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Karl Gräser
(1875-1920)

WienerZeitung.at am 27./28.6.2020 zu Karl Gräser's 100. Todestag

Vertiefte Darstellung von Karl Gräsers Leben auf der Webseite von Hartmut Deckert über Klabund

Karl Gräser - Siedler, Bienenzüchter, Erfinder, Unternehmer, Naturphilosoph – war der ältere Bruder von Gustav Arthur und zugleich sein erster „Jünger“. Im Verhältnis zu ihm blieb er immer der Zweite, ein Schüler, der seinem Lehrer nur ein Stück weit folgen konnte, ein Abhängiger, der, obwohl schwächer, sich als Eigenständiger zu behaupten suchte. Für Gusto galt er als „Mammonknecht“, der sich von Besitz und Bürgerlichkeit nicht trennen mochte. Er dagegen sah seinen Bruder als einen von Güte und Schönheit Besessenen, einen, der sich übernahm und überschätzte.

Karl ging einen Weg, der ihm sicherer und solider schien. Versuchte sich als Philosoph, als Pädagoge, als Bienenzüchter, als Erfinder und Unternehmer – und scheiterte letztlich auf allen Feldern. Seine Ehe blieb kinderlos, sein Bienenbuch blieb ungedruckt, sein Handwerksbetrieb musste schließen, seine Lebensgefährtin wurde wahnsinnig, er selbst endete wie sie in einer Nervenheilanstalt und soll vor seinem Tode seine früheren Überzeugungen widerrufen haben.

Trotz alledem war er ein wichtiger Anreger. Als Gegenpart zu Oedenkoven verwirklichte er im Kleinformat die ursprüngliche Siedlungsidee der Gründer. Für Aussteiger und Militärflüchtige war sein Haus ein Zufluchts- oder Durchgangsort. An Erich Mühsam und andere vermittelte er durch sein Beispiel die Vorstellung einer Lebensgemeinschaft, die den Unterdrückten und Verfolgten dieser Erde eine Heimat bietet. Nicht zuletzt bot er seinem Bruder eine solche. Denn sein Haus und Grundstück gewährte Gusto und dessen Familie in den Jahren 1915 bis 1918 Obdach und Unterhalt. In seinem Haus fanden jene Gespräche mit Hermann Hesse statt, die in ‚Demian’ zu Dichtung geworden sind.


Das Gräserhaus auf dem Monte Verità


Karl Gräser in seinem Naturstuhl

Karl Gräser (Carl Samuel Josef Gräser, * 1875 in Kronstadt, Siebenbürgen, Österreich-Ungarn; † 1920 wahrscheinlich in Kassel) war ein österreichisch-ungarischer Offizier und Aussteiger. Er gilt als Mitbegründer der Reformsiedlung Monte Verità bei Ascona.

Leben

Die rosa hinterlegten Einschübe sind erklärte und erklärende Auszüge aus dem Tagebuch von Karls Mutter Charlotte Caroline Gräser und aus Berichten von Ida Hofmann.


Karl Gräser war Sohn des Ehepaares Carl Samuel Gräser (1839 - 1894 und Charlotte, geborene Pelzer. Er hatte zwei ältere Schwestern, Caroline und Josefine, und zwei jüngere Brüder. Gustav (genannt Gusto, 1879–1958) war ein Schüler des Künstlers und Aussteigers Karl Wilhelm Diefenbach und lebte, mit längeren Unterbrechungen, bis Ende 1918 auf Monte Verità. Bruder Ernst (1884–1944) war Maler und Grafiker.

1875, 13. 8.   „Carl Samuel Josef geboren.“

1886, 21. 7.

Der elfjährige Karl kommt ins Gymnasium nach Kronstadt und erhält Kost und Logis bei dem Kaufmann Fabritius:

"Mittwoch, denselben Tag als Lehrer abreiste, wollte der glückliche Zufall, daß der kleine Karl von Kaufmann Fabritius akzeptiert wurde, was mein Karl dem Schwager Lehrer auch sogleich telegraphisch mitteilte."

1886 Umzug der Familie Gräser von Kronstadt nach Tekendorf. Deshalb neues Gymnasium für Karl.

1888

Karl kommt  13jährig aufs Gymnasium in Bistritz.

"Karlchen kam im Jahre 88 auf das Gymnasium nach Bistritz, wo er im Boerischen Hause so gut aufgehoben war, daß er die Eltern nicht vermißte. Lottchen war auch von Zeit zu Zeit in Bistritz ... Josefinchen war mit Lottchen zusammen nur auf einigen ... in Bistritz zusammen, weil wir 3 Kinder auf einmal aus unserem Gehalt das Kostgeld nicht erschwingen konnten."

1890, 15. 9.

Karl tritt 15jährig in die Kadettenanstalt von Hermannstadt ein.

"Den 13ten oder 14ten September ist unser Karlchen von zuhause fort, um den 15ten (seinen Lebensberuf) in der Kadettenschule in Hermannstadt anzutreten."

Karl als junger Kadett, vermutlich bei seinem ersten Heimaturlaub aufgenommen. 

1891, 24. 12.

"Der Christabend war mir so schrecklich bitter, als ich mit der Kleinen vor dem Christbaum stand ohne meine theure süße Lotti - dann sieht man, was ein Mensch alles ertragen k a n n  und m u ß .  Karlchen war zuhause, Gustel war nicht, weil er wieder sein Augenübel hatte. "

1892, 18. 9.

"Den 18ten September ist mein Karl [der Vater – Red.] mit Karlutz [der Sohn] um 12 Uhr zu Mittag weggefahren, um in Wescharhely sich um die Bezirksrichterstelle in Mediasch zu bewerben."


Karl als stolzer Kadett zwischen seiner Mutter und Bruder Gustav Arthur. Um Weihnachten 1893? Gusto ca. fünfzehn Jahre alt.

 

1893, 18. 12.

"Den 18ten ist Karlutz [der Sohn] zu seinem letzten Urlaub als Kadettenzögling zuhause auf Urlaub gekommen."

1894, 18. 8.

"kam Karl aus der Kadettenschule glücklich als Kadett heraus."

 

1894, 3. 10.

Bruder Karl hat seinen Dienst bei einem Regiment in Przemysl angetreten.

"Den 3ten Oktober bekam ich den ersten Brief aus Przemysl, Galizien, der uns gute Nachricht brachte."

1894, 24. 12.

"Den 24ten Karl von Przemysl mit Gusti von Pest zu den Christfeiertagen zuhause."

1896, 4. 8.

"Den 4ten habe ich angefangen, meinem Karlutz wegen seinem Rheumatismus Salzbäder zu machen."

1897, 30. 9. Wien

„Den 30ten traf mein Karl in Wien auch in dem Hotel Hollner ein. Für mich war dies der Glanzpunkt des Tages. Ich freute mich sehr, ihn so p r ä c h t i g aussehend anzutreffen.“ ...

1897, 1. 10.

Den 1sten besahen wir uns mit den beiden Söhnen erst die Schatzkammer und [das] prachtvolle Burgtor mit der großartigen Kuppel. ... Stefansdom. Abends im Burgtheater das Stück  'Coriolanus' und 'Julius ... '.

Den 2ten Naturhistorisches Museum, darnach Kunsthistorisches und die Bildergalerie. Den mächtigsten und großartigsten Eindruck machte auf mich der innere Bau des Kunsthistorischen Museums. Stiegenhaus. Die vielen prachtvollen Säle mit den verschiedenen Marmorsäulen. Alles in allem war rein großartig und überbietet an Pracht um Vieles das Caféhaus New York in Pest. Am Abend dieses Tages sahen wir in der Oper 'Wiener Walzer', dann 'Puppenfee' mit Ballett, 'Zar und Zimmermann'.

Den 3ten ein Sonntag in Wien. Nachmittags Vorstellung Volkstheater 'Des Meeres und der Liebe Wellen'.  Gustel brachte seinen Photographenapparat ins Hotel Höller und machte eine Aufnahme von mir allein und eine von uns allen dreien. Dann machten wir Besuch bei Baswarts und Leoni. Abend bei Ronacher, Verschiedenes gesehen, doch der Abend befriedigte uns nicht. Das Beste waren die athletischen Künste, Seiltanz und Kinematografie - etwas Großartiges. Den 24ten September, Nachmittag, waren wir in Schönbrunn. Den 1sten Oktober im Prater, wo wir auf dem Riesenrad fuhren  und 'Venedig in Wien' sahen.

