Gusto Gräser - Archiv

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Das Gräserhaus

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Der Monte Verità
 

Blick auf den Monte Verità um 1900
 

Blick von Gusto Gräsers Felsennest heute
Monte Verità heute
 
Spaziergang zu Gustos Höhle

Fotocollage von Ulrich Holbein zu seinem Aufsatz: Monte Verità - ewiger Glutkern und Mythos, in der Zeitschrift connection Spirit, Lebenskunst - Weisheit - Heilung, Nr. 11-2009, mit 10 meist farbigen Abbildungen, Verlag Connection AG, Hauptstr. 5, D-84494 Niederaufkirchen, Tel: +49 (0)86 39-98 34-0, versand(at)connection.de , Näheres durch www.connection.de 


Über Ascona (Kanton Tessin, Schweiz) liegt der Hügel Monte Verità (→ „Wahrheitsberg”, auch „Berg der Wahrheit”, ehemals Weinberg). Hier befand sich in der Zeit von 1900 bis 1920 der Sitz einer lebensreformerischen Künstlerkolonie. Monte Verità entwickelte sich zu einem Zentrum zahlreicher neuer Bewegungen, wie Pazifismus, Anarchismus, OTO (→ Ordo Templi Orientis), Theosophie, Anthroposophie, Psychoanalyse und Ausdruckstanz. Mit der Lebensreform hielt auch die Nacktkultur Einzug in das Leben der Künstlerkolonie.

1889 war es der Theosoph Alfredo Pioda, welcher zusammen mit Franz Hartmann und Gräfin Constance Wachtmeister die Errichtung eines theosophisches Klosters auf der damaligen Monescia (→ dem heutigen Monte Verità) planten und das entsprechende Grundstück erwarben. Das Projekt um ein Kloster wurde jedoch nie verwirklicht und im Jahr 1900 verkaufte Pioda das Gelände an Henri Oedenkoven.

Gründer dieser Reformersiedlung Monte Verità waren die Brüder Karl und Gusto Gräser (→ Gustav Arthur Gräser), Henri Oedenkoven, Ida und Jenny Hofmann und Lotte Hattemer. Sie waren der Überzeugung, dass man die Welt und die Gesellschaft nur verändern könne, durch die Änderung des eigenen Lebens. Hierbei strebten die Brüder Gräser eine Kommune der Liebe an, einen Zufluchtsort für Aussteiger. Oedenkoven und Hofmann hingegen setzten auf eine kommerzielle Naturheilanstalt (1920 mangels Wirtschaftlichkeit geschlossen). Trotz dieser Differenzen gabe es zahlreiche Gemeinsamkeiten, die zu eben dieser Gründung führten, da waren es zum einen die strengen Monarchien jener Zeit und dann die industrielle Revolution, mit der damit verbundenen Verstädterung, Arbeitslosigkeit und Armut. So entstand eine Kolonie mit angeschlossenem Naturheilsanatorium.

Der Monte Verità gilt heute als Wiege der Alternativbewegung. Auf der Grundlage der Lebensreform sollte hier ein Gegenmodell zu herrschenden Kultur errichtet werden.

Es kam jedoch früh zur Spaltung, weil die Gebrüder Gräser am ursprünglichen Konzept einer Liebeskommune festhielten, der Hauptgeldgeber Oedenkoven jedoch eine wirtschaftlich rentierende Naturheilanstalt anstrebte. Fortan entwickelte sich das Unternehmen im Spannungsfeld zwischen dem kommerziell ausgerichteten Sanatorium Oedenkovens und der Aussteiger-Freistatt der Gebrüder Gräser.

Vor allem das Beispiel des radikal und konsequent die Unterwerfung unter herrschende Normen verweigernden Gusto Gräser zog suchende Menschen aus allen Himmelsrichtungen an: Reformer, Revolutionäre, Dichter, Maler, Philosophen. Unter den vielen Namen sind besonders hervorzuheben: Hans Arp, Ernst Bloch, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Sophie Taeuber, Else Lasker-Schüler, Mary Wigman, Lou Albert-Lasard, Isadora Duncan, Emil Szittya, Bruno Goetz, Oskar Maria Graf, Rudolf von Laban, Erich Mühsam, Otto Groß.

