergrund seines
Lebensbilds von Gräser. Grünhorst sei in der
späten Weimarer Zeit so etwas wie der grüne
Mittelpunkt Deutschlands gewesen. Eine grüne
Vorhut habe dort ihren Vereinigungspunkt
gefunden: ökologisch, liberalsozial,
spirituell. Zu ihr gehörten, neben Gusto
Gräser, seinen Töchtern und Freunden, der
Biosoph und Philosoph Ernst Fuhrmann, der
Historiker der Naturheilbewegung Hugo Hertwig,
der anarcho-sozialistische Schriftsteller
Franz Jung, der Wandervogel und politische
Schriftsteller Karl Otto Paetel, der Maler und
Christsozialist Max Schulze-Sölde,
der Wandervogel und Unternehmer Friedrich
Muck-Lamberty, der Berufsoffizier Harro
Schulze-Boysen und andere. Grünhorst hätte ein
deutscher Monte Verità werden sollen. Aber
dieser frühe Aufbruch alternativen Denkens sei
nach 1933 zerschlagen worden. Die einzige
Zeitschrift, in der Gräser und seine Freunde
hatten publizieren können, wurde nach 1933 ein
Untergrundblatt und nach Golo Mann „die
Kampfzeitschrift des größten und bedeutendsten
aller deutschen Widerstandskreise“. Fuhrmann,
Jung und Paetel gingen in die Emigration,
Schulze-Boysen wurde 1942 hingerichtet. Gräser
habe ein Zeichen setzen wollen, indem er mit
seinem Schwiegersohn Otto Großöhmig im
Eselwagen durch die Lande fuhr und seine
Schriften verteilte. Die Fahrt endete für
Großöhmig im KZ. Als er 1936 entlassen wurde,
fand er Grünhorst abgebrannt. 1979 wurde
Großöhmig ein Mitbegründer der ‚Grünen’.
Müller
sieht
in Gräser das Gegenmodell zu Hitler. Schon
1929 habe er die Deutschen vor die
Entscheidung gestellt: „Diktator oder Dichter
– wer ist der Völkerrichter?“ Sein Ruf: „Stell
dich nicht hoch, o Volk – halt klein, halt
tief, so wirst du, bist du groß!“ sei nicht
erhört worden. Damals habe Hermann Hesse im
Hinblick auf seinen Mentor den Satz gesagt:
„Die Völker haben immer schon den Barrabas
gewählt. Sie werden auch jetzt den Barrabas
wählen“. Und so sei es gekommen. Durch die
Macht des Terrorregimes sei auch das
Unternehmen Grünhorst in Vergessenheit geraten
und bis zum heutigen Tage unbekannt geblieben.
Die
Vorträge wurden ergänzt durch Bildprojektionen
und den ergreifenden Film von Christoph Kühn:
‚Gusto Gräser. Der Eremit vom Monte Verità’.
Gustostein
im Park von Schloss Köpenick
Anlässlich des Gusto Gräser-Tags in
Berlin am 1. Oktober 2011
wurde dieser Gedenkstein
im Schlosspark von Köpenick zum Gustostein
ernannt.
Der Namenlose im Park
Der ehemalige Bischof der Siebenbürger Sachsen,
Dr. Ludwig Binder, schrieb am 23. 1. 1988 an
Hermann Müller:
„Wenn ich mich
recht erinnere, bin ich Gusto Graeser während
meines Studiums in Berlin begegnet, als er im
Garten von Schloss Köpenick mit Studenten ins
Gespräch kam.“
Eine zweite Äußerung:
"Als ich in Berlin 1934 studierte und
im Auslandsdeutschen-Heim Köpenick wohnte, sah
ich im Schloßgarten einen seltsam gekleideten
Mann sitzen, der zu den Studenten sprach, die
sich um ihn gesammelt hatten. Er nannte seinen
Namen nicht. Er sprach ruhig mit lebhaften
Handbewegungen. Nachher ging er schweigend
davon.”
(Ludwig
Binder, Karte vom 2. 2. 1988)
Siebenbürgische Zeitung online 25.
Oktober 2011
Hermann von
Salza & Gusto Gräser: Deutscher
Orden & Alternativbewegung
Vom 20. September bis 1.
Oktober hat der Verband der Siebenbürger
Sachsen in Berlin die
Siebenbürgisch-Sächsische Kulturwoche
veranstaltet (siehe SbZ
Online vom 18. Oktober 2011). Mit
zwei Veranstaltungen hat sich auch das
Deutsche Kulturforum östliches Europa in
die Kulturwoche eingebracht: mit der
Podiumsdiskussion aus Anlass des 800.