Montag den 4ten in der Früh traten wir unsere Heimreise an."

*

Gusto schreibt aus dem Himmelhof bei Wien an Karl, lädt ihn ein, dorthin zu kommen:

1898, 7. 8.

                                                                                                                                           Wien 7/8 98
Mein Bruder!
In klaren und unantastbaren Worten will ich dir sagen, was ich bin, nach was ich strebe. Aus dem, was ich dir in diesem Brief sage, sollst du so viel schöpfen, dass du vorbereitet bist auf die völlige Aufklärung, die dir hier zuteil werden soll.
Meine Lebensstellung ist geistig getrennt von der Gesellschaft, die sich hoch cultiviert nennt. Ich habe sie als das Gegentheil wahrer edler Kultur erkannt, und damit ist es meine Pflicht geworden, ihr völlig zu entsagen und nach meiner Erkenntnis des Guten, Wahren und Schönen zu handeln, es meinen Nächsten mitzuteilen, das  K ü n s t l e r thum als meinen Lebensberuf zu erfüllen.
Die heutige sog. Menschen-Gesellschaft lebt in Irrthum und Unnatur, ist entartet in jeder ihrer Handlungs-weisen; die jetzige Cultur ist ein Förderungsmittel des menschlichen Elends, der Unnatur, während die Edelkultur nur das Gute, den Naturgesetzen Entsprechende fördert und das Böse tilgt.
Heute müßte die Menschheit ein göttlich Dasein führen, wenn die bisherige Cultur die rechte wäre. J e d e  Krankheit,  j e d e s  Übel ist die Folge der Naturwidrigkeit des Lebens. Das jetzige Christenthum vertritt das Gegentheil von dem, was der Mensch mit göttlichem Geiste gelehrt hat. Es ist die ganze Menschheit auf Mißverständnis und Irrthum aufgebaut, und die Folge davon muß ein völliger Zusammenbruch sein, anders nicht möglich, anders nicht denkbar!
Noch tausende Jahre können vergehn, aber dieses Ende ist gewiß. Und was wir gründen, was wir bauen wollen, ist ein Boden für solche, welche die Natur als Gott erkannt und ihre Gesetze zu erfüllen streben. Es muß das eine untergehn, damit das andre kann erstehn! Das ist Naturgesetz. Mit fast jedem Ereignis unserer Erde sehe ich, wie die Herdenmenschheit abwärts schreitet und sich das Gute vom Bösen scheidet, ein neues Reich zu gründen.
Jammer füllt die Erde,
alles klagt und stöhnt
Ist das Reich, das Gott uns gab, verloren?
Nein! thönt es dann wieder:
Werdet alle  B r ü d e r,
kehrt zu Gott und es wird Euch geboren!
Darum, Bruder, was wir leiblich sind, sollen wir auch geistig sein und bleiben. Ich erwarte dich mit allen, die um mich sind.
                                                       Dein Bruder Gust.

*

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Karl tatsächlich nach Wien gekommen wäre. Jedoch befreundet er sich, nachdem er sich nach dem Vorbild seines Bruders die Haare hat wachsen lassen, in der Garnison von Przemysl mit seinem Vorgesetzten, dem Erzherzog Leopold von Toskana. Der Oberst hatte, sein Unrasiertsein beanstandend, ihn gefragt, warum er seine Haare wachsen lasse, worauf Karl geantwortet haben soll, das sei der Wille der Natur. Die Antwort imponierte dem Erzherzog, der schon länger unter den Zwängen der Hof- und Militäretikette litt. Gemeinsam gründeten sie die Gemeinschaft ‚Ohne Zwang‘, in der alle Standesunterschiede aufgehoben waren.

„Leopold Ferdinand und Karl Gräser verband eine tief sitzende Verachtung für den Drill, der neben Langeweile den Berufsalltag der Soldaten bestimmte. Drill, das war die geistlose Zurichtung des Körpers wie des Verstandes zu militärischen Zwecken; er hatte zur Voraussetzung, wie Leopold Ferdinand meinte, „dass alle Menschen, an denen er geübt wird, gleicher Brei seien“. Aus Widerstand dagegen hatten er und Karl Gräser in Prömsel eine Vereinigung gegründet, die sie ‚Ohne Zwang‘ nannten: Leopold Ferdinand fungierte als deren Präsident, Karl Gräser als eine Art Vorstand.

‚Ohne Zwang‘, das war Gräsers Mantra. „Nach meinem Gusto“ hätte er auch sagen können, aber das war nicht seine Art von Humor, sondern mehr die des jüngeren Bruders.“

 (Stefan Bollmann: Monte Verità, S. 23f.)

*

Zur Linderung seines Rheumatismus macht Karl eine Kur in der Naturheilanstalt Mallnerbrunn des "Sonnendoktors" Arnold Rikli in Veldes/Steiermark. Nach Grossikas Tagebuch trifft sich ihr jüngster Sohn Ernst mit den beiden älteren Brüdern in Veldes. Von dort aus machen die Brüder eine Wanderung, die sie bis nach Venedig und Verona führt. Ernst und Karl kehren danach nach Hause zurück. Doch während Ernst sich dem Architektenberuf zuwendet und eine Lehrstelle antritt, zeigt sich zum Schrecken der Mutter, dass ihr Karl sich den Anschauungen von Gusto angeschlossen hat. Sie muss beide für das bürgerliche und familiäre Leben verloren geben. Karl quittiert den Militärdienst.

 


Vor seinem Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben war Karl Gräser als Offizier in der österreichischen Festungsstadt Przemyśl (Galizien) stationiert. Dort lernte er Leopold Wölfling kennen, den ehemaligen Erzherzog Leopold Ferdinand von Österreich-Toskana und Ururenkel des österreichischen Kaisers Leopold II., der alle Adelstitel abgelegt und eine ehemalige Prostituierte geehelicht hatte. Beide empfanden tiefe Verachtung für den soldatischen Drill, „die geistlose Zurichtung des Körpers wie des Verstandes zu militärischen Zwecken“ und gründeten die Vereinigung Ohne Zwang. Karl wurde deren Geschäftsführer und Leopold ihr Präsident. Der Vereinsname verwies auf die Ideen des Frühsozialisten Charles Fourier, dessen Philosophie Karl Gräser schätzte. „Alles, was sich auf Zwang gründet“, so hatte Fourier unter anderem formuliert, „ist hinfällig und Mangel an Geist“.
Im Spätsommer 1899 begab sich Karl Gräser nach Bled (deutsch: Veldes), damals zu Österreich und heute zu Slowenien gehörig. Dort betrieb der „Heliopath“ und medizinische Autodidakt Arnold Rikli die Naturheilanstalt Mallerbrunn. Grund für den Aufenthalt scheint eine rheumatische Erkrankung gewesen zu sein.
Während seiner Kur entwickelte sich zwischen Gräser und zwei Patienten, die etwa zur selben Zeit in Riklis Sanatorium wohnten, eine intensive Beziehung. Bei den beiden handelte es sich um den belgischen Industriellensohn Henri Oedenkoven und die Siebenbürger Musiklehrerin Ida Hofmann. Die drei entdeckten, dass sie bei aller Unterschiedlichkeit ein gemeinsames Anliegen verband: „ein neues Leben, in dem die Herkunft wie ausradiert war und die Zukunft Gestalt annahm“.

1899, 31. 7.

"Den 31sten hat Ernst seine große Reise nach Veldes zu seinen Brüdern angetreten. Sie waren in Triest, Venedig, Verona. Es ist ihnen gut gegangen. Ernst und Karl sind den 16ten August wieder in Tekendorf eingetroffen.

Grossika schreibt, Ernst sei zu „zu seinen Brüdern“ nach Veldes gefahren. Demnach waren sowohl Karl wie auch Gusto schon am Ort. Karl als Kurgast wegen rheumatischer Beschwerden, Gusto wohl als vorübergehender Besucher, aber mindestens einige Tage. Er hat seine Brüder zu einer Wanderung animiert, die etwa 14 Tage gedauert haben dürfte und bis nach Verona führte. Die Erwähnung von Triest, wo Diefenbach sich aufhielt, ist ein Hinweis darauf, dass sie gemeinsam seinen ehemaligen Meister auf der Festung Kresic bei Triest besucht haben. Dort wurde Gusto zwar von Diefenbach abgewiesen, er hat aber auf dessen Schwiegersohn Friedrich von Spaun einen starken, wegweisenden Eindruck gemacht. Das geht aus dem Brief hervor, den Friedrich am 9. September 1899, also etwa vier Wochen nach dessen Besuch, an Gusto gerichtet hat:


Karl Wilhelm Diefenbach auf der Festung Kresic bei Triest, Sommer 1899.
Aufnahme von Gusto Gräser.