Aus der Siedlung der Lebensreformer wurde so eine Zitadelle des Widerstands gegen die herrschenden autoritären Systeme und gegen das patriarchale Kultursystem überhaupt. Denker und Dichter entwarfen Bilder einer herrschaftsfreien Gesellschaft, einer naturschonenden Lebensart, eines „neuen Menschen“. Um die Gestalt des Dichters und wandernden Propheten Gusto Gräser entwickelte sich in Romanen, Erzählungen und Gedichten das, was man heute den „Mythos Monte Verità“ nennt.
 

"Teich am Monte Verità" (Das Gräserhaus)
 
Vor dem Gräserhaus gab es einen Teich, der inzwischen trockengelegt wurde. Karl Gräser beklagte sich, dass der kleine See nach starken Regenfällen sein Haus unter Wasser setze. Andererseits konnte seine Jenny, da es keinen Brunnen gab, hier das Wasser zum Waschen holen. Das Gequake der Frösche war eine Plage, eine Störung auch für die Kurgäste des Sanatoriums, weshalb von den Anliegern eine Eingabe an die Gemeinde gemacht wurde, den Teích zuzuschütten.

Der rumänische Maler Arthur Segal (1875-1944) wohnte schräg gegenüber in der Casa all'Angolo, nur wenige Schritte entfernt. Sein Haus und seine Malschule waren ein Zentrum für die Künstler des Monte Verità und für seine Freunde aus Zürich: Hans Arp, Sofie Taeuber, Alexej Jawlensky, Otto und Adya van Rees, Marcel Janco, Arthur Bryks, Lou Albert-Lasard, Vicking Eggeling, Sylvio Gesell, Johannes Nohl, Emil Ludwig, Tristan Tzara, Marianne von Werefkin und andere. Segal war Pazifist, schuf anklagende Holzschnitte gegen den Krieg. Seine Gesinnung muss ihn mit den Gräsers verbunden haben, ebenso seine rumänische Herkunft.

Wie die Leute [auf Monte Verità] lebten und wovon sie lebten, kann ich nicht sagen“ schreibt Ernestine Segal in ihren Memoiren. „Es war … wie ein Wunder, aber sie alle schafften es zu überleben, wenn auch oft in einer mehr als bescheidenen Weise. Ich erinnere mich an ein Paar. Sie kauften ein kleines Haus mit einem Garten, pflanzten Gemüse, da sie Vegetarier waren und … den Geldrest verschenkten sie an einen Bauer. Sie begannen von den Produkten ihres Gartens zu leben, die sie für andere Lebensmittel eintauschten. Sie war, bevor sie nach Ascona kam, eine professionelle Sängerin, er war Schriftsteller. Eines Tages bekam sie Zahnschmerzen und mußte nach Locarno zum Zahnarzt. Als er ihr die Rechnung überreichte, sagte sie ihm: ‚Sie waren so gut, mir Ihr Können zu zeigen, jetzt werde ich Ihnen das meine zeigen’ und begann eine Opernarie zu singen. Das ist eins von vielen Beispielen, wie Leute in Ascona miteinander verkehrten“. (39)

Es ist klar, von wem sie spricht: von Jenny Hofmann und Karl Gräser (den sie, als „Schriftsteller“, vielleicht mit Gusto verwechselt oder in eins sieht).


1920 zog Segal, den seine Freunde seiner warmherzigen Art wegen "Apostel" nannten, nach Berlin. Dort setzte er seine Malschule fort. Wiederum wurde sein Haus ein Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle.  Nach 1933, als Jude gefährdet, emigrierte er nach Mallorca und später nach England, wo er 1944 starb.



Holzschnitt von Arthur Segal          



Binnen kurzer Zeit entwickelte sich der Monte Verità zu einem wichtigen Ort der Kommunikation und der Inspiration und Anziehungspunkt für Lebensreformer und Aussteiger. Einige waren nur für kurze Zeit da, andere verbrachten Jahre auf Monte Verità.