Jahrestages der Berufung des Deutschen
Ordens ins Burzenland und mit dem
Thementag zu einem der Begründer der
Alternativbewegung, dem Kronstädter
Gusto Gräser.
Für das Deutsche
Kulturforum östliches Europa war es ein
ereignisreicher Herbst – und das, obwohl ihm
ein Umzug bevorsteht. Ab November residiert
es in der Berliner Straße 135 in Potsdam. …
Thementag
Gusto Gräser
Gusto
Gräser um 1939 Foto: Gräser-Archiv
Am 1. Oktober war
das Berliner Publikum in die Katholische
Akademie Berlin geladen, um beim Thementag
„Gusto Gräser. Ein grüner Prophet aus
Siebenbürgen“ einen der maßgeblichen
Gründerväter der Alternativbewegung
kennenzulernen. Der 1879 in Kronstadt geborene
und künstlerisch hochbegabte Gustav Arthur
Gräser sollte schon in jungen Jahren aus der
festgefügten evangelisch-sächsischen Welt
ausbrechen, um sich zunächst den ersten Kommunen
in Mitteleuropa anzuschließen, aber schon bald
konsequent einen eigenen, mit der Natur im
Einklang stehenden Weg zu gehen. Über dieses
außergewöhnliche Leben berichtete zunächst
Hermann Müller, Gräser Biograph und Betreuer des
Gusto-Gräser-Archivs in Freudenstein,
anschließend Hans Bergel mit seinem Beitrag „Der
lachende Siebenbürger“.
19-jährig wurde
Gräser – im Bild von Mai 1898 sitzend, rechts
–
in die Künstlerkommune Himmelhof des Wiener
Malers Karl
Wilhelm Diefenbach aufgenommen
Foto: Gräser-Archiv
Durch den Vortrag
des Schauspielers Wolf Euba aus Gräsers
Gedichten und Schriften wurde dieser
herausragende Geist viel leichter vorstellbar.
Der Dokumentarfilm des Schweizer Filmemachers
Christoph Kühn verbildlichte das wechselvolle
Leben Gräsers. Nach langen Aufenthalten in der
Schweiz, wo er auf dem Monte Verità eine weit
ausstrahlende Landkommune gründete, kurzer
Rückkehr nach Siebenbürgen, schließlich nach
Aufenthalten in Berlin und andernorts fand
Gräser 1958 in München ein vereinsamtes Ende.
Abschließend fasste Müller noch einmal das
Denken Gräsers zusammen und verwies auf die
vielfältige und weitreichende Ausstrahlung, die
er ausübte, etwa auf Schriftsteller wie Hermann
Hesse oder Philosophen wie Martin Heidegger.
Am 5. Mai
2007 fand auf dem Monte Verità von Ascona ein Gusto
Gräser-Abend statt. Die Schriftstellerin Eveline Hasler
las aus ihrer Erzählung ‚Die Felshöhle des jungen
Hermann Hesse’. Christoph Kühn zeigte seinen Film
‚Der Eremit vom MonteVerità.
Gusto Gräser’. Es folgte ein Podiumsgespräch
mit Hermann Müller, der anschließend zwei neue Bücher
vorstellte: die Gedichtsammlung ‚Erdsternzeit’,
eine Auswahl aus dem Spätwerk von Gusto Gräser, und eine
Ausgabe der Ascona-Texte des Dramatikers Reinhard
Goering, herausgegeben von Frank Milautzcki.
Kulinarischer Abschluss des Abends war ein Festbankett
zu Ehren des Dichterpropheten.
Die
Veranstaltung war ein voller Erfolg. Der Saal überfüllt,
die Leute saßen auf den Stufen. Ergriffene Zuhörer und
Zuschauer, lebhafte und in die Tiefe gehende Aussprache.
Vor mehr als hundert Jahren war Gräser von dem
Sanatoriumsbesitzer Oedenkoven unter Anwendung von
Gewalt hinausgeworfen worden. Am 5. Mai 2007 kehrte er
in Bild und Wort in die heiligen Hallen des Berges
zurück.