„Seit Du uns auf der Festung das letztemal besucht hast, bin ich zu einer ganz gewaltigen Änderung in meinem inneren Leben und in meiner Stellung zum Meister gelangt. Ich habe mich von allen persönlichen schädlichen Einflüssen getrennt und bin nun auf dem Wege der immer wachsenden Erkenntnis dahin gelangt, wohin mein fortwährend abgelenktes und zerteiltes Empfinden für die Person des Meisters mich nicht zu bringen vermocht hat, auf den Standpunkt, wo ich in zielbewußter Weise ihm zu folgen vermag, indem ich mir folge.“

Gusto hatte seinen Photoapparat dabei und machte Aufnahmen von seinem ehemaligen Meister und von der Ehefrau des ihm nahestehenden Friedrich von Spaun.

Magdalene von Spaun mit Sohn Homo auf der Festung Kresic.
Aufnahme von Gusto Gräser.

1899, 16. 8.

Auf Ernst hat diese Reise einen tiefen, wies es scheint, auch bleibenden Eindruck gemacht. Karl hat durch den Aufenthalt in Veldes durch Naturheilkraft die Gesundheit gefunden und ist in seinen Anschauungen vom Leben der zweite Gust geworden."


Karl als Kurgast in Mallnerbrunn, Sommer 1899. Er lässt sich einen Bart wachsen.

In Mallnerbrunn macht Karl die Bekanntschaft mit zwei anderen Kurgästen: der Klavierlehrerin Ida Hofmann und dem Unternehmersohn Henri Oedenkoven aus Antwerpen. Sie verstehen sich gut und planen die Gründung einer Genossenschaft und den Bau einer Reformsiedlung. Nach einem Treffen in München soll der Plan in die Tat umgesetzt werden.

      
 
Arnold Rikli. Seine Naturheilanstalt wurde das Vorbild für das Unternehmen von Henri Oedenkoven und Ida Hofmann.

 


Ein gutes Jahr später traf sich Karl Gräser, der inzwischen aus dem Militärdienst ausgeschieden war, erneut mit seinen ehemaligen Mitpatienten. Vereinbarter Treffpunkt war die Wohnung der Hofmanns in München-Schwabing. Dort lebten Idas Mutter sowie ihre beiden Schwestern, Lilly (eigentlich Julia) und die ausgebildete Opernsängerin Jenny (eigentlich: Eugénie). Letztere war von Ida zur Planungsrunde eingeladen worden und sollte sich später mit Karl Gräser in einer sogenannten Reformehe verbinden. Zum Treffen erschienen auch die Berliner Bürgermeisterstochter und Aussteigerin Lotte Hattemer, deren zeitweiliger Begleiter, der Grazer Gutsbesitzerssohn Ferdinand Brune sowie Karls Bruder Gusto. Beschlossen wurde die Gründung einer „vegetabilen Kooperative“, d. h. einer Genossenschaft, die am Ufer eines der oberitalienischen Seen umgesetzt werden sollte. Weiterhin, dass man sich, um ein entsprechendes Gelände zu finden, unverzüglich – und zwar zu Fuss – auf den Weg machen wollte. Ferdinand Brune musste zurückbleiben, da außer Lotte Hattemer ihn niemand in der Gruppe für projekttauglich hielt. Auch Gusto Gräser verweigerte die Gruppe mehrheitlich die Teilnahme. Da Bruder Karl sich aber für ihn einsetzte, durfte er sich mit auf den Weg in Richtung Süden machen. Jenny Hofmann blieb vorerst in München zurück, um sich um die kranke Mutter zu kümmern.

Beratung in München, Bericht von Ida Hofmann:

Leicht gewann mich Henri für die meinem Wesen so ausserordentlich entsprechende ideelle Seite seines Unternehmens. Praktische Bedenken waren bald bekämpft und wir schritten an die Gewinnung weiterer Teilnehmer. Im Oktober 1900 versammelten sich zu München in der Wohnung meiner Familie Menschen verschiedenster äusserer und innerer Gestaltung; doch beseelte mehr oder weniger fast Alle ein gleiches Verlangen nach Verlassen der veralteten gesellschaftlichen Ordnung, besser Unordnung, zum Zwecke persönlicheren Lebens und persönlicherer Lebensführung — nach Freiheit.

Karl Gräser, Oberlieutenant der österreichischen Armee, mit dem wir seit Veldes befreundet waren, wünschte eine Möglichkeit, den ihm moralisch verleideten Soldatenstand und den damit verbundenen Zwang aufzugeben.

Es begleitete ihn sein Bruder Gustav, eine ganz absonderliche Erscheinung, dessen Grundsätze denjenigen heute vorgeschrittener Menschen so fremd gegenüber stehen, dass sich die Wenigsten mit ihnen befreunden können. Spätere Ereignisse veranlassen mich noch, sein Wesen eingehend zu besprechen; im vorliegenden Falle ergab sich aus der um unsern Beratungstisch gepflogenen Diskussion bald, dass Gustav Gräser nicht geeignet sei, sich uns anzuschliessen.

Lotte Hattemer, eine Berlinerin, tauschte unerquickliche Familienverhältnisse, welche sie zum Teil krank gemacht hatten, gerne für die geplanten Lebensbedingungen ein. — Meine Schwester Jenny, eine äusserst praktische Natur, stand der ideellen Seite des Unternehmens am skeptischsten gegenüber. Das Aufgeben ungesunder Stadtverhältnisse, der Sorgen um das Fortkommen durch Stundengeben, kurz Aussicht auf die aus dem Unternehmen erwachsenden finanziellen Vorteile und der Drang nach Verwertung eben erwähnter praktischer Anlagen lockten sie, uns zu folgen. Ein sechster,

Ferdinand Brune, Gutsbesitzer aus Graz, war als Lotte Hattemer's Freund von ihr der Diskussion zugezogen; auch er wünschte seine bisherige Lebensweise zu ändern, seine vornehmlich theosophische Richtung, der die Uebrigen fremd gegenüberstanden und sein bei Anbeginn ausgesprochener Wandertrieb machten vorläufig eine Einigung unmöglich. Lebhafte Erörterung über praktische und moralische Befähigung jedes Einzelnen, sich selbst und den Mitarbeitern gegenüber, über Utopie und Möglichkeit des Experiments nach Henriks Plan führten schliesslich zu dem Beschluss, dass das bewegliche Vermögen jedes Einzelnen von uns zur Gründung einer Naturheilanstalt in dem vorgeschriebenen Rahmen beigesteuert würde. Der zu erwartende Gewinn soll zu einem, später näher zu bestimmenden Hauptteil wieder zu Gunsten des Unternehmens verwendet, der Rest soll zu gleichen Teilen unter die Mitarbeiter verteilt werden. Jedem Mitglied steht es frei, aus der Mitgliedschaft auszutreten, wenn ihm dieselbe nicht mehr oder eine andere Lebensweise ihm besser zusagt. In diesem Falle erhält er das seinerzeit eingezahlte Kapital sobald zurück, als es flüssig ist. Als Ort der Gründung wurde das Ufer eines oberitalienischen See's in Aussicht genommen und unverzüglich die Wanderung dahin zu Fuss unternommen. An dieser nahmen Oedenkoven, Hattemer und Karl Gräser teil; des Letzteren Bruder schloss sich unaufgefordert an.


Nicht in Oberitalien, sondern in Ascona am Lago Maggiore wurde die Aussteigergruppe nach intensiver Suche fündig. Ins Blickfeld trat der Monte Monescia, ein Hügel mit einer Höhe von gut 300 Metern. Mit Geldern, die vor allem aus Oedenkovens Besitz stammten, wurden im Spätherbst 1900 vier Hektar des Hügels erworben und anschließend der Monte Monescia in Monte Verità (= Berg der Wahrheit) umbenannt. Entgegen den Grundsätzen der beschlossenen Genossenschaft machte sich Oedenkoven durch Eintragung im Grundbuch zum Alleinbesitzer und vertrieb Gusto Gräser vom Grundstück.