Berühmte Besucher:
- Arp, Hans (Dadaist)
- Ball, Hugo (Dadaist)
- Bebel, August (Sozialdemokrat)
- Braun, Otto (Sozialdemokrat)
- Brupbacher, Fritz (Armenarzt, Zürich)
- Buber, Martin (Philosoph)
- Duncan, Isadora (Tänzerin)
- Frick, Ernst (Maler)
- Friedeberg, Raphael (Arzt und Anarchist)
- Fröbe-Kapteyn, Olga (Schriftstellerin)
- Gide, André (Schriftsteller)
- Gropius, Walter (Architekt, Designer)
- Gross, Otto (Psychater, Graz)
- Hesse, Hermann (Schriftsteller)
- Jacques-Dalcroze, Emile (Gymnastik)
- Jawlensky, Alexej von (Maler, Russland)
- Joyce, James (irischer Dichter)
- Jung, Carl-Gustav (Psychater)
- Kautsky, Karl (Sozialdemokrat)
- Kropotkin, Fürst Peter (Anarchist)
- Mann, Thomas (Schriftsteller)
- Mühsam, Erich (Anarchist)
- Laban, Rudolf von (Tänzer)
- Landauer, Gustav (Politiker)
- Lenin (Kommunist)
- Perrottet, Suzanne (Tänzerin)
- Remarque. Erich Maria (Schriftsteller)
- Reventlow, Franziska Gräfin zu (Schriftstellerin)
- Richter, Hans (Dadaist)
- Stresemann, Gustav (Politiker)
- Toller, Ernst (Schriftsteller)
- Trotzki, Leo (Kommunist)
- Werefkin, Marianne von (Malerin, Russland)
- Wigman, Mary (Tänzerin)
- Wullf, Katja (Tänzerin)
- ... und noch viele weitere

Duncan, Isadora

Frick, Ernst

Gide, André

Gropius, Walter

Hesse, Hermann

Jung, Carl-Gustav

Laban, Rudolf von

Mann, Thomas

Mühsam, Erich

Toller, Ernst

Trotzki, Leo

Wigman, Mary


Henri Oedenkoven und Ida Hofmann (2. und 3. von links)
mit Besuchern, aufgenommen 1907.

Plan des Monte Verità
„Casa Selma” - eine noch bestehende »Licht-Luft-Hütte«


Monte Verità: der Heilige Berg

Verità Mai 2007 Inspiriert von Monte Verità in Ascona und der Schönheit vom Verzasca Tal The Place I belong to..... http://www.moniart.ch/81550.html

Verità - Mai 2007
Inspiriert von Monte Verità in Ascona und der Schönheit vom Verzasca Tal
The Place I belong to.....

Die Vorstellung von einem heiligen Berg ist der modernen westlichen Zivilisation fremd geworden. Aber die Erinnerung daran hat sich in der jüdisch-christlichen Lehre erhalten. Moses stieg auf den Berg, um die Zehn Gebote zu empfangen, auf denen die jüdische Religion sich aufbaut; Jesus stieg auf den Berg, um die berühmteste seiner Predigten zu halten. Die Hindus verehren den Mount Meru als den Ort der Heiligkeit – den Ort der Sammlung für Heilige und Weise. Es ist ein natürliches Symbol: Berge sind so anders als Ebenen, so weit entfernt von den Städten, so hoch, so weiß, so weithin sichtbar, so rein. Wo anders als dort könnte unser Traum von der Wahrheit sich anheften? Wo anders könnten wir ihn verwirklichen, einzeln oder in Gemeinschaft, durch Gebet oder Arbeit?

Monte Verità oder der "Berg der Wahrheit" ist in Wirklichkeit nicht mehr als ein Hügel, nur 150 Meter über dem Lago Maggiore und 300 Meter über dem Meer. Von unten bis oben trägt er fruchtbare Erde, obwohl er rings umstellt ist von richtigen Bergen, den Alpen, mit ihren hochragenden Gipfeln, nackten Felsgesichtern und gefährlichen Lawinen. Der Monte Verità war ein Hügel in der Welt der Tatsachen; ein Berg konnte er nur werden im Reich der Wahrheit, und dies allein durch trotzigen Widerstand gegen das Alpenmassiv des etablierten Faktischen.