Ein
Zeichen dafür, dass dort ein neuer Wind weht. Unter dem
neuen Geschäftsführer der Stiftung, Claudio Rossetti,
entstand ein Teegarten in der Art der Zen-Klöster und
ein japanisches Teehaus. Ein Friedenspfahl im Park, eine
Schlange in bunter Keramik auf dem Rasen vor dem
Haupthaus mit einem blütenförmigen Mandala als Abschluss
erzeugen eine meditative Stimmung, eine Aura des
Sprituellen. Verstärkt und noch erweitert wird dieser
Eindruck durch eine neu erschienene vierbändige
Monographie über den Monte Verità von Eberhard Mros, ein
wahres Handbuch der einstigen Pioniersiedlung und des
heutigen Kongresszentrums. Im Rahmen der kulturellen
Reihe ‚Racconti al Monte’, in der bedeutende
Persönlichkeiten des Berges vorgestellt werden, fand
auch der Abend über Gusto Gräser statt.
Das
lange „Nu“
WENN der Monte Verità ruft,
strömen die Menschen auf Asconas altem
Utopisten-Hügel noch immer zahlreich zusammen.
Insbesondere dann, wenn einem dieser Utopisten
ein Kulturabend gewidmet wird, wie es kürzlich
der Fall war. Es geht um den Dichter,
Naturphilosophen und Pazifisten Gusto Gräser
(1879-1958) aus Siebenbürgen: Der Hüne mit dem
langen Haupthaar und dem Rauschebart gilt
gemeinhin als der erste Hippie.
Gräser hauste in den 1900er
Jahren nach seiner Vertreibung aus der
Monte-Verità-Kolonie in der Felshöhle
„Pagangrott“ bei Arcegno, ernährte sich von
Nüssen und Gemüse und ignorierte die Zwänge der
Zivilisation. Diese Radikalität beeindruckt
natürlich. Jedoch ist sie bloss das äussere
Anzeichen für das wirklich Spannende, nämlich
die innere Gestimmtheit. Was das bedeutet,
vermittelte eindringlich die Schriftstellerin
Eveline Hasler aus Ronco sopra Ascona an ihrer
Lesung: Sie zeichnete den schwierigen Versuch
Hermann Hesses nach, zwecks Selbstläuterung bei
Gräser in der Höhle auszuharren, und hierbei
erzeugten ihre Worte eine magische Stimmung –
eine Art heiter-hartnäckiger Gelassenheit des
Gräserschen Da-Seins.
Nicht minder magisch war auch
der Gräser-Film des Regisseurs Christoph Kühn
aus Auressio, der nach Haslers Lesung gezeigt
wurde: Wer unaufhörlich versucht, ein absolut
selbstbestimmtes Leben zu führen, wird gerade
durch diese grosse Anstrengung existenziell
gelassen, könnte die Botschaft lauten.
Eine solche
Gelassenheit war auch spürbar, als
anschliessend Kühn mit dem Gräser-Biografen
Hermann Müller diskutierte. Dieser, mit
ähnlich langem Haupthaar und Bart – aber
gepflegt -, strahlte eben auch viel
existenzielle Ruhe aus und definierte den Kern
der Gräserschen Philosophie: Zur
Selbstbestimmung gesellt sich das „Nu“, das
stete Leben im Jetzt; dann stellt sich
energiegeladene Daseinsruhe ein.
Am Ende des Gräser-Abends wurden
die schönen Augenblicke des Nu durch das
vegetarische Buffet im Monte-Verità-Restaurant
verlängert – beim kulinarischen Genuss schwelgt
man doch am unmittelbarsten im Hier und Jetzt.
pj
Die Leute,
die den Gusto Gräser-Abend
getragen/gestaltet haben
links:
Paolo Hasler, Christoph
Kühn, Hetty Rogantini, Yvonne
Bölt
rechts:
Jacqueline Kühn, Eveline
Hasler, Hermann Müller
nicht auf dem Bild:
Claudio Rossetti, Direktor
des Kulturzentrums
Ausgehend
von der spirituell-utopischen Gemeinschaft des Monte
Verità im frühen 20. Jahrhundert und von utopischen
Entwürfen in der christlichen Tradition beschäftigen
wir uns mit analogen Entwürfen und Gemeinschaften in
der Gegenwart. … Öffnen spirituell-utopische
Gemeinschaften Tore in eine Welt, in die wir alle
finden müssen, wenn wir als Menschen überleben
wollen? Was haben sie uns voraus? Wo liegt, nach den
vielen Enttäuschungen, in welche die älteren
Entwürfe führten, das Geheimnis ihrer ungebrochenen
Faszination?
Führung
im Museum Casa Annata auf dem Monte Verità
Vortrag
auf der Tanzwiese
Dichterlesung
in
der Pagangrott
Wegweiser Wonneberg? Das Beispiel Monte
Verità
Vortrag von Hermann Müller. Gehalten am 11. Juli 2004 Herunterladen