Ansiedlung in Ascona und Verbindung mit Jenny Hofmann

Grossika schweigt über den Auszug ihrer beiden Söhne Karl und Gustav, auch über deren Ansiedelung auf dem Monte Verità bei Ascona. Erst als Karl ihr von seiner Verbindung mit Jenny Hofmann berichtet (die sie oder er als Verheiratung darstellt) und  zugleich Gusto in bester körperlicher und seelischer Verfassung in ihr Haus zurückkehrt, findet sie die Kraft, wenigstens kurz das Geschehene zu erwähnen. Das Leben ihrer Söhne scheint nun doch in Formen einzumünden, die ihr vertrauter sind. Noch kann sie sich nicht freuen, aber die ihr zugefügten Wunden beginnen sich zu schließen.

1902, 10. Juli

"Seit 2 Jahren arbeitet mein Karl daran, sich von den Banden des Militärlebens loszusagen. 1901 im Frühjahr hat Karl mit einem Belgier [Henri Oedenkoven] zusammen und noch andren jungen Leuten einen Grund in der Schweiz am Lago Maggiore gekauft, um dort ein neues, freies Leben zu beginnen. Er ist gesund geworden und zufrieden; die Oberleutnantspange hat er abgelegt. Mittwoch den 10ten Juli erhielt ich die briefliche Nachricht von Karl, daß er sich mit Jenny Hoffman verheiratet hat.

Diese Nachricht hat mich sehr überrascht und doch auch gefreut, daß er sich eine passende Lebensgefährtin gefunden hat. Ich fühle es, ich bin schon gefeit und kann dies ohne Nachteil ertragen, daß meine Kinder mir solche Überraschungen, die auch nach meinem Gefühl nur das Gute voraussetzen, [bereiten,] und später mich auch freuen werden kann.“

 

Erste und einzige Porträtaufnahme von Karl nach seiner Wandlung. Er hat seinen Bart wachsen lassen, seine Kopfhaare scheinen aber noch kurz (oder sind verdeckt). Ein schwermütiger Ausdruck beherrscht sein Gesicht. Eine Aufnahme, die möglicherweise noch in Przemysl, im Herbst 1899 oder im ersten Halbjahr 1900 gemacht wurde.

„Gräsers gingen in ihren Theorien noch viel weiter als Oedenkoven. Sie verschmähten jede Hilfe. Nur was der Mensch mit seiner eigenen Kraft, mit seiner eigenen Hände Arbeit sich schaffen könne, sei ihm gemäss und gut. Nicht einmal der Tiere oder der Maschinen dürft er sich bedienen. Kraft stehlen heisse, die Natur betrügen.“

Käthe Kruse: In: Karl Gräser. ticinarte

„Gräser ist der erste Mensch, der mir begegnet ist, der mit starrer Konsequenz das, was er theoretisch als richtig erkannt hat, in die Praxis umsetzt.“

– Erich Mühsam: In: Ascona. Verlag Birger Carlson, Locarno, 1905

 


Nachdem Karl Gräser sein Ziel einer Landkommune nach dem Modell von Fourier nicht durchsetzen konnte, spaltete sich die Gruppe. Karl verließ zusammen mit Lotte Hattemer und Jenny Hofmann die Naturheilanstalt, um in unmittelbarer Nachbarschaft seinen eigenen Idealen zu folgen. Er machte sein Haus zu einer Freistatt für Militärdienstverweigerer und wirkte mit seinen Ideen stark auf den jungen Erich Mühsam und auf Oskar Maria Graf. Karl lebte in "freier Ehe" mit Jenny Hofmann, Schwester von Ida Hofmann, Pianistin und Erzieherin, ein "radikal konsequentes Leben ohne Geld", tauschte nach Möglichkeit Obst und Honig gegen andere Waren. Er schrieb ein Buch über Bienenzucht und errichtete aufgrund eigener Patente eine kleine Bienenkastenfabrik. Im sogenannten Gräser Haus lebte er bis zu seiner Erkrankung im Jahr 1915. Er starb 1920, wahrscheinlich in Kassel.  

Die „Ruhinne“

Im Dezember 1901 trennten sich Karl und Jenny von Oedenkoven und Ida Hofmann. Die Zeit der Genossenschaft war zu Ende. Mit dem Geld von Jenny wurde ein eigenes Stück Land gekauft, unmittelbar angrenzend an das Gelände des Sanatoriums. Nach den späteren Angaben von Ludwig Häusser in einer Anzeige handelte es sich um ein Anwesen von 20.000 Quadratmetern mit angeblich 200 Bäumen. Damit hatten die Gräsers bedeutend mehr gärtnerisch-landwirtschaftlich nutzbare Fläche als das Sanatorium. Allerdings war Karl auf solche Erträgnisse auch angewiesen. Dass sie dennoch kaum zum Leben reichten, sollte sich in der Folge zeigen.

Am einen Ende des Grundstücks befand sich eine Weinberghausruine. Sie wurde von Karl ausgebaut, jedoch nur in der Form, dass er über dem unteren Stockwerk eine gemauerte Rückwand errichtete. Von dieser aus spannte er ein freitragendes Dach. Die anderen drei Seiten des Raumes blieben also frei, jedem Wind und Wetter offen. Karl übertrieb oder übertrumpfte also noch das Prinzip der Lufthütten auf dem Berg, die immerhin ringsum geschlossen waren.

Im Erdgeschoss hatte Karl seine Werkstatt, das luftige Obergeschoss diente als Schlafraum. Neben dem Ausbau des Hauses begann er sofort mit dem Wegbau. In einem Brief an die Gemeinde vom 20. Februar 1902 beantragt er das Übergangsrecht über Gemeindeboden und den Abbau von Felsgestein. Offenbar musste er den Weg erst planieren und dazu auch Bäume fällen, die er als Bauholz für sein Haus verwendete. Mit dem Fahrweg, der sein Grundstück teilte, wurde erstmals ein befahrbarer Zugang zum Monte Verità geschaffen, der bis dahin nur von der Rückseite des Berges, also von Losone her, mit Fahrzeugen erreichbar gewesen war. Der Weg führte und führt bis heute unmittelbar an seinem Haus vorbei, sodass Besucher, die von Ascona heraufkamen, sein Haus passieren mussten und ihn nicht übersehen konnten.

Am 31. Mai des Jahres wandte er sich wiederum an die Gemeinde mit dem Wunsch, das Schilfgebiet „Canneto“ zu erwerben. Damals gab es in der Umgebung noch mehrere Teiche, und offenbar war Karls Haus nach starken Regenfällen von Überschwemmung bedroht. Dem Wunsch wurde allerdings nicht stattgegeben. Es scheint aber, dass die Gräsers aus diesen Teichen zumindest ihr Waschwasser bezogen haben. Eine Wasserleitung hatten sie nicht, und ein Besucher erzählt, dass Frau Jenny das Wasser zum Waschen erst hertragen musste.

Im Juli 1902 war das Häuschen anscheinend schon so wohnlich, dass Grossika, wie die Mutter der Gräserbrüder genannt wurde, zu einem vierwöchigen Besuch kommen konnte. Sie schreibt darüber in ihrem Tagebuch:

"Den 1sten Juli 1902 trat ich meine große Reise zu den Kindern in die Schweiz an. Ich fuhr über Pest, Agram, Fiume, über das adriatische Meer nach Venedig, von Venedig nach Verona - Mailand - Como -Bellinzona - Locarno - Ascona. ... Die Kinder ahnten mein Kommen noch nicht, weil sie dachten, ich würde auch in Venedig übernachten. Ich ging und ging mit einem Schweizer Buben, der mir den größeren Koffer trug, in großer Hitze bergauf, verzweifelte schon, den rechten Weg gegangen zu sein, da, vor einem Grundstück, welches nichts besonders Auffallendes hatte vor den anderen Grundstücken, rief ich aufs Geratewohl: Karl! Karl! - und wie hervorgezaubert springen mir alle drei [Karl, Gusto und Ernst] und Jenny in die Arme. Wir hatten uns. Wie dankbar war ich der Vorsehung, meine Kinder auf diesem Fleckchen Erde so beisammen und glücklich angetroffen zu haben.