Gewisse Orte, oft in den Bergen gelegen, sind, wie gewisse Menschen, so außerordentlich in ihrer Schönheit, dass sie unsere gewohnten Vorstellungen sprengen und uns zu verstehen geben, dass unsere üblichen Ansprüche an das Leben zu bescheiden gewesen sind. Für die indische Kultur war das Himalaya-Gebirge der traditionelle Ort allen Strebens nach Heiligkeit und spiritueller Entwicklung. In Europa bauten die Menschen eine weltlichere und rationalistischere Zivilisation, wie es sie in Indien nie gegeben hat, aber die Alpen leisteten in etwa denselben Dienst wie die Himalayaberge. Die romantischen Schriftsteller, Wordsworth, Byron, Shelley, Rousseau, fanden in den Alpen, was die Hindudichter im Himalaya gefunden hatten. Und um das Jahr 1000 nach Christus zogen sich christliche Mönche, wie die Benediktiner von Talloires, in Erwartung des tausendjährigen Reiches aus der Welt in jene Berge zurück. Neunhundert Jahre später war Ascona der Ort einer anderen, in einiger Hinsicht geradezu entgegengesetzten "Religion": erotisch und weltfromm, nicht asketisch und kreuzfromm. Die Vorstellung von Gott dem Vater wurde ersetzt durch Gott die Mutter, die Heiligkeit der Natur und der Frau.

Martin Green


Werner von der Schulenburg: Akropolis über Ascona

Ich stieg auf den Berg. Ausgetretene Felswege führten durch Farne und Buschwerk. Zuweilen leuchtete ein Fetzen des Sees durch das Dickicht. Mir war, als ob dieser Weg erzählte. Wer alles hatte diese Steine ausgetreten? All die Menschheitshoffer, die Illusionisten, Gesundbeter, Masdaznan-Leute, Anthroposophen, Gespenstergucker, Kommunisten älterer Observanz, Trappisten und was weiß ich alles; Halb- und Vierteldichter sind zu dieser absonderlichen Akropolis verwirrter Geister hinaufgepilgert; Musiker und Maler sind hinaufgezogen, und vielleicht waren Genies darunter. Vielleicht waren von jenen Feinen einige dabei, die sich bald von der Masse absondern und in verzweifelter Einsamkeit das Höchste schaffen. Vielleicht hat dieses Heer von Alchimisten der neuen Welt doch ein paar große Geister in sich gesehen, solche, die später von der Alchimie zur Chemie kamen. Vielleicht wird dieser Weg doch einmal späteren Geschlechtern einen Passionsweg bedeuten, wie ihn Nietzsches heilige Straße von Sils-Maria nach Surlei bedeutet, auf der ihn, bei jenem großen Felsblock am Ende des Sees, der Zarathustra-Blitz durchschoß.


Reinhard Goering: Ein Wahnsinniger

In einer gewissen Gegend des Lago Maggiore gibt es eine Oede, welche zu den erstaunlichsten Dingen zählen mag.

Es liegt dort ein Dorf, das fast ausgestorben ist, in dem der Fremde im Sommer durch die Straßen gehen kann, ohne einen einzigen Menschen zu sehen, sei es denn ein blödes Weib, oder ein uralter Mann. Während es vorkommen mag, dass eine Kuh oder eine Ziege allein zwischen den Häusern steht, als sei sie vergessen worden, oder wüsste auch nicht mehr, was los sei.

In jener Einöde hauste bis vor Jahren ein junger Mensch, von dessen Herkunft und Abstammung man nur soviel wusste, dass er ein Deutscher war.

Seit zwei Jahren befand er sich im Land, und zuerst war er zusammen mit noch einem jungen Mann und einer Frau aufgetaucht, welche beide nach einem Sommer fortgereist waren.

Zur Zeit, als der Maler Schwarz und sein Freund dort im Lande streiften und auch einmal ganze vier Wochen in dem ausgestorbenen Dorfe hausten, gelang es ihnen einmal, jenen Menschen zu Gesicht zu bekommen, und, nachdem sie ihm eine Weile felsauf gefolgt waren, auf einer Felsplatte, bei einem großen Ginsterbusch, zu stellen.

Sie trafen ihn am Boden sitzend und unbewegt gerade nach vorn schauend, ob irgendein Gebilde der Landschaft oder geistige Gestalten – das vermochten sie nicht zu sagen. In der Hoffnung, ihn zum Sprechen zu bewegen, blieben sie dicht bei ihm stehen und taten so, als interessiere sie der Blick, den man von hier in das große Tal und seitwärts zum See hin hatte. Dabei sparten sie nicht Ausrufe ihres Entzückens, und Schwarz hielt es für gut, um den Widerspruch des Mannes zu wecken, ein paar ganz verrückte Sachen zu behaupten, ohne dass der Deutsche darauf geantwortet hätte. Er mochte höchstens 31 Jahre zählen, war ernst und bleich. Die beiden jungen Künstler wollten bereits weggehen, da sie den Mann nicht weiter stören wollten, als sie ihn sprechen hörten und erstaunt sahen, dass er die Lippen groß und sorgfältig bewegte, und hörten, wie er gewisse, ihnen nicht bekannte vokalreiche Worte aussprach.