Vier Wochen war ich bei ihnen. Es war gut. Ich habe ihr reines, natürliches Leben kennengelernt. Die freie Kleidung und die langen Haare meines Karls haben mich am meisten befremdet.“ (Grossika 45f. )

Seine Brüder Ernst und Gusto waren also zeitweilig zu Besuch. Es muss recht eng zugegangen sein in dem kleinen Häuschen. Andere Besucher kamen. So die Schauspielerin und Puppenmacherin Käthe Kruse, der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam, der theosophische Journalist Edmund Dennert, der Schriftsteller und Sozialreformer Frederik van Eeden aus Holland, der italienische Schriftsteller Angelo Nessi, um nur einige der bekannteren zu nennen. An Ostern 1905 besuchte ihn sein ehemaliger Vorgesetzter beim Militär, der Ex-Erzherzog Leopold von Toskana mit seiner Frau. Karl war eine gesuchte Persönlichkeit, eine Sehenswürdigkeit schon seines Äußeren und seiner Lebensweise wegen.


Wilma Adamovic, die Frau von Wölfling (Mitte), besucht die Gräsers
(links) auf dem Monte Verità. Um 1905. (Pressezeichnung)

Das geht auch aus den Schriften der Chronisten hervor. In allen Berichten der frühen Jahre über den Monte Verità, ob bei Grohmann, Mühsam, Dennert, Freimark, Nessi oder Kruse nimmt Karl einen gewichtigen Raum ein, bei Mühsam und Wölfling steht er im Mittelpunkt, ähnlich auch bei Grohmann. Für Dennert ist Karl „der interessanteste Anachoret von Askona“ (Dennert 125), für Mühsam die „interessanteste, tiefste und bedeutendste Persönlichkeit unter allen Colonisten“ (Askona 29). „Er ist der Theoretiker, Dogmatiker und Philosoph in der Gruppe der Externen“ schreibt Grohmann (33).

Um 1905 planten die Brüder Karl, Gustav Arthur und Ernst Gräser in Ascona eine freie Schule zu gründen. Gusto reiste damals nach Genf, um zusammen mit dem Arzt und Tolstoi-Übersetzer Albert Skarvan ein Landschulheim zu besichtigen. Mehr darüber ....

Im März 1905 besuchte ihn der theologische Schriftsteller Eberhard Dennert. Er erzählt:

Nach dem Essen stiegen wir zum Monte Verità hinauf. Der Weg geht zwischen Mauern und dann zwischen Weinbergen empor. Er bietet schöne Blicke auf See und sonnenbeglänztes Berggelände. Mit großer Spannung warten wir dessen, was wir nun erleben solle; denn unser nächster Besuch gilt einem der interessantesten Anachoreten von Askona.

Es ist ein Schwager von Herrn N.N.1, ein früherer österreichischer Offizier, der als Tolstoianer desertierte, weil er den Militärdienst für verwerflich hielt2. Hier in den Bergen des Tessin hat er sich niedergelassen. Auf seine jetzige Frau3 hat er einen derartig faszinierenden suggestiven Einfluß ausgeübt, dass sie ihm in die Einöde folgte und nun mit ihm als sein Weib, ohne Trauung, ohne Standesamt lebt. Wir sahen ein früheres Bild von ihr: ein anziehendes junges Mädchen in elegantester Toilette. Sie hatte in den ersten Gesellschaftskreisen gelebt und dieselben durch ihre herrliche Stimme begeistert – und jetzt?

Das Besitztum des Herrn G. [Gräser] lag vor uns. Am Eingang steht ein altes Mauerwerk, das mit Holzbrettern weit überdacht ist. Etwas weiter abwärts befindet sich eine zweite Hütte. Herr N. N. ging wieder vor, um einer zu mangelhaften Bekleidung der Bewohner vorzubeugen, denn die Einsiedler bringen es fertig, sich den Besuchern im Adamskostüm vorzustellen. Sie behaupten eben, die Schamhaftigkeit gehöre nicht zum Wesen des Menschen, und er müsse sie daher ablegen, zeigt doch die Natur im Tiere auch keine Schamhaftigkeit.








Jenny Hofmann-Gräser um 1912


Wir gingen zur Hütte hinab, aus ihr trat Frau G. heraus, sie sah wie eine Arbeiterfrau aus, das Haar hing ihr in Strähnen um den Kopf, sie trug eine blaue Arbeiterschürze.“

Unten erschien der Herr der Ansiedlung. Zum Glück war er bekleidet. Auf dem Rücken trug er einen kleinen Jungen. Sein Aussehen erinnerte etwa an Robinson, wenn er auch kein Fell trug, sondern eine schäbige gestrickte Wolljacke. Wir gingen zur Hütte hinab, aus ihr trat Frau G. heraus, sie sah wie eine Arbeiterfrau aus, das Haar hing ihr in Strähnen um den Kopf, sie trug eine blaue Arbeiterschürze. Der Mann trug Sandalen, die er selbst gemacht hatte: einige Lederstücke waren grob zusammengenäht, so daß ihn meine Frau mitleidig fragte, ob ihn die dicken Nähte nicht drückten. Langes, lockiges Haar fiel auf die Schultern herab, ein Streifen von geflochtenem Bast war um die Stirne gelegt, das volle und gesundrotwangige Gesicht war von einem kurzen Bart umrahmt. Wir wurden vorgestellt und die Bewohner der Hütten reichten uns ihre rauen schwieligen Hände, die einst wohlgepflegt und zart, die Kennzeichen höheren Standes gewesen waren.

In dem Gesicht des Mannes lag Misstrauen und Zurückhaltung, als wollte er von uns, die wir von der Welt herkamen, in seiner Einsamkeit nichts wissen. Herr N. N. erzählte uns, dass er jeden Besucher ansehe als einen, den entweder bloße Neugier herbei führte, oder das Bedürfnis, von ihm etwas zu hören und zu gewinnen. Jedem Besucher etwas mitzugeben, das sei sein Bestreben, und dazu fühlte er in sich die Mission; das konnte man auch aus seiner Frage heraus hören: „Was führt Sie hierher, was ist Ihr Wunsch?“ … (126f.)




Karl Gräser

Sein Aussehen erinnerte etwa an Robinson, wenn er auch kein Fell trug, sondern eine schäbige gestrickte Wolljacke. Der Mann trug Sandalen, die er selbst gemacht hatte: einige Lederstücke waren grob zusammengenäht, so daß ihn meine Frau mitleidig fragte, ob ihn die dicken Nähte nicht drückten.“

Man muß dem Mann lassen, dass er interessant ist, sein ganzes Gepräge zwingt dazu. In seiner Art zu sprechen liegt eine unbezwingliche philosophische Ruhe, die sich offenbar durch nichts aus der Fassung bringen lässt, ja man kann nicht anders sagen, als dass eine gewisse Abklärung der Einsamkeit über dieser Persönlichkeit liegt, obwohl sie nicht gerade sympathisch wirkt. … (127)

Er glaubt an dem Busen der Natur zu liegen und sie mit scharfem Auge zu beobachten, um daraus dann die Prinzipien abzuleiten, nach denen er selbst leben muß, um seines Daseins Zweck und Ziel zu erreichen. … (128)

Im Grunde hat er sicher keinen Gottesglauben; denn in seinen Reden spielte andauernd die gute Mutter „Natur“ eine Rolle. Sie muß ja immer als Surrogat herhalten, wenn Gott abgesetzt ist. …

Sie stehen nämlich auf dem Standpunkt, dass es unrecht sei, fremde Arbeit für sich in Anspruch zu nehmen. … Im ganzen scheinen sie allerdings an dem Prinzip der Selbsthilfe festzuhalten. … An Stelle eines verlorenen Knopfes an ihrer Taille saß ein – Dattelkern, der durch den Gebrauch schon ganz glatt und blank geworden war. Sie hatte in denselben zwei Löcher gebohrt und ihn dann als Knopf angenäht: ganz gewiß eine Findigkeit, die eines Robinson würdig ist. … (129)

Vor dem Hause lag ein hübsch behauener Stößer, mit dem sie offenbar Getreidekörner usw. zerschroten. An dem anderen Hause sah man eine große, nicht ganz fertige Tür … Statt des Geldes benutzen sie Waren zum Eintausch: wenn sie irgend etwas nötig haben, so steigen sie mit den Erzeugnissen ihres Landes zu Tal und suchen es für diese einzutauschen. … Nur mit der Natur leben, ihr ablauschen, wie sie es mache, das sei das Richtige, nur dann könne man gesunden. … (130)

Es sei ganz falsch, wenn der Mensch sich um die Zukunft sorge und für sie arbeite. Das tue die Natur auch nicht … (131)

Ich wies ihn darauf hin, dass er selbst nicht ganz der modernen Kultur entfliehen könne, denn durch sein Grundstück hindurch zog sich von Stange zu Stange ein Kabeldraht, der den für elektrisches Licht bestimmten Strom leitete, diese modernste Errungenschaft des modernen Kulturlebens. Ich hätte ihm noch eine ganz andere Tatsache entgegenhalten können, die ich erst nachher erfuhr: in einem Raum der Familie stand ein schöner Flügel, den die hochmusikalische Frau in die Einöde hinüber gerettet hatte. … (133)

Er sagt, die Menschheit habe zunächst in einer Zeit des Fleischessens gelebt. Diese Zeit neige sich nun ihrem Ende zu, und es beginne nun die zweite große Epoche, die Zeit des Pflanzengenusses, der einzig natürlichen Ernährung. … (134)

Er hat nämlich einmal seinem Schwager gegenüber geäußert: Er habe den 3000 (!) Menschen, die ihn wohl schon besucht hätten, stets irgend etwas mitgegeben. Stolz lieb ich mir den Spanier! … (135)

Ob das Kind den Großen es wohl einmal danken wird, dass sie ihm in dieser Weise das Leben vorenthalten haben? Frau G. hat eine Fehlgeburt durchgemacht und war in allergrößter Gefahr. Da haben ihre Verwandten einen Arzt hinaufgesandt, der zur rechten Zeit kam, sie zu retten. Und was tat da der Gatte, der selbst den Arzt nicht gerufen hatte? Er stand kopfschüttelnd daneben und sagte dann: ‚Was du da tust ist Unrecht. Es ist ganz natürlich und gesetzmäßig, wenn meine Frau jetzt untergehen muß. Wir haben gar nicht das Recht, hier einzugreifen. Wenn sie sterben soll, dann hilft das nichts, dann stirbt sie auch mit deiner Hilfe. Soll sie leben bleiben, so tut sie es auch ohne dich. Ich glaube nicht, dass ich dir ein anderes Mal diese unnatürlichen Eingriffe gestatten würde!’

Armer, verblendeter Tor! … (136)

Drei Jahre sind in das Land gegangen, seitdem ich die Anachoreten von Askona besuchte. Nun flog eine traurige Kunde zu mir hinüber. Zur „Lotte“ hat Nietzsche den Weg gefunden und hat den armen, schon beängstigend krankhaften Geist vollends verwirrt. Ihr Vater hatte die Unglückliche heimgeholt. Allein, als es mit ihr besser wurde, trieb es sie nach Askona zurück, und dort endete sie mit Morphium. Auch Frau G. weilte eine Zeitlang umnachtet in einer Heilanstalt. Einen anderen Anachoreten rettete Herr N. N. aus dem See, in den er sich gestürzt hatte, und wieder ein anderer fand in ihm den gesuchten Tod. Das ist der Schluß! Dahin führt dieses Naturleben.“ (139)

Soweit der Bericht von Dr. D. Eberhard Dennert (1861-1942), seines Zeichens Professor der Theologie und Verfasser antidarwinistischer Schriften. Für den Vertreter der Schöpfungstheologie war der naturfromme Karl Gräser selbst-verständlich ein arg verirrter Leugner der rechten Lehre. Karl hatte an die Stelle Gottes die Mutter Natur gesetzt. Unter diesem Vorzeichen kann man seine „Ruhinne“ als Tempel der neuen Göttin sehen und ihn als ihren Apostel.


Stuhl und Bett von Karl Gräser in der (später so genannten)
Casa Francesco

Karls Hütte

Das Besitztum des Herrn G. lag vor uns. Am Eingang steht ein altes Mauerwerk, das mit Holzbrettern weit überdacht ist. Etwas weiter abwärts befindet sich eine zweite Hütte. (126)… Vor dem Hause lag ein sehr hübsch behauener Stößer, mit dem sie offenbar Getreidekörner usw. zerschroten. An dem anderen Hause sah man eine große, nicht ganz fertige Tür. (130)


Tür an Karl Gräsers ehemaligem Haus, einst „Ruhinne“,
jetzt Casa Bambu, bis heute erhalten.


Die erste Behausung von Karl Gräser und Jenny Hofmann: eine ehemalige Weinberghausruine. Zu erkennen ist das freitragende Dach über dem Schlafraum; im unteren Stockwerk befand sich die Werkstatt. Zwei Journalisten haben im Abstand von eineinhalb Jahren das Anwesen besichtigt und beschrieben: im Oktober 1903 und im März 1905.

Wir sahen uns noch das Schlaf- - ja was denn? – Gemach kann man doch nicht gut sagen, also den Schlafraum an. Er bestand in dem oberen Teil der Steinhausruine, der ein großes Dach und zwei Seitenmauern hatte, nach vorn jedoch ganz offen war. Gewiß recht luftig und frisch! Hier lagen 3 Strohmatratzen auf dem Boden. Bettstellen waren nicht vorhanden, die Decken hingen an Seilen zum Lüften. Jede Bequemlichkeit fehlte. (135)

(Eberhard Dennert: Die Anachoreten von Askona)

Es sind Deutsche, die Frau ist Holländerin [?]. Sie zeigen mir eine Ruine in der Nähe, unter den Bäumen; es ist ihre Wohnung, ihr Kapitol. Ich besichtige es. Es hat zwei Stockwerke. Ich gelange ohne Schwierigkeit in den oberen Stock; die Tür... es gibt keine: die ganze Wand fehlt; es fehlt auch die zweite, es fehlt fast die ganze dritte: nichts ist ganz und stabil außer dem Dach und der vierten Wand.

In diesem Raum von vier auf fünf Metern besteht der einzige Luxus in einem Boden aus Holz. In einer Ecke liegen die Strohsäcke; die Decken und, wie mir scheint, auch ein Fetzen Leintuch sind draußen an der Sonne. Anderes habe ich nicht gesehen.

Ich schlitterte einige Meter den Abhang hinunter und gelangte auf die untere Ebene. Hier ist die Werkstatt, rundum sorgfältig verschlossen. Hier stehen eine Werkbank, ein Amboß, ein Schleifstein und ähnliche Geräte. Ich habe keine Spur einer gemachten Arbeit gesehen, und die Frage beschäftigt mich, ob es sich bei dieser Werkstatt um ein Ausstellungsstück handle, dazu errichtet, daß man die naturistischen Besitzer nicht für Faulenzer halte, oder um eine reale Sache. Ich weiß es nicht und will das Rätsel auch nicht lösen. Ich weiß nur, daß im ganzen dieses... (wie es nennen? Haus, Wohnung, Höhle?) mir wie ein Unterschlupf von Höhlenbewohnern erscheint, ein sehr gemäßigter allerdings, dem die Rauheit und Wildheit abgeht, die wir den alten und echten Wohnhöhlen zuzuschreiben geneigt sind.

(Corriere della Sera, Oktober 1903)

"... Auf der anderen Seite der einst ungarische Oberleutnant Karl Gräser mit seiner Frau Jenny, ehemalige Konzertsängerin. Sie gingen in weissen Leinenkitteln mit langen Haaren, liebe Menschen, die alles selbst erzeugten im ihrem Garten, fast ohne Geld lebend. ..."

Aus einem Brief von Elsbeth, 1910-13 im Tessin lebend, später 2. Ehefrau von Fidus

Karls Stuhl


Der  handgemachte Stuhl von Karl Gräser ist zu sehen im Museum Casa Anatta auf dem Monte Verità. Er wurde in Ausstellungen in ganz Europa gezeigt, zuletzt in Barcelona, Darmstadt und Zürich, und wurde so zu einer Ikone, die von dem ebenso harten wie naturromantischen Lebensstil der Gräserbrüder zeugt. Es handelt sich jedoch nicht um jenes Stück, das auf dem Foto von Karls Schlafzimmer zu sehen ist. Vielmehr um ein Exemplar, das sich im Maggiatal erhalten hatte. Die Machart ist jedoch ganz die gräserische, sodass anzunehmen ist, dass Karl dieses Erzeugnis seiner Hände mehrfach angefertigt und verkauft oder verschenkt hat.