Ein Wahnsinniger,“ flüsterte Schwarz dem Freunde zu. – „Komm, gehen wir.“ Und dessen Arm ergreifend, zog er ihn weg.

Sie waren kaum einige Minuten gegangen, als der Freund in sehr ernster Weise Schwarz Vorwürfe machte, weil der den Mann wahnsinnig genannt hatte.

Dieser Mensch“, sagte er, „ist durchaus nicht wahnsinnig, sonst könnte er nicht so schön sein. Ich bin begierig, von ihm zu lernen und werde ihn morgen direkt suchen und bitten, mir etwas von seinem Wissen zu sagen.“


Gabriele Reuter: Der Felsenmann

Der Mann schlief in einer Felsenhöhle und streifte tagelang ohne Beschäftigung durch die Wälder. Benedikta war ihm zuweilen begegnet. Es war ein schöner Mann, stark und hoch gewachsen, mit langen, schwarzen Locken, die durch einen um die Stirn gelegten Lederriemen zurückgehalten wurden. Er trug eine grobe braune Kutte mit einem Strick um die Lenden, die seine behaarte Brust sehen ließ und glich so mit seinen großen dunkeln schwermütigen Augen durchaus einem Heiligen aus orientalischen Landen.


Adolf Grohmann: Ein exotischer Priester

Er mag wohl meist als interessanter Pilger ins gelobte Land oder (trotz seines Germanenkopfes) als irgend ein exotischer Priester gelten: Ein sehr guter, milder, nachdenklicher Gesichtausdruck, eine tiefe weiche Stimme, ruhiges Sprechen, langes unbedecktes, dunkelbraunes Haar, Sandalen, der wallende Mantel mit dem aufgenähten Efeublatt auf der Brust … Er ist ein schöner Mann und von der grössten Liebenswürdigkeit, offen, wahr und treu. An ihm ist alles echt und eigen, und ein reges, tiefes Gemüthsleben liegt in ihm.


Max Kruse: Eine Künstlerkolonie

Der erste Eindruck, den ich von den Monteveritanern erhielt, gehört zu den stärksten meines Lebens. Man glaubte unter Urwaldmenschen zu sein. Sie trugen die Haare so lang, wie sie wachsen wollten, die Männer natürlich auch die Bärte. Ihre Bekleidung war sehr einfach: kurze Hosen, Hemdbluse und für schlechtes Wetter einen Friessack mit einem Loch für den Kopf und zwei für die Arme – natürlich nackte Beine und primitive Sandalen. Ihre Häuser waren aus unbehauenen Steinen, wie sie dort zu finden sind, die Möbel aus knorrigen Ästen zusammengenagelt, aber alles in seiner Art geschmackvoll. Sie hatten das Prinzip, alles, was der Mensch braucht, selbst zu verfertigen.

Es herrschte ein ausgesprochen künstlerischer Geist auf Monte Verità. Musik und Tanz im heutigen Sinne wurden damals schon dort gepflegt. So hatte z. B. Laban dort seine Tanzschule, und Mary Wigman war eine seiner ersten Schülerinnen. Auch Dalcroze war oft dort. Überhaupt war es ein Sammelpunkt aller Lebensreformer. So traf ich dort Fürst Krapotkin, Ellen Key, Landauer, Gabriele Reuter. Auch Lenin war in jungen Jahren da.


Käthe Kruse: Prophetengefühl

Damals war Ascona geladen von Hochspannung, von Prophetengefühl, Sicherheit und Stolz. Aus aller Welt kamen bedeutende und interessante Menschen, die, selbst Sucher, angezogen wurden von den seltsamen Predigern. Friedrich Dernburg und Peter Krapotkin waren unter ihnen, und ich freute mich, wenn ich sie als Gäste in meinem Roccolo sah.