In seiner Einfachheit und Schönheit ist hier ein Gebrauchs-ding zu einem Kunstwerk geworden, das weniger auf den schaffenden Künstler / Handwerker / Menschen als auf die ursprünglich schaffende Natur verweist.

Abbildung: Schweizerisches Landesmuseum Zürich



Karls Erfindungen

1914 kam der der seit langem mit Gusto befreundete Hans Brandenburg auf den Berg. Brandenburg, ein in Schwabing lebender Lyriker, Romancier und Tanzkritiker, arbeitete mit Rudolf von Laban zusammen, förderte ihn und Mary Wigman und andere Vertreter des neu entstehenden Ausdruckstanzes mit seinen Schriften. Während er in der Casa Anatta wohnte, versorgte er sich mit Bettwäsche von Karl.

Hans hatte … Bettwäsche … von seinem nächsten Nachbarn freundlich geliehen bekommen. Das war ein Naturmensch, dessen Haarlänge diejenige der anderen noch beträchtlich übertraf und der alle Kultur noch ingrimmiger verachtete; er hatte seine Hütte selber gebaut und auch alle Möbel darin, deren Beine und Lehnen aus gewundenen Ästen und Zweigen bestanden. Ein Bücherbrett, das er merkwürdigerweise doch nicht entbehren mochte, war eine halbe Baumkrone, deren Gabelung ein vielbändiges Lexikon hielt, welches freilich die ganze Bibliothek bildete. Immerhin tadelte Hans vor dem Siedler diesen Verstoß gegen dessen Grundsätze, ebenso einen weiteren, nämlich einen Automaten, den der Mann am Weg vor seinem Hause mitten in der Wildnis aufgestellt hatte und der, gegen Einwurf eines Geldstückes, eine von jenem erfundene und bereitete ungenießbare Hartmarmelade hergab. Aber auf dem rauhen selbstgesponnnenen Linnen seines Nachbarn schlief Hans vortrefflich, und die Knöpfe der Kissenbezüge, Dattelkerne, die mit einer glühenden Nadel durchbohrt worden waren, fand er reizend.“

(Hans Brandenburg: Das Zimmer der Jugend. Roman. Stuttgart Düsseldorf 1920, S. 316)

Karl hatte einen verbesserten Bienenkasten konstruiert und patentieren lassen. Schon 1909 wurde sein „Reformstock“ prämiert und 1911 mit einer silbernen Medaille der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Konstanz ausgezeichnet. Weitere Auszeichnungen gab es 1910 in Lausanne und 1913 in Locarno, Lugano und Comotau (Böhmen). 1914 wurde ein illustrierter Prospekt seiner Bienenkastenfabrik in Ascona gedruckt. Kurz darauf war das Manuskript für ein Buch über Bienenzucht fertiggestellt:

Die vereinfachte, großzügige Bienenzucht in der Bienenlade.

Für Anfänger, Leute aus Stadt und Land, die ohne große Vorkenntnisse nutzbringende Bienenzucht betreiben wollen. Vor allem für Kriegsbeschädigte.

Von Karl Graeser.

Verlag: Heinrich Thic, Wolfenbüttel.

Der Ausbruch des Krieges mit seinen Folgen muss das Erscheinen des Buches verhindert und auch die eben aufgebaute Bienenkastenfabrik Karls in den Ruin getrieben haben. Nachdem schon seine Frau mehrere Fehlgeburten gehabt und dem Wahnsinn verfallen war, brachen diese schweren Rückschläge – das Haus war nunmehr mit einer Hypothek von 40.000 Franken belastet – die seelische Kraft des immer schon zur Schwermut neigenden Karl. Er versank in tiefe Depression und musste in einer Nervenheilanstalt untergebracht werden.


Karls Bienenkastenfabrik

Karl Gräser hat sich in Ascona schon früh mit Bienenzucht beschäftigt. Er konstruierte einen verbesserten „Reform-Bienenkasten“, der mehrfach prämiert wurde, und schrieb ein Buch über Bienenzucht. Als der Krieg ausbrach, hatte er eben eine kleine Bienenkastenfabrik aufgebaut. Dieses Unternehmen ist vermutlich durch die Umstände des Krieges (Exportstopp) gescheitert, und an diesem Scheitern seiner Hoffnungen scheint Karl auch seelisch zerbrochen zu sein. Das Bild zeigt ihn links am Reformkasten stehend, mit Pelzmütze. Aus seinem Prospekt:


Das Scheitern seiner Firma war nur eine der vielen Niederlagen, die Karl Gräser einstecken musste. Nach mehreren Fehlgeburten seiner Frau war ihre Ehe kinderlos geblieben, Jenny war wahnsinnig geworden. Sie endete ihr Leben in einer Wiener Nervenheilanstalt. Auch Karl, immer schon zu Schwermut neigend, wurde gemütskrank und kam ebenfalls in eine Irrenanstalt. Die großen Hoffnungen, mit denen er sein Werk in Ascona begonnen hatte, haben sich nicht erfüllt. Im Schatten seines Bruders stehend blieb er am Ende der Verlierer.

Karl soll in seinen letzten Jahren von seiner Schwägerin Lilly Hofmann-Brepohl in der Nähe von Kassel gepflegt worden sein. Er starb dort 1919 oder 1920.


Fotoübermalung von Till Gerhard


Fussnoten:

1 Karl von Schmidtz, geb. 1879 in Essen, der sich nach seiner Adoption Friedrich Wilhelm Brepohl nannte. Er hatte Lilly Hofmann geheiratet, die Schwester von Ida und Jenny, und wurde dadurch zum Schwager von Karl.

2 Von Desertion kann nicht die Rede sein, er quittierte den Dienst in der Armee.

3 Jenny Hofmann-Gräser.

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Literatur
  • Adolf Grohmann: Die Vegetarier-Ansiedlung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin. Carl Marhold, 1904, S. 33–39. Neudruck Ascona 1997.
  • Andreas Schwab: Monte Verità - Sanatorium der Sehnsucht. 1. Auflage. Orell Füssli, Zürich 2003, ISBN 978-3-280-06013-1.
  • Erich Mühsam: Ascona. Eine Broschüre. Locarno 1905. Neudruck Berlin 1978.
  • Ladislaus Thurzó Nagy: Die Gräsers. Budapest 1963. Typoskript im Gräser Archiv Freudenstein.
Weblinks
  • Karl Gräser, Anarchist und Naturmensch. In: ticinARTE
  • www.gusto-graeser.info.
Einzelnachweise
  • ·  Gusto Gräser. Monte Verità Archiv Freudenstein
  • ·  Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. DVA: München 2017. ISBN 978-3-421-04685-7. S. 23.
  • ·  Syphilis? Siehe dazu Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. DVA: München 2017. ISBN 978-3-421-04685-7. S. 23; 305
  • ·  Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. DVA: München 2017. ISBN 978-3-421-04685-7. S. 25
  • ·  Gemeint ist Henri Oedenkoven. So bezeichnete Ida Hofmann in ihrer Chronik die Idee eines vegetabilen Siedlungsprojektes; zitiert nach Robert Landmann: Ascona Monte Verità. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1979, S. 19.
  • ·  Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. DVA: München 2017. S. 32
  • ·  Wandern am Lago Maggiore. In: alpenverein-kronach.de, 2006, (PDF; 438 kB), abgerufen am 26. März 2017.
  • ·  Andreas Schwab: Das Terrain ist besetzt. Mythos Monte Verità. In: Hans-Caspar Bodmer, Ottmar Holdenrieder, Klaus Seeland (Hrsg.): Mythos Monte Verità. Landschaft, Kunst, Geschichte. ISBN 3-7193-1230-5.
  • ·  Andreas Schwab: Monte Verità - Sanatorium der Sehnsucht. 1. Auflage. Orell Füssli, Zürich 2003, ISBN 978-3-280-06013-1.
  • ·  Karl Gräser, Anarchist und Naturmensch, in: ticinARTE.