Reinhard Goering: Jenseits von Europa

Wir siedelten nach Ascona über auf den Monte Verità. … Für den „akademisch Gebildeten“, den Europäer, den Arzt, den Dichter, den „Menschen auf der Jagd nach Liebe“ war hier ungefähr alles neu. Keine Probleme, kein Denken, kein Wollen; oder anarchistische Ideen, religiöse Schwärmereien, extrem individualistische Lebensgestaltung: es gab hier einfach alles, was im übrigen Europa nicht existieren konnte, verboten wurde, die Menschen nicht zu leben wagen konnten. Hier wurde es versucht; vorgelebt, existierend, nicht bloß theoretisch angeschaut. Man konnte ungeheuer viel dort lernen.

Vorübergehend lebte ich selbst mit von Früchten, sprang mit nackt in den Felsen, zwischen goldenem Ginster, erlebte die unerwartete Zeitfülle, Zeitmenge des Menschen, der eine Last von Begierden abgeschüttelt hat. Ich landete bei einer Suppe, gekocht aus Öl, Mehl und Sauerampfer im Frühjahr 1919, als ich zum viertenmal nach Ascona gegangen war. Brauchte ich Brot, so lief ich von meinem Felsen hinunter, barfuß auf die Landstraße und dort auf dickem, warmem, wunderbar weichem Staub bis ins Dorf, kaufte ein und lief ebenso wieder zurück. Es gab dort Fasten, Meditation und alles, wovon man nie etwas gehört hatte, oder was man nur vom Reden und nicht aus der Praxis kannte. Entschieden, man war ja jenseits von Europa. Fruchtbare Zeit, in der man erkannte, wie ungeheuer versklavt in seine Begriffe und Gewohnheiten der Mensch ist und wie schwer es fällt, umdenken zu lernen. Damals begriff ich die Wahrheit, dass du, bevor du nicht lange Zeit gelebt und gehandelt hast, wiedein Gegner oder wie der andere, den du zu verstehen vorgibst, du ihn nie begreifst! Daher mein Wort in der Seeschlacht: „Drinnen oder draußen macht den ganzen Unterschied!“ …

In Locarno wird die Welt weit, weht ein Wind erfüllt mit Prophetenmusik.


Jules Chancel: Die Naturisten

Eben so wie wir die Naturisten als Originale betrachten, eben so sehen sie mit tiefem Mitleid diese angeblich zivilisierte Menschheit, die eine lächerliche Kleidung trägt, die eine Nahrung zu sich nimmt, die den Körper vergiftet, die in verpesteter Luft lebt, und die sich endlich all jenen Stimulanzien ausliefert, deren eine die andere fordert und die von der simplen Zigarre bis zum furchtbaren Morphium führen. … Einige leben hier seit Jahren, andere verbringen hier eine begrenzte Zeit, aber alle sind sie Apostel der Wahrheit, die sich für sie in dieser Formel zusammenfasst: Alles durch die Natur. Nichts gegen die Natur.


Erich Mühsam: Die Ausnahmsdeutschen

Gott vergebe mir die Sünde, dass ich eine Schrift über Ascona, - diesen entzückendsten Fleck Erde, wo von den dunklen Berggipfeln sehnsüchtige Schönheit sich im grünwelligen See spiegelt, mit einer Kritik meiner Landsleute beginne. Aber tagtäglich, wenn von Locarno hertrottend, eine Kompagnie übelster deutscher Reisephilister mit all ihrer Blödheit die herrlichen Gestade des Lago Maggiore entlanggafft, drängt sich mir der Vergleich auf mit den prächtigen Menschen, die hier ihre Heimat haben, … ein Vergleich aber auch mit den paar Ausnahmsdeutschen, die hier ihr absonderliches Leben fristen, und derentwegen ich dieses weisse Papier mit Tinte schwarz färbe … (8)

Hier hat sich eine Kolonie Deutscher konzentriert, die in ihrer Vielfarbigkeit und der Originalität einzelner ihrer Mitglieder so sehr abweicht von der öden Schablonenhaftigkeit des teuren deutschen Vaterlandes, dass es sich verlohnt, diese Colonisten im einzelnen sowohl, wie in ihrer Gesamtheit einer Betrachtung zu unterziehen. (13)

Die Menge aussergewöhnlicher Erscheinungen, die schon jetzt hier ihren Wohnsitz haben, in Verbindung mit dem duldsamen, freiheitlichen Charakter der eingesessenen Bevölkerung und der relativ geringfügigen Belästigungen der Bewohner durch die staatlichen Gewalten im Kanton Tessin, prädestinieren Ascona zu einer Sammlungsstätte solcher Menschen, die infolge ihrer individuell gearteten Veranlagung ungeeignet sind, jemals nützliche Mitglieder der kapitalistischen menschlichen Gesellschaft zu werden. (57)

Nein, die heutige Gesellschaft fördernde Elemente werden Leute mit so starkem Ichgefühl nie werden,. Aber Vorkämpfer einer in jeder Hinsicht besseren, froheren und schöneren Gesellschaft. (58)

Ich beginne mit der interessantesten, tiefsten und bedeutendsten Persönlichkeit unter allen Colonisten, Carl Gräser. (29)


Hugo Ball: Der hierarchische Tanz

Ascona ist heute ein Hauptsitz von Vertretern und Anhängern der okkulten Wissenschaften, und so brachte der Kongreß des ‚Ordo Templi Orientalis’ im August [1917]… desto nachhaltigeres Leben in die ortsansässigen Zirkel.

Die Ziele des ‚O.T.O.’ sind menschlich und klar. Er pflegt die Lehre der alten Freimaurer vom Memphis- und Misraimkult. Seine Absicht ist eine intensive Herzenskultur, gegründet auf Liebe, Güte und Freude. (54)

Die Theorie der beiden leitenden Persönlichkeiten, R. von Labans und Mary Wigmans, erweist sich als eine künstlerische Gemeinschafts- und Festspielidee von reichen und produktiven Möglichkeiten: … Selten wird man überzeugendere Ausführungen über den Ursprung des künstlerischen Ritus, der mimisch-theatralischen Kulthandlung und des hierarchischen Tanzes gehört haben als in den Vorträgen R. von Labans, und selten wird man Kulttänze aus Altmexiko, Zentralafrika und dem Orient mit mehr intuitivem Erfassen haben tanzen sehen als in seiner Schule. (55) *

Bei einer Art Sonnwendfeier tanzte man im Freien auf dem Rasen ‚Die untergehende Sonne’, ‚Die Dämonen der Nacht’, ‚Die aufgehende Sonne’. Hier ist also auch die direkte Verbindung der neueren Kunst mit der Gnosis. *

Die Idee des natürlichen Paradieses - nur in der Schweiz hat sie geboren werden können. Die entrückteste Urwelt begegnet hier dem lieblichsten Idyll, die eisige Schneeluft der Höhe dem mildesten Glockentone des Südens. Die Schweiz ist die Zuflucht all derer, die einen neuen Grundriß im Kopfe tragen. Sie war und ist jetzt, während des Krieges, der große Naturschutzpark, in dem die Nationen ihre letzte Reserve verwahren. Hier stand die Wiege jenes Gesetzgebers, in dessen verjüngender Phantasie die Welt der Künstler und der Reformer, der ästhetische und der politische Enthusiasmus sich treffen: die Wiege Jean Jacques Rousseaus. Von hier, von der Schweiz aus wird sich Europa wieder beleben. Ascona, 15. 8. 1917*


Hermann Hesse: Die Gemeinde der Zukünftigen

Bei der Ankunft gegen Abend blickte eine kleine grüne Oasenlandschaft ihn freundlich an, er sah Bäume ragen und hörte eine Ziege meckern, glaubte im grünen Schatten die Umrisse von Hüttendächern zu entdecken und Menschennähe zu wittern. … Mit Einbruch der Dämmerung kam er in die kleine Siedlung. Es wohnten hier, ähnlich wie in einem Kloster, sogenannte Zürückgezogene … aus verschiedenen Städten und Ortschaften, die sich hier in der Abgeschiedenheit eine Unterkunft geschaffen hatten, um ungestört sich einem einfachen, reinen Leben der Stille und Kontemplation zu ergeben. *

Es war eine Unternehmung jener idealistischen Gruppe deutscher, holländischer und österreichischer Pflanzenesser, deren Bestrebungen eine Art von vegetarischem Zionismus waren und dahin zielten, den Anhängern und Bekennern ihres Glaubens ein eigenes Land mit eigener Verwaltung irgendwo in der Welt zu erwerben, wo die natürlichen Bedingungen zu einem Leben vorhanden wären, wie es ihnen als Ideal vor Augen stand. …