Besuch bei  dem „Erdenbürger von Ascona“
Ein Bericht aus dem Jahr 1907 von Theodor Stern

Das von Karl und Gusto Gräser erbaute Haus um 1907

Ueber die Vegetarierniederlassungen in Askona wurde in letzter Zeit wieder viel Lärm geschlagen in den Zeitungen. Es erschienen Spottartikel, in denen die Naturmenschen in Grund und Boden verdammt und lächerlich gemacht waren, in italienischen Blättern soll namentlich gegen das Sanatorium wütend gehetzt werden. Dann wieder folgten andere Stimmen, die die Leute und ihr Treiben in Schutz nahmen und über den Monte Verità viel Lobenswertes berichteten. Aus all dem scheint mir mit Sicherheit hervorzugehen, daß die Welt an den Versuchen einer Lebens-Reform, wie sie in Askona gemacht werden, regen Anteil nimmt, wenn auch fast wider Willen oder ohne es sich einzugestehen, ja dieselben mit Spannung verfolgt, weil sie im Grunde mit sich selbst sehr unzufrieden und von einer tiefen Sehnsucht nach bessern Zuständen erfüllt ist. …

Am bekanntesten ist die Naturmenschenfamilie Gräser, die wenig unterhalb des Sanatoriums wohnen und die ich vor drei Jahren [1905] auch schon besucht hatte. Ich muß gestehen, daß mir damals die Geschichte ziemlich verrückt vorkam und ich nicht recht begreifen konnte, daß Leopold Wölfling, ein früherer Waffenkamerad des ehemaligen österreichischen Offiziers Karl Gräser, diesem Leben und Treiben Geschmack abgewinnen konnte. Er war damals mit seiner inzwischen geschiedenen Frau gerade auf Besuch bei Gräsers. Auch was ich seither gehört, war nicht dazu angetan, mich mit großem Vertrauen zu erfüllen.

Bei meinem diesmaligen Besuch aber bekam ich einen ganz anderen Eindruck. Schon von weitem war ich überrascht, als ich die im italienischen Charakter ausgebauten und zum Teil mit Blech, zum Teil mit Steindach versehenen Häuser durch das Laub schimmern sah. Vor 3 Jahren hatten die Leute nämlich noch in Ruinen gewohnt. Solche Ruinen finden sich hier in ziemlicher Anzahl zerstreut im Walde – Askona soll im Mittelalter auf dem Berg gestanden haben – und manche Vegetarier richteten sich darin häuslich ein, denen die Mittel oder der Sinn für größeren Comfort abgehen. Karl Gräser fand ich eifrig damit beschäftigt, in dem einen Hause, worin sich unten die Werkstatt mit Hobelbank etc. und oben die Ausstellung des jüngsten Bruders Ernst, des Malers, befindet, einen Cementboden zu legen. Er erzählte mir, daß er das Wohnhaus mit Hülfe von Arbeitern selbst ausgebaut habe nach eigenem Geschmack. Die Holzarbeiten hatte er zum Teil ganz allein gemacht, so die sehr originell aus Baumstämmen und Aesten hergestellten Möbel. Für die Lehne der außen zum ersten Stock heraufführenden Treppe und das Balkongeländer war ein ganzer Baum benutzt worden, was eine sehr malerische Wirkung hervorbrachte. Das Ganze hat nun etwas durchaus Wohnliches und fügt sich harmonisch der Landschaft ein. Auch die Obstanlagen des Grundstückes scheinen gut gepflegt, es finden sich Pfirsiche, Feigen, Mandeln, Erdbeeren, Aepfel, Birnen etc. und alles ist nach eigenen Erfahrungen und sorgfältigen Ueberlegungen eingerichtet.

Das Gräserhaus um 2005

Da keine Tiere gehalten werden, die Mist liefern, wird alles Gras zu Compost gemacht, was bekanntlich einen vorzüglichen Dung abgibt, der alle notwendigen Stoffe in richtiger Mischung enthält. Auch eine ziemlich ausgedehnte Bienenzucht wird betrieben. Kurz, so einfach und primitiv alles ist, so ist es eben doch selber errungen, mühsam und allmählich sich und den Verhältnissen abgerungen, und hat darum einen besonderen Wert. Man ist selber etwas dabei geworden und dies gilt hier als der einzige Zweck, alles andere ist dazu nur Mittel. Gräser macht nichts gedankenlos nach, sondern grübelt an allem herum, studiert und probiert fortwährend. Dadurch, daß er überhaupt alles selbst herzustellen sucht, lernt er die Dinge von Grund aus kennen und findet oft neue Wege und Formen. Seine Sandalen z. B. sind sehr praktisch und bequem, dazu schön, und endlich sehr dauerhaft. Im Sandalenmachen besitzt er, nebenbei gesagt, schon große Fertigkeit und verfertigt ein Paar in erstaunlich kurzer Zeit. Auch seine Tracht, die er beim Ausgehen anlegt, ist neu, einfach und durchaus schön. Sein Sinn ist nicht blos auf das Praktische gerichtet, sondern auch auf das Künstlerische, das ist seine Besonderheit und übrigens Familien-Erbteil, das allen drei Brüdern eigen. Gräser ist der Meinung, daß das immerwährende Kaufen und Andere machen lassen uns vom Leben, von der Wirklichkeit loslöst und innerer Armut und schließlich dem Ruin zutreibt. Man wird und wächst nicht dabei, Hand und Auge und Verstand werden nicht geübt und verkümmern. Man pflegt nur Theorie statt Praxis: liest und schreibt, aber tut nicht, und darum lernt man nicht, und lebt eigentlich nicht. Man will nur genießen und geht zu Grunde an seiner Faulheit, es fehlt die gesunderhaltende, kräftigende Arbeit.

Luftbild des Monte Verità von 1929. Im unteren rechten Viertel das Grundstück und die beiden Häuser von Karl. Der weiße rhombische Fleck in der unteren Bildmitte lässt erkennen, dass Karls erstes Haus, die ehemalige Weinbergruine, zu dieser Zeit noch immer mit Blech gedeckt war. Im ansteigenden Garten ist der gewundene Weg zu sehen, der aufwärts zum Park des Sanatoriums führt.

Bild mit Dank von ymago.net

Es ist nicht zu leugnen, daß Gräser im Grunde Recht hat. Dem Menschen sollte viel weniger in die Hand gegeben, er vielmehr in der Jugend zum Selbermachen angeleitet werden um seiner selbst willen. Letzteres sollte die Hauptaufgabe der ganzen Erziehung sein. Später wählt er sich dann einen Zweig aus und macht seinen Beruf daraus. So würde der unseligen Zersplitterung von heute gesteuert und ein gewisser Zusammenhang gewahrt, der für die moralische Gesundheit unerläßlich. So kämen auch alle Fähigkeiten zur Entfaltung und die Menschheit in kurzer Zeit unendlich weiter. Mit den Grundarbeiten des Menschen würde jeder vertraut und würde sie auch sein Lebenlang beibehalten, denn ein normaler Mensch ohne Gartenbau ist undenkbar, Jedermann muß Spaten und Axt und Säge zu handhaben wissen. Das Wandern ist schön und der Gesundheit sehr zuträglich, doch nur dann, wenn der Mensch ein Heim hat, das er pflegt und baut. Und neben der Arbeit tritt dann auch das Spiel in seine Rechte.

Gräser selbst sind diese Gedanken erst nach und nach recht klar geworden. Früher wußte er nicht deutlich, was er wollte, sondern folgte mehr einem dunkeln Drange. Seine Rede war verworrener und er tat auch manchen Mißgriff, wie er jetzt einsieht. Seitdem ihm die freundlich-verständige Mutter das Hauswesen führt, geht es ihm auch äußerlich besser. Zudem hilft ihre Pension noch etwas nach, da die Pflanzung noch zu jung, um die Brüder ganz zu ernähren.

Der jüngste Bruder scheint recht begabt zu sein und manch ansprechendes Bild hängt in der interessanten Ausstellung, die auch Sachen des mittleren Bruders Gustav (Hinweis: Brief von Karl an Gustav <Gusto> ca. 1907) enthält, der früher ebenfalls malte. Leider dunkelte es schon, als ich die Ausstellung betrat und die Besichtigung wurde dadurch beeinträchtigt.

Aus Theodor Stern: Eine Schweizerreise im Naturkostüm. In: Gesundheit, 7. August 1909
Mit Dank an den Finder Edi Goetschel

Karl (links) und Ernst Gräser in jungen Jahren
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