Sonnenbraune Männer mit langwallenden Haaren und Bärten schritten alttestamentlich in weißen Burnussen auf Sandalen einher, andere trugen Sportkleider aus heller Leinwand. Einige ehrwürdige Männer gingen nackt mit Lendentüchern aus Bastgeflecht eigener Arbeit. … Man sah zuweilen Ankömmlinge in Verzückung über diese Erfüllung ihrer Lieblingsträume mit geisterhaft leuchtenden Gesichtern oder in hellen Freudentränen umhergehen, Blumen in den Händen und jeden Begegnenden mit dem Friedenskuß begrüßend. *

Die Welt, wie er sie jetzt sah und nicht anders sehen konnte, bestand aus dem kleinen Kreise primitiver Tätigkeiten, denen er oblag, darüber hinaus war nichts vorhanden als auf der einen Seite eine verderbte, verfaulende und daher von ihm verlassene Kultur, auf der anderen eine über die Welt verteilte kleine Gemeinde von Zukünftigen, welcher er sich zurechnen mußte … seine Gäste und Brüder … Sie waren das Salz der Erde, die Umschaffenden und Zukunftbringenden. *

Zu unsrem Kreise gehörten, näher oder ferner, noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von ihnen gingen besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und hingen an besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren Astrologen und Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, allerlei zarte, scheue, verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten, Pfleger indischer Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen hatten wir eigentlich nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder dem geheimen Lebenstraum des andern gönnte. … Hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und Tolstoijünger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und nahmen keine dieser Lehren anders denn als Sinnbilder. Uns Gezeichneten lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns schien jedes Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos. Und wir empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns ganz er selbst werde.

(Demian)



Weitere Zitate von Max Brod, Luise Rinser, Joachim Radkau und anderen ...


 Hermann Hesse

GRÄSERHAUS

„Ein kleines Haus, hell und wohnlich, hohe Blumenstauden hinter einer großen Glaswand.“

 

Mia Hesse  

DEMIANHAUS

 „Das war nun meine Glückszeit gewesen, die erste Erfüllung meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund.“


Demianhaus 1928
Das Franziskusbild des Malers de Beauclair 1928

Demianhaus 1928
Demianhaus 1928,
mit dem Diplomaten Herbert Dirksen 
Das Franziskusbild des Malers
Alexander Wilhelm de Beauclair, 1928


Fotos von 1928 mit Erlaubnis von <ymago.net>



Demianhaus Ende 20. Jahrhundert       Demianhaus Anfangs 2009: im Verfall (Fotos: Hans Werner Fischer)

„Hinter hohen, regengrauen Bäumen verborgen stand ein kleines Haus.“

Gusto Gräser

„Hier lebte        
das Märchen und der Traum.“        









Auguste Piccard


Mary Wigman


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Die Zitate stammen aus Hesses "Demian"









Waldspaziergänge im Tessin

Der magische Wald. Dreieinhalbstündige Rundwanderung entlang des Naturlehrpfads über die Collina di Maia zwischen Losone und Arcegno. Eichen, Birken, Kastanien, Adlerfarn, Teiche und Moore, von Gletschern rund geschliffene Granitkuppen und Findlinge.

In einer Höhle lebte der charismatische Aussteiger Gusto Gräser (1879-1958), bei dem Hermann Hesse das Einsiedlern ausprobiert haben soll. 

Infos: Ente Turistico Lago Maggiore, Tel. 004191 791 00 91

 

Die beiden Fußwege auf der Karte (von Ascona und von Losone her), die sich dann vereinigen, sind sehr vereinfacht gezeichnet und nicht bis zur Höhle durchgezogen. Diese Pfade durch den Wald sind zwar sehr schön und romantisch aber nicht leicht zu finden. Sicherer ist es, der Straße von Arcegno her zu folgen. Man geht ab Ortsausgang etwa 20 Minuten durch den Wald (Richtung Golino), bis rechter Hand eine offene Wiesenfläche zu sehen ist: GräsersTanzwiese.

An deren Ende macht die Straße eine leichte Biegung nach links und führt dann wieder abwärts ins Tal. Vor dieser Biegung links in den Wald gehen. Nach einem Dutzend Schritten ist links oben die Höhle zu erkennen. Der Aufstieg führt ungebahnt zwischen Felsbrocken hindurch, kräftiges Schuhwerk ist sehr zu empfehlen.

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